Schlagwort: Mundart
Värslischmid
Hans Peter «Mani» Matter (* 4. August 1936; † 24. November 1972)
Der noch immer bekannteste Schweizer Mundart-Liedermacher verunglückte vor 50 Jahren auf der Autofahrt zu einem Konzert in tödlich. Kurz zuvor stellte der begabte Troubadour das Libretto zu seiner Anti-Oper namens «Der Unfall» fertig, worin ein Fussgänger überfahren wird, weil dieser – völlig in Gedanken an eine verpasste Musikkarriere versunken – unachtsam eine Fahrbahn kreuzt.
Matter hat die der heimatlichen Folklore verbundene Berner Mundart mit viel sprachlichem Geschick zu einer dichterisch vielseitigen Ausdrucksform verwandelt, mittels der man durch semantische Verkürzung mit wenig viel sagen kann. Zudem steckt sich in seinen Versen oftmals ein brillanter Wortwitz, der durch humorvolle Entlarvung vom Menschen und seinen Nöten eine Art katharsische Befreiung durch lauthalses Lachen gewährt. Merssi viu mau!
Jogida
Secondo Front
Ausländer ist man bekanntlich fast überall auf der Welt, so auch in der Schweiz. Eine kulturpolitische Intervention versuchen die Macher vom Salon Bastarde. Idealerweise fand der Kickoff im Zürcher Club EXIL statt.
Die normative Kraft des Faktischen wurde betont und Jurzcok verhandelte diese genial absurd unter dem Stichwort Scheinbevölkerung. Bis zur zweiten Generation besitzen beinahe 40% einen Migrationshintergrund, und bilden in manchen Städten bereits die Mehrheit. Der von den überraschenden Resultaten jüngster eidgenössischer Initiativen ausgehende Schwung gelte es mitzunehmen. Spoken Word und Rap, eine dauerassimilierte Nationalrätin, Interviews und szenische Rück- und Ausblicke auf Fremd- und Gastarbeiter, Flüchtlinge und Migration generell öffneten Augen, Ohren und Herz und machten viel Mut und gute Laune. Die Schweiz bewegt sich doch.
Liveberger
Jetzt ist schon wieder was passiert — die Stahlberger bespielten ein Stadtteilfest auf dem Zürcher Röntgenplatz. Direkt nach der Festansprache des lokalen SP-Politikers liessen es die Ostschweizer tüchtig krachen und trugen gewohnt mannschaftsdienlich ihr mittlerweile reichhaltiges Repertoire vor. Dank dem urigen Idiom und anscheinend völlig freiwillig verharren die Stahlberger in einer jener bittersüssen dialektischen Nischen, deren poetischer Reichtum sich dem Lauschangriff erst nach ausgiebigen Studium von Wort und Schall eröffnet.
Fallschirmspringer! Vögel!! Hornussen!!!
Die modulierte Moll-Lastigkeit scheint perfekt zum Phlegma der hiesigen Bergler und deren talwärts strebenden Nachkommen zu passen wie — ja wie, halt so, wie der Tennisball zum Hornussen.
Live zücken die Stahlberger aber sowieso gerne die akustische Hellebarde und lassen dem sporadisch einsetzenden kakophonischen Chaos scheinbar freien Lauf, nur um es zielgerichtet gerade dann zu erlegen, „Wenn D Welt Undergoht“…
Leider aber gibt es auf öffentlichen Plätzen in der Schweiz noch kein Rauchverbot. Leider wird in In-Quartieren besonders ausgiebig geraucht. Leider wird auf Festivitäten generell viel zu viel geraucht. Leider ist der Hobbyschweizer Ex-Raucher.
Die Stahlberger-Musik jedoch ist einfach und schlicht: sackstark.


