Where are they?

Seit 60 Jahren wird mit wachsendener wissenschaftlicher Intensität nach intelligentem Leben ausserhalb der Erde (SETI) gesucht. Die vom US-Astronomen Frank Drake vorgestellte Drake-Gleichung beschreibt die Anzahl kommunizierender Zivilisationen (N) in unserer Galaxie, der Milchstrasse, wie folgt:

N = R* × fp × ne × fl × fi × fc × L

Dabei ist

N = Anzahl intelligenter Zivilisationen, die derzeit in unserer Galaxie Signale aussenden und folglich beobachtbar sein sollten

R* = mittlere Sternentstehungs­rate in der Milchstrasse pro Jahr (recht gut bekannt, etwa ein Stern pro Jahr und Galaxie)

fp = Anteil Sterne mit Planeten (ungefähr 1: fast jeder Stern besitzt Planeten)

ne = Anzahl erdähnlicher Planeten pro Stern in der «Ökosphäre» (unsicher)

fl = Anteil der Planeten, auf denen sich Leben gebildet hat (sehr unsicher)

fi = Anteil der Planeten, auf denen sich intelligentes Leben entwickelt hat (sehr unsicher)

fc = Anteil an Zivilisationen, die ihre Existenz durch interstellare Kommunikation verraten (sehr unsicher)

L = Lebensdauer einer technologischen Zivilisation in Jahren (recht unsicher, etwas zwischen 100 Jahren und 10 Milliarden Jahren)

Ganz schön viele unsichere und unbekannte Faktoren also und darum gar nicht erstaunlich, dass bislang trotz aller Bemühungen noch kein extraterristisches Signal empfangen werden konnte. Dies liegt zum einen an der schieren Grösse des bekannten Universums, an den zeitlich und räumlich beschränkten Möglichkeiten von Scannen, Abhören und Senden, zum anderen aber auch an der eventuellen Singularität unseres Daseins im Weltall. Denn für hoch intelligente Spezies sind während der langen Zeiträume von notwendiger Selektion und Evolution ziemlich perfekte Bedingungen nötig. Doch Planet-Stern-Systeme sind selbst ohne äussere Einflüsse für komplexer geratene Zellhaufen von Haus aus eher fragil.

Leben existiert auf der Erde seit fast 4 Milliarden Jahren, allerdings ist davon alleine die Hälfte der Zeit von Bakterien und einfachen Zellen ohne Zellkern besetzt. Das wundersame und einzigartige noch nicht zur Gänze verstandene Auftauchen der Eukaryoten, Zellen mit gut organisiertem Kern, dem ersten Anzeichen von «höherem Leben» vor 1,8 Milliarden Jahren führte allmählich zur Entstehung von mehrzelligen Pflanzen, Pilzen und Tieren. Von der Tierlinie führte wiederum ein Abzweig zu den Warmblütern, nährstoff- und versorgungstechnisch unabdingbar für starkes cerebrales Wachstum. Von den Warmblütern ging es weiter über die Säugetieren bis hin zu den Hominiden.

«Evolution bewegt sich niemals auf einer geraden Linie zu einem Ziel (Intelligenz), wie es während eines chemischen Prozesses oder als Folge eines Gesetzes der Physik geschieht. Evolutionäre Pfade sind sehr komplex und ähneln eher einem Baum mit all seinen Zweigen und Verästelungen. (…) Hohe Intelligenz ist nur bei Menschen entstanden. Ich kann mir zwei mögliche Gründe für diese Seltenheit vorstellen. Einer davon ist, dass eine hohe Intelligenz durch die natürliche Selektion im Gegensatz zu dem, was wir erwarten würden, überhaupt nicht begünstigt wird. Tatsächlich kommen alle anderen Arten von Lebewesen, Millionen von Arten, ohne hohe Intelligenz gut miteinander aus. Der andere mögliche Grund für die Seltenheit der Intelligenz ist, dass sie außerordentlich schwierig zu erwerben ist. Ein gewisser Grad an Intelligenz findet man nicht überraschend nur bei warmblütigen Tieren (Vögeln und Säugetieren), weil Gehirne einen extrem hohen Energiebedarf haben. Aber es ist immer noch ein sehr großer Schritt von „einiger Intelligenz“ zu „hoher Intelligenz“.» (Ernst Mayr, 1992)

