Die eigentlich griffig als «Fremde Richter», dann als «Selbstbestimmungs-Initiative» weichgespülte nationalistische Kampagne ist mit nur einem Drittel der Stimmen an der Urne gescheitert. Die SVP erhält seit dem Schock der Masseneinwanderungs-Initiative von 2014 genügend Contra, um keinen Durchmarsch in Sachen Eigenstaatlichkeit mehr erzwingen zu können. Die ureigenen Klientel werden zwar weiterhin gemäss Stimmanteilen gut bedient, aber es sind eben keine Zuwächse erkennbar.
Im Gegenteil: das Zweckbündnis aus Wirtschaftsliberalen, Jungen, und Menschenrechtlern scheint nicht gewillt, der SVP mit ihrer hetzerischen Stimmlage in Sachen EU und Fremdarbeitern den Ton angeben zu lassen. Auch stilistisch hat die Plakatform der Gegner augenscheinlich zugelegt. Zudem verfängt die Angstmacherei momentan nicht, sämtliche Zahlen bei Asylgesuchen und Arbeitsimmigration sind weiter rückläufig. Was natürlich auch an den zuvor aufgebauten hohen Hürden liegen mag. Trotzdem ein feiner Erfolg für die Gutmenschen und Linken, die der dumpfen SVP-Propaganda weiterhin ein Dorn im Auge sein dürften. Und der schmerzt richtig seit die Allianz konkret mit gleicher Münze und koordiniert zurückzahlt: werbetechnisch, finanziell und ideell wird der SVP und ihren Kampagnen keinerlei Freiraum mehr gewährt, der argumentativen Konfrontation nicht (wie früher noch viel zu oft) aus dem Wege gegangen. Für den Hobbyschweizer wieder kurios, wie sich das Volk dreht und wendet und sich am liebsten von Niemanden nasführen lässt.
Schlagwort: Schweiz
Verleumdung
Nachdem der Amtsschimmel kräftig wieherte und mit saftigen Bussen drohte, hat das schwindelfreie Greenpeace-Team tapfer für wieder klare Verhältnisse gesorgt und der Heimatschutz ist gesichert.

Legoland
Etikettenschwindel
Bei Abstimmungen in der Schweiz scheint es gleich immer ums Ganze zu gehen: Souveränität ist für die national-konservative Schweizer Volkspartei sowieso die Ultima Ratio. Obschon deren Financiers selbst kräftig vom internationalen Warenaustausch profitieren, wird hierzulande gerne nach der bauernschlauen Devise «foiver und s´weggli» verfahren.
Nachdem die 2016er Abstimmung zur DSI überraschend stark politisierte und in der Folge zu einem deutlichen Umschwung beim Stimmvolk führte, ist nun unter dem Deckmantel Selbstbestimmungsinitiative (ursprünglich unter dem Titel «Fremde Richter» gestartet) ein weiterer Affront der Law-and-Order-Strategie (Ausschaffung, Durchsetzung, Personenfreizügigkeit) gegen die aufgrund der Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges gegründete und seitdem weithin anerkannte Internationale Rechtsprechung (hier v. a. Strassburger Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte) geplant. Am Beispiel der Schweizer Zementgesellschaft Holcim in Rahmen der Anerkennung und Entschädigung von Asbestopfern wurde deutlich, dass die nationale Rechtsprechung aufgrund der herrschenden Gesetzgebung heimische Firmen tendenziell zu bevorteilen droht, während ein internationales Gremium die Sache augenscheinlich anders beurteilt.
Erst 1995 wurde Asbest in der Schweiz gänzlich verboten, dabei lagen schon in den 1920er Jahren Berichte zur sog. Asbestose vor. Diese wurde als Berufskrankheit 1939 in der Schweiz anerkannt. Aber: ausländische Asbestproduktion ist nicht durch Schweizer Recht gedeckelt, also auch keine Vorsichtsmassnahmen, keine Entschädigung, nada. Prima Sache, dieses Selbsbestimmung…
Bewilligungspflicht für Reklameanlagen: § 309 Abs. 1 lit. m des Planungs- und Baugesetz des Kantons Zürich (PBG). Baurechtliche Erwägung: Die Kirche St. Jakob ist im kantonalen Inventar enthalten und steht unter Denkmalschutz. Die Werbeblache, an der Südfassade des Kirchturmes angebracht, ergibt keine gute Gesamtwirkung mit der gebauten und landschaftlichen Umgebung gemäss § 238 Abs. 1 PBG. Zudem nimmt die Anlage keine gebührende Rücksichtnahme auf das Objekt des Heimatschutzes gemäss § 238 Abs. 2 PBG. Für die Werbeblache am Turm kann keine nachträgliche Bewilligung in Aussicht gestellt werden.
