Fescher Ismus

Der zeitgenössische Feschismus (à la Trump, Putin, Erdoğan, Orbán, Kurz) wird gemäss Birgit Sauer durch eine autoritär populistische Rechte moduliert, welche geschickt die neue maskulinistische Konjunktur befeuert, um ihr hegemoniales und anti-demokratisches Projekt durchzusetzen. Dabei beabsichtigt und nutzt sie gerade den (Tabu-)Bruch mit der politischen Kultur. Starke Männlichkeit v. a. aber auch diversifizierte Facetten von Maskulinität (Höckes «wehrhafte Männlichkeit») stellen ein zentrales Element der widersprüchlichen rechten Kultur dar.

Feindbild Transformation

Konjunktur hat Feschismus aufgrund neoliberaler, sozialer und ökonomischer Transformationen, wie die Prozesse von Globalisierung, Migrationsbewegungen, Erwerbsintegration von Frauen und der partiellen Erosion vom männlichen Familienernährer-Modell inklusive des damit zusammenhängenden brüderlichen Staatskompromisses sowie der Anerkennung von Geschlechtergleichheit.

All dies wird im rechten Diskurs von agitierenden Bewegungen, welche ein Bild der Bedrohung von Gesellschaft und Kultur, von Nation und Staat kreiren, zu einem Krisen- und Bedrohungsszenario aufgebaut. Gleichzeitig wird die Feminisierung von scheinbar schwacher Führung durch das Diktum, dass ein Volk halt starke mannhafte Führung benötige, suggeriert.

Angst vor Kontrollverlust

Jene Entwicklung mündet aber in schierer Identitätspolitik: Männer nehmen sich als Opfer (von Gleichstellungspolitik, Frauenförderung, Scheidungsrecht, genereller Femisierung der Gesellschaft, der «anderen» Sexualität) wahr und artikulieren die Gefährdung bzw. den Verlust von Männlichkeit. Die autoritäre Rechte mobilisiert darüber Unsicherheit und Angst und steigert sich in dem Narrativ vom Verlust der Kontrolle über das eigene Leben. Stichwort Incel.

Maskulinität als Populismus versteht sich offen als blosse Verkörperung des Volkswillens und verachtet Liberalität und Demokratie. Populismus an der Macht wird jedoch selbst immer zur Elite verwandelt, politisches Establishment, Classe politique, ohne sich als solche wahrzunehmen – daher wird ein permanenter Wahlkampf gegen den wahren Volksfeind geführt. Die hoch politisierte Aussenpolitik steht derweil im völligen Gegensatz zur eigenen Lebensrealität (siehe wirtschaftliche Probleme in UK ohne Fremdarbeiter, der Westen als Hort der Unmoral) und ist meist nationalistisch ausgerichtet. Ein notorisch überzeichnetes Männerbild birgt somit erhöhtes Konfliktpotential, dessen inhärente Auflösung leider nur mehr eruptiv vorstellbar erscheint.

Bräsige Böen beim Brisen

Countdown

Aufstehen um 4.45, Abmarsch Züri 5.30, kurz vor 8 Uhr am Startplatz eine Bahn-Station vor Engelberg/NW. Die sommerliche Herausforderung bestand im Übergang von Nidwalden nach Uri. Als erschwerendes Hindernis lag der 2400 Meter hohe Brisen zwar nicht gerade am Weg, schien aber vom Sofa aus durchaus machbar. Also zunächst sechszehnhundert hoch gefolgt vom Abstieg über ein auf 2100 gelegenes Joch, dann weiter runter auf 1600 Meter ins Hochtal. Falls Wetter oder Tagesform nicht hold sein sollten, führte die Alternativroute über ein kleineres Joch ohne Zusatzberg.

