Passend zum eidgenössischen Wahlkrimi spendiert Google ganz überraschend einen Tages-Doodle:
Der empor gestreckte Zeigefinger scheint mir in Zeiten von IS immer so auffallend autoritär und gar allzu fundamentalistisch besetzt. Aber gut, es gibt schliesslich Wahlpflicht. Zumindest in Schaffhausen; also im Kanton Schaffhausen. Dort drohen Nichtwählern nämlich 6 SFr Busse! Doch dafür käme der Doodle womöglich zu spät, weil Briefwahl in der Schweiz mittlerweile Usus ist, die Wahllokale bereits um 12 Uhr schliessen und das Ergebnis nur wenig später vorliegt, damit der Wahltag bloss nicht allzu lange und spannend gerät.
Mit der folgenden Prognose wird der Sonntag nun völlig entspannt:
SVP 28,7%
SP 19,1%
FDP 17,5%
CVP 9,9
GL 5,5%
GP 5%
BDP 3%
So oder ähnlich gehts aus.
Im Zwergenland.
Beim Doodle.
Im aktuellen Schweizer Wahlkrampf hat die SVP wie immer das nötige Kleingeld für ihre Gaga-Propaganda. Sachthemen sind out, alberne Wahlspots in. Im September hatte die volkstümlich auftretende aber von Milliardären gesteuerte und finanzierte Partei den Titel einer Pendlerzeitung für ihre Banalitäten nebst üblicher Angstmache gebucht.
Jetzt wurde von über 12000 Crowdfundern dagegen gehalten und Titel plus Seite 2 gekauft:
Offener Brief an die Chefredaktion des 20 Minuten
Ich gratuliere Ihnen! Heute, am 14. Oktober 2015, haben Sie es nach all den Jahren geschafft, eine gute Titelseite zu publizieren; erhellend ist, dass Sie für dieses Gelingen 138’531 Franken einstreichen und dass dieser geglückte Umschlag direkt an Ihr Versagen geknüpft ist. «Grundsätzlich» könne jede Partei inserieren und den Umschlag buchen, so formulierte es Ihr Sprecher Christoph Zimmer. Vielen Dank! Es ist ein offenes Geheimnis, dass sich das die meisten Parteien nicht leisten können. Ein trocken zynischer Satz also? Nicht nur. Das Brisante liegt vielmehr im Wort «grundsätzlich». Man kann buchen, egal wer, egal was, «grundsätzlich» ist alles möglich, Hauptsache, der Batzen stimmt. Wir wissen um die Unsentimentalität des Kapitalismus, aber wie steht es mit Ihren Grundsätzen? Der Gebrauch des Wörtchens «grundsätzlich» weist geradezu obszön auf die Abwesenheit von Grundsätzen hin. Journalistische Ethik? Eine demokratische Grundsatz-Diskussion, ob es (in Zeiten des Wahlkampfes) vertretbar ist, den Umschlag zur «Buchung» freizugeben? Es steht jedenfalls fest, dass Sie sich an eine hetzerische Ideologie verkauft haben, deren Kaufkraft eine eminente Macht bedeutet; die Ideologie ist (auch) das, was sie zu kaufen vermag. Sie sind also – ohne eine Haltung zu haben – zum Steigbügelhalter des Populismus geworden, dafür müssen Sie sich verantworten. Fairerweise muss ich sagen, dass in Ihrem Fall wenigstens klar ist, dass Sie gekauft worden sind. Andere Zeitungen und Zeitschriften sind diesbezüglich schwieriger zu «lesen», das heisst, im Normalfall wird der brisante «Zusatzstoff» bei Medienprodukten nicht deklariert – warum eigentlich nicht? Aber diese Frage stelle ich jetzt an die Chefredaktion des «Du».
Der Rechtsruck bei den anstehenden Schweizer Parlamentswahlen wird zwar moderat aber dennoch spürbar werden. Den konservativen Sonderweg in jene isolationistische Sackgasse, in der kleinstaatliches Rangieren immer umständlicher wird führt Ruth Schweikert in einem aktuellen Essay auf eine in mythischer Vergangenheit verorteten Fetischisierung zurück. Zeitgemässer sei vielmehr die Diskrepanz zwischen Utopie und Realität zu entschärfen, und «den utopischen Moment wieder in eine Zukunft zu transformieren».
