Black As Burundi Is No-Go

Kürzlich im Intercity beim Grenzübertritt CH – GER überraschend Personenkontrolle. Natürlich nicht bei uns, nicht bei hellhäutigen Langnasen. Die deutschen Grenzpolizisten überprüften gezielt die dunkelhäutigen Mitreisenden: eine dreiköpfige Kleinfamilie und noch ein weiterer Passagier im Abteil vis-à-vis waren dran; das ganze irritierende Schauspiel zwischen Schaffhausen und Singen dabei in direkter Sicht- und Hörweite. Sie kämen aus Italien und wollten nach Belgien (verrückt, von einem Kolonialland ins direkt nachfolgende, Geschichte wird vorgemacht), hatten aber keine Visa. Aus Burundi die Familie und dem benachbarten Kongo seien sie ursprünglich und das radebrechende Englisch der strengen Grenzschützer beantworteten sie jeweils auf Französisch. Alles Wehklagen und Bitten half nichts und am Grenzbahnhof mussten die Bedauernswerten zur erkennungsdienstlichen Behandlung den Zug verlassen. Unklar was den Aufgegriffenen in den nächsten Stunden blühte, Belgien jedenfalls passé.

Falls Schengen, dann retour ins Erstaufnahmeland, sonst Abschiebung. Abschiebungshaft wohl sowieso. Hilflos konnte der Mutter des Kleinkindes immerhin noch ein Taschengeld und ein aufmunterndes «bonne chance!» mit Wasser in den Augen zugesteckt werden. Tochter sprach von Rassismus.

Racial Profiling

Die Nachbesprechung zur Bewältigung schwierig bis moll; Bundespolizei macht nur Job, muss aber kein Berufswunsch sein. Flüchtlinge machen alles für besseres Leben. Klima, Kriege und wirtschaftliche Ausbeutung erzeugen mehr Flucht. Kontrollen dafür mehr, Frontex nur Hilfsausdruck. Reichtum bewachen oder teilen? Und sowieso – Flucht war und ist immer. Kontrolle im Zug dabei verblüffend zielgerichtet, d`accord. Binnenschengen eigentlich ringsum – Kondukteur als Tippgeber?

Tochter wiederholt Rassismus und hat wohl recht.

Appropriation culturelle

Noch ganz in Gedanken an das traurige Schicksal der offensichtlich vorerst gescheiterten Flüchtlinge tauchte bei der schunkelnden Weiterfahrt langsam zum Stichwort Burundi das Trommelfeuer in den Clubs der 80er-Jahre in Westberlin aus der Erinnerung auf. Da war doch was, richtig: Burundi Black – einer der ersten Ethno-Disco-Hits, welcher häufig in den wilden Nächten gespielt wurde und es dank John Peel sogar in die Dancefloor-Charts schaffte. Eine kurze Recherche ergab, ein sich selbst pseudonymisierender französischer Musiker hatte das von einem Ethnologen bereits 1967 in situ aufgenommene Trommelstück 1971 mit Overdubs versehen und mit einer bogenartige Piano-Melodie arrangiert als Single veröffentlicht. Natürlich krasse Aneignung neokolonialer Art – nix für Burundi, alles für den weissen Beutekünstler. Rein pekunärer Tribalismus, gleiches geschah beim 80er-Remix. Immerhin konnten durch den späteren Chart-Erfolg einige der nachkommenden Trommelwirbler auf Europa-Tour bei den üblichen Festivals ein kleines Auskommen finden. Mutmasslich nicht ganz unwichtig, weil Burundi schon länger ewig unter den letzten fünf auf dem Index der menschlichen Entwicklung.

Diverse Versionen

Die mir damals ohne die ganze Vorgeschichte bekannte Version ist die im Basement 61 wie im edlen Dschungel präferierte 80er-Mischung. Ein Ohr darf man ruhig der etwas kitschigen und doch rauhen Raubkunst der überarbeiteten 7-inch leihen. Das hypnotisch pumpende Trommelgewitter in der Originalaufnahme ist aber hier zu hören:

So – ich geh jetzt mir Dreadlocks wachsen lassen.

Secondo Front

Ausländer ist man bekanntlich fast überall auf der Welt, so auch in der Schweiz. Eine kulturpolitische Intervention versuchen die Macher vom Salon Bastarde. Idealerweise fand der Kickoff im Zürcher Club EXIL statt.

Salon Bastarde, Uslaender, Secondos, kulturelle Intervention

Die normative Kraft des Faktischen wurde betont und Jurzcok verhandelte diese genial absurd unter dem Stichwort Scheinbevölkerung. Bis zur zweiten Generation besitzen beinahe 40% einen Migrationshintergrund, und bilden in manchen Städten bereits die Mehrheit. Der von den überraschenden Resultaten jüngster eidgenössischer Initiativen ausgehende Schwung gelte es mitzunehmen. Spoken Word und Rap, eine dauerassimilierte Nationalrätin, Interviews und szenische Rück- und Ausblicke auf Fremd- und Gastarbeiter, Flüchtlinge und Migration generell öffneten Augen, Ohren und Herz und machten viel Mut und gute Laune. Die Schweiz bewegt sich doch.

