Aufgrund der grossen Nachfrage hier noch einmal der ausführliche Vorbericht zum alles entscheidenden Match auf Dailymotion (klick).
Schlagwort: Krieg
Donnert es im Morgenrot
Pamir!
Im durch Dauerniesel etwas verwässerten frühen Morgen ging der Marsch zügig und frisch zu jener Wiese am Zürcher Hausberg West, die nicht Rütli heisst, aber die Stadtzürcher Bevölkerung zur Bundesfeier jedes Mal aufs Neue wachrüttelt. Am Manövergelände angekommen stand bereits alles für das Salutschiessen parat. Es folgte eine kurze Einführung vom Kommandanten über den Ablauf – Abwarten des 7 Uhr Morgengeläutes der Kirchen, danach 26 Schuss (für die Kantone der Eidgenossenschaft), kurzer Unterbruch gefolgt von weiteren 12 Schuss (für die Zürcher Stadtkreise). Die zwei drei Ehrengäste wurden kurz vorgestellt, die Schaulustigen vorsorglich mit Gehörschutz versorgt sowie der obligatorische Sicherheitsabstand definiert.
Teamgeist
Eine geschlossene Mannschaftsleistung führte zum erwünschten Resultat; alle 38 Schüsse wurden auf Kommando tipptopp durchgeführt. Nummer 1 ist der Schütze, Nummer zwei richtet die Kanone bei Bedarf neu aus (Rückschlag!), Nummer 3 legt frische Munition ein, Nummer 4 bedient Nummer 3 aus der Munitionskiste und natürlich wurde ordentlich Buch geführt vom nummernlosen Soldaten, der dafür eine schicke Umhängetasche trug.
Unten ein Standbild, bei dem das respektable Mündungsfeuer der Haubitze gut erkennbar wird:
Ein Mannschaftsfoto nach der äusserst seriösen Darbietung darf natürlich nicht fehlen; in Zivil der Stadtrat als einer der Honoratioren:
Prima einstudiert, rasch und reibungslos durchgeführt dann der Abtransport der Kanone retour ins Zeughaus. Fast möchte Mann Trittbrettfahrer sein.
Morgenmahl
Zum Abschluss der Angelegenheit waren alle Anwesenden in die Schiessanlage Albisguetli zum Morgenessen geladen, wo auch die Kollekte für die nächste Ballerei stilecht via Granathülse eingezogen wurde. Der 1. Augustwecken war frisch und fein, doch beim Kauen blieb der Blick neugierig an der Wand gegenüber hängen, wo eine Ehrentafel nebst Foto auf einen aussergewöhnlichen Schützen hinweisen musste, dessen Palmarès auffällig lang erschien.
Interessant: einen (Privat-)Friedhof haben sie überraschender wie passender Weise also ebenfalls auf der Schiessanlage. Leider aber gab es Abzug in der B-Note für die völlig überflüssige Verkabelung vom Schützenfreund Malcolm. Wie und warum der MBE am Fusse des Uetliberges zur letzten Ruhe fand bedarf weiterer Recherchen.
Heimatfront
Wie meist war es angenehm festzustellen, dass die Schweiz wenig bis kaum zu Übertreibungen neigt, keine nationalen Auswüchse und auch keine militaristischen Sprechakte. Selbst die Rechtsnationalen sind beinahe gemütlich in ihrer Art, auch wenn deren Parolen immerfort diffuse Angst und Fremdenfeindlichkeit wohlfeil bedienen und fleissig schüren. Alles in allem war der Morgen an der Heimatfront in Sachen exotische Schweiz schon lehrreich und alle Mal authentischer, als die sinnbefreite Privatböllerei von halbwüchsigen Feuerteufeln, die unbedingt die Nachtruhe stören müssen. Zur Belohnung gab es auf dem Heimweg überdies einen überraschenden Sonnenstrahl durch eine Wolkenlücke, welcher sogleich den helvetischen Blutsauerstoff ansteigen liess. La Suisse n’existe pas.
Multinational
Karmatechnisch wichtig der dann später erfolgte Ausgleich am Abend in der Bäckeranlage im Kreis 4, wo wie jedes Jahr das alternative 1. August-Fest bei Multikulinarik und internationalen Musikdarbietungen stattfindet. In der wärmenden Abendsonne wurde die dort herum gereichte Initiative für erleichterte Einbürgerung natürlich herzlich gerne mitunterzeichnet. Hopp Schwiiz!
