Don’t Look Up

Das Astronomy Picture of the Century ist fix für den 13. April 2029 versprochen, wenn die RAMSES-Mission von ESA und JAXA den Asteroiden Apophis zusammen mit der Erde prominent im Hintergrund und Fokus der Bordkamera hat und mit der entsprechenden Tiefenschärfe im richtigen Moment während des nahen Vorbeiflugs der Auslöser betätigt wird. Mond war gestern. Es wird einiges an Umsicht nötig sein, da sich exakt zu jenem Zeitpunkt zudem ein Chinesischer und ein US-Amerikanischer Satellit zum Stelldichein angekündigt haben. Eine Massenkarambolage gilt es dabei unbedingt zu vermeiden, um den Erdbahnkreuzer nicht versehentlich aus seiner glücklicherweise sich als eher harmlos erwiesenen Bahn zu kegeln. Auf fast allen Missionen sollen kleine CubeSats freigesetzt werden, welche bei einer Kantenlänge von gerade mal 10 Zentimetern relativ sanft auf dem Besucher landen können, ohne dessen Bahnkorrektur auszulösen.

Benötigt ab 2029 vermutlich keine Montage mehr  | NASA

Nach der Entdeckung sowie den ersten Beobachtungen von Asteroid Apophis gab es eine zwar geringe Wahrscheinlichkeit von nicht ganz 3 Prozent, dass der über 300 Meter grosse Brocken ein Volltreffer werden könnte, doch sorgte dies bereits für eine Einstufung in der höchsten Risikoklasse der planetarischen Verteidigung. Mittlerweile kann ein Einschlag auf der Erde für die nächsten 100 Jahre statistisch ausgeschlossen werden. Allerdings könnte es die der Erde zugewandten Mondseite treffen, da die Bahn des aufgespürten Wiedergängers jeweils zwischen Erde und Mond hindurchführt.

Ein Meteor von einem Zentimeter erzeugt eine geläufige Sternschnuppe, bei einer Grösse von einem Meter wäre ein beeindruckender Feuerball bzw. Bolide zu sehen. Alles grösser als ein Meter heisst dann Asteroid und diese sind mehr oder weniger regelmässig um die Sonne rotierende Restbestände aus der Zeit der Entstehung des Planetensystems. Bei zehn Metern und mehr kommen wir dann schon in den Bereich von Chelyabinsk. Einer Grösse von 50 Meter entspräche etwa dem Einschlag im Barringer Krater in Arizona mit einer Meile Durchmesser oder dem Tunguska Ereignis, als 2000 Quadratkilometer Sibirischer Wald flach gelegt wurden. Bei Körpern wie Apophis und grösser sind gemäss ESA-Jargon dann sogenannte überregionale Schäden zu erwarten.

Bislang wurden 1,2 Millionen Asteroiden im Sonnensystem detektiert wovon 36’000 als Erdnahe Objekte gelten. Davon wiederum haben es ca. 5% auf die Risikoliste der ESA geschafft und geniessen damit besondere Aufmerksamkeit und Beobachtung. Momentan liegt ein gewisser Bennu mit einem allerdings negativen Impactscore (heisst Einschlag wird nicht erwartet) in Führung

Allerdings kam der überraschende Knaller von Tscheljabinsk 2013 direkt aus Richtung Sonne und konnte so seine vorherige Entdeckung durch sämtliche Frühwarnsysteme recht clever vermeiden.

Gescheiterter Damengipfel

Es begann alles mit dem glatten Bruch der Schneide vom Buttermesser, welches im Einsatz kurz nach 5 Uhr knallend überraschte. Das Ersatzwerkzeug noch frisch eingeschweisst und wie üblich derart scharf, dass ein Stück Fingerkuppe beim Rüsten der Marschverpflegung daran glauben musste. Schmerzhaft wie immer, wenn ein nagelneues Victorinox-Küchenmesser zur Einweihung einmal mehr nach einem Blutopfer verlangt.

Eine zweite Ermahnung dann kurz nach Abmarsch am Quellwasser gespeisten Trinkbrunnen (über 300 alleine in Zürich, dienen für den Notfall, falls Strom ausfällt) direkt an der Bähnlistation, aus dem das Wasser nurmehr sparsam tröpfelte und die Trinkflasche entgegen des üblichen Rituals nur zur Hälfte gefüllt werden konnte, bevor die lautstark piepende Barriere zur Weiterfahrt mahnte.

Schreck Nummer drei dann in einer Aufwachphase im wieder-in-den-Schlaf-wiegenden Zug kurz vor Bern. Strompech! Ohne ausreichende Akkukapazität wird die Tour kaum zu machen sein, GPS und Rega sind ziemlich starke Sauger und safety first. Dank intensivem Studium von diversen Fahrplänen wurde per goldenem Schnitt die Möglichkeit Interlaken lokalisiert, wo mit einem ungeplanten Zwischenstopp der Kauf einer Stromquelle mit lediglich einer knappen Stunde Zeitverlust quasi en passant möglich war. Wetterbedingungen immer Nummer eins bei der Planung. Akku gleich auf zwei. Dann erst Proviant und Kleidung.

Die zweite Hochdrucktour der Saison sollte also ins Berner Oberland oberhalb des nach Grindelwald führenden Tal der Lütschine gehen. Grossartige Panoramen nach unten und oben wären garantiert. Mit einer schmucken Zahnradbahn ging es in der Holzklasse für alle gemächlich auf die Schynige Platte. Mit dabei eine Omnibusladung Magyaren, die vergnügt ohne Unterlass feixten, quatschten und ihre unbeschwerte Fröhlichkeit als pensionsberechtigte Golden Ager im Urlaub ungeniert auslebten. Deren Fröhlichkeit war fast ansteckend, während der Mitfahrer direkt neben mir mit einem kleinen aber lärmenden Akku-Van eher irritierte. War das ein weiteres Zeichen?

Meinereiner stutzig zwar, doch weiter wohlgemut, unterstützt durch kurze Lichtblicke unterwegs, welche erste Ausblicke auf das Epizentrum vom Vortag und das imposante Dreigestirn gaben. Eine einladende Raststätte für ein eventuelles nächste Mal kam in Sicht, diverse Leasingobjekte lungerten wohlfeil in der Flora während die prima gealterte Zahnradbahn gemütlich weiter rumpelte.

Oben dann ein uriger Empfang ganz nach dem Geschmack vom Tourismusbureau. Sämtliche Mitfahrenden entzückt ob des heimeligen Willkommengrusses. Die Alphornisten posierten gutwillig für Selfies bevor sie die Instrumente für den nächsten Gruss ablegten. Die eine Hälfte der Zahnradreisenden schwenkte direkt nach links zur Buvette, die andere Hälfte nach rechts oben in den angelegten alpinen Garten.