Lift off

Der Treck war taktisch und strategisch gut geplant, Swisstopo auf alle Eventualitäten programmiert und das Wetter im Startfenster mehr als günstig. Überdies stand zur Vorfreude eine Übernachtung auf Gitschenen an, damit der Alpsegen anderntags völlig zu Recht entgegengenommen werden konnte. Langsam und gemächlich der Beginn, auf dem Programm null Bergbahn heute, tutti per pedes und das geschmeidige Reinkommen im Anstieg immer vorentscheidend. Überschreiten der Weideflächen mit stets respektvollen Abstand zum massigen Rindvieh. Obschon keine Mutterkühe gesichtet wurden, war die Lage nicht immer übersichtlich. Unausweichliche Kollision in der Hochzeit von Weiden und Wandern. Daher Vermeidung allzu intensiven Augenkontakts und dafür Aktivierung sämtlicher Chakren im Hinterkopf und Rücken. Auf Nachfrage an ein lokales Wandergespann sollte der Abstieg auf der Urner Seite schneefrei sein; das wäre schön – besser keine Schneefelder im Juni! Die Auskunft gebenden haben übrigens mehr Respekt vor den Hirtenhunden der Schafherden, weil die wegen zunehmendem Wolf aggressiver abgerichtet werden. Natur pur.

Nach einer ausgiebigen Rast mit hybschen Blick auf den schneebedeckten Titlis folgte dann der Schlussgang auf dem quälend langen und steilen Zickzackweg hinauf zum Wanderhighway Haldigrat. Von links kommen recht entspannt all die vielen Gondelfahrer, die sich von Niederrickenbach hochkutschieren liessen. Von rechts die früher aufgestandenen Bergfahrer schon wieder retour. Die frischen Böen aus der Richtung Sinsgäuer Joch häuften sich, jawohl – Vorhersage von Meteo Blue lag eindeutig richtig mit der Zunahme von Wind zum Mittag hin.

Orbit Injection

Bei bereits gut 25 Grad am späten Vormittag war der Gang zum Gipfel ein schweisstreibendes Unterfangen, die Sauerstoffversorgung eingeschränkt und die Geschwindigkeit erinnerte an die letzten Meter beim Pilatus. Durch jene Erfahrung reicher war die Gewissheit der Überlegenheit von Stetigkeit über Geschwindigkeit eingepreist und wurde genau so auch umgesetzt. Fremdsprachige Wandertouristen in Turnschuhen verwunderten kaum; am Montag kann man in der Zeitung lesen, wie viel unvorsichtige Spinner im alpinen Gelände wieder ihr Leben leichtfertig riskierten und sinnlos verloren.

Energiezufuhr dank der Lektion Drachenberg geregelter als auch schon. Nach dem gnadenlosen Zickzack etwas Ernüchterung; einerseits wegen der schmierigen Fernsicht, andererseits wegen der Massen an Mensch, die sich auf dem schmalen Pfad und dennoch Rennstrecke alldieweil in die Quere kamen. Sowieso: das Ziel steht im Weg. Die Familie mit drei kleinen Kindern liess ich generös überholen, wobei die mangelnde Höhenform als schwer schnaufender Hobbybergler ehrlich eingestanden wurde. Ein junges Pärchen gab sich geschlagen, keine 200 Meter vor dem Ziel – ja, es war verdammt heiss, bereits nahe 30 Grad mittags auf über 2200 Meter! Sicher ein Vernunftentscheid, da ich der weiblichen Hälfte Unsicherheit und fehlende Trittsicherheit schon eine geraume Weile ansah und sie auch die einzigen waren, welche ich beim Kampf hinauf überholte. Schritt für Schritt weiter hoch Richtung Brisen, kurze Atempause, Geschichte wird gemacht, jetzt bloss nicht überpacen und die letzten steilen Meter dann wie zur Belohnung über verblüffend blütenreichen Fels.

Swing-by

Oben recht stürmisch und böig und das kleine Gipfelplateau gefüllt bis zu viel des Guten. Überraschend viele Insekten dort, manche labten sich am Schnee. Bringen Leute wirklich Schnee ans Gipfelkreuz? Warum so viele Insekten gerade dort? Warten die auf Futter? Bienen, Hummeln, Bremsen, Fliegen, Kleine, Grosse – alles da.

