Anlässlich der GV vom Kapellenverein konnte ein erfreulicher Formtest durchgeführt werden. Knappe Viertelstunde unter der Marschtabelle mit kontrolliert pochender Arteria carotis. Uri wie immer urchig mit sehr geschicktem Postautochauffeur, welcher den Verkehr auf den haarigen Serpentinen gekonnt und prima regelte. Die Bise blies böig über den hängenden Restschnee und drum blieb der Grill trotz der üblichen Cervelat-Reserve leider kalt. Gut waren die Apéro-Plättli im Vereinsheim ausreichend.
Schlagwort: Uri
Traumaberg
Gleich beim ersten ernsthaften Einsatz am Berg in der vom Wetter prima unterstützten alpinen Auszeit kam die erkenntnisreiche Erinnerung noch weit vor dem Gipfelziel jäh wie ein Blitz. Im Zwiegespräch bergan tauchte wie so oft die Frage nach dem Warum auf. Warum schwitzen, schnaufen, quälen. Warum die permanente aerobe Kontrolle und warum bist du eigentlich hier. Die Verlockung auf Aussicht? Oder etwa Traumabewältigung?
Kinderlandverschickung
Jene Massnahme sorgte für Furcht vor, während und noch lange nach dem Aufenthalt in Oberstdorf im Allgäu. Fünf quälend lange Wochen dauerte die Zeit in einem ärztlich verordneten Kinderheim. Mehrbettzimmer, alle anderen Jungs älter und grösser. Haut auf der Frühstücksmilch, Kümmelgeschmack im Marmeladebrot, viele Wanderungen und tägliche Bewegung an der frischen Luft. Zum ersten Mal im Leben wurde vom Stadtkind dort Kuhdung gerochen. Und das täglich und ausgiebig. Kühe aber interessant, die hatten laut schellende Glocken um den Hals.
Für den gerade noch Sechsjährigen ein gravierender Einschnitt – der Abschied bei der Übergabe im Stuttgarter Bahnhof war schlimm und voller Trennungsschmerzen. Lange hielt sich der Gedanke an eine Art familiärer Verstossung. Warum sonst musste ich so weit weg in eine bergige Gegend, von der der Kinderarzt überzeugt war, dass sie die Konstitution stärke. Gut 20 Jahre vorher hat der doch bestimmt die Tauglichkeit der Hitlerjugend attestiert. Mir kleinem Pimpf hatte er bereits Lebertran verordnet. Lieber Lebertran als Berge, soviel stand fest. Doch Doktor Herz setzte die Verschickung durch, war diese nicht auch ein Relikt aus dem schrecklichen Reich?
Post-Allgäuer Drama
Von den Eltern wurde ein wenig Sackgeld mitgegeben, das als grosser Schatz angesehen wurde, welcher unbedingt der Wachsamkeit bedurfte. Waren es ein Fünfmarkschein oder deren zwei? Jedenfalls reichte es für eine Ansichtskarte, für die beim Schreiben noch Hilfe der dortigen Schwestern benötigt wurde; die Einschulung folgte dann erst im Herbst darauf. Dass die Miniatur-Kuhglocke, welche fast täglich durch die Schaufensterscheibe des Souvenirgeschäfts angestarrt, taxiert und natürlich erst nach mindestens ebenso oftmaligem Nach- und Durchrechnen (Budget!) ausgewählt und unter meiner Zeugenschaft eingepackt wurde (Schwestern halfen beim Kofferpacken am Vorabend der Abreise) nach der freudigen Rückkehr aus dem Straflager beim Kofferöffnen nicht mehr im dem selbigen aufzufinden war – Drama pur!
Abgrundtiefe Traurigkeit gepaart mit blankem Entsetzen gefolgt von massloser Enttäuschung, fiel doch der Verdacht auf die grossen Jungs im Mehrbettzimmer, die bestimmt die Glocke aus dem Koffer nahmen, als ich schlief. Anders war dieses Ungemach nicht zu erklären, zumal ein Film von der in Seidenpapier eingewickelten Glocke am bestickten Lederband zuoberst im Koffer immer wieder ablief. Allgäuer Aufenthalt also recht bescheiden und nun blieb nicht mal ein Andenken.
Bergecho
Als 30 Jahre später der Corvatsch in Bünden heimtückisch mit einem Kreislaufkollaps drohte, weil leichtsinnig schnurstracks auf 3.300 hoch gegondelt wurde, half schnell die Büchse Cola, um gerade wieder genesen an der Talstation noch den ehrfürchtigen Blick eines orthodoxen Jünglings auf das IDF-Shirt zu erhaschen. Nein, mit Bergen schien weiterhin keine Symbiose möglich.