Auch das noch
Problembär Ahoi
Hier nun der abschliessende Teil der Bruno-Trilogie, diesmal direkt aus den Bergen knapp oberhalb der Baumgrenze, dort wo sich Murmeltier und Gämse Grüezi sagen und der kreisende Steinadler den Überblick behält. Natürlich fiel dem Hobbyschweizer sofort ein aufgelegter Prospekt im Naturparadies ins Auge, in welchem für die in Bälde anstehenden Innerschweizer Handmähmeisterschaften hingewiesen wird.
Selbst eingefleischter Handmäher nebst Spindel und Kleinsense scheint der Wettbewerbscharakter im bäuerlichen Universum auf einem völlig anderen sportiven Niveau zu liegen, als das kleinliche Nachbarn nerven mittels Motor in der Zwergensiedlung am Wochenende. Wobei, der jüngst verzogene Sepp drei Nachbarn weiter mähte tatsächlich mit der Sense und beim Leichenzug mit Sargwagen durchs Quartier gab der Zuggefährte wirklich Sensenkurse — ohne Quatsch jetzt. Die Wahrheit scheint wie immer auf dem Platz zu liegen, selbst mitten in der Stadt.
Bestens angeschwitzt endlich am Grat angelangt (Steinadler, Murmeli und Gämse2 verbucht, gell Jochen!?), bot sich dem hochalpinen Wanderbären eine himmlische Aussicht über Berg und Tal, wofür man glatt eine Kerze anzünden könnte. Gab aber keine in der örtlichen Kapelle, was vielleicht am Feuerverbot liegen mochte. Immerhin hing der Alpsegen gerade.
Eilends aber immer die Entgegenkommenden brav grüssend (Grüezini sind überall!) weiter zum Mittag und saurem Most, dann über einen Sattel mit Blick auf den wunderschön rosamarmorierten Mythen, Lac des Quatre-Cantons, Gletscher und Berge, Berge, Berge auf zum Sternen, geschwind vorbei am Wildä Maa und wilden Jungbullen hin zu der steril wirkenden künstlichen Zwergensiedlung; Kitsch as Kitsch can, hart an der Sauerstoffgrenze.
Dort wurde dann dem abtrünnigen Ex-Bierbären Bruno mittels Seilrutsche eine rasante Abreibung zu verpasst: für 50 Stutz 110 Sachen, das passt schon prächtig ins voll durchorchestrierte sommerliche Gäste-Konzept.
Wie dort wohl im Winter der Bär steppen wird, wenn die Pistenraupen losgelassen werden und Murmeli und Adler abtauchen müssen, weia…
Delikat Essen LXXIII
In Sachen Vegan Sex weiss der tolle Dr. Sommer so ziemlich alles.
Da kann der gute Dr. Love bestimmt auch noch was dazu lernen…
Premier Août
Wurst macht Kunst
Das Zürcher Wurstessen von 1522 als gewollter Fastenbruch war historisch betrachtet der öffentlich wirksame Beginn der Reformation in der Eidgenossenschaft. Zwingli & Co. gingen in der Sache und Folge um einiges radikaler als deren lutherische Kollegen im Norden vor: Bildersturm und Säkularisierung von Kirchenräumen nebst Gottesdienst waren weit verbreitet, selbst Orgeln wurden demontiert und kirchlicher Gesang vorerst eingestellt. Dafür wird Armenspeisung aus dem Mushafen obligatorisch, teilweise finanziert aus den Pfründen aufgelassener Klöster.
Generell tendierte die Reformation weg vom Bild und hin zum Wort, quasi fundamental orthodox dem ersten und zweiten mosaischen Gebot werktreu folgend, wo Götzendienst und Verbildlichung untersagt werden.
Sowieso hat es mit interpretatorischer Visualisierung so seine Art, wie etwas später ein gewisser Herr Keuner für sich feststellen sollte:
«Was tun Sie», wurde Herr K. gefragt,
«wenn Sie einen Menschen lieben?»