Nur ein kurzes Verschnaufen, denn das Ziel im gelobten Land lag nun immerhin in Sichtweite. Freude pur, weil so wurde der Trip zuvor ausgedacht und schön ausgemalt – GENAU SO! Also fast so, weil Malen mit Schweissperlen schon anderes als Sofa. Etwas getrübt wurde der Blick angesichts der nicht prognostizierten aber augenscheinlichen Schneefelder…

Rücksturz

Beim Abstieg eine Wanderin mit motivierendem «Ich habe Bergfieber»-T-Shirt. Yo, «Fever if you live you learn». Sie war sich des Blickfangs gewahr, wie sie auf Nachfrage direkt zugab und trug diesen nur deshalb. Links am Bruder Hoch Brisen vorbei und zu Beginn des Abstiegs galt es gleich ein Schneefeld im 45 Grad geneigten Hang zu queren. Na prima, tastend weiter direkt in den Fussstapfen der Vorgänger mit beidseitigem Stockeinsatz, Berg kurz, Tal lang. Hier abzurutschen wäre schon blöd irgendwie. Und passieren nicht die meisten Bergunfälle erst nach dem Gipfel? Zudem war die Markierung auf der Nidwalder Seite um eins zwei Klassen farbenfroher als bei den Urnern. Und tatsächlich etwas verfranst im Gelände, Kopf zu tief, doch bei guter Sicht sind solch kleine Umwege kein allzu grosses Problem. Beim Steinalper Jochli ein weiterer Wegweiser, welcher wiederum direkt in ein unberührtes Schneefeld wies. Somit war der Pfad schlicht nicht erkennbar; offensichtlich der Erste hier, der sich traute oder dessen Zielgebiet ein anderes war. Eigenmotivation und gutes Zureden im Selbstgespräch halfen die Konzentration stabil zu halten und nach einem Gang wie auf rohen Eiern (hält die Decke? Wie fallen lassen falls alles ins Rutschen kommt?) dann wieder im gerölligen Fels den Weg mehr erahnt als erkannt.

Noch etliche kleinere Schneefelder folgten auf dem serpentinenartigen Weg nach unten, machte nicht wirklich Spass und auch der Schutt war mehr als rutschig. Dazu die frischen Felsabrüche überall, die wie Geschosse auf dem Altschnee lagen, wobei man die Abdrücke und Spuren vom Ausrollen noch gut sah. Da geht was, hoffentlich nicht gerade heute und mit mir. Ein respektvoller Blick auf die überhängenden Bergwände und die Vorstellung von Steinschlag gebar ein mulmiges Gefühl rund um den Bauchnabel. Bewusstes Atmen und die fast absolute Stille taten ihre hypnotische Wirkung, noch musste das Endorphin warten. Die funkenden Neurotransmitter suggerierten im völligem Alleinsein eine unwirkliche Metasphäre inmitten der schroffen und doch so majestätischen Bergwelt. Existenzielle Fragen kamen und gingen, Tritt für Tritt.

Happy Landing

Kurz vor dem Geissboden war die Erleichterung, es bald geschafft zu haben schon ziemlich gross, das permanente Rutschen und Stolpern beim Abstieg hatte langsam ein Ende, nun da die grasbewachsenen Weiden näher kamen. Potzblitz – ein Murmeli wartete auf meine Ankunft vor seinem Bau, weil Wind von vorne günstig für Sichtung vom pfiffigen Tier. Leider kein Teleobjektiv eingepackt.

Zugegeben, etwas unscharf. Aber schemenhaft dann doch Joken!

Zum Schluss war es ein nur noch ein zähes Ringen, die Dusche mega erlösend und das mehr als Volltanken vor der Dopingkontrolle dringend nötig. Die Glückshormone aber waberten. Der Gitschenen Burger nach Älplerin Art wurde vom Sauren Most begleitet und wir alle zusammen unternahmen noch ein kleines Auslaufen zur Alp im Sulztal, wo der Betrufer Beat Burch seit 30 Jahren allabendlich sein Ave in die Bergwelt ruft. Intensiv und eindrücklich der urchige Sprechakt mitten unter Rindern und Kühen. Ein aufrichtiges Mercivielmal inklusive Händeschütteln – das war ein kaum zu krönender Ausklang des Tages. Der tiefe Schlaf sollte gewiss sein, zumal das Seeing etwas bescheiden war, Sterne fast nix wegen aufziehender Schleierwolken. Auch hier lagen die Wetterpropheten von Meteo Blue wieder goldrichtig. Schad drum.