Wenig später dann ein Trip nach Südtirol und die hübsche Terrasse des Ausflugslokal zeigte Bergsicht auf die Dolomiten oder sonst was, jedenfalls live mit einem wohl gealterten und kenntnisreichen Luis-Trenker-Verschnitt bei Speis & Trank rustikaler Art öffnete die Augen auf etwas, was zuvor nicht gesehen oder vielmehr spürbar war: nämlich Resonanz.
Denn fast nichts macht mehr Freude, als den Kampf mit sich selbst im Einklang zu beenden. Und wenn dies im Interim zwischen Erde und Himmel geschieht, entsteht dabei manchmal sogar eine Art Wohlklang, eine derart positive Schwingung mit der umgebenden Natur, dass vielleicht gar ein Juchz entfleucht. Und dazu dann gerne ein Gewürzbrot mit süssem Aufstrich, aber bitte keine Milch mit Haut.
Geburi in Uri
What is love?
Der Spielfilm «Drii Winter» wurde in den Urner Bergen im Isental gedreht und weil der Regisseur ausschliesslich Laiendarsteller aus der Gegend einsetzt, wird die archaische Bergwelt und das Leben dort quasi ungekünstelt und direkt umgesetzt. Die tragische Liebesgeschichte wird episodenhaft von einem an antike Schauspiele erinnernden Chor gerahmt. Dieses im Folklore-Outfit auftretende Vokalensemble intoniert auf schönstem Schwyzerdütsch tieftraurige Lieder bis hin zur Todessehnsucht vor einem landschaftlich zwar immer pittoresken, aufgrund von Schneegriesel, fallendem Regen und nackten Fels gleichwohl zunehmend Kälte vermittelnden Hintergrund. Eleganter Kunstgriff, Respekt.
Oh baby, don′t hurt me
Eine Erkrankung lässt die Handlungen des zugezogenen Knechts vermehrt unberechenbar und gefährlich werden, so dass dieser aus der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen wird. Sowieso gehört man üblicherweise erst zum Dorf, wenn man drei Winter (!) zusammen verbracht hat. Erst dann ist man akzeptiert. Durch den wiederholten Einspieler des Euro-House-Megahits «What is love?» von 1993 wird das Mundartliche gleichsam gebrochen wie die kritische Frage nach der Belastbarkeit von Liebe gestellt. Es ist verblüffend zu sehen, wie die Laienschar selbst heikle Szenen souverän meistern. Der Regisseur muss sich im Vor- und Verlauf viel Vertrauen erarbeitet haben, sicherlich begünstigt durch die bekanntlich eher offene und zugewandte Art der Ürner.
Don′t hurt me no more
Ein bei aller Schlichtheit ziemlich tiefgründiger Film, der ausgesprochen gut zur kargen Landschaft passt. Persönlich eindrücklich, da bekannte Gesichter auftauchen; besonders rührend ein Kurzauftritt vom Gitschener Ureinwohner Sepp, in gewisser Weise eine Art filmischer Unsterblichkeit. Ohnedies drängte sich die eine oder andere Träne in die Augen – doch das muss dramaturgische Absicht (Drii, Falschbeschuldigung, Fenster für Seele öffnen) gewesen sein. Ein Film als wahres Goldstück.
Frevel, Es, Bann und goldener Ring
Alpsegen und Betruf
Zwar ist auch in Uri seit einigen Jahren der Einfluss der katholischen Kirche stark zurück gegangen, doch einzelne christliche Riten und Gebräuche werden weiterhin gepflegt. So werden heute noch auf den meisten Urner Alpen kurz nach Alpaufzug die Älpler mit ihren Familien, die Weiden, das Vieh und die Gebäude von einem Priester gesegnet und unter den Machtschutz Gottes gestellt. Weiterhin zur liebevoll gepflegten Tradition gehört der Betruf. Jeden Abend ruft ein Älpler – neuerdings gelegentlich auch eine Älplerin – den einstimmigen Sprechgesang in einem mundartlich gefärbten Hochdeutsch durch die Volle, einen hölzernen Milchtrichter. Text und Melodie sind von Alp zu Alp verschieden. Der Älpler bittet jeweils Gott, Jesus, den Heiligen Geist, die Gottesmutter Maria und ausgewählte Heilige wie die Bauernheiligen Antonius, Wendelin und Bruder Klaus um den Schutz für alle Lebewesen auf der Alp. Der Betruf muss von einer Anhöhe aus möglichst laut gesungen werden. So weit die Stimme des Älplers reicht, soll auch der Schutzbann gelten.
