Der Spielfilm «Drii Winter» wurde in den Urner Bergen im Isental gedreht und weil der Regisseur ausschliesslich Laiendarsteller aus der Gegend einsetzt, wird die archaische Bergwelt und das Leben dort quasi ungekünstelt und direkt umgesetzt. Die tragische Liebesgeschichte wird episodenhaft von einem an antike Schauspiele erinnernden Chor gerahmt. Dieses im Folklore-Outfit auftretende Vokalensemble intoniert auf schönstem Schwyzerdütsch tieftraurige Lieder bis hin zur Todessehnsucht vor einem landschaftlich zwar immer pittoresken, aufgrund von Schneegriesel, fallendem Regen und nackten Fels gleichwohl zunehmend Kälte vermittelnden Hintergrund. Eleganter Kunstgriff, Respekt.
Oh baby, don′t hurt me
Eine Erkrankung lässt die Handlungen des zugezogenen Knechts vermehrt unberechenbar und gefährlich werden, so dass dieser aus der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen wird. Sowieso gehört man üblicherweise erst zum Dorf, wenn man drei Winter (!) zusammen verbracht hat. Erst dann ist man akzeptiert. Durch den wiederholten Einspieler des Euro-House-Megahits «What is love?» von 1993 wird das Mundartliche gleichsam gebrochen wie die kritische Frage nach der Belastbarkeit von Liebe gestellt. Es ist verblüffend zu sehen, wie die Laienschar selbst heikle Szenen souverän meistern. Der Regisseur muss sich im Vor- und Verlauf viel Vertrauen erarbeitet haben, sicherlich begünstigt durch die bekanntlich eher offene und zugewandte Art der Ürner.
Don′t hurt me no more
Ein bei aller Schlichtheit ziemlich tiefgründiger Film, der ausgesprochen gut zur kargen Landschaft passt. Persönlich eindrücklich, da bekannte Gesichter auftauchen; besonders rührend ein Kurzauftritt vom Gitschener Ureinwohner Sepp, in gewisser Weise eine Art filmischer Unsterblichkeit. Ohnedies drängte sich die eine oder andere Träne in die Augen – doch das muss dramaturgische Absicht (Drii, Falschbeschuldigung, Fenster für Seele öffnen) gewesen sein. Ein Film als wahres Goldstück.
186 Kilo pures Gold waren für 14 Stunden unter freiem Himmel in Zürich zu bewundern. Ein kniehoher 12-Millionen-Franken-Würfel lockte Flaneure, Neugierige und FOMOs an: Schnappschüsse, Selfies, betatscht, beäugt, geteilt und manch einer wollte sich sogar draufsetzen. Aber vier Seiten vier Wachen wie bei toter Queen und Securitas versteht keinen Spass. Der Künstler Niclas Castello sagte mir bislang nichts und das achteckige goldene Kalb wollte mir auch nichts sagen. Dass das etwas vulgäre Werk von der Glockengiesserei Rüetschi gefertigt wurde, amüsierte immerhin.
«Fühlt sich an wie Plastik!» entfuhr es einer Kundin, «Aber schön warm!» entgegnete ein anderer. Dem kindischen Begrapschen widerstand ich aufgrund der offensichtlich akuten Ansteckungsgefahr vom legendären Goldfieber tapfer und wiegte derweil beim Abschied meine Gedanken leicht versonnen im Takt von good old Goethe…
Was hilft Euch Schönheit, junges Blut? Das ist wohl alles schön und gut, Allein man lässts auch alles seyn; Man lobt Euch halb mit Erbarmen. Nach Golde drängt, Am Golde hängt Doch alles. Ach, wir Armen!