Der dritte Weg führte über die Geleise geradewegs in die Hochnebel-Landschaft, erste Orientierung sollten laut Plan die hoffnungsvolle Blicke auf die Majestäten gegenüber geben. Ob sich der Hochnebel doch noch lichten würde? Eher trübe Aussichten oder war dies bereits Menetekel Nummer vier? Letzte Gondel talwärts 18 Uhr, ein Zeitvergleich mit dem GPS-Tracking bestätigte trotz aller Startschwierigkeiten immerhin zwei kleinere Pausen. Nach einem guten Stück Bergweg dann wieder Alphörner – interessant, tönt aus der Ferne fast besser und damit war klar, dass der nächste Zahnradexpress mit Tagesausflüglern angekommen war.

Der Pfad wieder einmal sehr steinig, dafür garniert mit allerlei Berg- und Talseen, an deren Türkis man sich nie wirklich satt sehen kann. Die umgebenden Bergwände erinnerten an Meeresgestade, doch sind bestimmt eher Wetter, Wind und Wasser in sämtlichen Aggregatszuständen für die sanft gezogenen Narben verantwortlich. Der felsig-spitze Untergrund lies zunehmend an der Schuhwahl zweifeln, Terrain verlangte eher stabile Ortler als den Renegade. Manko Nummer fünf schon.

Immerhin liess das Dreigestirn in Sichtweite während des unablässigen Schleiertanzes denselben kurzfristig fallen, was Freude pur erzeugte. Das Schreckhorn aus leicht anderer und versetzter Perspektive dagegen fast gewöhnlich, da es nur wenige Tage zuvor bereits durchs Bild lief. Die Höhensonne briet munter weiter, der Schritt zwar immer geschmeidig, doch allmählich nimmer ganz so trittsicher auf dem endlos losen Gestein.

Für die nötige Atempause wurde dann pünktlich zur Halbzeit eingekehrt, einfache Hütte auf 2.3 und da das gute Pfund von und mit Dr. Birchler noch immer sättigte, tat es eine zu kalte Cola, um den Blutzucker für den noch steileren zweiten Teil der Passage parallel in die Höhe zu treiben. Zugegeben leicht fahrlässig und etwas pervers. Das permanente Aufstossen während dem nächsten Teilstück sorgte nachträglich für ein ziemlich schlechtes Gewissen. Reiner Frevel, kommt mit auf die Liste auf Position sechs.

Weiter immer weiter, genau wie das Wetter immer mehr zu machte. Frühstart in den Bergen immer angesagt, weil am Nachmittag die Bewölkung tendenziell zunimmt. Doch der Zeitverlust wegen Strommangel konnte nie ganz wett gemacht werden. Die vermehrte Eintrübung sorgte für leichte Erzürnung, zumal der Balkonblick just hier versprochen war. Ein Sek-Lehrer mahnte zur Mässigung, Schicksal immer noch härter.

Mit 89 Wetter vermutlich besser. Der überflüssige Zorn wurde am Weg abgeleitet, ohne Stock gings weiter über Stein. Eins, zwei Munkenpfiffe waren hörbar, links ein Steinadler gerade noch zu erkennen, doch das Faulhorn weiter im Dunst.

Das Faulhorn wurde im 19. Jahrhundert als «Damengipfel» bezeichnet, weil es keine alpinistischen Schwierigkeiten bietet. Sein Name hat jedoch nichts mit der Faulheit zu tun (der Aufstieg ist nämlich trotz allem recht anstrengend), sondern geht auf die lockeren Gesteinsschichten aus Mergel und Schiefer («Fulen») zurück, aus denen der Berg besteht.n

Die bittere und nüchterne Erkenntnis, dass der Höhepunkt besser ausfallen würde wich der Freude über den Zeitgewinn gepaart mit dem insgeheimen Versprechen, dem Damengipfel ein anderes Mal die fällige Aufwartung zu machen. Dann aber sollte die kostbare Zeit etwas besser und v. a. korrekt eingeteilt werden. Auf der Mängelliste die Position Sieben.

Imponierend wie kurz nach der Passhöhe ein Velofahrer ohne Motor hoch strampelte, meine aufmunternd gemeinten Allez-allez-allez-Rufe tapfer ignorierend.

Das Ziel nun klar vor Augen, stramm den Bergweg schleifenförmig abwärts, dabei im freien Gelände möglichst schneidend, nur um die eine oder andere Sekunde fast wie bei der Frankreichrundfahrt emsig zu hamstern wurden die Entgegenkommenden immer auffälliger und mehr. Ausflügler mit Sneakern, weisse lange Kleider und ebensolche Schlaghosen, Fotodrohnen über lagernde Picknicks. Unsicher staksende Touristen auf kaum steilen Wiesen, Ahs und Ohs wenn die gegenläufigen Massen bauchnabelfrei den Bergsee erblickten.

Abgekämpft und durchgeschwitzt mit laktatgesättigter Muskulatur kam ich mir langsam selbst wie ein Alien vor. Kein freundliches Grüezi mehr, arabisch-indische Sprengsel hier, russische Jeunesse dorée floskelte dort – wo bin ich denn hier gelandet?

Die angepeilte Bergstation in Kilometerferne hatte die Antwort in Form einer Warteschlange parat. Den Skywalk besser rechts liegengelassen und so schnell wie möglich wurde die Gondel bestiegen und nichts wie weg. Später im Tal dann völlig irre – Massen schoben sich durch ein kitschiges Grindelwald, eindeutig Kulturschock. Die Wildheit, Schroffheit und Einsamkeit in der Bergwelt, ausgelöst durch schiere Distanz und nur für einen Tag ausgeliehen, verlor sich abrupt. Ein kurzer Stopp im Dorfladen wegen kulinarischer Andenken unterbrach den Trubel.

Die Pöstlerin am Bahnhof Grindelwald entgegnete auf die Frage, was denn hier los sei nur lapidar «Es ist einfach zuviel.» Sie wohne nicht in Grindelwood und wäre froh darüber. Dito, doch kam die letztliche Erkenntnis erst beim Heimwärtsschaukeln. Touri-Hotspot CH halt oft spektakulär und Schönheit liegt immer in den Augen der Betrachterin und wo viele Lifte, da auch viel Leute.