Der goldene Ring über Uri
1941 erschien in Uri ein 330-seitiges Buch, das zwar zu den berühmtesten Schriften über Uri gehört, das aber wohl von den wenigsten von Anfang bis Ende gelesen wird. Es handelt vom Magischen und Animistischen im Erleben und Denken der Urner Bevölkerung. Das Buch trägt den Titel «Goldener Ring über Uri», verfasst vom Arzt und Volkskundler Eduard Renner (1891–1952). In einer poetisch verdichteten Sprache beschreibt Renner ein Weltbild, das weit in die Vorzeit zurückreicht und sich über Jahrhunderte zum Teil bis in die heutigen Tage gehalten hat. Der Kernpunkt dieses – nach Renner magischen – Weltbilds ist die Überzeugung, dass nichts festgefügt ist. Alles kann sich unerwartet verändern, auseinander fallen und sich in neuer Gestalt wieder zeigen. Steinschlag, Bergsturz oder Lawinen können über Nacht saftige Alpweiden in Steinwüsten verwandeln. Ein sicher geglaubter Strahlenfund kann sich anderntags in Nichts aufgelöst haben. Und der erlegte Gämsbock entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Frauenrock. Doch es sind nicht unfassbare Dämonen, die Ding und Welt immer wieder tückisch verändern. Dies zu glauben, verbietet dem strenggläubigen Urner die katholische Kirche. Es ist ein namen- und formloses «Es», worin sich all dieses Unsichere und Unfassbare verdichtet. Frevelt der Mensch, indem er Brauch und Ordnung verletzt, gewinnt dieses «Es» Macht über ihn. Nur indem er die Dinge so nimmt, wie sie sind, sie sorgfältig bewahrt, nicht verändert und sich streng an Herkommen und Brauchtum hält, kann er der Haltlosigkeit seiner Umwelt Einhalt gebieten. Um dies zu erreichen, muss er selbst Haltung bewahren, sich nichts anmerken lassen – im viel gerühmten urnerischen «Nyt derglychä tüä» verharren. Zu Hilfe kommt ihm dabei der Bann, der im Gegensatz zur Zauberei ausdrücklich erlaubt, ja geradezu geboten ist. Nur indem der Mensch um sich einen Bannkreis, einen Ring, zieht, kann er diese unstete Welt festigen. Aus diesem Grund versammelten sich die Bürger auch in einem Ring zur Landsgemeinde. Seinen wohl grossartigsten Ausdruck findet dieser Ringgedanke im Betruf, mit dem der Älpler eine Art Schutzwall um Herde, Hütte und Weide aufrichtet und alles Unheil bannt, so weit seine Stimme reicht.
Bräsige Böen beim Brisen
Countdown
Aufstehen um 4.45, Abmarsch Züri 5.30, kurz vor 8 Uhr am Startplatz eine Bahn-Station vor Engelberg/NW. Die sommerliche Herausforderung bestand im Übergang von Nidwalden nach Uri. Als erschwerendes Hindernis lag der 2400 Meter hohe Brisen zwar nicht gerade am Weg, schien aber vom Sofa aus durchaus machbar. Also zunächst sechszehnhundert hoch gefolgt vom Abstieg über ein auf 2100 gelegenes Joch, dann weiter runter auf 1600 Meter ins Hochtal. Falls Wetter oder Tagesform nicht hold sein sollten, führte die Alternativroute über ein kleineres Joch ohne Zusatzberg.
Lift off
Der Treck war taktisch und strategisch gut geplant, Swisstopo auf alle Eventualitäten programmiert und das Wetter im Startfenster mehr als günstig. Überdies stand zur Vorfreude eine Übernachtung auf Gitschenen an, damit der Alpsegen anderntags völlig zu Recht entgegengenommen werden konnte. Langsam und gemächlich der Beginn, auf dem Programm null Bergbahn heute, tutti per pedes und das geschmeidige Reinkommen im Anstieg immer vorentscheidend. Überschreiten der Weideflächen mit stets respektvollen Abstand zum massigen Rindvieh. Obschon keine Mutterkühe gesichtet wurden, war die Lage nicht immer übersichtlich. Unausweichliche Kollision in der Hochzeit von Weiden und Wandern. Daher Vermeidung allzu intensiven Augenkontakts und dafür Aktivierung sämtlicher Chakren im Hinterkopf und Rücken. Auf Nachfrage an ein lokales Wandergespann sollte der Abstieg auf der Urner Seite schneefrei sein; das wäre schön – besser keine Schneefelder im Juni! Die Auskunft gebenden haben übrigens mehr Respekt vor den Hirtenhunden der Schafherden, weil die wegen zunehmendem Wolf aggressiver abgerichtet werden. Natur pur.
