Blase

Die  Klima-Welle hat die Wahl-Schweiz behutsam überschwemmt, beide Grünparteien im Plus und zusammen nominell stärker als die SP. Die Gut-Bürgerliche Mehrheit war jedoch nie in Gefahr, zumal Grün schon lange wenn nicht schon immer ziemlich bourgois ist – da ist klar, dass eine ausgesprochene Arbeiterpartei es besonders schwer hat. Ausser im Ex-Preussischen Kanton Neuenburg wird kein Parlamentsitz gewonnen, da helfen rote Luftballons nicht weiter, wobei derart Wahlkampfriten in Legokritischen Zeiten sowieso fragwürdig sind. Aerostaten sind reichlich kontraproduktiv, wenn sogar jedes Kind weiss, dass es bis zur Verrottung solcher Gummiblasen 160 Jahre dauern kann, falls nicht vorher ein Fisch oder Mensch anbeisst. Vermutlich fehlt Kommunismus à la PDA schlicht der notwendige Biss.

Cybercompost

Alexander Giesche, vormals Münchner, jetzt Zürcher Kunstschaffender inszenierte einen mit Trockeneisnebel gefüllten farbig-bunten Kubus, in dem das einfallende Sonnenlicht zig Farbnuancen erzeugt, welche im Nebel in weitere Farbtöne reflektieren, zerfallen und ersticken. Eine immersive analoge Scheinwelt, deren Ein- wie Ausdruck durch dreisprachige Audio-Collagen noch etwas befeuert wird. Als Annäherung an die neue Intendanz und Spielzeit des Schauspielhauses Zürich durchläuft die DAS INTERNET titulierte Installation vier Etappen quer durch die Stadt, um schliesslich am Schiffbau festzumachen. Vorm Jakob traf dann der schauspielernde Kompostmann zufällig (?) den obdachlosen Blumenmann, verhandelte Kompostwerdung generell und propagierte zwischenmenschlichen Kompostaustausch. Zum Finale gab es live eingeschweisste Kompost-Starterpacks to go. Mir ging Internet und Kompost nicht ganz so zusammen, auch die vom Darsteller rezitierte profane Farbgleichung alle Farben gemischt ergibt Braun erschloss sich mir zumindest kontextuell nicht wirklich. Ist das Internet jetzt bloss braune Kacke?

The female is future

Der Nationale Frauenstreik, rein eventmässig etwas ungeschickt gleich anderntags von der eintönig hedonistischen Tangente Zurich Pride schon rein abfalltechnisch fast torpediert, war schlicht enorm. Massenwirkung durch gute Laune – Frauenpower pur, eine ganz spezielle Energie versetzte die Atmosphäre in Vibration. Fast 200.000 alleine in Züri (quasi die Hälfte der BewohnerInnen), weit über eine Million schweizweit (immerhin ein Achtel) waren auf den Gassen, Strassen und Plätzen und taten kund, was weiter im Argen liegt: unbezahlte Reproduktionsarbeit, schlechter entlohnte soziale Arbeit und patriarchal zementierte Normen. War nicht immer so, wird nicht immer so sein. Männer sterben schliesslich früher (aus). Natürlich war die Eidgenössische Historie des arg verspäteten Frauenstimmrechts (1972!) mitsamt sehr zögerlicher Umsetzung von Gleichstellung ein neuerlicher Auslöser für die grösste politische Kundgebung der vergangenen Jahrzehnte, sicherlich sind die Strukturen in vielen anderen europäischen Ländern (Kriege, Männer, Tod, Frauen erobern Männerberufe) völlig anders. Als outgesourcter Randständiger war die weibliche Flut inspirierend und beängstigend zugleich. Vaginal reduzierte Plakate wechselten mit freizügigen Outfits, eine Demonstrantin trug mutig und stolz nur wenig mehr als ein transparentes Etwas. Die permanente Spiegelung von lüsternem Abschätzen und altherrrenklugem Verständnis für korrekte Anliegen war blamabel. Dass bei Tampons der Staat aber steuerlich profitiert, bleibt jedoch skandalös und findet die väterliche Solidarität unbedingt.

Atmen. Punkt. Schleichberechtigung.

Frauen*streik

Woman is the nigger of the world. (Yoko Ono 1969)

Zum 14. Juni 2019 wird in der Eidgenossenschaft von den Gewerkschaften, verschiedenen Parteien und feministischen Gruppen zum nationalen Frauenstreik aufgerufen. Vor fast 30 Jahren führte ein  auch von bürgerlichen Schichten getragener Streiktag in der Folge immerhin zu einem formalen Gleichstellungsgesetz. Dessen mangelhafte und noch lange nicht vollständige Umsetzung soll am diesjährigen Streiktag deutlich thematisiert und auf die weiterhin bestehende Lohnungleichheit, Diskriminierung, sexuelle Belästigung und ungleiche Verteilung von Care-Arbeit protestierend hingewiesen werden.

Für Männer gibt es eine korrekte Hilfestellung von sozialismus.ch:

Woman is the slave to the slave. (John Lennon 1972)

Prima Klima

Früher war no future heute more. «Gopfrid Stutz jäzz Klimaschutz!» lautet eine der Parolen. Auffällig viele Grosseltern und Eltern. Samstags muss kein Unterricht oder Job geschwänzt werden, und so sind es zu Zürich sicher um die 20.000 Mitläufer.

