Knabenscheissen

Verkackt haben wieder mal die Jungs: Melina hat nach Stechen 2014 klar gewonnen und ist die juvenile Regentin des Sturmgewehrs 90 aka SIG 550. Die Schiessprügel sind übrigens ohrenbetäubend laut; interessant aber, dass trotzdem viele Schaulustige kommen, obwohl es deutlich mehr auf die Ohren als für die Augen geben tut.

Knabenschiessen 2014, Schiessanlage Albisguetli, Knabenschiessen Zürich

Sowieso geht man ja nicht wegen der Schiesserei auf das Festgelände, sondern wegen Zuckerwatte & grossen Kinderaugen. Die malträtierten Ohren wurden wie üblich durch die legendäre Ruth-Orgel von 1906 etwas besänftigt, quasi Klangoase. Diesmal spielte olle Ruth just „Berliner Luft“ — geht doch.

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Und ja, der Hobbyschweizer war auch drin in der Orgel…

Tillen-Willi

Bewahrung und Erhalt von Traditionen ist eine ureigene helvetische Spezialität, welche heute in der marktkonformen Swissness gipfelt und dergestalt zum Geldwerten Vorteil gereicht. Besonders am Schweizer Nationalfeiertag, wenn auf der Rütliwiese oberhalb des Urner Sees der Bundesbrief verlesen wird und dabei der nebulöse Mythos von den drei Genossen aus Uri, Schwyz und Unterwalden, welche eben dort einen Eid geschworen haben sollen munter weiter tradiert wird, fällt auf, wie sehr die moderne Schweiz ihre dramaturgisch geschickt gepimpte Herkunft verklärt.

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In dem 1971 erschienenen Werk «Wilhelm Tell für die Schule» entlarvt Max Frisch den Gründungsmythos der Eidgenossenschaft gründlich mit einer kenntnisreichen Mischung aus Ironie, Humor und Phantasie. Frisch verzichtet auf jedwede Schönfärberei und ist mit seiner Version um einiges dichter an der historischen Wahrheit als das Helvetische Heldenepos. Er verschweigt nicht jene bis ins Detail auffällige Ähnlichkeit des kolportierte Apfelschusses mit gleich zwei Skandinavischen Vorbildern (Toko-Sage). Der Rütlischwur der drei lokalen Herren Stauffacher, Melchtal und Fürst ist bei Frisch eher ein Interessen-Bund von Grundeigentümern und keineswegs ein brüderlicher Freiheitsbund von einfachen Bauern und Hirten. Der «Trotz aus Unverständnis war mörderisch» bilanziert Frisch über die verstockten Bergler.

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(Foto: Sarah Groß, Fliegende Volksbühne Frankfurt)

Bis hinein ins 20. Jahrhundert galt noch der 7. November 1307 als Datum des vermeintlichen Rütlischwures, wobei solch gegenseitige Schutzabkommen zwischen verschiedenen Talschaften in jener Zeit sowieso oft und gerne geschworen wurden. Zur anstehenden Berner Kantons-Feier 1891 fand sich wie zufällig eine auf 1291 datierte Erklärung und mit dem Rütlirapport robbte der Nationalmythos dann allmählich weiter Richtung Monat August.

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Im Zuge der epochalen Feiern von 1991, gefolgt vom ablehnenden Volksentscheid zur EU-Causa 1992 wurde der 1. August dann 1994 als arbeitsfreier Feiertag verfassungsmässig festgeschrieben. Die nationale Cervelat grilliert sich im Hochsommer jedenfalls viel angenehmer.

Oh Du Goldigs Sünneli

Sonnenwendfeiern sind wieder mega-in, rituelles katalysiert spirituelles. Ehedem als „Heidnisch“ verschrienes Kulturgut gilt zusehends als rehabilitiert und wird heutzutage in manchen Kirchen akzeptiert und sogar zelebriert. Metaphysischer Ek­lek­ti­zis­mus par excellence, Om meets Ky­rie elei­son beim Ringelpietz mit Anfassen.

Somnnenwendfeier, rituelles Singen

Am 21. Juni wird es um 12.51 MESZ dann auch astronomisch Sommer, diesmal ganz im Zeichen des Brazuca.

Bruder Jakob

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Der „Offene St. Jakob“ ist eine sogenannte Citykirche in Zürich. Anfang der 90er wurde die im Kreis Cheib gelegene Kirche aufgrund des rapiden Rückganges von Gemeindemitgliedern und Kirchgängern einem breiteren Publikum geöffnet und in der Folge durch bauliche Massnahmen besucherfreundlich umgestaltet. Starres Kirchengestühl wurde zugunsten einer variablen Bestuhlung ausgetauscht, ein betanzbares Eichenparkett verlegt und eine zeitgemässe Licht- und Audioanlage installiert. Heute steht das Haus täglich für jeden offen und kann zudem für diverse Veranstaltungen gemietet werden.