The day after

Am Sonntag dann Alpsegnung. Wasser und Salz wurden gesegnet und alle Anwesenden von Pater Michael tüchtig mit Weihwasser besprenkelt. Er benutzte etwas mehr, da es so heiss war. Die Leute haben sich gefreut und die Jodeldamen gerne noch eine Zugabe gegeben. Nett auch, dass nicht nur die Menschen, die in den Bergen leben und arbeiten, sondern alle Berggänger ins Gebet und den Segen eingeschlossen wurden – das nahm ich gerne persönlich!

Am Grillplatz Teilete mit zwei Geschwistern aus Altdorf. Für die war ich genau jener Exot, für den ich mich auch hielt. Das Glück flutete immer noch sämtliche Körperzellen und daher wurde beschlossen, den Abstieg nach St. Jakob über die Alp Bolgen zu machen, die allemal interessantere und abwechslungsreichere Version als der Fahrweg. Frisch gesegnet wartete an der Talstation noch ein Kalenderspruch für alle Wandersleut:

Erhitzt, geschafft und immer noch mächtig high bringt mich das Poschti wieder runter. Im Zug zurück robbt sich dann doch langsam die Müdigkeit heran, aber immerhin waren die Retourfahrer vom Innerschweizer Jodel- und Älplerfest ein lustiger Augenschmaus in ihrer Deko. Zuhause dann den Rest vom Proviant im Rückblick genossen, wo in beiden Fällen gilt: Mehr ist Mehr.

Spurensuche

Auf der diesjährigen Generalversammlung vom Kapellenverein Gitschenen wurde unter anderem der Bettruf thematisiert, Matratzen aber sollten im Fall selbst mitgebracht werden. Vermutlich würde solches der Bann-Ruefer geschickt mit einem Weckruf kontern. Beim vorgängigen Gottesdienst mit Pater Michael wurde ebenfalls viel gelacht, weil dieser mindestens einen Clown zum Zmorge hatte und tatsächlich die Gemeinde zu weniger Glauben aufrief. Zumindest etwas weniger als ein Senfkorn – verstehe einer die Katholen.

Beim anschliessenden Kontrollgang auf dem Hochtal mussten dank Klimawandel nur vereinzelt Restschneefelder gequert werden, um den Brennholzbestand an der Grillierstation zu überprüfen. Gut gab es nur mehr zwei Tessiner Rosé zum Apéro, weil im Gegensatz zu winterlichen Bedingungen einerseits ein Sturz weniger gedämpft wird und andererseits der Gleichgewichtssinn beim Speed-Hiking nach Augenmass möglichst dem einer Gämse (bei Auf- wie Abfahrt je eine im Steilen gesichtet, Gruss an Joken!) gleichen sollte, ignoriert man tapfer zudem alle Pfadmarkierungen.

Es kam zu keinerlei Beanstandungen – für die Grillsaison auf 1600 Meter scheint alles parat. Auch Älpler, Tor und Foifer weilen weiterhin an ihrem angestammten Platz, nur der Öhi-Sepp wurde leider verlegt. Er war es immerhin, der einst das Tor mir wies und nun unter heimatlich geschnitzter Berglandschaft nebst Bauernhof friedlich ruht.

Der eher zufällig aufgefundene Landschaftsroman fand jedoch kein Ende, da die Folgebänke fehlen und die Künstlerin eine Anfrage bislang nicht mittlerweile beantwortet hat. Die Plaketten seien bis (auf eine) wieder entfernt worden, da es sich um eine temporäre Intervention gehandelt habe. Umso schöner hat ein Teil des Romans überlebt und mit etwas Fantasie und Musse lassen sich bestimmt Fortsetzungsbänke an anderen Orten finden. Tatsächlich gefunden wurden neue frische Bärenspuren im schönen wilden Isenthal, wo doch der letzte Urner Bär längst erlegt worden sein soll…

Präsolare Körner

Hier und dort und da.