Seit über 25 Jahren schafft es eine eigentliche Klientelpartei sich dank stramm national auftretender Knallchargen als allein seelig machender Gralshüter des Mythos Schweiz zu positionieren und leider verfängt gerade bei Jungwählern zunehmend die immanente Angstmache. So hat der Parlaments-Kandidat Glarner bereits früher solch griffige Reime wie «Maria statt Scharia» ersonnen und bedient gewohnt kurzbündig abendländische Ängste im Aargau.
Fremde Vögte stünden ohnehin lauernd parat, um dem Schweizer Volk seine Freiheit und der Jugend ihre Zukunft zu rauben, weiss der Kandidat und Glarner will nicht nur darum die Schweizer Armee künftig auf 500 000 Wehrdienstleistende verdreifacht wissen — schliesslich sei der Dschihad selbst innerhalb der Eidgenossenschaft längst Realität.
Offensichtlich ist der Paranoiker aus dem Aargau völlig gaga und mich ärgert wiederum, auf solch plump vorgebrachte Anmache in Pawlowscher Manier reflexartig sabbelnd zu reagieren. Dabei ist der Aargauer längst unter uns.
Neulich im Zürcher HB, Rauch- und Tränengasschwaden verzogen sich allmählich, und verwundert erblickte ich den Brunner Toni, den allzeit gesprächigen Wältwuche-Köppel und weitere Schergen,
die im Kampagnenmodus leibhaftig und öffentlich die freie Schweiz mit Freibier, Wurst und Hymne gegen fremde Vögte verteidigten. Ein Polizeikordon und Willy Tell halfen nötigenfalls gegen irrlichternde Binnen-Protestler. Und der Tell Willy ist jetzt scheinbar ein WegWahlkampfschlagerstar. Erschreckend aber wahr.
Falls in der Schweiz ein Run auf die Franken-Automaten anstünde, wäre er wahrscheinlich eher gesittet, wie das hilfsbereite Post-it eines Bankomaten-Kunden erahnen lässt. Ausserdem beruhigend: das Land besitzt sowieso mehr als genug Geldreserven.
Zudem wird der Eidgenosse ständig daran erinnert Vorräte anzulegen «Kluger Rat — Notvorrat», wobei der Armeechef natürlich mit gutem Beispiel stets vorweg marschiert. Gut, der letzte Sonnensturm ging nochmal glimpflich ab, aber steht nicht der RusseFlüchtling Grieche bereits draussen vor der Türe?
Alle Frühjahr wieder feiert Zürich zünftig Zürich und lässt einen Pappmaché-Schneemann in die Luft fliegen. Diesmal aber feiert Zürich Zürich und lädt Zürich ein!
Weil 2015 kein anderer Kanton Gast sein wollte (nach Luzern sagte auch Liechtenstein ab) erklärte sich der die Stadt umfassende, umschliessende und dazu auch noch gleich benamste Kanton bereit kurzfristig einzuspringen. Was für ein Chlapf.
Lokal wird am Sonntag über Ausnüchterungszellen abgestimmt, in denen verhaltensauffällige Freizeittrinker bei Zimmerpreisen bis zu 600 Franken ihren Rausch ausschlafen sollen müssen.
Global geht es bei der Ecopop-Initiative um den selbstverliebten Wunsch das eigene Zimmer weiter abzudichten, und in den überbelegten Wohnräumen effektive Schweizer Familienplanung anzubieten. Entwicklungshilfe wird so zur Empfängnisverhütung im doppelten Sinne. Darauf einen Dujardin.
Obige Forderung ist kein Scherz und wurde als Volksinitiative nun vom Bund genehmigt. Werden im nächsten halben Jahr 100.000 Unterschriften für den Vorschlag gesammelt, wird er der Eidgenossenschaft zum Volksentscheid vorgelegt. Möglicherweise würde im Nachgang die allegorische Helvetia zur postmodernen Matriarchin eines entkriminalisierten Feminats. Bloss welches Land nimmt schon freiwillig detonationsfähige Testosteron-Bomben auf?