Zwar ist auch in Uri seit einigen Jahren der Einfluss der katholischen Kirche stark zurück gegangen, doch einzelne christliche Riten und Gebräuche werden weiterhin gepflegt. So werden heute noch auf den meisten Urner Alpen kurz nach Alpaufzug die Älpler mit ihren Familien, die Weiden, das Vieh und die Gebäude von einem Priester gesegnet und unter den Machtschutz Gottes gestellt. Weiterhin zur liebevoll gepflegten Tradition gehört der Betruf. Jeden Abend ruft ein Älpler – neuerdings gelegentlich auch eine Älplerin – den einstimmigen Sprechgesang in einem mundartlich gefärbten Hochdeutsch durch die Volle, einen hölzernen Milchtrichter. Text und Melodie sind von Alp zu Alp verschieden. Der Älpler bittet jeweils Gott, Jesus, den Heiligen Geist, die Gottesmutter Maria und ausgewählte Heilige wie die Bauernheiligen Antonius, Wendelin und Bruder Klaus um den Schutz für alle Lebewesen auf der Alp. Der Betruf muss von einer Anhöhe aus möglichst laut gesungen werden. So weit die Stimme des Älplers reicht, soll auch der Schutzbann gelten.
Der goldene Ring über Uri
1941 erschien in Uri ein 330-seitiges Buch, das zwar zu den berühmtesten Schriften über Uri gehört, das aber wohl von den wenigsten von Anfang bis Ende gelesen wird. Es handelt vom Magischen und Animistischen im Erleben und Denken der Urner Bevölkerung. Das Buch trägt den Titel «Goldener Ring über Uri», verfasst vom Arzt und Volkskundler Eduard Renner (1891–1952). In einer poetisch verdichteten Sprache beschreibt Renner ein Weltbild, das weit in die Vorzeit zurückreicht und sich über Jahrhunderte zum Teil bis in die heutigen Tage gehalten hat. Der Kernpunkt dieses – nach Renner magischen – Weltbilds ist die Überzeugung, dass nichts festgefügt ist. Alles kann sich unerwartet verändern, auseinander fallen und sich in neuer Gestalt wieder zeigen. Steinschlag, Bergsturz oder Lawinen können über Nacht saftige Alpweiden in Steinwüsten verwandeln. Ein sicher geglaubter Strahlenfund kann sich anderntags in Nichts aufgelöst haben. Und der erlegte Gämsbock entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Frauenrock. Doch es sind nicht unfassbare Dämonen, die Ding und Welt immer wieder tückisch verändern. Dies zu glauben, verbietet dem strenggläubigen Urner die katholische Kirche. Es ist ein namen- und formloses «Es», worin sich all dieses Unsichere und Unfassbare verdichtet. Frevelt der Mensch, indem er Brauch und Ordnung verletzt, gewinnt dieses «Es» Macht über ihn. Nur indem er die Dinge so nimmt, wie sie sind, sie sorgfältig bewahrt, nicht verändert und sich streng an Herkommen und Brauchtum hält, kann er der Haltlosigkeit seiner Umwelt Einhalt gebieten. Um dies zu erreichen, muss er selbst Haltung bewahren, sich nichts anmerken lassen – im viel gerühmten urnerischen «Nyt derglychä tüä» verharren. Zu Hilfe kommt ihm dabei der Bann, der im Gegensatz zur Zauberei ausdrücklich erlaubt, ja geradezu geboten ist. Nur indem der Mensch um sich einen Bannkreis, einen Ring, zieht, kann er diese unstete Welt festigen. Aus diesem Grund versammelten sich die Bürger auch in einem Ring zur Landsgemeinde. Seinen wohl grossartigsten Ausdruck findet dieser Ringgedanke im Betruf, mit dem der Älpler eine Art Schutzwall um Herde, Hütte und Weide aufrichtet und alles Unheil bannt, so weit seine Stimme reicht.
Benjamin Dubno, Chefarzt der Integrierten Psychiatrie Winterthur, diagnostiziert:
Ich glaube, für viele Menschen haben Verschwörungstheorien eine Funktion. Und sie funktionieren eigentlich mit ihr fast besser als ohne. Deshalb ist eine reine Pathologisierung schwierig. Die Leute leiden eigentlich an der Realität, aber durch das Konstrukt leiden sie weniger.
Als erstes «offizielle» Kunstwerk auf dem Mond wird das Werk von Sacha Jafri deklariert, welches zum Ende des Jahres auf dem Mond platziert werden soll. «We Rise Together – with the Light of the Moon» ist eine güldene Plakette, welche als digitale Kopie in Form von NTFs auch auf der Erde versilbert werden soll.