Kriegslogik
«Ich spüre auch heute diesen Kriegsrausch in gewissen Kreisen. Und darüber bin ich sehr besorgt, denn dieses Gefühl beruht auf einer kurzfristigen Sicht.»
(Alain Berset, Président de la Confédération suisse warnt vor einer Stimmung wie vor dem Ersten Weltkrieg in einem NZZ-Interview vom 12. März 2023)
Heimatfront
Dass ein zerstörter Panzer vor der Russischen Botschaft Unter den Linden ein beeindruckend drastisches Bild abgibt ist offensichtlich. Dass es Menschen mit seltsamen Ansichten gibt ist geschenkt; dass es sich bei der Kundgebung von Alice & Sarah am Brandenburger Tor in Berlin um eine trübe Mischung handelte, kann ich so nicht bestätigen – im Gegenteil wurde beispielsweise der stramm neurechte Stinkstiefel Elsässer noch vor Beginn erkannt, von einer Gruppe der Linken unter den Augen der Ordnungshüter isoliert und gelangte so gar nicht erst auf das eigentliche Gelände. Bibeltreue Fundamentalisten hingegen waren erkennbar. Dass Frau Wagenknecht Populismus ganz gut kann ebenfalls geschenkt. Dass Schwarzer und ihr mangelnde Abgrenzung vorgeworfen wird ist reine Diffamierung und absichtliche Propaganda. Dass weder naiv noch blauäugig Frieden trotzdem unbedingt gesucht werden muss ist bitter nötig, seitdem er verloren wurde.
Delikat Essen CXXI
Dann gibt es nur eins!
Du. Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Wasserrohre und keine Kochtöpfe mehr machen – sondern Stahlhelme und Maschinengewehre, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mädchen hinterm Ladentisch und Mädchen im Büro. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Granaten füllen und Zielfernrohre für Scharfschützengewehre montieren, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Besitzer der Fabrik. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst statt Puder und Kakao Schiesspulver verkaufen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Forscher im Laboratorium. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst einen neuen Tod erfinden gegen das alte Leben, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Dichter in deiner Stube. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Liebeslieder, du sollst Hasslieder singen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Arzt am Krankenbett. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst die Männer kriegstauglich schreiben, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Pfarrer auf der Kanzel. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst den Mord segnen und den Krieg heilig sprechen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Kapitän auf dem Dampfer. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keinen Weizen mehr fahren – sondern Kanonen und Panzer, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Pilot auf dem Flugfeld. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Bomben und Phosphor
über die Städte tragen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Schneider auf deinem Brett. Wenn sie
dir morgen befehlen, du sollst Uniformen zuschneiden, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Richter im Talar. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst zum Kriegsgericht gehen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mann auf dem Bahnhof. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst das Signal zur Abfahrt geben für den Munitionszug und für den Truppentransport, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mann auf dem Dorf und Mann in der Stadt. Wenn sie morgen kommen und dir den Gestellungsbefehl bringen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mutter in der Normandie und Mutter in der Ukraine, du, Mutter in Frisko und London, du, am Hoangho und am Mississippi, du, Mutter in Neapel und Hamburg und Kairo und Oslo – Mütter in allen Erdteilen, Mütter in der Welt, wenn sie morgen befehlen, ihr sollt Kinder gebären, Krankenschwestern für Kriegslazarette und neue Soldaten für neue Schlachten, Mütter in der Welt, dann gibt es nur eins:
Sagt NEIN! Mütter, sagt NEIN!