Im Glarner Land, oberhalb von Elm am Sernf, gibt es inmitten einer markanten Gebirgskette ein Felsenloch. Zweimal im Jahr schickt die Sonne ihren Morgenstrahl durch das Felsenfenster hinunter ins Tal, wo er auf den dort extra errichteten Kirchturm trifft. Dieser wird jeweils Mitte März sowie Ende September vom Zentralgestirn etwa zwei Minuten lang beschienen. Falls man sich durch das Loch traut, landet man im Nachbarkanton Graubünden; der Ausflugsort Flims ist dann in (Berg-) Wanderdistanz zu erreichen. Allerdings liegt die zu überquerende Passhöhe auf 2600m, und schien für einmal dem Flachlandtiroler nebst Chindsgichind trotz Kaiserwetter noch zu gewagt.
Auf dem Weg durch das Sernftal fallen die vielen Verkehrsschilder auf, auf denen Panzer-Limite vermerkt sind. Und tatsächlich ist in Elm eine Übungsanlagen für scharf schiessende Tanks zu finden. Am Vreni-Schneider-Weg vorbei geht es dann zur Talstation der Luftseilbahn Richtung Tschinglen-Alp, wo die Susi wirtet. Obwohl die Saison für Schweizer Berghütten wetterbedingt eher mager war, wird Susi 2015 wieder am Start sein. Ich auch. Und das Loch sowieso.
Für 756 Pfannkuchen braucht man 22 Kilogramm Mehl und 189 Eier. Das zumindest erzählte Melinda Nadj Abonji anlässlich ihres Auftritts im St. Jakob, wobei sie geräuschvoll von Bals Nill unterstützt wurde.
Der soldatische Koch hatte aber nur 170 Eier zur Hand, und Probleme, die Eier zu trennen, hatte er auch, aber Befehl ist Befehl und befohlen waren 756 Pfannkuchen. Das Dilemma wurde nicht aufgelöst, vielleicht findet sich die Lösung im nächsten Buch von Frau Nadj Abonji, aus dem sie eben jenen humorigen Auszug vortrug.
Der Rest der Veranstaltung aber wurde ernst und zu einem linguistischen Seminar, indem anhand einer Bibelstelle der Glaube an das Wort thematisiert wurde. Auf Befehl glauben quasi. Obey-Thematik also. Sprache als Aktion, Sprache als Macht. Die Sprechaktheorie nach Austin besagt, dass man etwas tut, indem man etwas sagt («How to do things with Words»). Melinda zitierte in der Folge aus einem längeren Wortwechsel mit dem Philosophen Sreten Ugričić, dem Urheber von Meadyrade.
Mir schwirrte alsbald etwas der Kopf, weil zusätzlich Raumkontrolle und Zuspätkommer stören immer. Dazu mitten in der Vorlesung ein sanitärer Schaden im Kundenbereich, welcher zwar zu beheben war, doch die Konzentration blieb anschliessend im Orkus. Ausserdem waren drei Kleinkinder im Saal, die ich zwar mit einer Spielbox zu besänftigen versuchte, deren Langeweile aber offensichtlich ebenso gross wie die Kirche selbst war. So verpasste ich leider die Quintessenz des intellektuellen Diskurses und bekam nur noch mit, wie Melinda abschliessend sagte, wie sehr es ihr Spass mache, sich gerade in dieser Zeit mit Bibel-Texten sprachtheoretisch zu befassen. Amen.
So blieb mir die Erkenntnis, dass die Endorphinausschüttung diesmal besonders heftig ausfiel, weil das sonntägliche Zirkeltraining die kleinen grauen Zellen ungemein anregte. Fünf Blitzpartien im Online-Schach sind nichts dagegen und das übliche Lobpreisen und Beten ist nur blosse Litanei ohne das Hochfahren der Denkapparatur. Sprechen ist Handeln und Glaube versetzt Berge.