Dichtestress im Hochgebirge

Eigentlich ja Schnapsidee mitten in der Ferienzeit in die Titlisregion zu reisen, reiner Touri-Hotspot nach Pilatus und Jungfrau. Doch die guten Trainingsleistungen im Trockendock nahe dem Erholungsgebiet rund um die Teamunterkunft von Frau Gwinn & Co. erlaubten der Formkurve, dem Schönwetter und Blutdruck gemeinsam einen saisonalen Belastungstest einzufordern. Zudem konnte bei der langen Anfahrt beim Auffüllen der Akkus durch Müeslienergie im Zubringer gemütlich unterwegs mittels Karte die Tour manifestiert werden.

Von Engelberg in der Obwalder Sackgasse kann direkt auf gut Dreizwei geliftet werden inklusive Gletscherreste und in-die-Ferne schauen. Doch nach einem really amazing Palaver mit einer jungen New Yorkerin auf Europe-in-eight-days war an der Mittelstadion der vorzeitige Ausstieg geplant.

Have a nice one und und erst mal die örtliche Kapelle ansteuern, Alpsegen nie verkehrt.

Vier-Seen-Wanderung verhiess die alpine Planung, doch nervten die Tandemflüge der Helikopter schon etwas, welche unablässig Baumaterial auf den Gipfel vis-à-vis hievten. Klar, renovieren nur im Sommer während dreier Monaten möglich, doch vom Pfeifen der Murmelis war so anfänglich rein gar nichts zu hören. Gut ging es abseits des ersten Sees gleich den Pfad bergan und zwar ohne Bahn, die seitlich versetzt die verwöhnte Kundschaft (v. a. viele viele Biker!) bediente.

Zusammen mit den Helikoptern donnerte alsbald noch eine ganze Fliegerstaffel durch die Lüfte, Pilatus-Werke und Krieg sind bekanntlich beide nicht weit und etwas später dann bereits am dritten See jagten brüllende Düsenjäger vom Fliegerhorst Meiringen aus dem Nachbartal in Formation durch die Lüfte. Die spinnen die Flieger – vielleicht gibt es über die fehlfinanzierten F-35 sogar eine Wiederholung der Volksabstimmung!

Unterwegs bloss die Aussicht nicht vergessen, jawohl – trotz Lärm prächtig und angesichts der schweisstreibenden Anstrengung immer sehr belohnend fürs Auge & Gemüt. Natürlich dabei weiter aufmerksam auf mögliche Gefahren achten und drum besser wieder volle Konzentration am Berg! Auch weil die Downhill-Biker kaum bremsen und sowieso mächtig Betrieb auf der Piste war. Die Fokushose sass mindestens so stramm wie bei der berühmten Flugkünstlerin Frau Berger. Stets freundlich wurden sowohl die Entgegenkommenden wie die mit Geschwindigkeitsüberschuss Überholenden grosszügig vorbei gelassen, dabei immer schön grüssend und allmählich kam der Körper in der leicht berauschenden Höhenluft ganz gut in Trab. Von Pilatus lernen heisst siegen lernen.

Ab Jochpass endlich etwas ruhiger, die Baustelle Titlis lag quasi im Lärmschatten. See Nummer zwei recht idyllisch. Ach Natur, wie machst du das nur. Der Halbmond harmonierte zusammen mit den Wolken prächtig in der Kulisse und gut gibt es hier nicht so durchgeknallte Baumpiraten wie manch andernorts. Schmuck auch die zentralafrikanischen Medizinmann-Maske, die es wohl dank der Tektonik in der letzten Eiszeit hierher geschafft haben muss. Ein fürwahr verblüffender Fund!

Mitten in der Tour gerieten dann die stolzen Viertausender in den Blick und die stille Einsicht dräute, dass es mit jenen Majestäten in diesem Leben leider nichts mehr werden würde. Ausser ich zöge tapfer durch und bestätige so die späte Serie. Dann wäre mit 70 gar ein Fünfer fällig, völlig utopisch.

Die nächste Kapelle überraschte mit einer pilgernden katholischen Landvolk-Truppe aus Franken, die just ein Taizé-Lied anstimmten als ich den Raum betrat. Text und Melodie waren bekannt und so konnte wohlgemut in das Loblied eingefädelt werden. Ein kurzes und herzliches Gespräch über Gott und die Welt und das Wetter folgte, bevor der Blick auf ein Detail im Fenster etwas irritierte. Gut, braucht ein wenig teutonische Phantasie, doch sind da gewisse Ähnlichkeiten zu erkennen oder ist es eine der Höhenluft geschuldete Fata Morgana? Reines Blasendenken oder gar völlige Reizüberflutung?

Ja, die Sinnesreize werden schon mächtig gekitzelt auf so einem Gang und das ist auch der Grund der Mühen. Die Atem- und Bewegungsübung im freien Gelände lässt die Seele prima durch schnaufen, dem Geist eine freie Hand und das Herz weit werden. Einzig die Zeit bei je dreistündiger An- und Rückreise als Tagesausflug etwas arg knapp bemessen. Genusswandern geht anders. Doch die Marschtabelle eben gnadenlos und das Postauto wartet nicht. Zudem schwanden die Kräfte, zwei Drittel mit 11 km Distanz plus eineinhalb Tausend Höhenmeter in den Beinen mahnten allmählich zur kurzen Rast und Stärkung bevor das letzte Teilstück im Endspurt angegangen werden sollte.

Fast wäre es danach noch zu einem Stierkampf gekommen, doch als bekennender Angsthase weiss ich die riesigen Viecher grosszügig zu umrunden und sämtliche Sensoren in der Nackengegend aktiv zu halten. Bei solchen Hörnern selbstredend (und v. a. beruhigend zu dem mächtigen Tier!) und sowieso.

Am letzten See im Zielgebiet verhalf ein Panoramalift zu einer fünfminütigen Abkürzung, der Steinbock grüsste ein letztes Mal und das Murmeli zeigte zum Abschied freundlich die Zähne. Melchsee-Frutt wie Pilatus sehenswert, doch recht überlaufen, bei allem Verständnis für die paradoxe Praxis des real existierenden Kapitalismus im alpinen Gelände. Bautrieb schlägt urig.

Der Winter darf dort auch mal getestet werden, dann aber sicher ausserhalb jeglicher Ferien- und Flugzeiten. Zuhause dann die doofe Erkenntnis, dass Anfängerfehler wie im Fussball immer wieder passieren – komplett die Rückseite der Waden ignoriert und über Zwei ist UV gnadenlos, ich schwör. Reiner Redcalf halt.

 

Pershing (UA)

In einem kurzweiligen Theaterstück wurde in Heilbronn das Pershing-Unglück im Rahmen des NATO-Doppelbeschlusses vor 40 Jahren verhandelt. Ausschliesslich Original Dokumente in Form von Bundestagsprotokollen, Präsidenten- und Ministerreden garniert mit Gemeinderatssprech wurden collagenhaft mit Slogans und Liedern der damaligen Friedensbewegung geschickt verwoben. Die gemeine Stimme von der Strasse durfte natürlich auch nicht fehlen.