Sprachverlust

Wenn es jemanden die Sprache komplett verschlägt, muss schon ein ziemlich einschneidendes Erlebnis vorangegangen sein. Eine solche traumatische Blockade ist meiner Mutter widerfahren, nachdem sie als Kind ihr Heimatland verlassen musste und fortan kein ungarisches Wort mehr sprach. Etwa eine halbe Million Donauschwaben wurden nach Ende des Zweiten Weltkriegs aus Ungarn deportiert. Der Treck führte westwärts nach Bayern, wo die Ungarndeutschen versuchten sich in einer für sie neuen und fremden Welt wieder zu etablieren.

Donauschwaben, Flucht Donauschwaben

Zwanzig Jahre später folgte dann der erste Besuch in der inzwischen fremd gewordenen Heimat, wo ein nicht unerheblicher Rest der Verwandtschaft als deutschsprachige Minderheit verblieb. Im Geburts- und Elternhaus wohnten inzwischen Fremde, aber innerhalb der ortsansässig gebliebenen Familie wurde der altertümliche klingende donauschwäbische Dialekt gesprochen und meine Mutter konnte mitreden. Selbst heute ist die sog. Schwäbische Türkei die noch immer grösste deutsche Sprachinsel in Ungarn. Nach weiteren Besuche in der alten Heimat ging meine Mutter schliesslich ihren Sprachverlust in einem Sprachkurs an und erarbeite sich die verlernte ungarische Aussprache noch einmal.

Ausländer

Krieg und Flucht hinterlassen nach Erkenntnissen vom Konstanzer Epigenetiker und Neuropsychologen Thomas Elbert* ihre traumatischen Spuren aber nicht nur im Gehirn der Betroffenen, sondern auch in deren Erbgut. Zwar ändere sich das Genom nicht selbst, wohl aber die genetische Lesart und hat so direkte Auswirkungen auf Hirnstruktur, Hormonhaushalt und Nervensystem des Kindes — das Kind reagiert schlicht sensibler auf seine Umwelt; Elbert spricht von einer verstellten Stressachse:

Jetzt kommt das Kind mit dieser vorprogrammierten Stressachse zur Welt und wird sozusagen mehr aufmerksam auf eine Welt: hier lauern Gefahren auf mich und ist daher weniger explorativ, aber ängstlicher und vunerabler für psychische Störungen.

Auswanderung

Elberts Ansatz zur Traumabewältigung beinhaltet eine eigentlich alte Technik, nämlich die erzählte Leidensgeschichte, welche von ihm einschliesslich der Gefühle rekapituliert, schriftlich fixiert und den Opfern übergeben wird. Diese quasi beglaubigte Lebensgeschichte ermöglicht den Betroffenen Gefühl und Ereignis wieder zusammen zu bringen, eine Vervollständigung der Erinnerung, welche helfen soll, wieder die Kontrolle über seine Gefühle zu gewinnen.

Die Situation am Ende des Zweiten Weltkriegs wird unterschätzt, weil man sie vollständig tabuisiert hat: man durfte nicht zugeben, dass man traumatisiert war. Wir haben in den letzten Jahren nochmal die Frauen befragt, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben und jetzt natürlich schon auf die 90 zugehen: 20% der Frauen sagen, sie sind vergewaltigt worden und haben es nie jemanden gesagt. Jetzt kurz vor dem Tod sei es auch egal, jetzt kann ich mal auf den Tisch legen, was passiert ist. Es war die Unfähigkeit in der Nachkriegsgesellschaft darüber zu sprechen, die zu viel stillem Leid geführt hat.

Das verlogene Narrativ des Integrationswunders im Nachkriegsdeutschland, die Erfolgsstory von Aufschwung und Integration camouflierte perfekt die gleichzeitige vonstatten gehende Verdrängung von Schuld und Vergangenheit.

Damals gab es ca. 13 Millionen Rucksackdeutsche; heute schätzt das UNHCR die Zahl der weltweit Vertriebenen auf ca. 60 Millionen liegt — ein mutmasslich nicht zu bewältigendes Trauma per se.

* Professor Thomas Elbert ist u. a. Vorstandsmitglied von „vivo international“ (victims voice), die mit Überlebenden organisierter Gewalterfahrungen arbeitet.

Intrusion und Inklusion

Hadi ist sieben Jahre alt und besucht die erste Schulklasse. Er ist ein Flüchtlingskind aus Afghanistan, wo seit über 35 Jahren Krieg und Terror herrschen. Sprachlich und sozial ist Hadi hier schlecht integriert, während seine Mutter nicht nur aufgrund sprachlicher Barrieren befangen ist: am Elternabend wirkt sie verschüchtert und verunsichert, blossgestellt und gar in die Enge getrieben.

In der Schule ist der kleine Hadi ziemlich unruhig und bereits mehrmals aggressiv gegenüber Mitschülern aufgefallen. Eine Art Einzelunterricht im Zimmer der Schulleitung hat er bereits hinter sich und nun wird Hadi ein selber bloss gebrochen Deutsch sprechender afghanischer Kriegsversehrter helfend zur Seite gestellt. Der beinamputierte Betreuer wird auch im Unterricht direkt neben Hadi platziert, um den Jungen irgendwie zu stabilisieren. Das ganze Unterfangen ist als kurzfristig angelegter Versuch gedacht, um dem bedauernswerten Hadi so noch eine letzte Chance zur Bewährung zu geben. Zudem soll diese möglichst günstige, bestenfalls kostenneutrale Aktion dazu dienen, den Unterricht künftig weitgehend störungsfrei abhalten zu können.

Ein kleines Fallbeispiel als traurige Groteske, in der die bittere Realität von Flüchtlingen selbst an einem Elternabend Thema wird.