Schutzgeld

Ob der Russe oder die atomare Wolke bis zum Ende der Session wartet?

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Noch immer ist in der Schweiz bei Neubauten vorgeschrieben entweder einen adäquaten Schutzraum einzuplanen oder Unterkunft in einer öffentlichen Schutzanlage zu kaufen. Von mittlerweile ca. 270 000 privaten Schutzräumen werden etliche als Weinkeller, andere sogar als Gewächshäuser missbraucht.

Stadtlandfluss

Im Rahmen des Projekts Kunstpassanten sind ich & Co. vom Treffpunkt im Zürcher Hbf aus erst kreuz und quer durch die Stadt und dann bis nach Schlieren (jwd) mitgegangen. Unser Anführer San Keller (nach dem ein ganzes Museum benannt ist) macht ganz lustige Konzeptkunst und stellte diese Führung durch die Zürcher Gemeinde unter das Motto „Egal“.

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Zahlreiche Interessierte im Sonnenschein zu Beginn in der Altstadt

Sein gesamtes Honorar von immerhin achthundert Stutz teilte Meister San unter denjenigen auf, die auf dieser 5 Stunden (Tor-)Tour durch Zürich bis raus in die Agglo im Limmattal mehrheitsfähige Sehenswürdigkeiten vorschlugen, an Ort und Stelle der Attraktion angelangt hierzu referierten und selbstverständlich bis zum Ende der Veranstaltung tapfer durchhielten. Dieser Ansatz von egalitärer Teilhabe respektive pekuniärer Umverteilung durch San Keller ist bemerkenswert und lässt subtile Kapitalismuskritik durchscheinen.

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Bei Halbzeit trübes Wetter und eine überschaubare Menge im Quartier Industrie

Aufgrund der geplanten Übernahme der Führung durch die Teilnehmer wusste selbst Moderator San Keller nicht wo die Aktion hinführt bzw. endet — ein gängiges Motiv bei vielen seiner heiteren Unternehmungen. Überhaupt sollte man bei Teilnahme an Kellerschen Aktionen besser eine mehr als hundertprozentige Fitness mitbringen, wie man dem jüngsten Stellenangebot der San Dance Company entnehmen kann:

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Unser gemeinsamer Weg der Erkenntnis führte u. a. von grossbanksubventionierter Granitkunst im öffentlichen Raum über teils menschenverachtende als auch wohnwertsteigernd gestaltete Hinterhöfe, vom noch kranlosen Limmatquai zu den von Sigmar Polke neu gestalteten Fenstern des Grossmünsters, dem Kunsthof mit einem roten Berliner Kleinbus über neckisch beflaggte Neubauten bis hin zu Ateliers am Limmatufer in Schlieren.

Der Extremsportler San Keller verteilte nicht nur sein Honorar um, sondern lud zusätzlich alle bis zum Finale Dabeigebliebenen (immerhin noch ein gutes Dutzend von anfänglich über fünfzig Lustwandlern) zu einem abschliessenden Feierabendtrunk auf seine Kosten ein!

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Zwei erschöpfte aber glückliche Teilnehmerinnen mit Anteilscheinen des geknackten Jackpots

Stella aber wollte unbedingt nach Hause und der Bus von Schlieren zurück war eine reine Wohltat für meinen wehleidigen Körper.

Restessen

Die liebenswerte Susanne Hofer hat unlängst in der Shedhalle (Rote Fabrik Zürich) wieder einmal performt:

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Zum Abschluss der Ausstellung NAHRUNG hat die Hofer von einem reichhaltig aufgetischten kalten Buffet gekostet und dazu ein paar Flaschen Champagner knallend entkorkt und lediglich angetrunken. Die Aktion wurde mit Nahaufnahmen von einer Videokamera auf eine Leinwand gross projiziert. Nach einer guten Viertelstunde wählerischer Autogustation untermalt von mikrophonverstärkten Schmatzern nebst Befreiungsrülpsern hat sie dann fein säuberlich reinen Tisch gemacht und alles, wirklich alles polternd in eine scheppernd herbeigeholte Blechtonne abgeräumt!

Verhaltener Applaus und leichte Irritation. Die künstlerisch überzeichnete Widerspiegelung von Überproduktion und Nahrungsüberfluss auf der einen Seite der Tonne, auf der anderen Seite der Blick in die Tonne war für mich zunächst mental schwer verdaulich.