Lieber eine Pershing im Garten, als einen Russen im Bett.

Rasch kippte jedoch die öffentliche Meinung und es kam zu Demonstrationen und Blockaden der US-Einrichtungen auf der Waldheide durch viele selbst eher konservative Bürger. Der Gemeinderat sprach sich einstimmig gegen den atomaren Stützpunkt aus. Reichlich kurios die Flucht des damaligen Verteidigungsministers Manfred Wörner aus dem Rathaus der Stadt vor aufgebrachten Einwohner über eine Hausmeisterwohnung und die Tiefgarage. Da er ihnen nicht Antwort und Rede stehen wollte wurde er klandestin nach draussen verbracht, wo er grusslos mit seiner Limousine flugs entschwand. Muttern bestätigte die Anekdote als wäre es gestern passiert, der städtische Hausmeister war wohl ein Bekannter…

Beim betroffenen Zeitzeugen wurden dunkle Erinnerungen wach – die Stationierung von Atomwaffen erzeugte quasi spiegelbildlich eine lokale Zielscheibe. Durch ein militärisches Planspiel namens Proud Prophet wurde bereits 1983 recht schnell deutlich, dass ein Konflikt zwischen NATO und Warschauer Pakt die reine Hölle auf Erden erzeugen würde und für keine der beiden Seiten zu gewinnen wäre. Es folgte ein radikales Umdenken der Reagan-Administration mit konsequenter Abrüstung des atomaren Overkills. Die letzten Pershing-Raketen verliessen Heilbronn schliesslich 1990 mit einer etwas paradox anmutenden Grussbotschaft.

Die ganze Absurdität der damaligen Zeit wird mit einem Blick auf die aktuelle Situation im Epilog des Schauspiels nochmals akzentuiert, wenn auf der Bühne klar und deutlich proklamiert wird, dass auf NATO-Gebiet aber auch in China, Russland, Iran und Indien mehr und mehr moderne Hyperschallraketen stationiert werden und so dem atomaren Tod wieder frischen Schub verleihen.

Die fünf jungen Darsteller:innen des Recherche-Stückes performten mitsamt diversen Gesangseinlagen («Marmor, Stein und Eisen bricht, In′s Gras wer ma beissen, ob’s uns schmeckt oder nicht. Alles, alles geht vorbei, durch die Pershing zwei») jedenfalls famos und genossen den langanhaltenden Applaus des Publikums völlig zu Recht.

Ein prima redigiertes und arrangiertes Stück jüngerer Zeitgeschichte!

Wiedersehensfreude

Anlässlich der GV vom Kapellenverein konnte ein erfreulicher Formtest durchgeführt werden. Knappe Viertelstunde unter der Marschtabelle mit kontrolliert pochender Arteria carotis. Uri wie immer urchig mit sehr geschicktem Postautochauffeur, welcher den Verkehr auf den haarigen Serpentinen gekonnt und prima regelte. Die Bise blies böig über den hängenden Restschnee und drum blieb der Grill trotz der üblichen Cervelat-Reserve leider kalt. Gut waren die Apéro-Plättli im Vereinsheim ausreichend.

So Horny

Damals wars

Im Anfang war die Dächlikappe. Wenige Jahre nachdem Jean die Mauerstadt gegen Frankfurt am Main aus Gründen oder Liebe weniger oder mehr freiwillig tauschte und etwas später auf Prinzessin Karin aus Emdeema traf. Von Homöopathie war noch lange nichts zu spüren und dazwischen lagen diverse Lichtjahre sowieso.

Neinsowars: Petra traf Jan oder umgekehrt und ich in Ffm ein (Donaldem? Geburi!? Äppelwoi!), weil verabredet mit Jan und Petra, genau – die adrette Schaufensterpuppe. Mit im Spiel war noch eine echte Grinsbacke, welche ein Basecap mit gesticktem «Me so horny!» mehr als selbstbewusst trug. Wegen defektem Dekoder war nicht sofort klar welches Horn hier gemeint sein könnte und kapiert wurde die nackte Wahrheit erst nach dringend nötiger Nachhilfe und dann reichlich baff.

Seit jener Offenbarung ein Auge immer auf Kappenkopie. Schwarz oder dunkelblau, Schriftzug jedenfalls kontrastrot. Die Ostküste des grössten Kappenträgerkontinents nach CH hatte kein solches Modell zu bieten. Und die nächtens einem unschuldigem Vorgarten entnommene Starsandstripes nur blasse Kompensation.

I’m so horny. Thats ok, my will ist good.

Äonen später traf mich Horny in einem irrationalen und tangentialen Fokus. Grüne Schuhe. Waren das smaragdgrüne oder hellblaugrüne Schuhe? Oder türkis mit Blockabsatz? Zeugen bekanntlich meist diffus beim memorieren von Farbwahrnehmungen. Manipulierte Erinnerung vs. erinnerte Manipulation. Jedenfalls waren die Schuhe im Blickwinkel auffallend und eher grünlich und mit Absatz und mehr Riemchen als Schnalle, aber keine Stöckelischuhe! Das Trefferbild gibt sich dabei erst im Nachhinein klar zu erkennen. Horny zwar, doch nicht für mich. Noch nicht.

Something in the way

Die Gegenwart darf zeitlich ruhig ein wenig dislozieren damit sie richtig wirkt. Im Rückspiegel verklärt sich gern die Realität. Die vermeintliche Wirklichkeit wird frisch aufgeladen rasant durch den Zeittunnel retour geschickt, um als angehübschte Vergangenheit die Wahrnehmung alsbald neu zu übertünchen. Subjektivität nur Hilfsausdruck, Erinnerung in Zwangsehe mit Skepsis. Kaum verwunderlich, dass bei solchen Störimpulsen die Farben ins Schleudern geraten.

Das Lied ist aus

Retrospektiv kann aus nichts als Unwissenheit leichtfertig eine Schwärmerei gebraut werden – Zeitverschiebung quasi Hefe. Zur gepimpten Unwirklichkeit gesellen sich recherchierte Fans als Beifang aus sieben Richtungen. Korrekt: links rechts mit vorwärts rückwärts plus oben und unten dazu noch innen.

Ziegelstein oder Herz. Hauptsache Schmerz.