Denn wenn ihr nicht NEIN sagt, wenn IHR nicht nein sagt, Mütter, dann: dann:
In den lärmenden dampfdunstigen Hafenstädten werden die grossen Schiffe stöhnend verstummen und wie titanische Mammutkadaver wasserleichig träge gegen die toten vereinsamten Kaimauern schwanken, algen-, tang- und muschelüberwest den früher so schimmernden dröhnenden Leib, friedhöflich fischfaulig duftend, mürbe, siech, gestorben –
die Strassenbahnen werden wie sinnlose glanzlose glasäugige Käfige blöde verbeult und abgeblättert neben den verwirrten Stahlskeletten der Drähte und Gleise liegen, hinter morschen dachdurchlöcherten Schuppen, in verlorenen kraterzerrissenen Strassen –
eine schlammgraue dickbreiige bleierne Stille wird sich heranwälzen, gefrässig, wachsend, wird anwachsen in den Schulen und Universitäten und Schauspielhäusern, auf Sport- und Kinderspielplätzen, grausig und gierig, unaufhaltsam –
der sonnige saftige Wein wird an den verfallenen Hängen verfaulen, der Reis wird in der verdorrten Erde vertrocknen, die Kartoffel wird auf den brachliegenden Äckern erfrieren und die Kühe werden ihre totsteifen Beine wie umgekippte Melkschemel in den Himmel strecken –
in den Instituten werden die genialen Erfindungen der grossen Ärzte sauer werden, verrotten, pilzig verschimmeln –
in den Küchen, Kammern und Kellern, in den Kühlhäusern und Speichern werden die letzten Säcke Mehl, die letzten Gläser Erdbeeren, Kürbis und Kirschsaft verkommen – das Brot unter den umgestürzten Tischen und auf zersplitterten Tellern wird grün werden und die ausgelaufene Butter wird stinken wie Schmierseife, das Korn auf den Feldern wird neben verrosteten Pflügen hingesunken sein wie ein erschlagenes Heer und die qualmenden Ziegelschornsteine, die Essen und die Schlote der stampfenden Fabriken werden, vom ewigen Gras zugedeckt, zerbröckeln – zerbröckeln – zerbröckeln –
dann wird der letzte Mensch, mit zerfetzten Gedärmen und verpesteter Lunge, antwortlos und einsam unter der giftig glühenden Sonne und unter wankenden Gestirnen umherirren, einsam zwischen den unübersehbaren Massengräbern und den kalten Götzen der gigantischen betonklotzigen verödeten Städte, der letzte Mensch, dürr, wahnsinnig, lästernd, klagend – und seine furchtbare Klage: WARUM? wird ungehört in der Steppe verrinnen, durch die geborstenen Ruinen wehen, versickern im Schutt der Kirchen, gegen Hochbunker klatschen, in Blutlachen fallen, ungehört, antwortlos, letzter Tierschrei des letzten Tieres Mensch – all dieses wird eintreffen, morgen, morgen vielleicht, vielleicht heute nacht schon, vielleicht heute nacht, wenn – – wenn – –
wenn ihr nicht NEIN sagt.
Wolfgang Borchert, Dann gibt es nur eins! (1947)
Aus: Wolfgang Borchert, Das Gesamtwerk, S. 528.
Copyright © 2007 Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg.
Homo ludens
Gamezone
Die Spieltheorie nimmt im Rahmen der militärischen Abschreckung eine gewichtige Rolle ein; wie im Schach kann die schiere Drohung oftmals stärker sein, als deren Exekution. Einem Kind des Kalten Krieges sind derartige Spielereien geläufig, erst in den letzten ein, zwei Generationen trat solch nuklearer Poker eher in den Hintergrund. Die als Gleichgewicht des Schreckens benannte Doktrin besagt, dass auch im Fall eines nuklearen Erstschlags noch immer genug Zeit verbleibe, um vernichtend antworten zu können. Hierbei ist die Sofortigkeit in Sachen atomarer Vergeltung unabdingbar, d. h. den Zweitschlag ohne jedwedes Zögern oder fatales Nachdenken durchzuführen.
Gamechanger
Wesentlich in der Spieltheorie ist neben dem Endstand vor allem der Spielverlauf, welcher nicht unbedingt linear angelegt ist. Meist entstehen dabei kurvenförmige Täler und Berge, was sich wiederum essentiell auf die Qualität des Spieles, den Spielwitz sowie die Spielintelligenz auswirkt. Auch wird die Ausdauer und Leistung der Mitspieler vom Spielverlauf unmittelbar beeinflusst. Zudem ist der Spielverlauf abhängig von der Anzahl der Teilnehmer, was angesichts von fortschreitender Proliferation das Spiel mit Massenvernichtungswaffen weiter chaotisiert. Beim nuklearen Duell gilt: wer zuerst schiesst, stirbt als Zweiter. Analog dem Dreikörperproblem im Weltall wäre bereits ein Mexican Standoff ungleich komplizierter zu berechnen. Während bei Sergio Leone der Gute gewinnt, hätte beim sogenannten Triell ironischerweise der schwächste Schütze mathematisch Vorteil – auch bzw. gerade wenn er nur in die Luft schösse.