Zusatzfrage:

Es heisst:
Während des Urknalls herrschte eine Temperatur mit 10 hoch 32 Grad Kelvin.

Wieviel ist das in Grad Celsius?

neunundneunzig Quintillionen
neunhundertneunundneunzig Quadrilliarden
neunhundertneunundneunzig Quadrillionen
neunhundertneunundneunzig Trilliarden
neunhundertneunundneunzig Trillionen
neunhundertneunundneunzig Billiarden
neunhundertneunundneunzig Billionen
neunhundertneunundneunzig Milliarden
neunhundertneunundneunzig Millionen neunhundertneunundneunzigtausendsiebenhundertsechsundzwanzig
Komma
fünfundachtzig Grad Celsius.

Zahlenglück

Nach 13 Jahren endlich wieder Zuhause.

Während der Happyschweizer noch als Hobbyschweizer den güldnen Meisterpokal anlässlich einer Publikumspräsentation vom damaligen Sponsor vor Jahren bereits fotogen halten durfte (nebst eigentlich nicht gestatteten Versuch im Stossen – 13 kg gleich im ersten Versuch!), bekommen ihn die Stadtzürcher Fussballer aus dem Kreis 4 erst heuer überreicht. Sowieso 13: zu den Kilos gesellt sich der 13. Titel genau dreizehn Jahre nach der letzten Feier.

Späte Tore zum Ausgleich oder gar Sieg im Duselmegapack, aber auch taktisches Geschick gepaart mit mannschaftlicher Geschlossenheit sowie die etwas schwächelnde Ligakonkurrenz liessen die nominelle Nummer drei im Schweizer Vereinsfussball relativ schmerzfrei durch die Saison spuren. Wie nach dem Titel 2009 werden auf dem Helvetiaplatz die Helden vom FCZ nach der siegreichen Rückkehr aus dem fussballerischen Feindgebiet den Huldigungen ihres Anhangs sicher ausgiebig frönen, falls die zum 1. Mai dort aufgebotenen Sicherheitskräfte dies zulassen. Am Volkshaus, wo traditionell die 1. Mai Demo startet wurde jedenfalls noch vor Spielende flugs von Rot auf Blau-Weiss umgeflaggt.

Nachtrag: Ausgiebig wurde bis 3 Uhr nachts munter geböllert – die spinnen die Zürcher!

Dann gibt es nur eins!

Du. Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Wasserrohre und keine Kochtöpfe mehr machen – sondern Stahlhelme und Maschinengewehre, dann gibt es nur eins:

Sag NEIN!

Du. Mädchen hinterm Ladentisch und Mädchen im Büro. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Granaten füllen und Zielfernrohre für Scharfschützengewehre montieren, dann gibt es nur eins:

Sag NEIN!

Du. Besitzer der Fabrik. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst statt Puder und Kakao Schiesspulver verkaufen, dann gibt es nur eins:

Sag NEIN!

Du. Forscher im Laboratorium. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst einen neuen Tod erfinden gegen das alte Leben, dann gibt es nur eins:

Sag NEIN!

Du. Dichter in deiner Stube. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Liebeslieder, du sollst Hasslieder singen, dann gibt es nur eins:

Sag NEIN!

Du. Arzt am Krankenbett. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst die Männer kriegstauglich schreiben, dann gibt es nur eins:

Sag NEIN!

Du. Pfarrer auf der Kanzel. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst den Mord segnen und den Krieg heilig sprechen, dann gibt es nur eins:

Sag NEIN!

Du. Kapitän auf dem Dampfer. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keinen Weizen mehr fahren – sondern Kanonen und Panzer, dann gibt es nur eins:

Sag NEIN!

Du. Pilot auf dem Flugfeld. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Bomben und Phosphor
über die Städte tragen, dann gibt es nur eins:

Sag NEIN!