Musik ist Trumpf

Durch einen im heimischen Briefkasten überraschend vorgefundenen Hinweis einer Frau Dr. Sowieso aus Ludwigshafen wurde auf eine CD-Taufe hingewiesen. Die Frau Doktor blieb weiterhin unbekannt, doch der Inhalt des Couverts war vielversprechend. Die kultische Handlung war in Wiesbaden angesetzt und sollte deutsche Schlager aus den 20ern, 30ern, 40ern und 50ern des letzten Jahrhunderts im frischen Gewand präsentieren. Pflichttermin nur Hilfsausdruck, zumal es sich bei den Täuflingen um die langjährigen Favoriten Augst & Daemgen handelte, deren interessantes musikalisches Schaffen seit geraumer Zeit mit wachsender Begeisterung goutiert wird. Nach etwas Hirnen konnte mittels einer Prise vom glücklichen Umstand das Wochenende geplant werden und das Bahnabenteuer ab Zürich wurde wohlgemut und mit leicht kribbelnder Vorfreude angegangen.

So, wie das Meer, ist das Leben. Ewige Ebbe und Flut.

Nach einem kurzen Unterländer Zwischenstopp ging es weiter an Neckar und Rhein entlang in die hessische Haupt- und Kurstadt; heute gilt diese als eine der wohlhabendsten Gemeinden der Bundesrepublik. Zürich-Wiesbaden also reine Wohlfahrt, hehe. Von der Stadt selbst konnte aufgrund der anbrechenden Dunkelheit nicht all zu viel aufgesogen werden, die Zeit und das Ziel liessen keinen Bummel zu. Ausser einem zwitschernden Baum und den in D üblichen Randständigen in der Bahnhofsgegend blieb nichts hängen.

Dank gründlicher Recherche im Netz konnte das unbekannte Terrain einigermassen zielsicher angesteuert werden, nur dann, knapp vorm Aufschlag ging es fehl. Eine Dreier-Gruppe inklusive Rollstuhl, ein schwergewichtig schnaufender Ami und der von bereits zehnstündiger Reise etwas strapazierte Hobbyschweizer landeten am dunklen Stadtrand in einer Sackgasse. Alle Online-Pläne meinten übereinstimmend dass die Örtlichkeit zwar direkt vor uns läge, aber es gab einfach kein Durchkommen. Trübe herbstliche Nässe schlug bereits aufs Gemüt, als es nach einem geordneten Rückzug dann doch noch gelang korrekt einzufädeln und das Lokal des Glücks lag erleuchtet vor uns. Rollstuhlrampe gab es zudem.

Das Leben ist kein Tanzlokal

Von der Homepage bekannt war die Übersichtlichkeit des Jazzclubs art.ist, doch verblüffender weise war der Besucherandrang überhaupt nicht drängend. Nasowas, heute sind doch die Cracks da, die die sich seit geraumer Zeit am Liedgut der Deutschen abarbeiten und etliche Inspirationen mit ihren Interpretationen schufen, so dass manche der teils völlig überspielten ollen Stücke wieder richtig gut tönen.

Drinnen an der Kasse fast unverschämt günstige 14 Euro, vier für ein Glas Wein und – surprise, surprise – die ersten 10 Gäste des Abends erhalten die zu taufende CD gratis! Potzblitz, ja was ist das denn für ein herzliches Willkommen nach der Odyssee des Tages! Vorfreude plus mehr Freude quasi Freude im Quadrat.

Mit dem Glas Wein ging es in den kleinen Saal, um das Programmblatt genauer zu studieren. Aha, könnte den Abend weitestgehend mitsingend verbringen. Die Platznachbarin stimmte zu und war erstaunt, ob der weiten Anreise und offensichtlichen Fantums meinereiner. Die Plätze füllten sich langsam, doch mehr als 30 Personen zählte ich fast ungläubig nicht. Später meinte Marcel Daemgen, dass es besonderen Spass machte vor «handverlesen Publikum» zu musizieren.

Der mitproduzierende Redakteur vom DLF trat auf und gab die erklärende Einleitung. Es sei in den letzten 25 Jahren die siebte gemeinsame Einspielung und diese sei die brisanteste. Schlager meist schlüpfriges Terrain, aber Augst und Daemgen trügen dank Dekonstruktion und Intervention, durch eigene Betonung und freche Disruption ihren Teil dazu bei, die bekannten Gassenhauer im Hören neu zu erleben. Bloss seien deren Interpretationen eben nicht zum Mitsingen gedacht – autsch. Auferstanden aus Ruinen und Heile, Heile Gänsje also ohne mich. Schade eigentlich, doch aller Respekt gebührt den Künstlern des Abends, d’accord. Und die waren nicht nur zu zweit gekommen, also Stimme und Elektronik, sondern brachten mit Sophie Agnel am Flügel sowie Jörg Fischer am Schlagwerk geübte Könner mit. (Tipp: die Madame an den Tasten und Saiten tourt im November – ein immersives Klangereignis ist garantiert.)

Nach der erhellenden und zugewandten Einführung erschienen die Helden des Abends tatsächlich auf der kleinen Bühne. Locker bekannt waren sie bereits durch das eine oder andere Video. Oliver Augst mit längeren, leicht wirr getragenen Haaren, Marcel Daemgen wie üblich in seinem champagnerfarbenen Anzug. Frau Agnel, ach ja, die sprach vorhin frankophon an der Bar und der ebenfalls vorher schon gesichtete bärige Percussionist nahmen ihre Plätze ein.

Die Nacht, die man in einem Rausch verbracht, bedeutet Seligkeit und Glück

Mit «So oder so ist das Leben« wurde der Abend eröffnet, mit «Wenn ich mir was wünschen dürfte« gings weiter und im Anschluss dran rasant, rasant «Ich weiss, es wird einmal ein Wunder geschehn», heiligs Blechle, die gehen ja ran, Zwischenapplaus war zuvor verbeten worden. Knarzige Korg-Töne, krachendes Drum & Bass ausm Macbook, dazu das manipulierte Spiel am Flügel, Haarbürste, Murmeln etc., alles im Einsatz, Frau Agnel sass kaum, schon stand sie wieder mit der Hand an den Saiten, um donnernde Töne zu dämpfen. Der Percussionist schlug auf allerhand Metall, welches auf den Trommeln platziert wurde, blies ein direkt auf den Fellen aufsitzendes Trompetenmundstück, oha, freejazzig, es war laut, es war dreckig, es war akkurat und stimmig, trotz aller kakophonischer Einsprengsel. Oliver Augst wie immer leicht exaltiert, dabei knapp vor jedweder Peinlichkeit hielt tapfer durch und sorgte mit seiner Stimme für Eindringlichkeit. Es freute mich den heftigen Elektroniker beim sich freuen zusehen zu können, denn seinen innewohnenden Schalk hatte ich auf den diversen Tonträgern schon immer deutlich raus gehört. Dann brach doch der Applaus den Bann, als die Kapelle hineinsteigernd sich fast verlor und bei «Davon geht die Welt nicht unter» für wirklich ganz neue und pochend hämmernde Tonkaskaden sorgte und der kleine Club beinahe abhob. Surreal die Stimmung, die Schlager wurden exekutiert und standen doch immer wieder auf, «Heile, Heile Gänsje» und «Er heisst Waldemar» sorgten weiter für prächtige Stimmung, während ich derweil stumm mitsang und in einer Liedpause geschwind einen Schluck vom einst im Köpenicker Weinladen Kennen und Schätzen gelernten Corbière nehmen musste, um wieder einigermassen geerdet zu werden