Die erste künstlerische Hinterlassenschaft auf dem Erdtrabanten bleibt jedoch Paul van Hoeydoncks «Fallen Astronaut», welche 1971 in Gedenken an die tödlich verunglückten Opfer der Raumfahrt durch die Apollo-15 Mission auf dem Mondboden installiert wurde. Und sogar noch etwas früher, nämlich zur zweiten Mondlandung im November 1969 soll bereits das erste «Dick Pic» den Mond besucht haben.
L’enfer, c’est les autres oder Die Hölle, das sind die anderen beruht auf der Philosophie Sartres, dass wenn man einzig wäre, quasi nur existiert und keine Essenz gebildet hat, es kein Falsch oder Richtig gäbe, da man nur selbst als Befrager auftritt. Für das Ichgefühl und die Identität scheint alles im Reinen, doch was, wenn man Erfahrungen sammelt und beginnt Dinge zu tun, die von den Anderen als Falsch und Richtig reflektiert werden? Die Selbstzweifel wachsen und mehren sich, da die widersprüchliche eigene Existenz nun eine Essenz ausbildet und das Ich so dauerhaft in der Kritik steht.
Der Satz «Die Hölle, das sind die anderen» stammt aus dem nach der Befreiung 1944 in Paris uraufgeführten Theaterstück «Geschlossene Gesellschaft» von Jean-Paul Sartre, der darin auch seine Eindrücke als Kriegsgefangener verarbeitet. Sartre zeigt drei in einem Raum eingeschlossene Menschen, die bereits verstorben sich auf ewig nicht entkommen können und gegenseitig das Leben zur Hölle machen. Die Grausamkeiten, die Menschen sich und anderen antun können und antun, sind kaum auszumalen und kaum auszuhalten. Obschon die Insassen aufgrund ihres miserablen Vorlebens völlig zurecht davon ausgehen können in der Hölle gelandet zu sein, erschaffen sie selbst erst die schiere Hölle.
Die Quintessenz aus Sartres Werk ist: wer zu begreifen versucht wer man ist oder wer man sein will, wird sich stets auf die Meinung und Kritik Anderer beziehen – ob dies jedoch das Ich zufriedenstellt bleibt fraglich.
TV-Star Shaun the Sheep wird bei der Artemis 1 Mission als ESA-Astronaut teilnehmen.
Zusammen mit Helga, Zohar und Moonikin Campos wird das mediale Schaf die erste Besatzung bilden, welche seit 50 Jahren einen Testflug zum Mond und zurück unternimmt. Das nächste Startfenster für die Probefahrt öffnet sich am kommenden Samstagabend für zwei Stunden [edit 3.9.22: und schloss sich, da ein aufgetretendes Leck im Wasserstofftank zwar lokalisiert, aber nicht behoben werden konnte. Next try sometime.]
Bei den eidgenössischen Meisterschaften im Erdöpfel-Weitwurf siegte ein Schwyzer mit der Weite von immerhin 3,72 Metern. Sämtliche Konkurrenten im Stossen mit der Riesen-Kartoffel lagen stattliche 11 Zentimeter und mehr dahinter. Der Schweizer Rekord von 4,11 Meter blieb indessen unangetastet und klar ausser Reichweite der antretenden Titanen.
In der Gunst der Connaisseure noch etwas höher angesiedelt ist der Paartanz-Wettbewerb. Hier triumphierte ebenfalls die Innerschweizer Delegation, diesmal jedoch die Dependance aus dem Entlebuch. Schlussendlich machten die vor einem begeisterten Publikum gezeigten technischen Finessen, fein gepaart mit vollendet einstudierten höchsten Schwierigkeiten, den knappen jedoch verdienten Unterschied im Sägmehl.
Die wie meist ziemlich starke Konkurrenz zeigte beim diesjährigen Turnier nichtsdestotrotz durchgängig eine beeindruckend fantastische Körperbeherrschung und durfte – dank ihrer einfallsreichen und in nahezu synchroner Perfektion präsentierten Ausdruckstänze – noch bis zum Final auf einen eventuellen Gleichstand in der Endabrechnung hoffen.
