O du goldigs Sünneli

Ab in die Sonnenstube Helvetiens, um noch vor dem Fahrplanwechsel die dann alte Gotthardstrecke mit ihren vier Tunnelkehren zu befahren. Randvoll ist der Zug, viel graues Haar, GA-Besitzer und Tagesausflügler nutzen das auf der Alpensüdseite vielversprechende Wetter. Da heisst es zunächst mit der Holzklasse Vorlieb zu nehmen; Klappsitze im Veloabteil. Zwei Seniorinnen stossen aus Platzmangel hinzu. Sie seien auf einen Kaffee in Locarno verabredet, ausser Handtaschen kein Ballast. Sie machen das oft und gerne und immer zusammen. GA rulez.

Noch im Kanton Schwyz endlich gepolsterter Platz und eine neue, sehr fidele Pensionäresgruppe gesellt sich zu mir. Schenkelklopfend werden Witze lauthals herumgereicht und selbst schlüpfriger Humor mit einem etwas senilen Nachgeschmack tritt leider viel zu offen zu Tage. Die detaillierten Kranken- und Leidensgeschichten der Partner werden ausgetauscht, als überraschend festgestellt wird, dass alle bereits verwitwet sind. Hier ein Krebs, dort eine Querschnittslähmung und da ein mehrjähriges Koma. Aber lustig haben sie es trotzdem, c´est la vie und bei der Kirche von Wassen kommt es tatsächlich zu einer leibhaftigen Parodie von Emils Humoreske: permanent wird das Handy genau im falschen Moment gezückt, um das Bild für den Fotochip festzuhalten. Dafür kommt der Mahnstein von Göschenen direkt vor dem Gotthardmassiv in den Blick:

Göschenen, Sonja Kreis, Gotthard, Gotthard 2007
Bahnhof Göschenen: ehemaliges Aufzugsgebäude für den Auto-Verlad, Text von Sonja Kreis (2007)

Natürlich wirkt der Text direkt an der alpinen Wetterscheide viel stärker als im Flachland; schon der Blick auf die Berglandschaft mit den tief hängende Wolken verursacht Gedanken an Wetter und Witterung oberhalb der Baumgrenze und wie Menschen überhaupt mit dem gewaltigen Berg eine Symbiose eingehen können.

I am the passenger, and I ride and I ride.

Kurz nach dem Gedicht die im Vergleich zur Autofahrt kurz wirkende und dabei fast genau so lange Tunnelpassage und dann liegt das Tessin sonnendurchflutet vor uns, der Ticino etwas arg seicht in seinem Bett, die Bergspitzen erscheinen erst ganz zart überzuckert und die Reisgruppe schmiedet Pläne für das anstehende Mittagessen. Lugano oder Locarno? Chiasso ist mir zu grenzwertig und Chico d´Oro zu abwegig. Lugano ist Endstation, basta. Herzlich auflachen muss ich beim Verlassen des Neigezuges, als ich Manni Matter als dessen Namenspatron entziffere — Hemmige, passt.

Die Hälfte der Herde ist bereits in Bellinzona in Richtung Laggio Maggiore ausgeschert, trotzdem wirkt es wie eine Deutschschweizer Ausflugsdemo, als wir die Station Lugano in Richtung Centro verlassen. Altstadt, Piazza und Seepromenade, dazu 20 Grad. Schön, schöner, Italia. Lecker ist es sowieso und dazu gibt es ein paar grotesk gealterte Ansichtskarten, die den Charme des Rentnerparadieses auch farblich perfekt auf den Punkt bringen und als spätsommerlicher Gruss umgehend an die Daheimgebliebenen verschickt werden.

Bansky, Lugano, Tunnel
Tapeziert und banskyhaft verfremdet: Luganeser Tunnel am Bahnhof

Retour gehts mit dem Regionalexpress, mehr Stationen, weniger Leute. Zunächst. An jedem Halt steigen mehr Menschen zu, Kurzurlauber, Familien, Feierabend habende. Bis Zürich HB ist alles gut gefüllt. Das Licht Richtung Norden ganz anders als auf dem Hinweg, nicht ganz so verheissungsvoll, dafür blauer.

Nächstes Mal dann Halt auf dem Berg mit Besuch im Herz der Schweiz.

Master klein 0815

3099 — ja — drei null neun neun. Hörsch mich? Hörsch mich — du ich machs nur kurz , wolle mir morge was mache — ich weiss, ich bin grad im Zug, da isch net so guter Empfang. Hi Chris, hier ist die Nina. Du, wenn das Gespräch abbricht, hier gibts Funklöcher — ich hab das Kursprogramm für Auffahrt geändert. Hi, hast du mein Whatsapp, äh, SMS, nein, Email-Reminder gekriegt? Also wenn es dich nicht stört, dass es mich immer wieder raushaut, dann ziehen wir das durch. Ist ja für dich ärgerlich. Ok, ja. Ja. Also nochmal, duplizieren kann ich ja, nur. Ja. Ja. Ok. Hm. Jetzt musst du die drei letzten Sätze wiederholen, ich habe dich gerade nicht mehr gehört. Hihi. Also den Zeitraum Pfingsten, oder oder vielmehr Auffahrt. Hm. Hi, also der Chris hat den Zeitraum Auffahrt erstellt, aber er zeigt ihn nicht an. Der soll stattfinden. Auffahrt gegeben, ja ja. Verehrte Reisende — in Kürze erreichen wie Horb. Alle Anschlüsse werden erreicht. Der Ausstieg befindet sich in Fahrtrichtung links. Hast du gesehen den Eintrag. Ja du, ich bins. Sag mal, ist das nadelnde Geräusch normal? Aber ich sehs nicht auf der Webseite! Dacht ich mir. Ich wollt es bloss sagen. Ja. 3099. Jaa. Ja, um wieviel? Bis viertel vor zehn. Ja, Master klein nullachtfünfzehn. Yes. Genau. Genau! Also einfach in Aborn und du siehst es ja dann. Du kannst mir auch gerne ein Whatsapp schicken. Super! Danke dir. Tschau! Entschuldigung, hält der Zug auch in Walldorf? Das weiss ich nicht, ich fahr nur bis Stuttgart. Das Zugteam begrüsst die zugestiegenen Fahrgäste des Intercitys Richtung Stuttgart, Heidelberg, Frankfurt und wünscht ihnen eine angenehme Reise. Entschuldigung, den Platz habe ich reserviert. Ja, bis er eingenommen wird. Ist da noch was frei? Jemand zugestiegen? Fahrkarten bitte. Jemand zu-ge-stiegen, Fahrkarten bitte. Ja vielleicht d gross. Ich hab dich grad nicht gehört. Auh. Oh ja. Hallo? Hallo? Ha-llooo! Ja. Ich hör dich grad net. Ja. Ja. Nee. Nee, ich glaub nicht. Hallo? Ja. Ich habs eingegeben, aber seh es nicht auf der Webpage. Wenn ein Kurs um 13 Uhr beginnt, werden dann alle anderen auf inaktiv gestellt? Hallo? Ha-llo? Nächster Halt Böblingen. Verehrte Reisende, sie werden in Böblingen alle Anschlüsse erreichen. Vielen Dank für das Fahren mit der Deutschen Bahn, der Ausstieg befindet sich in Fahrtrichtung links. Dear passengers. Hallo? Hallo! And wishes you a pleasent journey.