Winterthuristik

Winterthur ist die sechstgrösste Stadt der Eidgenossenschaft und nicht bloss ein Zürcher Vorort. Im Sommer baden die Nachtgänger in den Brunnen der Innenstadt und im einzig echten Fussballstadion im ganzen Kanton gibt es sowohl eine Sirup- wie Bierkurve. Der Flohmarkt ist legendär und das Fotomuseum berühmt. 2019 werden die Faustball-Weltmeisterschaften in Winti ausgetragen. Und dann gibt es noch die jährlich stattfindenden Internationalen Kurzfilmtage.

O du goldigs Sünneli

Ab in die Sonnenstube Helvetiens, um noch vor dem Fahrplanwechsel die dann alte Gotthardstrecke mit ihren vier Tunnelkehren zu befahren. Randvoll ist der Zug, viel graues Haar, GA-Besitzer und Tagesausflügler nutzen das auf der Alpensüdseite vielversprechende Wetter. Da heisst es zunächst mit der Holzklasse Vorlieb zu nehmen; Klappsitze im Veloabteil. Zwei Seniorinnen stossen aus Platzmangel hinzu. Sie seien auf einen Kaffee in Locarno verabredet, ausser Handtaschen kein Ballast. Sie machen das oft und gerne und immer zusammen. GA rulez.

Noch im Kanton Schwyz endlich gepolsterter Platz und eine neue, sehr fidele Pensionäresgruppe gesellt sich zu mir. Schenkelklopfend werden Witze lauthals herumgereicht und selbst schlüpfriger Humor mit einem etwas senilen Nachgeschmack tritt leider viel zu offen zu Tage. Die detaillierten Kranken- und Leidensgeschichten der Partner werden ausgetauscht, als überraschend festgestellt wird, dass alle bereits verwitwet sind. Hier ein Krebs, dort eine Querschnittslähmung und da ein mehrjähriges Koma. Aber lustig haben sie es trotzdem, c´est la vie und bei der Kirche von Wassen kommt es tatsächlich zu einer leibhaftigen Parodie von Emils Humoreske: permanent wird das Handy genau im falschen Moment gezückt, um das Bild für den Fotochip festzuhalten. Dafür kommt der Mahnstein von Göschenen direkt vor dem Gotthardmassiv in den Blick:

Göschenen, Sonja Kreis, Gotthard, Gotthard 2007
Bahnhof Göschenen: ehemaliges Aufzugsgebäude für den Auto-Verlad, Text von Sonja Kreis (2007)

Natürlich wirkt der Text direkt an der alpinen Wetterscheide viel stärker als im Flachland; schon der Blick auf die Berglandschaft mit den tief hängende Wolken verursacht Gedanken an Wetter und Witterung oberhalb der Baumgrenze und wie Menschen überhaupt mit dem gewaltigen Berg eine Symbiose eingehen können.

I am the passenger, and I ride and I ride.

Kurz nach dem Gedicht die im Vergleich zur Autofahrt kurz wirkende und dabei fast genau so lange Tunnelpassage und dann liegt das Tessin sonnendurchflutet vor uns, der Ticino etwas arg seicht in seinem Bett, die Bergspitzen erscheinen erst ganz zart überzuckert und die Reisgruppe schmiedet Pläne für das anstehende Mittagessen. Lugano oder Locarno? Chiasso ist mir zu grenzwertig und Chico d´Oro zu abwegig. Lugano ist Endstation, basta. Herzlich auflachen muss ich beim Verlassen des Neigezuges, als ich Manni Matter als dessen Namenspatron entziffere — Hemmige, passt.

Die Hälfte der Herde ist bereits in Bellinzona in Richtung Laggio Maggiore ausgeschert, trotzdem wirkt es wie eine Deutschschweizer Ausflugsdemo, als wir die Station Lugano in Richtung Centro verlassen. Altstadt, Piazza und Seepromenade, dazu 20 Grad. Schön, schöner, Italia. Lecker ist es sowieso und dazu gibt es ein paar grotesk gealterte Ansichtskarten, die den Charme des Rentnerparadieses auch farblich perfekt auf den Punkt bringen und als spätsommerlicher Gruss umgehend an die Daheimgebliebenen verschickt werden.