«Ich mache einen Entwurf von ihm», sagte Herr K.,
«und sorge, dass er ihm ähnlich wird.»
«Wer? Der Entwurf?»
«Nein», sagte Herr K., «der Mensch.»Bertolt Brecht, Wenn Herr K. einen Menschen liebte
Gemäss einer kompakten Analyse der geistreichen Literatur- und Religionswissenschaftlerin Dolores Zoe Bertschinger war der Zürcher Bildersturm allerdings eher eine Art sozialverträglicher Bildentfernung:
«Die reformatorische Ablehnung des Bildes war kein eigentliches Bilderverbot, sondern bezog sich primär auf die damals gängige Verehrungspraxis. (…) Zum einen herrschte im 15. und 16. Jahrhundert eine wahre Übersättigung der Kirchen an Kultobjekten, deren Unterhalt teuer war. Die edlen Gerätschaften, das Wachs und das Öl wurden vom Zehnten des Volkes bezahlt, sodass das reformatorische Zeremoniell als ökonomischer Befreiungsschlag propagiert werden konnte. (…) Wo zuvor Gemeinden und Stiftungskollektive Altäre und Schreine finanziert hatten, traten nun Familien auf den Plan, deren finanzielle Grosszügigkeit von reformatorischer Seite als Ehrsucht und privates Heilskalkül verurteilt wurde. In Bezug auf die künstlerische Darstellungen erregten die als Folge der Renaissance verstärkt naturalistische Darstellungen die Gemüter. Die freizügigeren Abbildungen der Muttergottes etwa boten der reformatorischen Sittenlehre einen geeigneten Nährboden.»
So weit, so klar: beeinflusst durch die italienische Renaissance entstand zunehmend individualistische Kunst anstatt der ehedem vorwiegend religiös bestimmten. Ein scheinheiliges aber reiches Kamel kommt halt eher durch ein Nadelöhr. Das gesellschaftliche Sein bestimmt immer das Bewusstsein. Aus Kultus wird also Kultur. And don´t you ever forget:
Sex sells.
Derweil gelang es der hiesigen Reformation soziale Komponenten clever mit der Glaubensfrage tagesaktuell zu verflechten:
«Zur Zeit der Reformation ist von einer Massenarmut auszugehen, was erklärt, wie sich die Bilderstürmer mit dem Argument legitimieren konnten, man wolle den Reichtum der kirchlichen Gerätschaften für die Armen aufwenden.»
Erst kommt das Wurstessen, dann die Moral und dann erst das Ich:
«Mit der Subjektivierung des Menschen in der Renaissance und der Reformationszeit wurde auch das Bild aus seiner kultischen Verehrung entlassen und nach und nach zum Kunstwerk (v)erklärt.
Die Reformation entpuppt sich damit zugespitzt als Schrittmacher der Institutionalisierung von Kunst — hin zu einem vermeintlich säkularisierten Kunstraum. Fortan mass sich das Potenzial der Kunst nicht mehr an ihrer verständlichen Anschaulichkeit, sondern musste vor dem Auge des Kenners bestehen. Gebändigt im Ausstellungsraum wurde das aufrührerische Potenzial des Bildes in die Harmonie der gesitteten Betrachtung überführt.»
(D Z Bertschinger, Vom Zerstören und Schaffen von Ikonen. Paul Polaris’ Kunstaktionen im Kontext reformatorischer und dadaistischer Bilderstürme in Zürich, in: Notz, Adrian (Hg): Invent the Future with Elements of the Past, Zürich: Scheidegger & Spiess 2015, 102–120)
Irre. Nach Bildersturm die Bilderflut. Resonanz ist reine Dialektik Rosa.
Vaterstolz #10
Urban Prayers Zürich
Bereits die im Bayrischen Rundfunk von 2014 gesendete Hörspielfassung war eine genüssliche Offenbarung. Der globalisierte Chor der Gläubigen fragt im Stück von Autor, Dramatiker und Theatermacher Björn Bicker die Ungläubigen, das Publikum und sich selbst offen, direkt und provokativ:
Was glaubt ihr denn. Wer wir sind.
Was wir glauben. Was glaubt ihr denn. Wer wir sind.
Wo wir wohnen.
Wo wir schlafen.
Wo wir arbeiten.
Wo wir beten.
Wo wir uns zeigen.
Wo wir uns verstecken. Wovon wir schweigen.