Kirche St. Jakob, St. Jakobkirche Zürich, Citykirche Zürich, St. Jakob

Traditionell werden in der Aussersihler Gemeinde Migranten fürsorgt, die salopp-juvenile Streetchurch lässt es regelmässig andächtig krachen und selbst Klangtherapie, Handauflegen und Yoga finden ihren Platz. Bis zur Anlegestelle wogte die Tango-Nacht im Kirchenschiff unlängst bis vier Uhr morgens…

Selbstverständlich wird aber auch dem kultischen Bedürfnis der reformistischen Gemeinde entsprochen: die sonntäglichen Zeremonien werden abwechselnd mit Musik, Tanz oder Gesprächsrunden aufgelockert. Bisweilen agiert der käufliche Hobbyschweizer als braver MC und keuscher Abwart. Sozialpolitisch steht die Kirchengemeinde auf der richtigen Seite und es nimmt kaum Wunder, wenn zum Abschluss der Sonntagspredigt zu der Demonstration Wem gehört Zürich? aufgerufen wird. Nicht zuletzt wird der Laden auch seinem Namenspatron gerecht und fungiert als Pilgerzentrum für die Muschelweggänger, gell Anton.

Jakobsweg, Wegweiser Jakobsweg

Heileland

Die heile Welt im Heidiland wird von den eigenbrötlerischen Bauern auf dem Land gepflegt. Allerdings sähe das Heidiland ohne milliardenschwere Subventionen nicht gar so alptraumhaft herzig aus; selbst das Wiesenmähen wird mancherorts staatlich entlöhnt, so dass sich Landwirtschaft obendrein als Hobby lohnt. Ähnlich der toskanischen Traumlandschaft erschliesst sich auch im voralpinen Lebensraum der unmittelbare Einfluss des Menschen erst bei einem genauen Blick, und zeigt sich alsdann als ziemlich grosser, aber ordentlicher Familiengarten.

Unter weitestgehendem Ausschluss von Konkurrenz in Form auswärtiger Frass- und Futterfeinde lässt sich die helvetische Bauernschaft ihre hochpreisigen Produkte kräftig subventionieren und kann zudem auf einen abgeschotteten Binnenmarkt zählen. Gerade unter jenen hoch bezuschussten Kulturpflegern gilt nun das Biotop Schweiz als ungemein gefährdet, wobei auf dem Land im Vergleich zu den Städten eher weniger unter Dichtestress gelitten werden dürfte.

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Und so kommt es zu der paradoxen Situation, dass vor allem jene Kantone einem Isolationismus frönen, welche vom Kantonalen Finanzausgleich am meisten profitieren. Auf absurde Weise alimentieren die weltoffenen Kantone so die ländlich geprägten Nationalpopulisten in der Eidgenossenschaft — ein wahrlich besonders eindrücklicher dialektischer Umschlag helvetischer Art.

Last orders !

In Zürich wird das Oktoberfest bis in den November hinein gefeiert, während das Original schon vor 140 Jahren geschäftstüchtig in den meteorologisch eindeutig optimistischeren September verlegt wurde.

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Sowieso erstaunlich, dass trotz aller Ressentiments gegenüber den nördlichen Biertrinkern das bescheidene Plagiat inmitten der Stadt seit bald 20 Jahren ausgerichtet wird.

Pecunia non olet und Schweinebraten mit Gemütlichkeit im Landhausstil über alles! Heute ist auszapft, und das ist auch gut so…

Schwingermarkt

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Beim alle drei Jahre stattfindenden Eidgenössischen Schwingerfest unterlag der von Lidl.ch geponserte Seeländer Stiernacken Chrigu Stucki dem Emmentaler Sempach Matthias im Schlussgang. Obwohl Ersterer ein gutes Drittel mehr Lebendgewicht als der neue Schwingerkönig auf die Waage brachte, setzte sich Technik gegen Kraft durch. Als ich das Riesenbaby auf der Appenzeller Schwägalpschwingete erstmals leibhaftig beäugte, dachte ich zunächst er sei der Grüezini von Lidl, weil er dort auf Pappe aufgezogen lebendgross immer am Eingang rumsteht.

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Die hiesigen Statthalter von Herrn Schwarz bewiesen ein gutes Händchen, indem sie den Hünen als Markenbotschafter unter Vertrag nahmen, auch wenn dessen Vereinnahmung durch den aggressiv auftretenden ausländischen Discounter zunächst in der heimatverbundenen Schwingerszene gar nicht besonders gut ankam.

Dafür hat die Migros als Hauptsponsor des Schweizer Nationalsports nun die Genugtuung, die Königswürde weiterhin im eigenen Detailhandel fachgerecht verwursten zu können.