Bansky, Lugano, Tunnel
Tapeziert und banskyhaft verfremdet: Luganeser Tunnel am Bahnhof

Retour gehts mit dem Regionalexpress, mehr Stationen, weniger Leute. Zunächst. An jedem Halt steigen mehr Menschen zu, Kurzurlauber, Familien, Feierabend habende. Bis Zürich HB ist alles gut gefüllt. Das Licht Richtung Norden ganz anders als auf dem Hinweg, nicht ganz so verheissungsvoll, dafür blauer.

Nächstes Mal dann Halt auf dem Berg mit Besuch im Herz der Schweiz.

Gewissensbisse

Ein weisser T3 Minibus inkusive am Dach angebrachter Ausleger für Licht- und Tonanlage reicht völlig, um an das Gewissen zu appellieren. Das ambulantes Strassentheater von Laura Huonker und ihrer Kleincompagnie «rock the babies» verhandelt mit ihrem Rollenden Gewissen und minimer Technik beeindruckende Szenen zum Thema Was ist das Gewissen?

Rock the babies, Gewissensbus, Laura Huonker, Mona Petri

Ein auf dem Wagendach thronendes Supergewissen, das fragmentarische vorgetragene Sätze erst gar zu Ende spricht, sondern dem Publikum Platz lässt für eventuell lückenfüllende Gewissensbisse eröffnet den munteren Reigen der Gewissensfragen. Im Kleinbus zuvor aufgezeichnete Interviews mit Passanten zum Generalthema Was-Wo-Wie-Warum-Wann-Gewissen werden als Zwischenszenen projiziert. Es geht um Sexismus, Manipulation, Gewissenskonflikt. Eine Spieluhr klimpert den Lennon-Song Imagine, während auf einem Overheadprojektor Bilder gezeichnet, anschliessend mit Verdünner und Pfauenfeder modifiziert bis hin zur völligen Unkenntlichkeit immer mehr verwischt werden. Gewissensauslöschung. Dann tauchen die unbeantwortbaren Fragen der unsäglichen Gewissensprüfung bundesdeutscher Wehrdienstverweigerer wieder auf, «Was würden sie machen, wenn Wald, Russe, Freundin». Originalaussagen von Adolf Eichmann und Lance Armstrong bieten ein dokumentarisches Stelldichein, welches von den zutiefst ehrlich wirkenden Interviewschnipseln wiederum konterkariert wird. Eine systembedingte Gewissenslosigkeit wird offenbar und das Ganze mündet in dem Verweis auf die Tragödie von Antigone, die vom Gewissen getrieben Suizid begeht.

Das da capo vom rührseligen Imagine umrahmt die finale Wiederholung aller gestellten Interviewfragen, und nach dem Schlussapplaus wird verlautbart, dass dies ein weiterhin offenes Projekt sei, dass der Gewissensbus weiterziehe, weiter Fragen stelle, um unser aller Gewissen möglichst umfassend abbilden zu können.

Eine starke Vorstellung. Und Mona Petri ist einfach toll!

I hope someday you’ll join us
And the world will live as one

Tunnelblick

Die Schweizer Botschaft in Berlin feiert ihre neue Gotthardröhre gut sichtbar auf dem Dach ihres Gebäudes:

Tunnel, Botschaft Berlin

Zumindest teilweise auf Schweizer Staatsgebiet liegend gibt es ja noch DEN Tunnel, in welchem es kaum Geschwindigkeitsbegrenzung, aber möglicherweise Schwarze Löcher zu bestaunen gilt, sofern keine kleinen Pelztiere den Stromfluss unterbrechen.

Pokalpleite

Der FC Zürich steigt diese Saison mit dem Trostpflaster Coupe de Suisse ab. Nach einem 0-4 Heimdebakel gegen Finalgegner Lugano just in der Vorwoche wurden die Spieler von den Fans mit «Usse, Usse!» erst gar nicht in die Kurve gelassen, einige Anhänger erstürmten den Kabinentrakt, Müllcontainer wurden vom wütenden Mob auf Strassen gekippt und der Trainer noch geschwind entlassen. Nach dem Coup wurde der Kübel vom Kapitän nebst dem vom Spiel gezeichneten Stellvertreter in die während des Spieles weitgehend stumm gebliebenen Fankurve getragen.