Nachdem sich schliesslich eine Art der Gattung Homo durchgesetzt hatte und die Lebens- und Ernährungsweise für genügend Hirnwachstum aneignete, gab es vom Indus, den sumerischen und anderen nahöstlichen Kulturen bis nach Ägypten, Griechenland und der ganzen europäischen Hochkulturen, über die Mayas, Azteken und Inkas sowie verschiedenen chinesischen und indischen eine ganze Reihe von Zivilisationen. Während all diese Zivilisationen nach grosser Blütephase wieder untergingen, erreichte nur eine von ihnen eine Technologie, die es ermöglicht, Signale in den Weltraum zu senden und zu empfangen.

«Nehmen wir an, dass es wirklich intelligente Wesen auf einem anderen Planeten in unserer Galaxie gibt. Vor einer Milliarde Jahren entdeckten ihre Astronomen die Erde und kamen zu dem Schluss, dass dieser Planet die richtigen Bedingungen haben könnte, um Intelligenz zu erzeugen. Um das zu testen, schickten sie eine Milliarde Jahre lang Signale an die Erde, ohne jemals eine Antwort zu erhalten. Schließlich beschlossen sie im Jahr 1800 (unseres Kalenders), Signale nur noch für weitere 100 Jahre zu senden. Bis zum Jahr 1900 war keine Antwort eingegangen, so dass sie zu dem Schluss kamen, dass es auf der Erde kein intelligentes Leben gab. Dies zeigt, dass selbst wenn es im Universum Tausende von Zivilisationen gäbe, die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Kommunikation sehr gering wäre aufgrund der kurzen Dauer des „offenen Fensters“.Ernst Mayr, 1992

Biologen und Antropologen sehen die heutige Faktenlage weitaus nüchterner als Astronomen und Physiker, da die Suche nach ausserirdischer Intelligenz keine Frage von physikalischen Gesetzen und technischen Fähigkeiten sei, sondern im Wesentlichen eine Frage biologischer und soziologischer Faktoren. Und ohne Antwortsignale ist die Beweisführung zu ausserirdischem Leben überhaupt recht mühselig.

Möglicherweise fühlen wir uns nicht nur alleine, sondern sind es auch…

One baby to another says I’m lucky to have met you
I don’t care what you think unless it is about me
It is now my duty to completely drain you
I travel through a tube and end up in your infection

Pink Blow Up

Der selbsternannte Reverend Bill, Kunstfigur und politischer Aktionist aus NYC, welcher zusammen mit seinem Stop-Shopping-Choir während der Haupteinkaufszeit vor Weihnachten schon mal Kreditkarten exorziert und in US-Walmarts und Disneyland mit seinem bunten Gospel Chor gegen Konsumterror, Konsumismus, Kaufsucht younameit lautstark bis zur vorläufigen Festnahme protestiert (Filmdoku What Would Jesus Buy? über die Xmastour von 2009), trat bei der diesjährigen Ausgabe vom Zürcher Theater Spektakel predigend auf der Landiwiese am See in Erscheinung.

Pink Church, Reverend Bill, Theater Spektakel Zuerich 2019

Dort wurde eine leuchtend magentafarbene Kirche aufgeblasen, als Hüpfburg für Kids, als rosa Flash für Besucher und als Interimsbühne für den Reverend & Co., die selbst wie Kinder zu Beginn der Show durch die Seitenfenster ins Innere purzelten, um alsdann singend, tanzend und predigend vergnügt Konsumverhalten, bigotten Kapitalismus und aufkommende Xenophobie bis hin zum Zwitscher-Präsidenten kritisch zu beleuchten. Garniert mit freudigem Jubilieren und Zwischenrufen ganz in Art der Gospelchurches und in fantastisch rosa Licht geradezu ertränkt.

In der Predigt ging es um den ursprünglichen buchreligiösen Deal vom patriarchalischen Gott mit dem auserwählten Volk, welcher besagt, dass JHW sie vor allen Unbill und Schrecken der Erde beschützen wolle, falls JHW von ihnen als alleinig rechtmässigen Gott anerkannt würde. Earth Justice mit dem Kampfruf Earthaluya! ist die Weiterentwicklung der Stop Shopping Kampagne. Klimaveränderung, erdausbeutende Grosskonzerne bis Umweltsch(m)utz generell werden thematisiert und der heuchlerische Glaube an Geld, Waren und sonstige Gottheiten heftigst kritisiert.