Ach ja, das 2010 zurecht preisgekröntes Buch der serbisch-ungarischen Schweizerin ist immer noch gut. Es geht darin um Entwurzelung und fast zur völligen Unsichtbarkeit führender Assimilation. Und sowieso stellt Jurczok1001 klar:
«Wir sind alle suchend, besorgt, ängstlich, voller Energie, wir schwitzen alle mehr oder weniger, und wir sind alle nicht wirklich zu Hause. Wir glauben nicht an den Schweizer, an den Jugo, sondern an offene Ohren. Wir glauben nicht an Information, sondern ans Zuhören, ans Erzählen. Und der Kopf, er kann selber denken. Und das Herz, es kann mitfühlen.» (http://daslebenistausland.net/)
Über ein Drittel der Toggenburger Waffelspezialität Kägi werden weltweit exportiert, während das Marketing auf dem Binnenmarkt die Marke mit dem Begriff Glück unterdessen derart überfrachtet, dass bei manch Unglücklichen dies zu Mangelerscheinungen führen kann, deren gewaltige Folgen wiederum die Spusi verfolgt, um die unglücklichen Glückssucher gegebenenfalls selber zu exportieren.
In der Schweiz ist Glück durch Panzerglas geschützt.
Fotos machen ist während des Rituals der Mevlevi-Derwische nicht erlaubt; obige Bilder sind daher direkt von Mevlana.ch entliehen. Man erkennt aber gut das abgezirkelte Achteck auf dem Parkett. Ausserdem arbeiten die supertollen raufundrunterfahrbaren ehernen Kerzenleuchter unter Volllast. Im Dezember wird Mevlanas nächster Hochzeitstag gefeiert, dann wieder mit Weihnachtsbaum, Krippe und leibhaftigen Sufi-Musikern im Chor unterhalb der Orgel.
Heimweh
Das Wort taucht Mitte des 16. Jahrhunderts zum ersten Mal auf. Es ist Schweizer Dialekt: Weh steht für Schmerz, aber auch für Sehnsucht. Heim bezeichnet Haus und Heimat. «Heimnoti» heisst es im Althochdeutschen, ein Wort das Theologen geprägt haben. Bis zum Frühmittelalter hat man damit das Himmelreich gemeint, das Jenseits. Erst danach ist aus dem himmlischen Heimnoti die irdische Heimat geworden. Heimweh – das ist die Sehnsucht, in der Fremde wieder daheim zu sein.
Es ist der Medizinstudent Johannes Hofer, der Heimweh erstmals als Krankheit definiert. 1688 schreibt er an der Universität Basel über Heimweh seine Dissertation. Für die medizinische Fachliteratur prägt er den Begriff Nostalgia, aus dem Griechischen Nostos für Rückkehr und Algos für Schmerz. Das Schweizerdeutsche Heimweh wird erst in der Romantik zu einem deutschen Wort.
Unter der neuartigen Krankheit leiden auffallend häufig Schweizer, die als Söldner fern der Heimat im Dienst stehen. Der Arzt Johannes Hofer vermutet, dass das ständige Denken ans Vaterland die Lebensenergie erschöpft, welche durch Nervenröhren zwischen Körper und Gehirn fliesst. Bald schon nennt man Heimweh die Schweizer Krankheit.
Bei den Schweizer Soldaten, die in Frankreich stationiert sind, beobachtet man, dass der Kuhreihen, ein bekanntes Hirtenlied, eine fatale Wirkung ausübt. Sobald das Lied erklingt, werden die Söldner vom Heimweh regelrecht übermannt und zur Desertation getrieben. Deswegen ist es in den französischen Heeren im 18. Jahrhundert bei Todesstrafe verboten, den Kuhreihen zu singen oder zu pfeifen, denn die Heimat – sie ruft.
Die Schweizer Krankheit äussert sich durch Symptome wie Schlaflosigkeit, Entkräftung, Fieber, Abzehrung und Schwermütigkeit. Wenn sie nicht rechtzeitig kuriert wird, führt sie zum Tod. 1569 dokumentiert der Schweizer General Ludwig Pfyffer in seinem Bericht über die Schlacht bei Jarnac den Tod eines Soldaten: «Es ist Hauptmann Tamans, Vorfähnrich, der Sunneberg gestorben von Heimweh.» Dass er auch verwundet gewesen ist, erwähnt Ludwig Pfyffer mit keinem Wort. Ab jetzt ist klar: an Heimweh kann man sterben.