Worüber wir sprechen. Leise. Freundlich. Niemals zu laut.
Was glaubt ihr denn, wo es einen besseren Platz geben könnte.
Was glaubt ihr denn, wo wir nicht stören. Wo wir stören.
Wo wir uns treffen sollten.
Wo wir Euch begegnen könnten.
Wo wir euch begegnen wollen.
Wo wir euch nicht begegnen wollen.
Was glaubt ihr denn, wer ihr seid.
Was glaubt ihr denn, wer wir sind.
Verhandelt wird die City of God, die weitgehend im verborgenen ablaufende Verdichtung der Privatsache Glauben im grossstädtischen Umfeld, einer quasi pseudo-paradiesischen Megalopolis. Wo im Abendland das Morgenland aufgeht, wo christliche Tradition leise vergeht und doch besteht. Wo mehr über- als miteinander gesprochen wird. Der sichtlich multiethnisch und multireligiös aufgestellte Chor ist beim Auftakt des Zürcher Reigens in einer Hinterhofmoschee auf einem kleinen Catwalk untergebracht. Das Publikum hockt in Socken auf dem Teppich. Nach dem Gebetsruf des hauseigenen Imams tritt das Ensemble des Theaters am Neumarkt aus dem (Laien-)Chor ins Publikum hinein und nimmt dort gekonnt variirend teils völlig diametrale Positionen ein, um diese gleich wieder mit und unter den Mitspielern ein- und auszutauschen. Eben noch Jude, und schon Buddhist, gerade noch Katholik und bereits reformiert, doch gerne Schweizer. Nur: Tamilischer Schweizer oder Schweizer Tamile? Gegenteiliges wird von derselben Figur kundgetan, und dann treffen sich alle wieder im Chor, der jetzt nicht mehr einstimmig sondern vielstimmig und nuancenreich tönt, um sich alsbald aufzulösen, um sich später wieder zu finden. Bicker hat den Text geschickt für die Schweizer bzw. Zürcher Verhältnisse adaptiert, Minarettverbot und Parkplatznot sorgen für heitere Lacher. Aber nichts im Stück ist lächerlich, zu Ernst ist die Sache. Die Abstraktion, Reduktion und Verallgemeinerung auf den Glauben — früher Türke heute Moslem, ach ihr Christen — heizt die Lage und hetzt die Menschen auf und erzeugt zusammen mit jedwedem Fundamentalismus ein Klima der Furcht, obwohl im Grunde doch nur das miteinander Teilen wirklich zählt und im Vordergrund stehen sollte. Und die Liebe.
Der Auftakt war vielversprechend, Theater am und vor Ort hat halt besondere Wirkmacht. Die Compagnie zieht weiter durch diverse Zürcher Gotteshäuser, Tempel und andere Kultstätten und wird zum Abschluss den Jakob missionieren. Ick freu mir schon.
Blạttmachen
Delikat Essen LXXII
Wiederum ein ziemlich bemühtes Highlight aus der SVP-Werbeschmiede:
Obwohl eher der Cervelatfraktion zugeneigt, bleibt eine Bratwurst ob mit oder ohne OLMA beim Sternen-Grill am Zürisee immer ein Erlebnis — hoffentlich.
Hoffentlich
Gartenidylle
Swissmas
Tschingelhörner
Damit der Besuch aus der grossen Stadt einen nahalpinen Eindruck mit nimmt, führt die Tour ins Glarnerland, ob Elm. Am Zürcher HB scheinen alle die gleiche Idee zu haben, Sonntagsausflug bei bestem Wanderwetter. Der Zug ist rappellvoll, die Leute aber meist durch die Bank gut drauf. Vorfreude ist doch die beste Freude. Kurz vor dem Ausflugsziel ein pittoresker Feldgottesdienst mit Alphörnern, nette Beigabe fürs Busfensterln. Am eigentlichen Zielort dann das übliche kindliche Lamento, Berg so gross und ich bin klein, doch die Schlange an der Seilbahn ist schlichtweg zu lang – pro Kabine 4 Personen, bei zwei Gondeln und 23 Wartenden macht das ungefähr Gondel Nummer 6, dies mal 15 Minuten gleich eine und eine halbe Stunde Wartezeit – NEIN.