«We are wild anti-consumerist gospel shouters and Earth loving urban activists who have worked with communities on four continents defending community, life and imagination and resisting Consumerism and Militarism.» erläutert Reverend Bill. Ausserdem müsse kein Gott Erdlinge vor ihrer Erde beschützen, man solle einfach sie und sich selbst und alle Anderen lieben — Love No Border, also wie meist: Love is the message!

Durch geschicktes Spiel mit kirchlichen Mustern und religiösem Brauch erzeugt die Aufführung quasi einen doppelten Code, der sich mit dem Herzen aber leicht und vor allem äusserst gewinnend entschlüsseln lässt.

Wurst macht Kunst

Das Zürcher Wurstessen von 1522 als gewollter Fastenbruch war historisch betrachtet der öffentlich wirksame Beginn der Reformation in der Eidgenossenschaft. Zwingli & Co. gingen in der Sache und Folge um einiges radikaler als deren lutherische Kollegen im Norden vor: Bildersturm und Säkularisierung von Kirchenräumen nebst Gottesdienst waren weit verbreitet, selbst Orgeln wurden demontiert und kirchlicher Gesang vorerst eingestellt. Dafür wird Armenspeisung aus dem Mushafen obligatorisch, teilweise finanziert aus den Pfründen aufgelassener Klöster.

Generell tendierte die Reformation weg vom Bild und hin zum Wort, quasi fundamental orthodox dem ersten und zweiten mosaischen Gebot werktreu folgend, wo Götzendienst und Verbildlichung untersagt werden.

Sowieso hat es mit interpretatorischer Visualisierung so seine Art, wie etwas später ein gewisser Herr Keuner für sich feststellen sollte:

«Was tun Sie», wurde Herr K. gefragt,
«wenn Sie einen Menschen lieben?»
«Ich mache einen Entwurf von ihm», sagte Herr K.,
«und sorge, dass er ihm ähnlich wird.»
«Wer? Der Entwurf?»
«Nein», sagte Herr K., «der Mensch.»

Bertolt Brecht, Wenn Herr K. einen Menschen liebte

Gemäss einer kompakten Analyse der geistreichen Literatur- und Religionswissenschaftlerin Dolores Zoe Bertschinger war der Zürcher Bildersturm allerdings eher eine Art sozialverträglicher Bildentfernung:

«Die reformatorische Ablehnung des Bildes war kein eigentliches Bilderverbot, sondern bezog sich primär auf die damals gängige Verehrungspraxis. (…) Zum einen herrschte im 15. und 16. Jahrhundert eine wahre Übersättigung der Kirchen an Kultobjekten, deren Unterhalt teuer war. Die edlen Gerätschaften, das Wachs und das Öl wurden vom Zehnten des Volkes bezahlt, sodass das reformatorische Zeremoniell als ökonomischer Befreiungsschlag propagiert werden konnte. (…) Wo zuvor Gemeinden und Stiftungskollektive Altäre und Schreine finanziert hatten, traten nun Familien auf den Plan, deren finanzielle Grosszügigkeit von reformatorischer Seite als Ehrsucht und privates Heilskalkül verurteilt wurde. In Bezug auf die künstlerische Darstellungen erregten die als Folge der Renaissance verstärkt naturalistische Darstellungen die Gemüter. Die freizügigeren Abbildungen der Muttergottes etwa boten der reformatorischen Sittenlehre einen geeigneten Nährboden.»

So weit, so klar: beeinflusst durch die italienische Renaissance entstand zunehmend individualistische Kunst anstatt der ehedem vorwiegend religiös bestimmten. Ein scheinheiliges aber reiches Kamel kommt halt eher durch ein Nadelöhr. Das gesellschaftliche Sein bestimmt immer das Bewusstsein. Aus Kultus wird also Kultur. And don´t you ever forget:

Sex sells.

Derweil gelang es der hiesigen Reformation soziale Komponenten clever mit der Glaubensfrage tagesaktuell zu verflechten:

«Zur Zeit der Reformation ist von einer Massenarmut auszugehen, was erklärt, wie sich die Bilderstürmer mit dem Argument legitimieren konnten, man wolle den Reichtum der kirchlichen Gerätschaften für die Armen aufwenden.»