Beharrlichkeit siegt über Gewalt; und viele Dinge, die als Ganzes nicht überwunden werden können, sind ganz leicht zu bewältigen, wenn sie in kleinen Schritten angegangen werden. (Plutarch, ca. 45-125)
Game over
Das Dilemma der nuklearen Abschreckung besteht nun einerseits darin, dass obschon mehr als genug Kernwaffen zur Verfügung stehen, die einstige Wirksamkeit des atomaren Gleichgewichts angesichts der heutigen Weltlage mit der Verbreitung von Atomwaffen dysfunktional geworden ist. Ein ethisches Dilemma besteht ferner in der Paradoxie, mit Mitteln drohen zu müssen, deren Einsatz moralisch nicht gerechtfertigt werden kann.
Dr. Strangelove, bitte in den OP!
Kummerbube
Wer auch immer versucht, uns zu behindern, geschweige denn eine Bedrohung für unser Land und unser Volk zu schaffen, muss wissen, dass die Antwort Russlands sofort erfolgen und zu Konsequenzen führen wird, die Sie in Ihrer Geschichte noch nie erlebt haben. (…) Alle notwendigen Entscheidungen wurden in dieser Hinsicht getroffen.
Ich hoffe, dass ich gehört werde.
танк 34
Allein bei der Schlacht um Berlin verlor die Rote Armee um die 80.000 Soldaten, insgesamt kostete der vom Deutschen Reich ausgelöste 2. Weltkrieg nach Schätzungen zwischen 60 und 80 Millionen Menschen das Leben. Am Ehrenmal im Tiergarten sind nicht nur Gefallene beerdigt, dort steht auch ein Original T-34, welcher im Frühjahr 1945 bei der Eroberung Berlins von der Sowjetarmee eingesetzt wurde.
pics by joken 08/05/2020
Die zeremonielle Ablösung der Ehrenwache des einst im Britischen Sektor gelegenen Mahn- und Denkmals konnte man im früheren West-Berlin bis 1990 alltäglich und völlig in Ruhe erleben. Auch heute noch ist der Ort
kein Touri-Hotspot, obschon zentral und unweit vom Brandenburger Tor gelegen. Der Legende nach soll das Baumaterial zumindest teilweise von der zerstörten Reichskanzlei Hitlers stammen, ähnlich wie bei der zentralen Gedenkstätte im Treptower Park. Dort gipfelt das Arrangement mit einem auf dem Mausoleumshügel stehenden Rotarmisten, der mit zukunftsträchtigem Blick nebst gesenktem Schwert und Kind auf dem Arm symbolkräftig ein liegendes Hakenkreuz zertritt.
Der Militärrat der sowjetischen Militäradministration in Deutschland hatte im Herbst 1946 einen Wettbewerb zur Gestaltung einer Gedenkstätte ausgelobt, in dem ausdrücklich gefordert wurde, dass nicht der Gedanke des Sieges sondern die Befreiung vom Nationalsozialismus im Vordergrund stehen sollte.
Cпасибо!
Cliffhanger
Ob die permanente Krise des Kapitals nun systemrelevant ist, wird sich noch weisen. Der selbst reproduzierende Kapitalismus in all seinen globalen Mutationen ist ja bereits der resistente Virus par excellence.
Aus noch sämtlichen Konflikten, gerade und besonders denjenigen, welche kriegerisch ausgetragen werden, geht der krisenerprobte Kapitalismus als strahlender Held & Sieger hervor, scheinbar sämtlichen Gegnern hoch überlegen. Als Alleinherrscher über den Wert – schöpfend und verteilend – gleicht die Abhängigkeit des Einzelnen der eines Junkies. Fetisch Geld gilt als Grundstoff von Austausch und Kommunikation, als universelles Schmiermittel in den Beziehungen der Menschen untereinander. Seit aus Jägern und Sammlern besitzende Hirten und Sesshafte wurden, gewinnt das schwarze Loch der Kapitalisierung von Arbeit und Leben zunehmend an Sogkraft. Dass gerade jetzt, wo viele Menschen «frei gesetzt» werden, keine organisierten Demonstrationen möglich sind, ist kurz vor dem 1. Mai doppelt bitter. Angesichts anhaltender Kontaktsperre lässt sich selbst durch den Schleier von Notverordnung, Versammlungsverbot und Contact-Tracing unschwer die Dystopie von dominanter Exekutive und wachsender sozialer Unzufriedenheit erahnen – Apocalypse now, Revolution later.