Mannfrauherr. Kaum werden harmlos bloss halbnackte Männerbilder im Netz gepostet, schon klopft die eifrige Computerpolizei via Gmail-Adresse an. Honi soit qui mal y pense.
Der zeitgenössische Feschismus (à la Trump, Putin, Erdoğan, Orbán, Kurz) wird gemäss Birgit Sauer durch eine autoritär populistische Rechte moduliert, welche geschickt die neue maskulinistische Konjunktur befeuert, um ihr hegemoniales und anti-demokratisches Projekt durchzusetzen. Dabei beabsichtigt und nutzt sie gerade den (Tabu-)Bruch mit der politischen Kultur. Starke Männlichkeit v. a. aber auch diversifizierte Facetten von Maskulinität (Höckes «wehrhafte Männlichkeit») stellen ein zentrales Element der widersprüchlichen rechten Kultur dar.
Feindbild Transformation
Konjunktur hat Feschismus aufgrund neoliberaler, sozialer und ökonomischer Transformationen, wie die Prozesse von Globalisierung, Migrationsbewegungen, Erwerbsintegration von Frauen und der partiellen Erosion vom männlichen Familienernährer-Modell inklusive des damit zusammenhängenden brüderlichen Staatskompromisses sowie der Anerkennung von Geschlechtergleichheit.
All dies wird im rechten Diskurs von agitierenden Bewegungen, welche ein Bild der Bedrohung von Gesellschaft und Kultur, von Nation und Staat kreiren, zu einem Krisen- und Bedrohungsszenario aufgebaut. Gleichzeitig wird die Feminisierung von scheinbar schwacher Führung durch das Diktum, dass ein Volk halt starke mannhafte Führung benötige, suggeriert.
Angst vor Kontrollverlust
Jene Entwicklung mündet aber in schierer Identitätspolitik: Männer nehmen sich als Opfer (von Gleichstellungspolitik, Frauenförderung, Scheidungsrecht, genereller Femisierung der Gesellschaft, der «anderen» Sexualität) wahr und artikulieren die Gefährdung bzw. den Verlust von Männlichkeit. Die autoritäre Rechte mobilisiert darüber Unsicherheit und Angst und steigert sich in dem Narrativ vom Verlust der Kontrolle über das eigene Leben. Stichwort Incel.
Maskulinität als Populismus versteht sich offen als blosse Verkörperung des Volkswillens und verachtet Liberalität und Demokratie. Populismus an der Macht wird jedoch selbst immer zur Elite verwandelt, politisches Establishment, Classe politique, ohne sich als solche wahrzunehmen – daher wird ein permanenter Wahlkampf gegen den wahren Volksfeind geführt. Die hoch politisierte Aussenpolitik steht derweil im völligen Gegensatz zur eigenen Lebensrealität (siehe wirtschaftliche Probleme in UK ohne Fremdarbeiter, der Westen als Hort der Unmoral) und ist meist nationalistisch ausgerichtet. Ein notorisch überzeichnetes Männerbild birgt somit erhöhtes Konfliktpotential, dessen inhärente Auflösung leider nur mehr eruptiv vorstellbar erscheint.
Aufstehen um 4.45, Abmarsch Züri 5.30, kurz vor 8 Uhr am Startplatz eine Bahn-Station vor Engelberg/NW. Die sommerliche Herausforderung bestand im Übergang von Nidwalden nach Uri. Als erschwerendes Hindernis lag der 2400 Meter hohe Brisen zwar nicht gerade am Weg, schien aber vom Sofa aus durchaus machbar. Also zunächst sechszehnhundert hoch gefolgt vom Abstieg über ein auf 2100 gelegenes Joch, dann weiter runter auf 1600 Meter ins Hochtal. Falls Wetter oder Tagesform nicht hold sein sollten, führte die Alternativroute über ein kleineres Joch ohne Zusatzberg.