Erst kommt das Wurstessen, dann die Moral und dann erst das Ich:

«Mit der Subjektivierung des Menschen in der Renaissance und der Reformationszeit wurde auch das Bild aus seiner kultischen Verehrung entlassen und nach und nach zum Kunstwerk (v)erklärt.

Die Reformation entpuppt sich damit zugespitzt als Schrittmacher der Institutionalisierung von Kunst — hin zu einem vermeintlich säkularisierten Kunstraum. Fortan mass sich das Potenzial der Kunst nicht mehr an ihrer verständlichen Anschaulichkeit, sondern musste vor dem Auge des Kenners bestehen. Gebändigt im Ausstellungsraum wurde das aufrührerische Potenzial des Bildes in die Harmonie der gesitteten Betrachtung überführt.»

(D Z Bertschinger, Vom Zerstören und Schaffen von Ikonen. Paul Polaris’ 
Kunstaktionen im Kontext reformatorischer und dadaistischer Bilderstürme 
in Zürich, in: Notz, Adrian (Hg): Invent the Future with Elements of the Past, 
Zürich: Scheidegger & Spiess 2015, 102–120)

Irre. Nach Bildersturm die Bilderflut. Resonanz ist reine Dialektik Rosa.

OMG

Der Kosmos von klein nach groß

Die Erde kreist gemeinsam mit den anderen Planeten – wie Venus und Jupiter – um die Sonne. Die Sonne ist ein Stern und sie gehört ebenso wie alle Sterne, die wir am Nachthimmel sehen, zum Milchstraßensystem.

Unsere Heimatgalaxie ist eine Scheibe aus mehr als 200 Milliarden Sternen. Sie hat einen Durchmesser von rund hunderttausend Lichtjahren. Das schimmernde Band der Milchstraße am Nachthimmel entsteht durch das Licht der vielen Sterne in der Scheibe.

Das Milchstraßensystem ist nur eine von Myriaden Galaxien. Unser kosmischer Nachbar ist die Andromeda-Galaxie. Sie ist gut zwei Millionen Lichtjahre entfernt, aber dennoch bei dunklem Himmel schon mit bloßem Auge als ovaler Nebelfleck im Sternbild Andromeda zu erkennen.

Gemeinsam mit ein paar Dutzend kleineren Galaxien bilden die Milchstraße und Andromeda die Lokale Gruppe.

Diese wiederum gehört zum Virgo-Superhaufen, in dessen Zentrum sich der große Galaxienhaufen im Sternbild Jungfrau befindet, eine Ansammlung von mehr als 2000 Galaxien. Das Zentrum des Haufens ist etwa 50 Millionen Lichtjahre entfernt.
Auch der Virgo-Superhaufen ist nicht die größte Struktur im Kosmos: Er driftet auf den noch größeren Hydra-Centaurus-Superhaufen zu und gehört mit diesem zum Superhaufen Laniakea, einer länglichen Struktur mit mehr als 500 Millionen Lichtjahren Ausdehnung.

Laniakea bildet mit vielen anderen Superhaufen das kosmische Netz mit Wänden und Leerräumen. Alles zusammen ist dann der Kosmos.

aus: DLF Sternzeit

Psycho Killer

Psychometrie, manchmal auch Psychografie genannt, ist der wissenschaftliche Versuch, die Persönlichkeit eines Menschen zu vermessen. In der modernen Psychologie ist dafür die sogenannte Ocean-Methode zum Standard geworden. Zwei Psychologen war in den 1980ern der Nachweis gelungen, dass jeder Charakterzug eines Menschen sich anhand von fünf Persönlichkeitsdimensionen messen lässt, den Big Five: Offenheit (Wie aufgeschlossen sind Sie gegenüber Neuem?), Gewissenhaftigkeit (Wie perfektionistisch sind Sie?), Extraversion (Wie gesellig sind Sie?), Verträglichkeit (Wie rücksichtsvoll und kooperativ sind Sie?) und Neurotizismus (Sind Sie leicht verletzlich?). Anhand dieser Dimensionen kann man relativ genau sagen, mit was für einem Menschen wir es zu tun haben, also welche Bedürfnisse und Ängste er hat, und aber auch, wie er sich tendenziell verhalten wird. Das Problem aber war lange Zeit die Datenbeschaffung, denn zur Bestimmung musste man einen komplizierten, sehr persönlichen Fragebogen ausfüllen. Dann kam das Internet. Und Facebook.