Nach einer ausgiebigen Rast mit hybschen Blick auf den schneebedeckten Titlis folgte dann der Schlussgang auf dem quälend langen und steilen Zickzackweg hinauf zum Wanderhighway Haldigrat. Von links kommen recht entspannt all die vielen Gondelfahrer, die sich von Niederrickenbach hochkutschieren liessen. Von rechts die früher aufgestandenen Bergfahrer schon wieder retour. Die frischen Böen aus der Richtung Sinsgäuer Joch häuften sich, jawohl – Vorhersage von Meteo Blue lag eindeutig richtig mit der Zunahme von Wind zum Mittag hin.
Orbit Injection
Bei bereits gut 25 Grad am späten Vormittag war der Gang zum Gipfel ein schweisstreibendes Unterfangen, die Sauerstoffversorgung eingeschränkt und die Geschwindigkeit erinnerte an die letzten Meter beim Pilatus. Durch jene Erfahrung reicher war die Gewissheit der Überlegenheit von Stetigkeit über Geschwindigkeit eingepreist und wurde genau so auch umgesetzt. Fremdsprachige Wandertouristen in Turnschuhen verwunderten kaum; am Montag kann man in der Zeitung lesen, wie viel unvorsichtige Spinner im alpinen Gelände wieder ihr Leben leichtfertig riskierten und sinnlos verloren.
Energiezufuhr dank der Lektion Drachenberg geregelter als auch schon. Nach dem gnadenlosen Zickzack etwas Ernüchterung; einerseits wegen der schmierigen Fernsicht, andererseits wegen der Massen an Mensch, die sich auf dem schmalen Pfad und dennoch Rennstrecke alldieweil in die Quere kamen. Sowieso: das Ziel steht im Weg. Die Familie mit drei kleinen Kindern liess ich generös überholen, wobei die mangelnde Höhenform als schwer schnaufender Hobbybergler ehrlich eingestanden wurde. Ein junges Pärchen gab sich geschlagen, keine 200 Meter vor dem Ziel – ja, es war verdammt heiss, bereits nahe 30 Grad mittags auf über 2200 Meter! Sicher ein Vernunftentscheid, da ich der weiblichen Hälfte Unsicherheit und fehlende Trittsicherheit schon eine geraume Weile ansah und sie auch die einzigen waren, welche ich beim Kampf hinauf überholte. Schritt für Schritt weiter hoch Richtung Brisen, kurze Atempause, Geschichte wird gemacht, jetzt bloss nicht überpacen und die letzten steilen Meter dann wie zur Belohnung über verblüffend blütenreichen Fels.
Swing-by
Oben recht stürmisch und böig und das kleine Gipfelplateau gefüllt bis zu viel des Guten. Überraschend viele Insekten dort, manche labten sich am Schnee. Bringen Leute wirklich Schnee ans Gipfelkreuz? Warum so viele Insekten gerade dort? Warten die auf Futter? Bienen, Hummeln, Bremsen, Fliegen, Kleine, Grosse – alles da.