Meine Güte, was für ein Tempo, was für ein Parforceritt durch die nicht immer allerhellsten Zeiten meines Geburtslandes. Der DLF-Redaktor Frank Kämpfer hatte dabei zu Beginn ganz deutlich betont:

Aus der Krisenwahrnehmung unserer Gegenwart strecken sich uns beredte Jahreszahlen deutscher Geschichte entgegen: 1923, 1933, 1943, 1953. Wir verstehen diese Spanne, die fast ein halbes Menschenleben umfasst, als einen historischen Block immenser Schreckenserfahrung – verbunden mit starker Verunsicherung und wiederholter Auflösung gültiger Normen und Werte. Eine unserer Thesen lautet: Eine bislang wenig beachtete, vielleicht gar ihre wichtigste Bewältigungsform sei die verzweifelte Suche nach Normalität. Im Namen ihrer „Re-Integration in die Normalität“ – so die US-amerikanische Historikerin Monica Black – blendete der Großteil der deutschen Bevölkerung das in jenen Jahrzehnten Durchlebte aus, verschwieg und verdrängte die in Krieg und nationalsozialistischer Herrschaft getätigten Erfahrungen, statt sie aufzuarbeiten und nicht der Folgegeneration zu übertragen.

Denn in uns allen liegt die Sehnsucht nach dem Einen

«Mutter, hast du mir vergeben», die Dietrich vor Augen. Eindringlich unter die Haut gehend, schwer aufatmend und dann der mögliche Disco-Knaller «Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da». Uff, gut gab es «Kauf dir einen bunten Luftballon» zum Programmende, der schön und ruhig richtig durchatmen liess. Ganz schön ramponiert und doch high war die rauschhafte Achterbahnfahrt nach 50 Minuten fast vorüber, bevor, ja ja, tüchtiger Applaus, dann doch die passende Zugabe mit «Das Lied ist aus» gegeben wurde.
Völlig geplättet brachte ich noch ein Grandios! zu meiner Sitznachbarin heraus, dann weiter Händewundklatschen und Bravorufen. Marcel Daemgen lud nach einer Beruhigungspause alle auf ein Glas Sekt ein und der Umtrunk wurde mit dem Toast «Musik ist Trumpf» eingeläutet. Zwei drei Worte des Lobes konnte ich an den eindrücklichen Oliver Augst richten, er lobte retour und dann hiess es schon wieder weiter gehts, da die Bahn kurz vor Mitternacht nicht ohne mich fahren sollte. Und die Musik fuhr ein ganzes Stück weit mit.

Reisegefährder

Ein erheblicher intoxinierter Fahrgast trug die Jeans beinahe in der Kniekehle. Mit sich führte er eine grosse Plastiktüte voller Bierdosen. Ringsum blieben die Sitze fast alle leer, während der laute und schwer verständliche Trinker permanent Selbstgespräche führte.

Völlig verständlich, dass der gute Mann sein überflüssiges Wasser sofort nach Ankunft in Zürich HB ganz ungeniert direkt auf dem Perron brünzelte. Reine Jahrhundertflut.

Interessant aber, wie vor dem inneren Auge mit zu Beginn noch etwas leichter Unschärfe allmählich das Bild von einem zünftigen Almabzug in schlichtem Schwarzweiss erschien.

Reines Welttheater

Das traditionsreiche Welttheater auf dem Klosterplatz in Einsiedeln feiert den 100sten, wobei – genötigt durch die Seuchenjahre – die Spiele um vier Jahre verzögert erst darum punktgenau im Jubiläumsjahr landen konnten. Ein Spielvolk von 500 Laien aus dem Ort agiert unter professioneller Anleitung den Sommer über vor der barocken und gewaltigen Kulisse der Klosterkirche der Benediktinerabtei. Angelehnt an das Werk von Pedro Calderón wird das einst streng christliche Lehrstück seit 1924 ungefähr alle zehn Jahre gegeben und dabei erst seit 2000 allmählich in etwas zeitgemässere Formen überführt, was nicht ganz ohne Reibungen geschieht, da das Kloster selbst ein gewichtiges Wort bei Planung und Durchführung mitzureden hat. Für die 2020 geplante Aufführung wurde Schriftsteller und Theatermacher Lukas Bärfuss engagiert, der quasi ausgehend von der Unmöglichkeit eines Welttheaters in heutiger Zeit trotz der Warteschleife eine eindrucksvolle Interpretation schuf.

Für die vorletzte Aufführung dieser Saison konnte noch geschwind ein Ticket ergattert werden und voller Vorfreude ging es in hoch in den Kanton Schwyz, zumal das spätsommerliche Wetter versprach ebenfalls mitzuspielen. Gleich beim Verlassen des Zubringerzuges wurde – hallo Kulturschock – die würzige Landluft mit diesem leichten, dem Städter fremden Odium von mindestens Tier bis frisch ausgebrachter Jauche vor der nahenden Regenzeit olfaktorisch deutlich.

Auf der Tribüne dann direkt neben meinem Platz eine Freiwillige von Arbeiter Samariter Bund Einsiedeln, die das Stück bereits achtmal unfallfrei sehen durfte und zur Dernière anderntags verdientermassen zur Belohnung einen Ehrenplatz in der Loge erhält. Wenn ich gross bin werde ich auch Samariter…

Ein König, ein Bauer, ein Reicher, ein Armer, die Schönheit und die Vernunft sind die ursprünglich vorgesehen Parameter des spätmittelalterlichen Stückes. Eben jene symbolhaft dargestellte Metaphern seien laut der Figur des Regisseurs – welcher in der heutigen Version quasi Gott ersetzt – nicht gewillt weiterhin mitzuspielen. Die Geschichte sei schlicht auserzählt und das Welttheater daher abgesagt heisst es lapidar. Ein Junge und ein Mädchen sind für die Rolle der ungeborenen Kinder eingeplant und daher über die kurzfristige Annullierung masslos enttäuscht. Das junge Mädchen möchte die Absage jedoch trotzig nicht akzeptieren, will unbedingt spielen und nur dank ihres unbändigen Willens sowie der gütigen Mithilfe einer harlekinesk die Welt verkörpernden Schauspielerin beginnt der Reigen dann doch noch. Die ehrwürdigen Protagonisten akzeptieren und nehmen ohne weiter mitzutun in ihrer den Kontrast zur Jetztzeit verstärkenden altertümlichen Kostümierung auf einer Seitenempore eine passive Zuschauerrolle ein, nur um im Verlauf des Abends eine(r) nach dem anderen abzutreten, um derart szenisch einen Punkt oder gar Rufzeichen zu setzen. Bemerkenswert: lediglich die Schönheit verweilt bis zuletzt im Stück und räumt ihren Platz nicht.