Beim Zuschauen zuvor hatte ich Appetit bekommen und mir nach dem Ende der Hoferschen Darbietung den einen oder anderen Happen aus der gut gefüllten Blechtonne gefischt. Susanne hat uns Hungernde mit „Ist wirklich alles ganz frisch und lecker!“ dazu ausdrücklich ermutigte. Ich war mir beim Probieren nicht ganz sicher, ob das aus-der-Tonne-essen inhaltlich noch zur Performance gehörte — der meist augenzwinkernden Susanne trau ich dies aber unbedingt zu.

Die feinen Happen aus der Tonne haben den provokativen Nachgeschmack der Aktion immerhin ein wenig abgemildert…

Berlinskaja

Sehenswert in Berlin sind

Kottbusser Tor unter Tage:

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Alexandraplatz über Tage:

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Frankfurter Tor am Spättag:

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Sonst gibt es in Berlin eigentlich nicht viel zu sehen. Ausser einem Geysir vielleicht.

Viele haben dort eine grosse Klappe (schön von Riesen quasseln, aber gesehen haben wir keine und geben tut es die eh nicht und wenn überhaupt, dann nur im Fernsehen), andere sind einfach Spinner wie der Typ an der Tram-Haltestelle am Frankfurter Tor, der auf mein Erstaunen ob der Telefonbücher unter seinem Arm (drei Stück: Das Örtliche in 2 Bänden und die Gelben Seiten) tatsächlich meinte: Die Kommunikationsserver brächen bald alle zusammen, alles bricht sowieso zusammen, weil in 42 Millionen Kilometer Entfernung ein intergalaktisches Mutterschiff bei der Sonne in Warteposition parkiere und nur noch auf ein Zeichen von einem Wandelplaneten wartet, um den Erdlingen zunächst mächtig Angst und anschliessend irgendwelche Erkenntnisse einzujagen. Alle Regierungen wüssten bereits davon, aber das Wissen werde geheimgehalten, um Panik zu vermeiden. Von Australien aus könne man zur Zeit eben jenen zwölften (!) Planeten beobachten, von welchem der äusserlich völlig normal erscheinende Typ mir auf seinem Handy sogleich ein Photo zeigte (auch etwas unscharfes vor/neben der Sonne war auf einem weiteren Bild zu erahnen) und dazu irgendwas von einem braunen Riesen faselte, welcher alle 3600 Jahre vorbei käme.

Schon wieder diese Riesenmär!

Er hat mir noch andere obskure Bildchen auf seinem Handybildschirm präsentiert, die er mit phantastisch abgedrehten Geschichten untermalte, aber bevor ich ihn fragen konnte, ob er denn mit den Ausserirdischen mittels seines tollen Handapparats direkt in Kontakt stünde, kam schon meine Bahn, die mich dann durch das Kreuzberger Wurmloch in meine eigene Parallelwelt zurück transportierte.

Ach ja, auf den Bildern oben kann man das Mutterschiff ganz gut erkennen…

Landigeister

Die geistige Landesverteidigung ist eidgenössische Metapher für die hiesige Spezialität der Abgrenzung nach Aussen und kulturellen Konzentration auf heimatliche Werte. Diese Art wehrhafter Igelstellung wurde in den 1930er Jahren ursprünglich als antifaschistisch geprägter urchiger „Landigeist“ mystifiziert. Noch heute aber spukt jenes Überbleibsel aus heissen und kalten Kriegszeiten speziell in patriotisch gesinnten Köpfen. Beim wilfing schliesslich auf der Hauptseite der heute cybertechnisch gut ausgerüsteten ambulanten Landesverteidiger angelangt, überkam mich ein ungläubiges Staunen über die dort ausgebreitete Banalität helvetischen Gedankengutes mit ordentlich rechter Schlagseite.

Die von einem aus der Ex-DDR (!) stammenden Versicherungsvertreter in seiner angeblichen Funktion als „stellvertretender Pressesprecher“ betriebene Internetpräsenz geistige-landesverteidigung.ch bietet neben national-paranoidem Geschwurbel ausserdem diverses „infowar“-Material für den weltläufigen Verschwörungstheoretiker. Am Fuss jeder Seite steht „Unsere Webseite darf aus rechtlichen Gründen nur in der Schweiz genutzt werden.“ (Ist dem wirklich so? Kann man vom Grossen Kanton aus nicht auf die landesverteidigende Seite zugreifen?) Unter Nutzungsbedingungen befindet sich der Hinweis: „Telefonate werden mitgeschnitten. Sie erklären sich damit bei einem Anruf einverstanden.“
Das Versicherungsgeschäft scheint eine ausgewachsene Phobie zu erzeugen!