Du. Schneider auf deinem Brett. Wenn sie
dir morgen befehlen, du sollst Uniformen zuschneiden, dann gibt es nur eins:

Sag NEIN!

Du. Richter im Talar. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst zum Kriegsgericht gehen, dann gibt es nur eins:

Sag NEIN!

Du. Mann auf dem Bahnhof. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst das Signal zur Abfahrt geben für den Munitionszug und für den Truppentransport, dann gibt es nur eins:

Sag NEIN!

Du. Mann auf dem Dorf und Mann in der Stadt. Wenn sie morgen kommen und dir den Gestellungsbefehl bringen, dann gibt es nur eins:

Sag NEIN!

Du. Mutter in der Normandie und Mutter in der Ukraine, du, Mutter in Frisko und London, du, am Hoangho und am Mississippi, du, Mutter in Neapel und Hamburg und Kairo und Oslo – Mütter in allen Erdteilen, Mütter in der Welt, wenn sie morgen befehlen, ihr sollt Kinder gebären, Krankenschwestern für Kriegslazarette und neue Soldaten für neue Schlachten, Mütter in der Welt, dann gibt es nur eins:

Sagt NEIN! Mütter, sagt NEIN!
Denn wenn ihr nicht NEIN sagt, wenn IHR nicht nein sagt, Mütter, dann: dann:

In den lärmenden dampfdunstigen Hafenstädten werden die grossen Schiffe stöhnend verstummen und wie titanische Mammutkadaver wasserleichig träge gegen die toten vereinsamten Kaimauern schwanken, algen-, tang- und muschelüberwest den früher so schimmernden dröhnenden Leib, friedhöflich fischfaulig duftend, mürbe, siech, gestorben –

die Strassenbahnen werden wie sinnlose glanzlose glasäugige Käfige blöde verbeult und abgeblättert neben den verwirrten Stahlskeletten der Drähte und Gleise liegen, hinter morschen dachdurchlöcherten Schuppen, in verlorenen kraterzerrissenen Strassen –

eine schlammgraue dickbreiige bleierne Stille wird sich heranwälzen, gefrässig, wachsend, wird anwachsen in den Schulen und Universitäten und Schauspielhäusern, auf Sport- und Kinderspielplätzen, grausig und gierig, unaufhaltsam –

der sonnige saftige Wein wird an den verfallenen Hängen verfaulen, der Reis wird in der verdorrten Erde vertrocknen, die Kartoffel wird auf den brachliegenden Äckern erfrieren und die Kühe werden ihre totsteifen Beine wie umgekippte Melkschemel in den Himmel strecken –

in den Instituten werden die genialen Erfindungen der grossen Ärzte sauer werden, verrotten, pilzig verschimmeln –

in den Küchen, Kammern und Kellern, in den Kühlhäusern und Speichern werden die letzten Säcke Mehl, die letzten Gläser Erdbeeren, Kürbis und Kirschsaft verkommen – das Brot unter den umgestürzten Tischen und auf zersplitterten Tellern wird grün werden und die ausgelaufene Butter wird stinken wie Schmierseife, das Korn auf den Feldern wird neben verrosteten Pflügen hingesunken sein wie ein erschlagenes Heer und die qualmenden Ziegelschornsteine, die Essen und die Schlote der stampfenden Fabriken werden, vom ewigen Gras zugedeckt, zerbröckeln – zerbröckeln – zerbröckeln –

dann wird der letzte Mensch, mit zerfetzten Gedärmen und verpesteter Lunge, antwortlos und einsam unter der giftig glühenden Sonne und unter wankenden Gestirnen umherirren, einsam zwischen den unübersehbaren Massengräbern und den kalten Götzen der gigantischen betonklotzigen verödeten Städte, der letzte Mensch, dürr, wahnsinnig, lästernd, klagend – und seine furchtbare Klage: WARUM? wird ungehört in der Steppe verrinnen, durch die geborstenen Ruinen wehen, versickern im Schutt der Kirchen, gegen Hochbunker klatschen, in Blutlachen fallen, ungehört, antwortlos, letzter Tierschrei des letzten Tieres Mensch – all dieses wird eintreffen, morgen, morgen vielleicht, vielleicht heute nacht schon, vielleicht heute nacht, wenn – – wenn – –

wenn ihr nicht NEIN sagt.