FCZ Pokal, FCZ 2016, Swiss Cup 2016, FC Zürich 2016

Dem Tabellenletzten reichte dabei ein glückhaftes 1-0 gegen den Vorletzten aus dem Tessin, um der berüchtigten Südkurve ein Besänftigungsopfer darzubringen. Feierstimmung Fehlanzeige.

FCZ Pokal, FCZ 2016, Swiss Cup 2016, FC Zürich 2016

Nach Geschmack

Die Salzburger Stier Preisträgerin 2016 Uta Köbernick singt und spielt im Bundeshaus zu Wiedikon am 6. März um 20.30 Uhr.

Als kleines Geschmacksmuster hier ihr «Lied zum Tag» aus PET:

Lost in Transla­ti­on

Si certo, die tatsächlich erste Abstimmung seit langem, welche nicht zu Lasten von Ausländern ausfällt, bringt etwas Erleichterung. Claro que si waren diesmal nur 4 von 10 und nicht gleich jeder zweite potentielle Rausschmeisser. Bien sûr, man bleibt für viele weiterhin ein Fremdkörper in dieser akut gespalteten Gesellschaft. Aber voll töfte, weil ich jene dann doch überraschend deutliche Wende meiner Gastgeber nicht erwartet hatte, selbst dem vorsichtig aufkeimenden Trend einfach nicht traute. Nach Jahren der Ausländerei und noch längerem Hobbyschweizertum ist mir die helvetische Seele eigenartig fremd geblieben. Ich bekomme diesen Volksgeist einfach nicht zu fassen: eben noch läuft er geradezu hypnotisiert na­ti­o­nal­kon­ser­va­tiven Rattenfängern direkt in die Arme, überdrüssig von Dichtestress und Verstädterung schiebt er inmitten Europas einen Riegel vor die Türe, nur um dann das einmal aufgenommene Tempo fast schlagartig zu drosseln, ohne jedoch übermässig fies tönende Bremsgeräusche zu erzeugen.

«Wir (Schweizer) haben das Privileg uns gegenseitig verstehen zu müssen. Wir sind als kulturelle Grenzgänger ein Volk von Übersetzerinnen und Übersetzer.»

Bundesrat Alain Berset, 12.03.2014

Deutlich wurde: «Es langet, es reicht, ça suffit, no pasarán!». Schluss mit der Angstmache, der nationalistischen Schwarzmalerei und rezeptlosen Abschottung, keine Zwängerei. Seit dem EWR-Entscheid von 1992 gebärt die Stimmungsmaschinerie der SVP die immer gleichen Hirngespinste: das Ausland luge gierig auf das selbst­ge­nüg­same Eidgenössische Eiland, Offshore ist lukrativ, Verträge sind Zugeständnisse und Swissness sells weil sexy.

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Leserbrief zur sexy FIFA-Wahl

Man könnte sagen, sicher, mit einem Viertel oft versippten aber stimmlosen Bevölkerungsanteil stehe quasi ein qualitativer Umschlag dräuend bevor; man könnte sagen, ja, gerade die ruhig gestillten Arbeitsmigranten buckeln doch angenehm laut- und reibungslos und mehren dabei den Reichtum der Stimmgewaltigen, weil Arbeit im Erste-Welt-Primus Schweiz pekunär unschlagbar ist. Man könnte sagen das Schweizer Mantra Identität sei lediglich ein traumatisches Mobile, überdies kaum zu dechiffrieren und jedenfalls kein Gradmesser für wen auch immer.

Aber gewärmt hat das hoffnungsfrohe Resultat wie die zeitige Sonne im Frühjahr…

Durchmarsch

Nach der Durchsetzung ist vor der Asylverschärfung und bereits in Bälde wird die nächste SVP-Chimäre unter dem herzigen Deckmantel «Selbstbestimmungsinitiative» durchs Land getrieben — schliesslich bleibt die Eidgenossenschaft gemäss SVP weiterhin von ausländischen Vögten bedroht.

Durchfallinitiative, Schweiz Initiative 2016, Volksabstimmung 2016, DSI

Handgeklöppelter herrenloser Flyer, noch vor dem Volksentscheid über die Durchsetzung der Ausschaffung zugeflogen.