Neben kruden Podcasts – angeboten auf der Subdomain radio-freie-schweiz.ch – stellen die entgeisterten Landesverteidiger auf ihrer Internetbastion jovial Gratis-Banner zur Verfügung, welche aufrechte Eidgenossen zum Schutz vor dem inneren Schweinehund und der Verteidigung ihrer Lieblinge anhalten:

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Innerer Feind? Fast 100 Selbstmorde mit Ordonanzwaffen jährlich!

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Mit dem automatischen Sturmgewehr nationale Patina verteidigen!

Wirklich amüsant süffisant: ein gelernter Ossi stellt anständigen Schweizern den Hort von Freiheit und Demokratie zur Verteidigung anheim…

Schlimme Folgen

Michael Jürgs, Ex-«Stern»-Chefredaktor und Buchautor «Seichtgebiete» befürchtet schlimme Folgen:

Was ist der Unterschied zwischen einem Prolo und einem Proleten?

Ein Prolet ist ein anständig arbeitender Mensch, der vielleicht kein Gymnasium besucht hat. Ein Prolo ist ein tanzender, sich rüpelhaft benehmender Mensch, wie er in den Castingshows zu bewundern ist und dem die Dummheit ins Gesicht geschrieben steht.

Wie erklären Sie sich den Vormarsch der Prolos und deren Castingshows?

Früher gab es genauso viele Blöde, aber sie hatten keine eigenen TV-Kanäle. Diese haben dazu geführt, dass Blödsein salonfähig geworden ist. Schliesslich haben wegen der gestiegenen Arbeitslosigkeit mehr Leute Zeit, sich solche Sendungen anzusehen. Sie müssen die Zeit totschlagen, und genau das wird in diesen Sendungen auch gemacht.

Prolos und blöde TV-Sendungen sind ja keine deutsche Erfindung.

Die meisten werden aus den USA oder England übernommen. Ganz schlimm ist Italien. Berlusconis Fernsehen, das ist ja abenteuerlich. Aber wenn ein Dieter Bohlen oder eine Heidi Klum zu Helden der Nation werden, dann muss man sich ernsthaft fragen: Sind wir eigentlich alle wahnsinnig geworden?

Wie äussert sich das konkret?

Die Kinder benehmen sich in der Schule so, als ob sie jeden Moment auf den Anruf eines Castingservices einer TV-Reality-Show warten würden. Und sie benehmen sich im Alltag wie Rüpel, weil man das im TV ja auch tun darf. Das Fernsehen hat seinen Einfluss ausgeweitet, und das hat schlimme Folgen für die ganze Gesellschaft.

Publiziert am 13.09.2009
von: sonntagszeitung.ch

Ausschuss

Beim traditionellen Knabenschiessen spielt das bewährte Sturmgewehr der Schweizer Armee eine Hauptrolle. Halbwüchsige Knaben und schiessfertige Meitli haben beim Abfeuern der ausgewachsenen Armeewaffe mordsmässig Spass und erhalten zudem eine Gratiswurst bei diesem quasi stammestypischen Initiationsritus der Zürcher Helveten.

Einen lesenswerten historischen Hintergrund (nicht nur) des Knabenschiessens liefert hierzu die Zürcher Brauchtumsseite:
Jugendliche Schiesswut wird – gesellschaftlich akzeptiert und kanalisiert – schliesslich militärisch prima verwertbar.

Eigentlich sind die Zürcher mit ihren beliebten volkstümlichen Feiertagen ja ziemlich sparsam: neben der frühjährlichen Böögg-Einäscherung ist auch das herbstliche Knabenschiessen lediglich ein halber Feiertag. Bis Mittag wird brav gearbeitet, erst in der zweiten Hälfte des (Mon-)Tages wird gefeiert gezündelt respektive geschossen.

knabenruhe

Angenehm flauschig ist das Verlässliche: am Dienstag nach dem Ausschiessen wird wieder zu den üblichen Zeiten bedient…