Nur ein kurzes Verschnaufen, denn das Ziel im gelobten Land lag nun immerhin in Sichtweite. Freude pur, weil so wurde der Trip zuvor ausgedacht und schön ausgemalt – GENAU SO! Also fast so, weil Malen mit Schweissperlen schon anderes als Sofa. Etwas getrübt wurde der Blick angesichts der nicht prognostizierten aber augenscheinlichen Schneefelder…
Rücksturz
Beim Abstieg eine Wanderin mit motivierendem «Ich habe Bergfieber»-T-Shirt. Yo, «Fever if you live you learn». Sie war sich des Blickfangs gewahr, wie sie auf Nachfrage direkt zugab und trug diesen nur deshalb. Links am Bruder Hoch Brisen vorbei und zu Beginn des Abstiegs galt es gleich ein Schneefeld im 45 Grad geneigten Hang zu queren. Na prima, tastend weiter direkt in den Fussstapfen der Vorgänger mit beidseitigem Stockeinsatz, Berg kurz, Tal lang. Hier abzurutschen wäre schon blöd irgendwie. Und passieren nicht die meisten Bergunfälle erst nach dem Gipfel? Zudem war die Markierung auf der Nidwalder Seite um eins zwei Klassen farbenfroher als bei den Urnern. Und tatsächlich etwas verfranst im Gelände, Kopf zu tief, doch bei guter Sicht sind solch kleine Umwege kein allzu grosses Problem. Beim Steinalper Jochli ein weiterer Wegweiser, welcher wiederum direkt in ein unberührtes Schneefeld wies. Somit war der Pfad schlicht nicht erkennbar; offensichtlich der Erste hier, der sich traute oder dessen Zielgebiet ein anderes war. Eigenmotivation und gutes Zureden im Selbstgespräch halfen die Konzentration stabil zu halten und nach einem Gang wie auf rohen Eiern (hält die Decke? Wie fallen lassen falls alles ins Rutschen kommt?) dann wieder im gerölligen Fels den Weg mehr erahnt als erkannt.
Noch etliche kleinere Schneefelder folgten auf dem serpentinenartigen Weg nach unten, machte nicht wirklich Spass und auch der Schutt war mehr als rutschig. Dazu die frischen Felsabrüche überall, die wie Geschosse auf dem Altschnee lagen, wobei man die Abdrücke und Spuren vom Ausrollen noch gut sah. Da geht was, hoffentlich nicht gerade heute und mit mir. Ein respektvoller Blick auf die überhängenden Bergwände und die Vorstellung von Steinschlag gebar ein mulmiges Gefühl rund um den Bauchnabel. Bewusstes Atmen und die fast absolute Stille taten ihre hypnotische Wirkung, noch musste das Endorphin warten. Die funkenden Neurotransmitter suggerierten im völligem Alleinsein eine unwirkliche Metasphäre inmitten der schroffen und doch so majestätischen Bergwelt. Existenzielle Fragen kamen und gingen, Tritt für Tritt.
Happy Landing
Kurz vor dem Geissboden war die Erleichterung, es bald geschafft zu haben schon ziemlich gross, das permanente Rutschen und Stolpern beim Abstieg hatte langsam ein Ende, nun da die grasbewachsenen Weiden näher kamen. Potzblitz – ein Murmeli wartete auf meine Ankunft vor seinem Bau, weil Wind von vorne günstig für Sichtung vom pfiffigen Tier. Leider kein Teleobjektiv eingepackt.

Zum Schluss war es ein nur noch ein zähes Ringen, die Dusche mega erlösend und das mehr als Volltanken vor der Dopingkontrolle dringend nötig. Die Glückshormone aber waberten. Der Gitschenen Burger nach Älplerin Art wurde vom Sauren Most begleitet und wir alle zusammen unternahmen noch ein kleines Auslaufen zur Alp im Sulztal, wo der Betrufer Beat Burch seit 30 Jahren allabendlich sein Ave in die Bergwelt ruft. Intensiv und eindrücklich der urchige Sprechakt mitten unter Rindern und Kühen. Ein aufrichtiges Mercivielmal inklusive Händeschütteln – das war ein kaum zu krönender Ausklang des Tages. Der tiefe Schlaf sollte gewiss sein, zumal das Seeing etwas bescheiden war, Sterne fast nix wegen aufziehender Schleierwolken. Auch hier lagen die Wetterpropheten von Meteo Blue wieder goldrichtig. Schad drum.
The day after
Am Sonntag dann Alpsegnung. Wasser und Salz wurden gesegnet und alle Anwesenden von Pater Michael tüchtig mit Weihwasser besprenkelt. Er benutzte etwas mehr, da es so heiss war. Die Leute haben sich gefreut und die Jodeldamen gerne noch eine Zugabe gegeben. Nett auch, dass nicht nur die Menschen, die in den Bergen leben und arbeiten, sondern alle Berggänger ins Gebet und den Segen eingeschlossen wurden – das nahm ich gerne persönlich!