(aus: Tagesanzeiger Zürich)

Die Skandalisierung erschöpft sich, der Euphomismus ist asbach1984alt:

Tim Pritlove: «Um US-Präsident zu werden braucht es anscheinend zwei Dinge: Facebook und viel Geld. Zuckerberg hat von beidem reichlich.»

Entebbe

Am Jahrestag der Operation Entebbe wurde im Volkshaus Zürich eine Diskussionsrunde über die Anti-Israelische Organisation BDS (Boycott, Divestment, Sanctions) abgehalten. Vor der Tür äusserten die BDS-Aktivisten ihre «Apartheid»-Vorwürfe plakativ, drinnen gab es einen zunächst theoretisch-historischen Diskurs über die Hintergründe und Entstehung von BDS. Darüber hinaus wurde das Verhältnis der Linken zu Israel beleuchtet und an Entebbe 1976 und den Golfkrieg 1990/91 erinnert, was in beiden Fällen zu erbitterten Auseinandersetzungen innerhalb der emanzipatorischen Linken führte. Bei der Flugzeugentführung 1976 fand unter massgeblicher Beteiligung westdeutscher Kämpfer eine Selektion von Israelischen Staatsbürgern statt. 1990 ging es um das Existenzrecht Israels angesichts irakischer Scud-Raketenangriffe. Laut Referent Alex Feuerherdt sollte es gerade für aufgeschlossene Linke die vornehmste Aufgabe sein, den reflektorischen Antisemitismus in der Linken gesamthaft zu hinterfragen.

Der 2005 u. a. von Omar Barghoudi gegründete BDS fordert den völligen Abbruch aller Gespräche mit Israel, Stichwort Antinormalisierungskultur. Der Staat Israel fungiert in BDS-Augen als kollektiver Jude, wird in Kollektivhaft genommen und gilt als Paria-Staat. Letztlich ginge es BDS gar nicht um die Belange der Palästinenser, sondern um die Existenz Israels. Wie auch in der jüngst von ARTE-TV zunächst nicht ausgestrahlten Dokumentation deutlich gemacht wurde, entstanden aus anfänglich 500.000 bis 700.000 Flüchtlingen über die Vererbung des Flüchtlingsstatus heute 5 Millionen palästinensische «Heimatvertriebene». Eine eigenständige UN-Organisation (United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees in the Near East/UNWRA) kümmert sich ausschliesslich um deren Belange, wird vom Westen alimentiert und ist nach der palästinensischen Regierung der grösste Arbeitgeber in Gaza und Westjordanland. Für den ganzen Rest der momentan weltweit 65 Millionen Flüchtlingen fungiert übrigens der eigentlich zuständige UNHCR!

Aus dem Finanztopf der UNWRA finanzierte Lehrer, Schulbücher und Schulen sorgen weiter für eine einseitige Tradierung der historischen Ereignisse, wo nur dem Palästinensischem Volk ein Heimatrecht zugesprochen wird, nicht aber der ebenfalls lange ansässigen jüdischen Bevölkerung. Gleichzeitig bleibt unklar wohin und wie die Geldströme fliessen, da UNWRA quasi von den Palästinensern selbst ohne UN-Kontrolle geführt wird. Im Gegensatz zur palästinensischen Gesellschaft und den arabischen Nachbarstaaten existiert in Israel eine vergleichsweise offene Gesellschaft, die palästinensische Bevölkerung hingegen wird als Faustpfand von Israel-Gegnern missbraucht.

Obwohl der BDS sich weitgehend um sich selbst dreht und bislang keine wirtschaftspolitischen Erfolge erreichen konnte, bleibt er eine Gefahr für ausserhalb Israels lebende Juden wegen der einseitigen Stimmungsmache und schafft so ein Klima von Hass und Antisemitismus.

Kümmerling

„I don’t care about your feelings.“ Dieser Satz scheint mir entscheidend zum Verständnis des (selbstverständlich selbst verschuldeten) politischen Erdrutsches, der die USA erfasst hat und auch Europa, auch Deutschland droht.