Die Heimat lockt — das Verlangen, in die Heimat zurückzukehren kann stärker sein, als der Wille zu leben. Heimweh zerrüttet Geist und Körper. Im 18. Jahrhundert obduzieren Wissenschaftler die Heimweh-Toten. Als sie die Leichen öffnen, sehen sie Schreckliches: «Die Gehirne sind übermässig angeschwollen, vereitert und entzündet, voll schwarzen Blutes, die Lungen und Herz mit geronnenen Blut erfüllt, der Magen zusammengeschrumpft und manchmal findet man sogar das Herz gänzlich zerrissen.»
Die Heimweh-Plage unter den Schweizer Söldnern nimmt immer grössere Ausmasse an. Die Wissenschaftler der damaligen Zeit rätseln über die Gründe. Warum befällt Heimweh auffallend oft Schweizer? Es liegt an der Bergluft, konstatiert 1705 der Gelehrte Johann Jakob Scheuchzer: «Die eigentliche Ursache des Heimwehs ist die Änderung des Luftdrucks. Die Schweizer beispielsweise leben in den Bergen, in feiner leichter Luft. Ihre Speisen und Getränke bringen auch in den Körper diese feine Luft hinein. Kommen sie nun in das Flachland, so werden die feinen Hautfäserchen zusammengedrückt, das Blut wird gegen Herz und Hirn getrieben, sein Umlauf verlangsamt, und, wenn die Widerstandskraft des Menschen den Schaden nicht überwindet, Angst und Heimweh hervorgerufen. Besonders junge Leute mit feiner Haut und solche, die mit Milch genährt sind, erkranken.»
Heimweh schmerzt, macht krank, nicht nur in der Schweiz. Homesickness, la maladie du pays, Heim-weh. Heimweh kann man lindern, nicht aber heilen. Der Botaniker und Homöopath Clemens von Bönninghausen schlägt in seiner Physiognomik der homöopathischen Arzneimittel Capsicum Annuum vor, den Spanischen Pfeffer. Er soll bei Heimweh helfen, das mit Backenrötung und nächtlicher Schlaflosigkeit einhergeht. Und dennoch: gegen Heimweh ist kein Kraut gewachsen. Gegen Heimweh bewährt sich nur ein Mittel: Heim-gehen.
Heimat, das ist aber nicht nur die geliebte Landschaft, das sind auch die Menschen, die dort leben. Das Heimweh nach den Bergen und Bäumen verwebt sich mit der Sehnsucht nach Familie.
Mit dem gesellschaftlichen Fortschritt wandelt sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts das Heimweh-Empfinden. Das Fernsein von der Heimat verliert an Schrecken, dank der besseren Kommunikations- und Reisemöglichkeiten. Die ehemals tödliche Schweizer Krankheit ist Mitte des 20. Jahrhunderts endgültig zu einem Gefühl geworden. Ein Gefühl allerdings, das krank machen kann.
Die ambitionierte Konzertreihe «Les Digitales» stellt zeitgenössische Musik im elektro-experimentellen Kontext vor und findet während der Sommermonate in diversen Städten in der Schweiz umsonst & draussen statt. Lässig fläzt man sich in die bereitgestellten Liegestühle, lauscht den Darbietungen der Elektro-Akkustikern und geniesst die währschafte Volksküche zu zivilen Preisen. Bei der Zürcher Darbietung auf der Brache des ehemaligen Hardturmstadions hielt ich mein Gehör ganz nah an die Lautsprecher und war entzückt von den geschmeidigen Tonlagen, Toncollagen und Tonarten.
Zudem schien die Sonne prächtig.