Am Grillplatz Teilete mit zwei Geschwistern aus Altdorf. Für die war ich genau jener Exot, für den ich mich auch hielt. Das Glück flutete immer noch sämtliche Körperzellen und daher wurde beschlossen, den Abstieg nach St. Jakob über die Alp Bolgen zu machen, die allemal interessantere und abwechslungsreichere Version als der Fahrweg. Frisch gesegnet wartete an der Talstation noch ein Kalenderspruch für alle Wandersleut:
Spurensuche
Auf der diesjährigen Generalversammlung vom Kapellenverein Gitschenen wurde unter anderem der Bettruf thematisiert, Matratzen aber sollten im Fall selbst mitgebracht werden. Vermutlich würde solches der Bann-Ruefer geschickt mit einem Weckruf kontern. Beim vorgängigen Gottesdienst mit Pater Michael wurde ebenfalls viel gelacht, weil dieser mindestens einen Clown zum Zmorge hatte und tatsächlich die Gemeinde zu weniger Glauben aufrief. Zumindest etwas weniger als ein Senfkorn – verstehe einer die Katholen.
Beim anschliessenden Kontrollgang auf dem Hochtal mussten dank Klimawandel nur vereinzelt Restschneefelder gequert werden, um den Brennholzbestand an der Grillierstation zu überprüfen. Gut gab es nur mehr zwei Tessiner Rosé zum Apéro, weil im Gegensatz zu winterlichen Bedingungen einerseits ein Sturz weniger gedämpft wird und andererseits der Gleichgewichtssinn beim Speed-Hiking nach Augenmass möglichst dem einer Gämse (bei Auf- wie Abfahrt je eine im Steilen gesichtet, Gruss an Joken!) gleichen sollte, ignoriert man tapfer zudem alle Pfadmarkierungen.
Es kam zu keinerlei Beanstandungen – für die Grillsaison auf 1600 Meter scheint alles parat. Auch Älpler, Tor und Foifer weilen weiterhin an ihrem angestammten Platz, nur der Öhi-Sepp wurde leider verlegt. Er war es immerhin, der einst das Tor mir wies und nun unter heimatlich geschnitzter Berglandschaft nebst Bauernhof friedlich ruht.
Der eher zufällig aufgefundene Landschaftsroman fand jedoch kein Ende, da die Folgebänke fehlen und die Künstlerin eine Anfrage bislang nicht mittlerweile beantwortet hat. Die Plaketten seien bis (auf eine) wieder entfernt worden, da es sich um eine temporäre Intervention gehandelt habe. Umso schöner hat ein Teil des Romans überlebt und mit etwas Fantasie und Musse lassen sich bestimmt Fortsetzungsbänke an anderen Orten finden. Tatsächlich gefunden wurden neue frische Bärenspuren im schönen wilden Isenthal, wo doch der letzte Urner Bär längst erlegt worden sein soll…
Schneewelten
Im kleinen Paradies Gitschenen ob Isenthal ist die Winterlandschaft beeindruckend unberührt, die Aussicht vom Urirotstock über die Schwyzer und Glarner Alpen zum Schwalmis grandios. Die Schneeschuhe zeichnen Spuren und Linien ins Geläuf aus denen im perfekten Tiefschnee geometrische Formen erscheinen und vergehen.
Da ein örtliches Krafttier den Pfad im weissen Irgendwo leicht vorspurte, wurde der bereits bekannte Rastplatz auch ohne weitere Wegweisung traumwandlerisch sicher gefunden. Doch die erfahrungsgemäss vorbildlich gepflegte Grillieranlage war leider völlig eingeschneit, genug Holz vom herbstlichen Hacken hätte es schon noch gehabt und auch die fastenbrechende Bratwurst mit Bergkräutern war vorsorglich im Rucksack verstaut. Das honorige Versprechen des mörderischen Brennholzmachers war also erfüllt, bloss der naive Unterländer verkannte wiederum die alpinen Risiken und Verwehungen.
Noch risikobereiter war ein Tourengänger aus der Golden Age Fraktion, welcher auf 2000 Richtung Brisen aufstieg, trotz beidseitig deutlich erkennbarer und relativ frisch abgegangener Schneebretter. Sein schwungvoller Freeride talwärts war beim Zuschauen allerdings schon beeindruckend. LVS, Sonde und Schaufel kommen demnächst mit ins Marschgepäck, mit diesen Zutaten könnte dann auch ein Grill problemlos lokalisiert und ausgegraben werden.
Das Jahresprogramm der Betrufkapelle hält gleich mehrere Saisonhöhepunkte parat – neben der turnusmässigen Generalversammlung noch den Alp-Segen und Bannruef. Und sicher auch ein Gedenken an den Fistbruder, der einst ganz Alpöhi das «Tor» urig erklärte und 93-jährig im letzten Sommer lebenssatt seinen Abschied nahm – Adieu Kamerad!