Café Srebrenica
Nomadisches Mandala im Kreis Cheib:
Sprachverlust
Wenn es jemanden die Sprache komplett verschlägt, muss schon ein ziemlich einschneidendes Erlebnis vorangegangen sein. Eine solche traumatische Blockade ist meiner Mutter widerfahren, nachdem sie als Kind ihr Heimatland verlassen musste und fortan kein ungarisches Wort mehr sprach. Etwa eine halbe Million Donauschwaben wurden nach Ende des Zweiten Weltkriegs aus Ungarn deportiert. Der Treck führte westwärts nach Bayern, wo die Ungarndeutschen versuchten sich in einer für sie neuen und fremden Welt wieder zu etablieren.
Zwanzig Jahre später folgte dann der erste Besuch in der inzwischen fremd gewordenen Heimat, wo ein nicht unerheblicher Rest der Verwandtschaft als deutschsprachige Minderheit verblieb. Im Geburts- und Elternhaus wohnten inzwischen Fremde, aber innerhalb der ortsansässig gebliebenen Familie wurde der altertümliche klingende donauschwäbische Dialekt gesprochen und meine Mutter konnte mitreden. Selbst heute ist die sog. Schwäbische Türkei die noch immer grösste deutsche Sprachinsel in Ungarn. Nach weiteren Besuche in der alten Heimat ging meine Mutter schliesslich ihren Sprachverlust in einem Sprachkurs an und erarbeite sich die verlernte ungarische Aussprache noch einmal.
Krieg und Flucht hinterlassen nach Erkenntnissen vom Konstanzer Epigenetiker und Neuropsychologen Thomas Elbert* ihre traumatischen Spuren aber nicht nur im Gehirn der Betroffenen, sondern auch in deren Erbgut. Zwar ändere sich das Genom nicht selbst, wohl aber die genetische Lesart und hat so direkte Auswirkungen auf Hirnstruktur, Hormonhaushalt und Nervensystem des Kindes — das Kind reagiert schlicht sensibler auf seine Umwelt; Elbert spricht von einer verstellten Stressachse:
Jetzt kommt das Kind mit dieser vorprogrammierten Stressachse zur Welt und wird sozusagen mehr aufmerksam auf eine Welt: hier lauern Gefahren auf mich und ist daher weniger explorativ, aber ängstlicher und vunerabler für psychische Störungen.
Elberts Ansatz zur Traumabewältigung beinhaltet eine eigentlich alte Technik, nämlich die erzählte Leidensgeschichte, welche von ihm einschliesslich der Gefühle rekapituliert, schriftlich fixiert und den Opfern übergeben wird. Diese quasi beglaubigte Lebensgeschichte ermöglicht den Betroffenen Gefühl und Ereignis wieder zusammen zu bringen, eine Vervollständigung der Erinnerung, welche helfen soll, wieder die Kontrolle über seine Gefühle zu gewinnen.
Die Situation am Ende des Zweiten Weltkriegs wird unterschätzt, weil man sie vollständig tabuisiert hat: man durfte nicht zugeben, dass man traumatisiert war. Wir haben in den letzten Jahren nochmal die Frauen befragt, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben und jetzt natürlich schon auf die 90 zugehen: 20% der Frauen sagen, sie sind vergewaltigt worden und haben es nie jemanden gesagt. Jetzt kurz vor dem Tod sei es auch egal, jetzt kann ich mal auf den Tisch legen, was passiert ist. Es war die Unfähigkeit in der Nachkriegsgesellschaft darüber zu sprechen, die zu viel stillem Leid geführt hat.
Das verlogene Narrativ des Integrationswunders im Nachkriegsdeutschland, die Erfolgsstory von Aufschwung und Integration camouflierte perfekt die gleichzeitige vonstatten gehende Verdrängung von Schuld und Vergangenheit.
Damals gab es ca. 13 Millionen Rucksackdeutsche; heute schätzt das UNHCR die Zahl der weltweit Vertriebenen auf ca. 60 Millionen liegt — ein mutmasslich nicht zu bewältigendes Trauma per se.
* Professor Thomas Elbert ist u. a. Vorstandsmitglied von „vivo international“ (victims voice), die mit Überlebenden organisierter Gewalterfahrungen arbeitet.
