Besondere Erwähnung verdient das Zürcher Allstar-Trio Universalfilter, die dank fein verfremdeter Stimme, ordentlich verzerrter Stromgitarre und elektronisch modifizierter Steeldrum ein wundersames Klangspektrum entfalten, welches die Lauschenden sanft wie ein Schmetterling langsam aber sicher bestäubt. In eine ähnliche Kerbe hauen Sinner DC aus Genf, die es ebenfalls verstehen direkt aus der Steckdose kommend eine elektromagnetische Wohlfühloase zu generieren. Zwischendurch gibt es naturgemäss immer wieder mal ein tüchtiges Maschinengewitter, weil aber die einzelnen Auftritte kaum länger als eine halbe Stunde andauern, ziehen aber diese ganz rasch wieder vorüber. Der Schlussakkord in Zürich wurde schliesslich vom universellen Bit Tuner intoniert, der natürlich wieder einen äusserst adretten Pullover trug und die wenig verbliebenen Lichtquanten in der nun rasch einsetzenden Nacht gewohnt rhythmisch zur Oszillation brachte.
Allesamt interessant gelegen sind auch die ausgesuchten Örtlichkeiten der einzelnen Etappen — generell ist elektronische Mucke im Freien sehr sehr gut aufgehoben, hebt sich in der wildwüchsigen Natur quasi sowieso selbst auf und schwebt als schillernde Seifenblase ihrer finalen Detonation zu.
Wer will und kann sollte am kommenden Samstag unbedingt nach Neuchâtel pilgern, dann gibt es die Elektro-Lounge direkt am See mit Ausblick. Vielleicht hat sogar eine lokale Absinthé-Bar geöffnet; das feenreiche Val-de-Travers liegt ja just um die Ecke, gell Dirk.
Bewahrung und Erhalt von Traditionen ist eine ureigene helvetische Spezialität, welche heute in der marktkonformen Swissness gipfelt und dergestalt zum Geldwerten Vorteil gereicht. Besonders am Schweizer Nationalfeiertag, wenn auf der Rütliwiese oberhalb des Urner Sees der Bundesbrief verlesen wird und dabei der nebulöse Mythos von den drei Genossen aus Uri, Schwyz und Unterwalden, welche eben dort einen Eid geschworen haben sollen munter weiter tradiert wird, fällt auf, wie sehr die moderne Schweiz ihre dramaturgisch geschickt gepimpte Herkunft verklärt.
In dem 1971 erschienenen Werk «Wilhelm Tell für die Schule» entlarvt Max Frisch den Gründungsmythos der Eidgenossenschaft gründlich mit einer kenntnisreichen Mischung aus Ironie, Humor und Phantasie. Frisch verzichtet auf jedwede Schönfärberei und ist mit seiner Version um einiges dichter an der historischen Wahrheit als das Helvetische Heldenepos. Er verschweigt nicht jene bis ins Detail auffällige Ähnlichkeit des kolportierte Apfelschusses mit gleich zwei Skandinavischen Vorbildern (Toko-Sage). Der Rütlischwur der drei lokalen Herren Stauffacher, Melchtal und Fürst ist bei Frisch eher ein Interessen-Bund von Grundeigentümern und keineswegs ein brüderlicher Freiheitsbund von einfachen Bauern und Hirten. Der «Trotz aus Unverständnis war mörderisch» bilanziert Frisch über die verstockten Bergler.
(Foto: Sarah Groß, Fliegende Volksbühne Frankfurt)
Bis hinein ins 20. Jahrhundert galt noch der 7. November 1307 als Datum des vermeintlichen Rütlischwures, wobei solch gegenseitige Schutzabkommen zwischen verschiedenen Talschaften in jener Zeit sowieso oft und gerne geschworen wurden. Zur anstehenden Berner Kantons-Feier 1891 fand sich wie zufällig eine auf 1291 datierte Erklärung und mit dem Rütlirapport robbte der Nationalmythos dann allmählich weiter Richtung Monat August.
Im Zuge der epochalen Feiern von 1991, gefolgt vom ablehnenden Volksentscheid zur EU-Causa 1992 wurde der 1. August dann 1994 als arbeitsfreier Feiertag verfassungsmässig festgeschrieben. Die nationale Cervelat grilliert sich im Hochsommer jedenfalls viel angenehmer.