Lift off
Der Treck war taktisch und strategisch gut geplant, Swisstopo auf alle Eventualitäten programmiert und das Wetter im Startfenster mehr als günstig. Überdies stand zur Vorfreude eine Übernachtung auf Gitschenen an, damit der Alpsegen anderntags völlig zu Recht entgegengenommen werden konnte. Langsam und gemächlich der Beginn, auf dem Programm null Bergbahn heute, tutti per pedes und das geschmeidige Reinkommen im Anstieg immer vorentscheidend. Überschreiten der Weideflächen mit stets respektvollen Abstand zum massigen Rindvieh. Obschon keine Mutterkühe gesichtet wurden, war die Lage nicht immer übersichtlich. Unausweichliche Kollision in der Hochzeit von Weiden und Wandern. Daher Vermeidung allzu intensiven Augenkontakts und dafür Aktivierung sämtlicher Chakren im Hinterkopf und Rücken. Auf Nachfrage an ein lokales Wandergespann sollte der Abstieg auf der Urner Seite schneefrei sein; das wäre schön – besser keine Schneefelder im Juni! Die Auskunft gebenden haben übrigens mehr Respekt vor den Hirtenhunden der Schafherden, weil die wegen zunehmendem Wolf aggressiver abgerichtet werden. Natur pur.
Nach einer ausgiebigen Rast mit hybschen Blick auf den schneebedeckten Titlis folgte dann der Schlussgang auf dem quälend langen und steilen Zickzackweg hinauf zum Wanderhighway Haldigrat. Von links kommen recht entspannt all die vielen Gondelfahrer, die sich von Niederrickenbach hochkutschieren liessen. Von rechts die früher aufgestandenen Bergfahrer schon wieder retour. Die frischen Böen aus der Richtung Sinsgäuer Joch häuften sich, jawohl – Vorhersage von Meteo Blue lag eindeutig richtig mit der Zunahme von Wind zum Mittag hin.
Orbit Injection
Bei bereits gut 25 Grad am späten Vormittag war der Gang zum Gipfel ein schweisstreibendes Unterfangen, die Sauerstoffversorgung eingeschränkt und die Geschwindigkeit erinnerte an die letzten Meter beim Pilatus. Durch jene Erfahrung reicher war die Gewissheit der Überlegenheit von Stetigkeit über Geschwindigkeit eingepreist und wurde genau so auch umgesetzt. Fremdsprachige Wandertouristen in Turnschuhen verwunderten kaum; am Montag kann man in der Zeitung lesen, wie viel unvorsichtige Spinner im alpinen Gelände wieder ihr Leben leichtfertig riskierten und sinnlos verloren.
Energiezufuhr dank der Lektion Drachenberg geregelter als auch schon. Nach dem gnadenlosen Zickzack etwas Ernüchterung; einerseits wegen der schmierigen Fernsicht, andererseits wegen der Massen an Mensch, die sich auf dem schmalen Pfad und dennoch Rennstrecke alldieweil in die Quere kamen. Sowieso: das Ziel steht im Weg. Die Familie mit drei kleinen Kindern liess ich generös überholen, wobei die mangelnde Höhenform als schwer schnaufender Hobbybergler ehrlich eingestanden wurde. Ein junges Pärchen gab sich geschlagen, keine 200 Meter vor dem Ziel – ja, es war verdammt heiss, bereits nahe 30 Grad mittags auf über 2200 Meter! Sicher ein Vernunftentscheid, da ich der weiblichen Hälfte Unsicherheit und fehlende Trittsicherheit schon eine geraume Weile ansah und sie auch die einzigen waren, welche ich beim Kampf hinauf überholte. Schritt für Schritt weiter hoch Richtung Brisen, kurze Atempause, Geschichte wird gemacht, jetzt bloss nicht überpacen und die letzten steilen Meter dann wie zur Belohnung über verblüffend blütenreichen Fels.
Swing-by
Oben recht stürmisch und böig und das kleine Gipfelplateau gefüllt bis zu viel des Guten. Überraschend viele Insekten dort, manche labten sich am Schnee. Bringen Leute wirklich Schnee ans Gipfelkreuz? Warum so viele Insekten gerade dort? Warten die auf Futter? Bienen, Hummeln, Bremsen, Fliegen, Kleine, Grosse – alles da.
