Michael Jürgs, Ex-«Stern»-Chefredaktor und Buchautor «Seichtgebiete» befürchtet schlimme Folgen:
Was ist der Unterschied zwischen einem Prolo und einem Proleten?
Ein Prolet ist ein anständig arbeitender Mensch, der vielleicht kein Gymnasium besucht hat. Ein Prolo ist ein tanzender, sich rüpelhaft benehmender Mensch, wie er in den Castingshows zu bewundern ist und dem die Dummheit ins Gesicht geschrieben steht.
Wie erklären Sie sich den Vormarsch der Prolos und deren Castingshows?
Früher gab es genauso viele Blöde, aber sie hatten keine eigenen TV-Kanäle. Diese haben dazu geführt, dass Blödsein salonfähig geworden ist. Schliesslich haben wegen der gestiegenen Arbeitslosigkeit mehr Leute Zeit, sich solche Sendungen anzusehen. Sie müssen die Zeit totschlagen, und genau das wird in diesen Sendungen auch gemacht.
Prolos und blöde TV-Sendungen sind ja keine deutsche Erfindung.
Die meisten werden aus den USA oder England übernommen. Ganz schlimm ist Italien. Berlusconis Fernsehen, das ist ja abenteuerlich. Aber wenn ein Dieter Bohlen oder eine Heidi Klum zu Helden der Nation werden, dann muss man sich ernsthaft fragen: Sind wir eigentlich alle wahnsinnig geworden?
Wie äussert sich das konkret?
Die Kinder benehmen sich in der Schule so, als ob sie jeden Moment auf den Anruf eines Castingservices einer TV-Reality-Show warten würden. Und sie benehmen sich im Alltag wie Rüpel, weil man das im TV ja auch tun darf. Das Fernsehen hat seinen Einfluss ausgeweitet, und das hat schlimme Folgen für die ganze Gesellschaft.
Publiziert am 13.09.2009
von: sonntagszeitung.ch