Das junge Mädchen wird im Verlauf des Stückes mehrmals durch jeweils ältere Versionen bis hin zur Greisin ersetzt und allen gemeinsam führt das Streben nach Glück, Macht, Reichtum und Schönheit durch Höhen und Tiefen bis zur finalen Erkenntnis der eigenen Endlichkeit. Der Kreis schliesst sich, als alle Versionen des Mädchens zusammen auftreten, die älteren Versionen vom Tod begleitet abtreten und nur das Mädchen unbedingt weiter «spielen» möchte und lautstark nach Spielkameradinnen ruft. Nach einer kurzen Pause bangen Wartens kommen schliesslich aus allen Ecken des riesigen Platzes Kinder angerannt und das Spiel beginnt so von neuem, endet aber an jenem Abend in einem grossen Finale aller Beteiligten.

Eine tolle und wichtige Rolle spielte bei der Aufführung Musik und Gesang, live von einer vorzüglichen Kapelle mit kompetenten Sängerinnen plus Chor vorgetragen. Licht und Sound weben ein dichtes Netz, Rauch- und Knalleffekte sowie aufsteigende weisse Tauben akzentuieren überraschend und geschickt die Handlung. Die Bildersprache rauschhaft: Aufmärsche mit roten Fahnen, Verslumung durch Verelendung, martialische Totalität durch Grössenwahn, Bilderstürmerei und Klosterraub, schockierende Kinderschändung und eigene Ignoranz – alles da und nichts bleibt unerwähnt. Welttheater halt und grandios nur Hilfsausdruck für das imposante Licht- und Schattenspiel vor und auf der klösterlichen Kulisse. Mehrfach sorgen auf einer Art Metaebene slapstickhaft auftretende Bühnenarbeiter im Lauf des Stückes für eine humorvolle Erdung.

Das Mysterienspiel in jener stark modernisierten Fassung war einfach phänomenal und die Spielfreude der Laien ansteckend. Wohltuend zudem, dass an einem eigentlich recht konservativen Ort eine progressive Weltsicht soviel Zuspruch finden kann; anscheinend gar kein Widerspruch in der Ruralität oder einer, welcher womöglich nur im bornierten Städter haust. Auch das anfänglich irritierende Odium war zum Ende hin gar nicht mehr spürbar, und so ging es doppelt immunisiert wieder runter ins Tal mitsamt den vielen glücklich verzauberten und dankbaren Festspielbesuchern in einer übervollen Südostbahn.

Danger in Luzern

Seit dem überwältigende Erfolg der deutlichen Ansage in «Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt» durch Danger Dan stand eben jener schon ziemlich lange nicht nur auf der eigenen Wunschliste; entweder ziemlich rasch ausverkauft oder aber terminlich und örtlich unpassend. Beim dritten Versuch hat es nun endlich geklappt und eines der letzten Tickets konnte ergattert werden. Die Vorfreude war riesengross, das Wetter prima und mit etwas zeitlichem Vorsprung konnte nun auch die architektonische Schönheit KKL näher in Augenschein genommen werden. Das freitragende Dach und der Balkon ganz oben stilvoll und mit schöner Aussicht aufs Alpenglühen. Wirklich eine kleine Preziose dieses Luzerner Konzerthaus!

Zur Einführung kokettierte der Kurator schon ein wenig mit seinem Publikum, als er aus dem bildungsbürgerlichen Blatt NZZ vorlas, welches ein sich dezidiert politisch äussernden Liedermacher auf einem Klavier-Fest als Fehlbesetzung hinterfragte. Zitat: «Ob das alles noch von der Idee eines traditionellen Klavierfestivals gedeckt ist, steht auf einem anderen Blatt.» Doch Igor Levit und Danger Dan hatten Heimspiel sowieso und Auswärtsfans waren quasi nicht zugelassen.

Das den Wert der Tradition so nicht unbedingt teilende Publikum betrachtete die kurze Lesung als muntere Auflockerung und quittierte mit lautem Lachen und ironischem Applaus.

Foto: © Patrick Hürlimann

Zunächst mit Solo-Programm alleine auf der Bühne, später dann mit einem engagierten Heck Quartett und noch etwas später, als der Liedermacher am E-Piano anscheinend nicht mehr weiter wusste, half der vom Publikum mit Igor-Rufen geforderten Edelpianist selber aus und zeigte, welche Töne aus den Tasten zu holen sind, wenn man Noten lesen kann. Denn das DER Unterschied – Levit hatte sogar einen Assistenten, der das iPad mit Ständer auf die Bühne brachte, von dem fleissig abgelesen wurde…

Foto: © Patrick Hürlimann

Daniel und seine Freunde lieferten – donnernd und bebend tobte der bis zum 4. Rang gefüllte Saal und fast alle machten mit, als Danger Dan darum bat die Handylampen zu einem Liebeslied aufleuchten zu lassen. ESC? Noe. Schlager kann auch Antifa.

Foto: © Patrick Hürlimann

Trotz aller professionellen Bühnenpräsenz liess Danger Dan in den Zwischenansprachen immer auch das menschliche und politische Ansinnen durchscheinen, besonders als von den Streichern eine sich gegen den Nazi-Terror richtende Komposition «Mein Vater wird gesucht» von 1935 musikalisch eindrücklich und berührend gegeben wurde. All das sicher keine Pose, sondern ernsthafte Haltung, wenn es weiter um rechte Rattenfänger, Sextouristen in Thailand oder den alles verzehrenden Kapitalismus wie in Ölsardinienindustrie ging.

Nach der zum Kafka-Jahr passenden Verwandlung und vollends glücklich berauscht rollte der äusserst gelungene Luzerner Abend noch selig mit im Zug retour nach Zürich.