Nur ein kurzes Verschnaufen, denn das Ziel im gelobten Land lag nun immerhin in Sichtweite. Freude pur, weil so wurde der Trip zuvor ausgedacht und schön ausgemalt – GENAU SO! Also fast so, weil Malen mit Schweissperlen schon anderes als Sofa. Etwas getrübt wurde der Blick angesichts der nicht prognostizierten aber augenscheinlichen Schneefelder…
Rücksturz
Beim Abstieg eine Wanderin mit motivierendem «Ich habe Bergfieber»-T-Shirt. Yo, «Fever if you live you learn». Sie war sich des Blickfangs gewahr, wie sie auf Nachfrage direkt zugab und trug diesen nur deshalb. Links am Bruder Hoch Brisen vorbei und zu Beginn des Abstiegs galt es gleich ein Schneefeld im 45 Grad geneigten Hang zu queren. Na prima, tastend weiter direkt in den Fussstapfen der Vorgänger mit beidseitigem Stockeinsatz, Berg kurz, Tal lang. Hier abzurutschen wäre schon blöd irgendwie. Und passieren nicht die meisten Bergunfälle erst nach dem Gipfel? Zudem war die Markierung auf der Nidwalder Seite um eins zwei Klassen farbenfroher als bei den Urnern. Und tatsächlich etwas verfranst im Gelände, Kopf zu tief, doch bei guter Sicht sind solch kleine Umwege kein allzu grosses Problem. Beim Steinalper Jochli ein weiterer Wegweiser, welcher wiederum direkt in ein unberührtes Schneefeld wies. Somit war der Pfad schlicht nicht erkennbar; offensichtlich der Erste hier, der sich traute oder dessen Zielgebiet ein anderes war. Eigenmotivation und gutes Zureden im Selbstgespräch halfen die Konzentration stabil zu halten und nach einem Gang wie auf rohen Eiern (hält die Decke? Wie fallen lassen falls alles ins Rutschen kommt?) dann wieder im gerölligen Fels den Weg mehr erahnt als erkannt.
Noch etliche kleinere Schneefelder folgten auf dem serpentinenartigen Weg nach unten, machte nicht wirklich Spass und auch der Schutt war mehr als rutschig. Dazu die frischen Felsabrüche überall, die wie Geschosse auf dem Altschnee lagen, wobei man die Abdrücke und Spuren vom Ausrollen noch gut sah. Da geht was, hoffentlich nicht gerade heute und mit mir. Ein respektvoller Blick auf die überhängenden Bergwände und die Vorstellung von Steinschlag gebar ein mulmiges Gefühl rund um den Bauchnabel. Bewusstes Atmen und die fast absolute Stille taten ihre hypnotische Wirkung, noch musste das Endorphin warten. Die funkenden Neurotransmitter suggerierten im völligem Alleinsein eine unwirkliche Metasphäre inmitten der schroffen und doch so majestätischen Bergwelt. Existenzielle Fragen kamen und gingen, Tritt für Tritt.
Happy Landing
Kurz vor dem Geissboden war die Erleichterung, es bald geschafft zu haben schon ziemlich gross, das permanente Rutschen und Stolpern beim Abstieg hatte langsam ein Ende, nun da die grasbewachsenen Weiden näher kamen. Potzblitz – ein Murmeli wartete auf meine Ankunft vor seinem Bau, weil Wind von vorne günstig für Sichtung vom pfiffigen Tier. Leider kein Teleobjektiv eingepackt.
Zugegeben, etwas unscharf. Aber schemenhaft dann doch Joken!
Zum Schluss war es ein nur noch ein zähes Ringen, die Dusche mega erlösend und das mehr als Volltanken vor der Dopingkontrolle dringend nötig. Die Glückshormone aber waberten. Der Gitschenen Burger nach Älplerin Art wurde vom Sauren Most begleitet und wir alle zusammen unternahmen noch ein kleines Auslaufen zur Alp im Sulztal, wo der Betrufer Beat Burch seit 30 Jahren allabendlich sein Ave in die Bergwelt ruft. Intensiv und eindrücklich der urchige Sprechakt mitten unter Rindern und Kühen. Ein aufrichtiges Mercivielmal inklusive Händeschütteln – das war ein kaum zu krönender Ausklang des Tages. Der tiefe Schlaf sollte gewiss sein, zumal das Seeing etwas bescheiden war, Sterne fast nix wegen aufziehender Schleierwolken. Auch hier lagen die Wetterpropheten von Meteo Blue wieder goldrichtig. Schad drum.