Wolfgang Borchert, Dann gibt es nur eins! (1947)
Aus: Wolfgang Borchert, Das Gesamtwerk, S. 528.
Copyright © 2007 Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg.

Freedom Night

Kurz vor dem Aufheben aller Seuchenbeschränkungen sind die ambulanten Teststationen im grösseren Kanton Württemberg noch voll im Einsatz. Im Hinterhof flugs die Ladeklappe auf, ein bis auf eine Durchreiche abgeklebter Innenraum und die Kundschaft kann im Kiosk-Modus draussen bedient werden.

Das absurd wilde Testbusiness – vom bundesdeutschen Staat bereitwillig und grosszügig finanziell gedeckelt – nähert sich zwar allmählich dem Ende, doch der reisende Kiebitz aus dem nahen Ausland staunt einmal mehr verblüfft und wundert sich sehr.

Logo, Freigetränk laut Passantenstopper wiederum inklusive. Diesmal jedoch stehen alle gängigen Softdrinks zur Auswahl – nicht nur jene etwas laut riechende Aufputschlimo.

Homo ludens

Gamezone

Die Spieltheorie nimmt im Rahmen der militärischen Abschreckung eine gewichtige Rolle ein; wie im Schach kann die schiere Drohung oftmals stärker sein, als deren Exekution. Einem Kind des Kalten Krieges sind derartige Spielereien geläufig, erst in den letzten ein, zwei Generationen trat solch nuklearer Poker eher in den Hintergrund. Die als Gleichgewicht des Schreckens benannte Doktrin besagt, dass auch im Fall eines nuklearen Erstschlags noch immer genug Zeit verbleibe, um vernichtend antworten zu können. Hierbei ist die Sofortigkeit in Sachen atomarer Vergeltung unabdingbar, d. h. den Zweitschlag ohne jedwedes Zögern oder fatales Nachdenken durchzuführen.

Gamechanger

Wesentlich in der Spieltheorie ist neben dem Endstand vor allem der Spielverlauf, welcher nicht unbedingt linear angelegt ist. Meist entstehen dabei kurvenförmige Täler und Berge, was sich wiederum essentiell auf die Qualität des Spieles, den Spielwitz sowie die Spielintelligenz auswirkt. Auch wird die Ausdauer und Leistung der Mitspieler vom Spielverlauf unmittelbar beeinflusst. Zudem ist der Spielverlauf abhängig von der Anzahl der Teilnehmer, was angesichts von fortschreitender Proliferation das Spiel mit Massenvernichtungswaffen weiter chaotisiert. Beim nuklearen Duell gilt: wer zuerst schiesst, stirbt als Zweiter. Analog dem Dreikörperproblem im Weltall wäre bereits ein Mexican Standoff ungleich komplizierter zu berechnen. Während bei Sergio Leone der Gute gewinnt, hätte beim sogenannten Triell ironischerweise der schwächste Schütze mathematisch Vorteil – auch bzw. gerade wenn er nur in die Luft schösse.

Beharrlichkeit siegt über Gewalt; und viele Dinge, die als Ganzes nicht überwunden werden können, sind ganz leicht zu bewältigen, wenn sie in kleinen Schritten angegangen werden. (Plutarch, ca. 45-125)

Game over

Das Dilemma der nuklearen Abschreckung besteht nun einerseits darin, dass obschon mehr als genug Kernwaffen zur Verfügung stehen, die einstige Wirksamkeit des atomaren Gleichgewichts angesichts der heutigen Weltlage mit der Verbreitung von Atomwaffen dysfunktional geworden ist. Ein ethisches Dilemma besteht ferner in der Paradoxie, mit Mitteln drohen zu müssen, deren Einsatz moralisch nicht gerechtfertigt werden kann.

Dr. Strangelove, bitte in den OP!