Also wird verhandelt, zugeredet, gelockt, gestreichelt und gedrängt. Uffe gohts. Der zu Besuch weilende Naturbursche mit Sportlerwaden und Pferdelunge kriegt nach kurzer Zwischenrast keine Zeitvorgabe und darf solo durchstarten, Vater und Kind trödeln (wie auf Schweizer Verkehrsschildern immer noch sichtbar) Hand in Hand gemeinsam bergan hinein in die Tschinglenschlucht. In den freien Händen dann wahlweise Trekkingstöcke und Steine. Aussichten, Geschichten, Versprechungen, Wünsche und Träume lenken ab.
Die voralpine Flora und Fauna hilft zudem sehr, den Aufstieg halbwegs kindgerecht zu gestalten. Am Wegrand eine tote Waldspitzmaus, an der Nacktschnecken nagen, dort eine schwarze Hygromia cinctella, seltenen Sache, Kind wusste sofort Bescheid. Hier ein türkiser Falter, da ein feuerroter Flieger und nebenan ein interessanter Hornkäfer. Dann immer wieder die imposanten Felsstürze, die für die Einheimischen gar nicht glimpflich verliefen: allein der Elmer Bergsturz verursachte über 100 Tote! Über Schieferschutt und kleine Wasserläufe darf das Kind voran, Eisenketten sichern den Weg an kniffligen Stellen und an der Felswand sind Hinweistafeln verankert, die einem bewusst machen, dass das worauf man gerade geht, sich früher in einem Ur-Meer befand. Die tektonischen Platten von Europa und Afrika rieben sich und richteten vor 50 Millionen Jahren die Alpen auf, der fossile Glarner Hasenfisch zeugt davon. Das Kind füllt sich die Taschen mit kleinen Schieferplättchen, die dank allerlei Einschlüssen bunt in der Sonne funkeln.

Die elterliche Sorge vor einem Sturz in die Schlucht liess nie nach, war wohl besser so, denn es geht mächtig steil in die tosende Schlucht, wo grosse Wasserfälle den Tschinglenbach füllen. Endlich oben sitzen die gerade noch unten an der Station wartenden Glarner Hemdenträger bereits in der Alpwirtschaft, heute wird also zünftige Musik gegeben. Das Kind bekommt die versprochene Elmer Citro, der Vater auch und die Suche nach dem vorausgeeilten Besuch erfolgt. Handyempfang dürftig bis null, kein Empfang. Als wir den Besucher schon in der Schlucht wähnten, Handy nicht im Netz registriert – taucht der verschollen geglaubte Berggänger plötzlich wieder leibhaftig auf. Das Jodlerduo wechselt sich munter mit einem Schwyzerörgeli nebst Tuba ab, die Terasse ist voll besetzt, die Menschen glücklich und der Jochen aus Berlin zufrieden.

Er darf natürlich ein zweites Adler nehmen, und da seinem Urteil nach sowieso kein Alkohol in dem Glarner Biere sei, auch wieder alleine bergab schluchten. Der Vater mit dem Kind verkürzt derweil die Wartezeit auf die talwärts schwebende Gondel mit dem Blick auf eine wiederkäuende Gämse, welche mitten im Fels ruht. Das nächste Mal unbedingt das eigene Fernglas mitnehmen! Noch ein kurzer Blick zurück auf die Tschinglenhörner, die sich fast Wald-Disney-haft auf dem Segnamassiv türmen, dann heisst es Abschied nehmen von einer kleinen und dennoch formidablen Bergtour. Mit beinahe keinen Verletzten pünktlich retour, welcher Bergführer kann das schon von sich behaupten…

Beim Besteigen der Gondel haut sich der Hobbyschweizer dann doch noch seinen Dickschädel mächtig an die Kabine inklusive Sound und Sterne, typisch Flachländler halt. Beim Flug durch die Schlucht wird der Kopf langsam wieder klar, der talwärts rasende Schatten der Kabinengondel sorgt für Mikrofinsternisse auf dem Wanderweg. Unten wird es eine Punktlandung dann — der tosende Besucher trifft zeitgleich mit dem Bierbär an der Talstation ein. Exaktheit ist ein gutes Schweizer Mass.
Beim nächsten Mal ist dann endlich der Segna-Pass fällig, ick schwör.
Secondo Front
Ausländer ist man bekanntlich fast überall auf der Welt, so auch in der Schweiz. Eine kulturpolitische Intervention versuchen die Macher vom Salon Bastarde. Idealerweise fand der Kickoff im Zürcher Club EXIL statt.