Aber dann kommt die Angst so zu sein, wie du warst
Löst die Ängste aus deiner Vergangenheit ab
Du erinnerst dich nicht, aber ganz genau das
Was du bist, wolltest du nie werden, hast du gesagt
Die Angst so zu sein, wie du warst
Löst die Ängste aus deiner Vergangenheit ab
Eines Morgens wachst du auf in der Gestalt eines Käfers
Die Verwandlung kommt über Nacht


PS: Ein herzliches MERCI an den Fotografen Patrick Hürlimann, über den ich einige seiner schicken Bilder direkt vom Lucerne Festival erhalten konnte. Das natürlich Kirsche auf dem Sahnekuchen!

PPS: Vom Festival selbst gab es es für alle Gäste noch einen netten Rückblick auf Youtube.

 

Igor kanns

Zur Begrüssung hat Pianist und Kurator Igor Levit das Programm vom Luzerner Klavier-Fest kurz vorgestellt, nicht ohne besonderen Hinweis auf seinen ebenfalls politisch voll korrekten Bro, nämlich den gefährlichen Daniel, welcher am Sonnabend laut Levit nur wegen ihm sein einziges Solokonzert in 2024 spielen wird! Vermutlich wird zur Kunstfreiheit referiert und der Hobbyschweizer kann den konzertanten Vorsommer weiterhin livehaftig geniessen. Ob das Klavier eventuell mit Strom verstärkt wird, wird sich weisen dann.

Zum Aufwärmen der puren Handarbeiten am Eröffnungsabend gab es etwas Bach, gefolgt von einem hübschen Brahms-Konzert und nach der Pause die wirklich tolle Interpretation der 3. Sinfonie von Beethoven in der Klavier-Version von Liszt. Nach der gefühlvollen und heftigen viersätzigen Bearbeitung des Flügels schwappte der stehende Applaus nur so durch den Saal, Bravo-Rufe allerorten und auch sonst war für CH-Verhältnisse eine sehr ausgelassene Stimmung im Saal – alle waren hin und weg von der faszinierenden Darbietung eines wahren Könners.

Als Betthupferl gabs fürs artige Publikum noch den Mittelsatz aus der Pathétique-Sonate vom Beethoven-Zyklus zum sanften Runterkommen. Richtig wohltuend und mir war bereits vorher klar, dass der Igor zum Schluss noch einen Beethoven-Joker ziehen wird. Überragend gespielt Herr Levit!

Apropos, falls Nemo mit seiner Scheibe gewönne stünde mit dem KKL ein prima ESC-Austragungsort zur Verfügung, kleine aber feine Schuhschachtel mit überragender Akustik!

Schneeschub

Vor dem dräuenden Weltuntergang besser noch eine Genussrunde einlegen, dachte sich der Hobbyschweizer und nach erfolgreichem Wetter- und Routenstudium ging es zeitig los.

Der durch einen Kälteeinbruch ankündigte und eingetroffene Neuschnee bis auf 800 Meter motivierte für einen letzten Saisonausritt auf den wirklich empfehlenswerten MSR. Eine als eher schwierig bezeichnete Etappe sollte mit ca. 600 Höhenmetern im Dreiviertelkreis durch das Mythengebiet führen. Der Beginn war vielversprechend bei klarer Sicht und strahlendem Blau-Weiss, gut wurde die frühest mögliche ÖV-Verbindung in die Urschweiz gewählt. Der frisch gefallene Schnee war super angenehm, vor allem im Stolpern und Fallen – die Decke mit 50 bis 70 cm eben sanft gepolstert. Im Anstieg rann der Schweiss, die Sonne leuchtete (noch) strahlend und von den Bäumen gab es permanent Schneeduschen. Im hellen März immer wieder besonders beeindruckend das Glitzern und Funkeln der Kristalle im Gegenlicht. Magie nur Hilfsausdruck.

Auf einem Vorgipfel ein kleiner Werbehinweis auf Seniorenschlitten; eigentlich stünde ja der Grindelwalder «Velogemel» bereits länger zur Disposition, doch könnte die voraussichtliche 13. Monatsrente ebenso gut in einen bequemen Mythenrodel investiert werden. Mol luege.

Die letzten steilen Meter auf den Furggel waren aufgrund vom Trainingsrückstand etwas hart; glücklicherweise pappte der Schnee trotz Lawinenwarnstufe 3 ganz gut zusammen. Oben dann leider keine Aussicht, ausser einem kurzen Lichtblick auf die Urner Alpen war kaum etwas zu erspähen und der Grosse Mythen in der Nebelsuppe nun gänzlich ersoffen. Respekt und Bewunderung aber für den vergnügt schneebadenden Gipfelstürmer, der tatsächlich im T-Shirt und Barfuss seine Durchblutung tüchtig förderte. Als Warmduscher mutete derart Ritual schon etwas befremdlich an.

Mangels Aussicht ging es nach der benötigten Kalorienzufuhr bergab rasch weiter, allerdings kam immer mehr Hochnebel auf – gut hatte es hier und da deutliche Verkehrszeichen.

Beim queren der Skipisten war der spätsaisonale Frühsportler froh, dass fast kein Betrieb herrschte. Immer gut, wenn man mitten in der Woche auf Tour gehen kann. Vorbei an Bright Vader wurde alsbald die digitale Karte bemüht, da völlige Orientierungslosigkeit drohte.

In der Folge kam es zu einem Zusammenschluss mit einer ebenfalls die richtige Spur suchenden Mitläuferin und gemeinsam bewältigten wir das letzte Teilstück zur Rettungsgondel. Interessant sprach die Schwyzerin tatsächlich von Inner- und Ausserschweiz, dachte bislang diese Nomenklatur gäbe es nur im Wallis. Tja, Schweiz hobbytechnisch halt weites Feld. Jedenfalls wärmte das Bergrestaurant noch kurz und kräftig auf und offerierte überdies eine ganz neue und überraschende Idee: nämlich ein wenig nächtigen direkt vor Ort, gefolgt vom Aufstieg mit Stirnlampe zum Sonnenaufgang auf dem versoffenen Berg. Tönt prima immerhin.

Die Gondelfahrt hinunter ins Tal gab schloss das letzte Viertel des heutigen Kreises und in der Kabine gab es noch die Erzählungen eines über 80-jährigen Skifahrers, der mitschwebend von seinen Erlebnissen auf diversen 4000ern berichtete. Scheint als hielten Berge jung und die gut 10 Kilometer auf Schnee machten durchaus Spass und Lust auf mehr im Frühsommer dann. Die Partnerin vom Orientierungslauf brachte mich freundlicherweise rasanter als das Postauto runter ins Dorf, und die Mitbringsel aus Einsiedeln dann wie üblich von Walhalla, gleich vis-à-vis vom Bahnhof.