Trump Berlin Greenpeace

Doch der Empörismus greift nicht (mehr). Er ist Ausdruck einer Leichtsinnigkeit derjenigen, die sich nach langen politischen Kämpfen auf einen zivilisierenden Konsens von Inklusion und Pluralismus verlassen können wollen, ja müssen. Nicht nur die Diffamierung von Affekten, sondern auch ihre Verabsolutierung betreibt nun den Verrat an der politischen Auseinandersetzung. Gerade in komplizierten Zeiten brauchen wir die Empathie für andere Positionen, aus der sich die argumentative Auseinandersetzung ergibt, notwendiger denn je.

(Paula-Irene Villa, Professorin für Soziologie und Gender Studies an der LMU München. Sie forscht und lehrt zu Biopolitik, Sozialtheorien, Care/Fürsorge, Popkultur.)

Elendskitsch

«How I can help raising consciousness through art?!»

Der inzwischen internationale Kunstprovinzialismus hat nun auch den Jakob Downtown Switzerland erreicht. Die lauthals verkündete Schweizer Premiere von The Space In Between von und mit Marina Abramović versucht mit einer funkelnden Mischung aus grauenhaftem Menschenmitleid und einer schon leicht abgestandenen Schamanen-Atmosphäre die Anerkennung der spirituell dürstenden Kunstszene zu erlangen. Abramovićs edler Elendskitsch spielt mit dem nichtwissenden, halbgebildeten und desorientierten westlichen Kunstinteressierten. Das vorgebliche Anliegen wird missbraucht, um Kunst (und Geld) zu machen und die Kunst wird missbraucht, um den Missbrauch zu beschönigen.

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Schöner Schein

Kritiker und Betrachter fallen gerne auf diese Scharlatanin herein. In ihrer Arbeit Konzentration und Intensität zu sehen, ist wie in Toastscheiben oder Weizenfeldern das Gesicht Marias zu entdecken. Es ist diese Naivität der Betrachter, die Abramović benutzt, um ihre Produkt-Ideen, die aussehen wie Kunst, zu verkaufen. Sie strahlt dabei eine professionelle Sicherheit aus, denn sie weiss, in der internationalen Kunstszene wird schon lange nicht mehr, wie auch in der seit 500 Jahren Offenen Kirche, intensiv und kritisch hinterfragt.

Dabei steht in jedem Kaufhaus in New York, London oder Berlin heute sowieso ein Buddha im Schaufenster…

Kapitalion

Walter Benjamin (gestorben 1940 auf der Flucht vor den Nazis, im spanischen Grenzort Port Bou) war ein deutscher Philosoph, Kulturkritiker und Übersetzer der Werke von Balzac, Baudelaire und Marcel Proust.

Das folgende Fragment stammt aus dem Jahre 1921 und behandelt die Parallelen und Unterschiede zwischen Kapitalismus und Religion in der Moderne.

Im Kapitalismus ist eine Religion zu erblicken, d.h. der Kapitalismus dient essentiell der Befriedigung derselben Sorgen, Qualen, Unruhen, auf die ehemals die so genannten Religionen Antwort gaben. Der Nachweis dieser religiösen Struktur des Kapitalismus, nicht nur, wie Weber meint, als eines religiös bedingten Gebildes, sondern als einer essentiell religiösen Erscheinung, würde heute noch auf den Abweg einer maßlosen Universalpolemik führen. Wir können das Netz in dem wir stehen nicht zuziehn. Später wird dies jedoch überblickt werden.

Drei Züge jedoch sind schon in der Gegenwart an dieser religiösen Struktur des Kapitalismus erkennbar. Erstens ist der Kapitalismus eine reine Kultreligion, vielleicht die extremste, die es je gegeben hat. Es hat in ihm alles nur unmittelbar mit Beziehung auf den Kultus Bedeutung, er kennt keine spezielle Dogmatik, keine Theologie. Der Utilitarismus gewinnt unter diesem Gesichtspunkt seine religiöse Färbung. Mit dieser Konkretion des Kultus hängt ein zweiter Zug des Kapitalismus zusammen: die permanente Dauer des Kultus. Der Kapitalismus ist die Zelebrierung eines Kultes sans rêve et sans merci. Es gibt da keinen „Wochentag“, keinen Tag der nicht Festtag in dem fürchterlichen Sinne der Entfaltung allen sakralen Pompes, der äußersten Anspannung des Verehrenden wäre. Dieser Kultus ist zum dritten verschuldend. Der Kapitalismus ist vermutlich der erste Fall eines nicht entsühnenden, sondern verschuldenden Kultus. Hierin steht dieses Religionssystem im Sturz einer ungeheuren Bewegung. Ein ungeheures Schuldbewußtsein das sich nicht zu entsühnen weiß, greift zum Kultus, um in ihm diese Schuld nicht zu sühnen, sondern universal zu machen, dem Bewußtsein sie einzuhämmern und endlich und vor allem den Gott selbst in diese Schuld einzubegreifen, um endlich ihn selbst an der Entsühnung zu interessieren.