Die normative Kraft des Faktischen wurde betont und Jurzcok verhandelte diese genial absurd unter dem Stichwort Scheinbevölkerung. Bis zur zweiten Generation besitzen beinahe 40% einen Migrationshintergrund, und bilden in manchen Städten bereits die Mehrheit. Der von den überraschenden Resultaten jüngster eidgenössischer Initiativen ausgehende Schwung gelte es mitzunehmen. Spoken Word und Rap, eine dauerassimilierte Nationalrätin, Interviews und szenische Rück- und Ausblicke auf Fremd- und Gastarbeiter, Flüchtlinge und Migration generell öffneten Augen, Ohren und Herz und machten viel Mut und gute Laune. Die Schweiz bewegt sich doch.
Neapel Sehen
Er hatte eine Bretterwand gebaut. Die Bretterwand entfernte die Fabrik aus seinem häuslichen Blickkreis. Er hasste die Fabrik. Er hasste seine Arbeit in der Fabrik. Er hasste die Maschine, an der er arbeitete. Er hasste das Tempo der Maschine, das er selber beschleunigte. Er hasste die Hetze nach Akkordprämien, durch welche er es zu einigem Wohlstand, zu Haus und Gärtchen gebracht hatte. Er hasste seine Frau, sooft sie ihm sagte, heut Nacht hast du wieder gezuckt. Er hasste sie, bis sie es nicht mehr erwähnte. Aber die Hände zuckten weiter im Schlaf, zuckten im schnellen Stakkato der Arbeit. Er hasste den Arzt, der ihm sagte, Sie müssen sich schonen, Akkord ist nichts mehr für Sie. Er hasste den Meister, der ihm sagte, ich gebe dir eine andere Arbeit, Akkord ist nichts mehr für dich. Er hasste so viele verlogene Rücksichten, er wollte kein Greis sein, er wollte keinen kleineren Zahltag. Dann wurde er krank, nach vierzig Jahren Arbeit und Hass zum ersten Mal krank.
Er lag im Bett und blickte zum Fenster hinaus. Er sah sein Gärtchen. Er sah den Abschluss des Gärtchens, die Bretterwand. Weiter sah er nichts. Die Fabrik sah er nicht, nur den Frühling im Gärtchen und eine Wand aus gebeizten Brettern. Bald kannst du wieder hinaus, sagte die Frau, es steht alles in Blust. Er glaubte ihr nicht. Geduld, nur Geduld, sagte der Arzt, das kommt schon wieder. Er glaubte ihm nicht. Es ist ein Elend, sagte er nach drei Wochen zu seiner Frau, ich sehe immer das Gärtchen, sonst nichts, nur das Gärtchen, das ist mir zu langweilig, immer dasselbe Gärtchen, nehmt doch einmal zwei Bretter aus der verdammten Wand, damit ich was anderes sehe. Die Frau erschrak. Sie lief zum Nachbarn. Der Nachbar kam und löste zwei Bretter aus der Wand. Der Kranke sah durch die Lücke hindurch, sah einen Teil der Fabrik. Nach einer Woche beklagte er sich, ich sehe immer das gleiche Stück der Fabrik, das lenkt mich zu wenig ab. Der Nachbar kam und legte die Bretterwand zur Hälfte nieder. Zärtlich ruhte der Blick des Kranken auf seiner Fabrik, verfolgte das Spiel des Rauches über dem Schlot, das Ein und Aus der Autos im Hof, das Ein des Menschenstroms am Morgen, das Aus am Abend. Nach vierzehn Tagen befahl er, die stehen gebliebene Hälfte der Wand zu entfernen. Ich sehe unsere Büros nie und auch die Kantine nicht, beklagte er sich. Der Nachbar kam und tat, wie er wünschte. Als er die Büros sah, die Kantine und so das gesamte Fabrikareal, entspannte ein Lächeln die Züge des Kranken. Er starb nach einigen Tagen.
(Kurt Marti 1921-2017)
Mattertag
Dene wos guet geit
giengs besser
giengs dene besser
wos weniger guet geit
was aber nid geit
ohni dass’s dene
weniger guet geit
wos guet geit
drum geit weni
für dass es dene
besser geit
wos weniger guet geit
und drum geits o
dene nid besser
wos guet geit.
Manni Matter (1936-1972)



