Futtermischung

Bei den ausgewachsenen Schwingfest-Hauptpreisen kommt es öfter mal zu Gelenkproblematiken, was Angesicht einer schieren Masse von weit über einer Tonne Lebendfleisch auch nicht verwundert. Stutzen tat der Hobbyschweizer aber, als er vom vorzeitigen Ableben des diesjährigen Siegerstieres für das Eidgenössischen Schwingerfest erfuhr, zumal dieser ausgerechnet auf den Firmennamen des edlen Stier-Spenders, eines in der Schweiz marktbeherrschenden Kraftfutterherstellers getauft wurde. Dabei hatte das Vieh diesmal sogar eine eigene Homepage und, klärchen, ein Facebook-Fake. Traurig das. Also das und das, UND das. Es stand aber rasch Ersatz parat und so musste lediglich die Fellzeichnungs-Tapete im Internet ersetzt werden…

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Königswein für das Königstier

*Womöglich ist die Flaschenaufzucht doch etwas problematisch*

Feueralarm

boeoegg 2013, kinderumzug zürich 2013, sechselaeuten 2013Alle Jahre wieder wird der leidige Winter von Henkersknechten durch die Zürcher Innenstadt eskortiert und der öffentlichen Verbrennung auf dem Sechseläutenplatz zugeführt, wo Punkt 18 Uhr der Fackelwurf eines berittenen Zünfters das Ende des Schneemannes einläutet. boeoegg 2013, kinderumzug zürich 2013, sechselaeuten 2013Wenn der mit Knallkörpern gefüllte Kopf des Böögg dann endgültig pulverisiert ist, kommt es zum beliebten Volkswurstbraten auf den noch glimmenden Resten des Scheiterhaufens, was jedoch viele stolze Zünfter selbst heutzutage als pure Blasphemie weil zu anarchisch beargwöhnen. In deren patrizialen Augen ist das gemeine Volk nämlich gleich den bloss als Blumenfräuleins geduldeten Frauen sowieso reine Staffage.

Versprecher

Neulich auf einem Zürcher Spielplatz erzählte ein kleines Mädchen ihrer Mutter vom Kindergartentag. Dabei erwähnte das Kind, dass die Kindergärtnerin „Ufgabe“ gestellt hätte. Sofort verbesserte die Mutter sehr bestimmt, es hiesse nicht „Ufgabe“ sondern „Ufgobe“; bei ihnen daheim würde schliesslich Baseldütsch gesprochen und nicht Züritüütsch!

Aufgrund solch mundartlicher Feinheit und deren unbedingter Wichtigkeit war der Hobbyschweizer schlichtweg baff und neugierig, machte doch die Mutter ansonsten nicht gerade den Eindruck einer volkstümmelnden Landpomeranze. Nach intensiven Nachforschungen verfing sich dann eine aufschlussreiche Alemannische Sprachkarte im Netz.

Und der Hobbyschweizer hat jetzt gelernt, dass Basel (Stadt) eine Niederalemannische Insel in der Schweiz ist und die stolzen Insulaner sich nie (und schon gar nicht von Zürchern!) ein a für ein o vormachen lassen, sondern ihren Dialekt gut pflegen – gestern, heute und morgen.

Heilsbells

 

Rettet die Heilsarmee die Schweiz?

Selbst für diesen Versuch gäbe es für die Schweiz vermutlich wenig mehr als die gewohnten Zero Points. In einer Volksdemokratie ist man jedoch ergebnisoffen und auf der Seite des Schweizer Fernsehens tummeln sich weitere 178 (!) Bewerbungsvideos. Es gibt dort allerhand bemerkenswert stumpfes Liedgut. Unerschrocken kandidiert Serbien in der Schweiz, die Eurovision-Gewinnerin von 1956, Lys Assia, ist nicht tot zu kriegen und Hotel Mama hat immer ein Leckerli für schunkelige Schwergewichte. Politisch korrekt ist Jack Stoiker, der findet die Anderen einfach nur blöde.

Delikat Essen XLIV

Schnellmerkervermarkter Migros wildert wiedermal im Windschatten:

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Erstens spriessen die Currybuden in der Deutschschweiz schon längst wie Pilze aus dem Boden, zweitens heisst das stullenmässige Schrippe und drittens ist fraglich, ob Wurstcurry tatsächlich das Beste aus Berlin ist.

Nahe der Bestform und aus Bestberlin aber ist Die Kleine Kapelle und die spielt am 24. August in Berlin-Kreuzberg zum allerletzten Mal vor dem Weltuntergang für die Öffentlichkeit zum Tanz auf. Paninaro, oh oh oh!

Rauschmessung

Die ersten Kontrolleure waren bereits unterwegs, um im Val de Travers die frisch eingerichtete geschützte geografische Herkunftsbezeichnung für fälschungssicheren Schweizer Absinth an Ort und Stelle zu überprüfen.

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Bis anhin keinerlei Beanstandungen

Der wesentliche Unterschied zwischen GGA und AOC wird in einem Kommentar auf dem Schweizer Schnapsforum stocknüchtern erklärt.