The day after
Am Sonntag dann Alpsegnung. Wasser und Salz wurden gesegnet und alle Anwesenden von Pater Michael tüchtig mit Weihwasser besprenkelt. Er benutzte etwas mehr, da es so heiss war. Die Leute haben sich gefreut und die Jodeldamen gerne noch eine Zugabe gegeben. Nett auch, dass nicht nur die Menschen, die in den Bergen leben und arbeiten, sondern alle Berggänger ins Gebet und den Segen eingeschlossen wurden – das nahm ich gerne persönlich!
Am Grillplatz Teilete mit zwei Geschwistern aus Altdorf. Für die war ich genau jener Exot, für den ich mich auch hielt. Das Glück flutete immer noch sämtliche Körperzellen und daher wurde beschlossen, den Abstieg nach St. Jakob über die Alp Bolgen zu machen, die allemal interessantere und abwechslungsreichere Version als der Fahrweg. Frisch gesegnet wartete an der Talstation noch ein Kalenderspruch für alle Wandersleut:
Erhitzt, geschafft und immer noch mächtig high bringt mich das Poschti wieder runter. Im Zug zurück robbt sich dann doch langsam die Müdigkeit heran, aber immerhin waren die Retourfahrer vom Innerschweizer Jodel- und Älplerfest ein lustiger Augenschmaus in ihrer Deko. Zuhause dann den Rest vom Proviant im Rückblick genossen, wo in beiden Fällen gilt: Mehr ist Mehr.
Auf der diesjährigen Generalversammlung vom Kapellenverein Gitschenen wurde unter anderem der Bettruf thematisiert, Matratzen aber sollten im Fall selbst mitgebracht werden. Vermutlich würde solches der Bann-Ruefer geschickt mit einem Weckruf kontern. Beim vorgängigen Gottesdienst mit Pater Michael wurde ebenfalls viel gelacht, weil dieser mindestens einen Clown zum Zmorge hatte und tatsächlich die Gemeinde zu weniger Glauben aufrief. Zumindest etwas weniger als ein Senfkorn – verstehe einer die Katholen.
Beim anschliessenden Kontrollgang auf dem Hochtal mussten dank Klimawandel nur vereinzelt Restschneefelder gequert werden, um den Brennholzbestand an der Grillierstation zu überprüfen. Gut gab es nur mehr zwei Tessiner Rosé zum Apéro, weil im Gegensatz zu winterlichen Bedingungen einerseits ein Sturz weniger gedämpft wird und andererseits der Gleichgewichtssinn beim Speed-Hiking nach Augenmass möglichst dem einer Gämse (bei Auf- wie Abfahrt je eine im Steilen gesichtet, Gruss an Joken!) gleichen sollte, ignoriert man tapfer zudem alle Pfadmarkierungen.
Es kam zu keinerlei Beanstandungen – für die Grillsaison auf 1600 Meter scheint alles parat. Auch Älpler, Tor und Foifer weilen weiterhin an ihrem angestammten Platz, nur der Öhi-Sepp wurde leider verlegt. Er war es immerhin, der einst das Tor mir wies und nun unter heimatlich geschnitzter Berglandschaft nebst Bauernhof friedlich ruht.
Der eher zufällig aufgefundene Landschaftsroman fand jedoch kein Ende, da die Folgebänke fehlen und die Künstlerin eine Anfrage bislang nicht mittlerweile beantwortet hat. Die Plaketten seien bis (auf eine) wieder entfernt worden, da es sich um eine temporäre Intervention gehandelt habe. Umso schöner hat ein Teil des Romans überlebt und mit etwas Fantasie und Musse lassen sich bestimmt Fortsetzungsbänke an anderen Orten finden. Tatsächlich gefunden wurden neue frische Bärenspuren im schönen wilden Isenthal, wo doch der letzte Urner Bär längst erlegt worden sein soll…