Nationales Recht soll (wieder) absoluten Vorrang geniessen, schliesslich ist das scheinbare Manko schweizerischer Souveränität das Per­pe­tu­um mo­bi­le aller SVP-Bestrebungen. Was sich letzten Endes als eine nur reaktionäre Haltung zur globalen Vernetzung erweist, wird als nationale Rettungstat gepriesen, obschon gerade die Finanziers der Nationalpatrioten von der Globalisierung gut profitieren. Steuerhinterziehung bleibt natürlich auch künftig straffrei, und so helfen Kapitalzuflüsse aus dem Ausland die hiesige Steuerlast zu mildern. Weltläufige Auftritte via UNO- und FIFA-Sitz werden in der ewige Swissness verheissenden währ­schaften Binnenbanalität sowieso ganz gerne goutiert.

Die Trutzburg der geistigen Landesverteidigung aber bleibt eine hartnäckige Geissel.

Schafscheid

Vom provokativen Hakenkreuz

DSI nein Hakenkreiz, Swastika Swiss, Swastika Switzerland, Durchsetzungsinitiative 2016, Nein-Kampagne 2016, DSI 2016

bis zur naiven Schafsjagd:

Die Kontrahenten der SVP sind diesmal bemerkenswert breit aufgestellt und überraschend engagiert — da ist im Gegensatz zu vorherigen Abstimmungen keinerlei helvetische Lethargie mehr zu spüren. Der Richtungsentscheid bleibt spannend bis zum Schluss und ist wie selten hart umkämpft. Die bloss passive Zuschauerrolle wird zunehmend unangenehm und lästig. Nicht wahlberechtigte Secondos, Arbeitsmigranten und sonstige Ausländer versuchen verstärkt Einfluss auf die Stimmabgabe ihrer Gastgeber, Nachbarn und Arbeitskollegen zu nehmen, indem sie beispielsweise mit ihren Aufenthaltstiteln öffentlich auf sozialen Medien posieren.

Migrant Swiss, Foreigner Switzerland, Durchsetzungsinitiative 2016, Nein-Kampagne 2016, DSI 2016
Einzelfallschicksale bringen halt immer einiges an Farbe ins Spiel.

Schäfchenzählen

Der Ton wird zunehmend rauher und gereizter: von Ausschaffung über Schiessbefehl bis hin zur Durchsetzung ist offenbar völlig ernsthaft und immer lauter die Rede. Da kommt eine herzige Guerilla-Aktion auf dem Stauffacher in Zürich (bewusst) ohne schwarze Schafe ganz gut.
Durchsetzungsinitiative, Ausschaffung 2016, Ausschaffung Schweiz
Leider waren alle Schäfchen gegen Abend bereits entschwunden…

Intrusion und Inklusion

Hadi ist sieben Jahre alt und besucht die erste Schulklasse. Er ist ein Flüchtlingskind aus Afghanistan, wo seit über 35 Jahren Krieg und Terror herrschen. Sprachlich und sozial ist Hadi hier schlecht integriert, während seine Mutter nicht nur aufgrund sprachlicher Barrieren befangen ist: am Elternabend wirkt sie verschüchtert und verunsichert, blossgestellt und gar in die Enge getrieben.

In der Schule ist der kleine Hadi ziemlich unruhig und bereits mehrmals aggressiv gegenüber Mitschülern aufgefallen. Eine Art Einzelunterricht im Zimmer der Schulleitung hat er bereits hinter sich und nun wird Hadi ein selber bloss gebrochen Deutsch sprechender afghanischer Kriegsversehrter helfend zur Seite gestellt. Der beinamputierte Betreuer wird auch im Unterricht direkt neben Hadi platziert, um den Jungen irgendwie zu stabilisieren. Das ganze Unterfangen ist als kurzfristig angelegter Versuch gedacht, um dem bedauernswerten Hadi so noch eine letzte Chance zur Bewährung zu geben. Zudem soll diese möglichst günstige, bestenfalls kostenneutrale Aktion dazu dienen, den Unterricht künftig weitgehend störungsfrei abhalten zu können.

Ein kleines Fallbeispiel als traurige Groteske, in der die bittere Realität von Flüchtlingen selbst an einem Elternabend Thema wird.