walter-benjamin-geduld

Diese ist hier also nicht im Kultus selbst zu erwarten, noch auch in der Reformation dieser Religion, die an etwas Sicheres in ihr sich müßte halten können, noch in der Absage an sie. Es liegt im Wesen dieser religiösen Bewegung, welche der Kapitalismus ist, das Aushalten bis ans Ende, bis an die endliche völlige Verschuldung Gottes, den erreichten Weltzustand der Verzweiflung auf die gerade noch gehofft wird. Darin liegt das historisch Unerhörte des Kapitalismus, daß Religion nicht mehr Reform des Seins sondern dessen Zertrümmerung ist. Die Ausweitung der Verzweiflung zum religiösen Weltzustand aus dem die Heilung zu erwarten sei. Gottes Transzendenz ist gefallen. Aber er ist nicht tot, er ist ins Menschenschicksal einbezogen. Dieser Durchgang des Planeten Mensch durch das Haus der Verzweiflung in der absoluten Einsamkeit seiner Bahn ist das Ethos das Nietzsche bestimmt. Dieser Mensch ist der Übermensch, der erste der die kapitalistische Religion erkennend zu erfüllen beginnt. Ihr vierter Zug ist, daß ihr Gott verheimlicht werden muß, erst im Zenith seiner Verschuldung angesprochen werden darf. Der Kultus wird von einer ungereiften Gottheit zelebriert, jede Vorstellung, jeder Gedanke an sie verletzt das Geheimnis ihrer Reife.

Die Freudsche Theorie gehört auch zur Priesterherrschaft von diesem Kult. Sie ist ganz kapitalistisch gedacht. Das Verdrängte, die sündige Vorstellung, ist aus tiefster, noch zu durchleuchtender Analogie das Kapital, welches die Hölle des Unbewußten verzinst. Der Typus des kapitalistischen religiösen Denkens findet sich großartig in der Philosophie Nietzsches ausgesprochen. Der Gedanke des Übermenschen verlegt den apokalyptischen „Sprung“ nicht in die Umkehr, Sühne, Reinigung, Buße, sondern in die scheinbar stetige, in der letzten Spanne aber sprengende, diskontinuierliche Steigerung. Daher sind Steigerung und Entwicklung im Sinne des „non facit saltum“ unvereinbar. Der Übermensch ist der ohne Umkehr angelangte, der durch den Himmel durchgewachsne, historische Mensch. Diese Sprengung des Himmels durch gesteigerte Menschhaftigkeit, die religiös (auch für Nietzsche) Verschuldung ist und bleibt, hat Nietzsche präjudiziert.
Und ähnlich Marx: der nicht umkehrende Kapitalismus wird mit Zins und Zinseszins, als welche Funktion der Schuld (siehe die dämonische Zweideutigkeit dieses Begriffs) sind, Sozialismus.

(aus: Walter Benjamin: Kapitalismus als Religion [Fragment], in: Gesammelte Schriften, Hrsg.: Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, 7 Bde, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1. Auflage, 1991, Bd. VI, S. 100 – 102)

Tunnelblick

Die Schweizer Botschaft in Berlin feiert ihre neue Gotthardröhre gut sichtbar auf dem Dach ihres Gebäudes:

Tunnel, Botschaft Berlin

Zumindest teilweise auf Schweizer Staatsgebiet liegend gibt es ja noch DEN Tunnel, in welchem es kaum Geschwindigkeitsbegrenzung, aber möglicherweise Schwarze Löcher zu bestaunen gilt, sofern keine kleinen Pelztiere den Stromfluss unterbrechen.