Kleine und grosse Leute, rote und schwarze Fahnen, Pfadis aus Belgien («On est plus chauds que le climat!») und klimastreikende Frauen, die schon jetzt zum Frauenstreik am 14. Juni aufrufen. Manche müssen erst noch lernen ihr Transparent

plakativ zu gestalten, andere sind Dosenbier trinkend schon nach wenigen Metern nicht mehr ganz klimaneutral und ziemlich heiser. Einige grüssen, Kundschaft aus der weiten Gemeinde und ich frage mich, wo und wie man den Funk nach Frankfurt zur Zeitmessung unterbricht. Eine Turmuhr zeigt in der Stadt bereits fünf vor zwölf.

Alle sind gut drauf, sogar die Nachhut, welche mit Abfallgreifern und Kübeln ausgerüstet all das aufsammeln, was die Vorgänger auf dem Weg verloren bzw. liegen haben lassen. Saubere Sache denke ich noch, Schweiz nur Hilfsausdruck.

Belichtung

Vielschreiber T.C. Boyle macht einmal mehr bei Hippies, Drogen sowie dem eher zaghaft gedeihendem alternierenden Lebensstil der frühen 60er Jahre Anleihen, um eigentlich nichts wirklich zu sagen. Ziemlich eintönig werden die Sessions geschildert, zu denen Guru Timothy Leary seiner Gemeinde das Sakrament in Form von LSD-25 verabreicht, jenem synthetisch hergestellte Halluzinogen, mit dem sich der Schweizer Chemiker Albert Hofmann eher zufällig im Sandoz-Labor selbst vergiftete. Nach dem Lesen des thematisch interessant wirkenden Romans bleibt ein fahler und metallener Nachgeschmack, der weder psychedelischen Farbexplosionen noch einem tatsächlichen Horrortrip richtig nahe kommt. Ist es bloss der deutschen Übersetzung geschuldet, dass so wenig von den dramatischen Prozessen, welche sich damals — zunächst Kunst und Kultur durchwirkend — unübersehbar und durchaus systemrelevant gesellschaftlich widerspiegelten, beim Rezipienten überhaupt ankommt?

Boyle bleibt seltsam distanziert, beinahe überbetont nüchtern beim Beschreiben seiner Handlungsträger vom anfänglich rein universitären Forschungsobjekt hin zum Kommunenhaften Abheben der Auserwählten, bis sich diese in immer sinnloser werdenden Trips, schier endlosen Partys und überdrehter aber abgeschlaffter Protesthaltung quasi selbst auflösen. Falls Boyle die naive Grundhaltung der akademischen Elite, unfähig zur sozialen Interaktion und unbeirrt auf Egotrip bestehend blosszustellen beabsichtigt, ist der Versuch eindeutig zu plump angelegt. Die anfänglich durch Medikamente gestützte Forschung über das Bewusstsein wird aus klinischem Versuch entlassen schliesslich zur reinen Drogenproblematik. Ob solch lakonischer Ansatz die weitgehend sinnbefreite Reise ins eigene Ich über fast 400 Seiten zu tragen vermag, bleibt mehr als zweifelhaft.

Boyles bis heute hochaktuelles Meisterwerk «América» hat nun fast ein Vierteljahrhundert auf dem Buckel, ohne an Kraft und Vitalität eingebüsst zu haben. Selbst in «Wenn das Schlachten vorbei ist» besticht die Story noch mit einer raffiniert angelegten doppelten Codierung, welche die Protagonisten behutsam aber anschaulich entlarvt, ohne schulmeisterlich zu wirken. In der vorliegenden Geschichte mit dem selbsternannten LSD-Papst auf der Suche nach dem göttlichen Licht ist solch ein glückhafter Kunstgriff leider nicht zu erkennen.

Zwinglich

Der Theologe Ulrich Zwingli steht im Mittelpunkt eines aufwändig produzierten Films, welcher den Beginn der Reformation in der Eidgenossenschaft historisch korrekt abzubilden versucht. Die stürmischen zwölf Jahre, in denen Zwingli in Zürich als Leutpriester prägend wirkte, werden nahezu vollständig und fast wie im Zeitraffer abgehandelt. Tricktechnisch wird Zürich nahezu perfekt in die Mittelalterliche Ära gebeamt. Schwarze Pest, Ertränken von Täufern, Verbrennung von Reformatoren und schliesslich Zwinglis Tod selbst auf dem Schlachtfeld sind die eher düsteren Seiten der Erzählung. Armen- und Krankenfürsorge, Volksbildung sowie Aufhebung von Leibeigenschaft und Zölibat die hoffnungsfrohen Botschaften der gesellschaftspolitischen Neuordnung. Im Film knapp erwähnt der Disput mit dem nördlichen Kollegen Luther («Menschenfresser»), der alsbald zu einem Riss in der Bewegung führen sollte. Erst 1973 wurde im Konkordat von Leuenberg das 450 Jahre andauernde Schisma des Protestantismus beseitigt. Wie sich Zwingli vom Humanisten zum Kriegsherrn und -treiber entwickeln konnte, ist in der Auseinandersetzung mit den radikalen Täufern bereits angelegt – tendenziell korrumpiert Macht. Huldrych (Huld-reich – so nannte er sich nach glücklich überstandener Pest) war auch nur ein Kind seiner Zeit und bis zur Aufklärung sollte es schon noch etwas dauern.

Dafür bleibt im über zweistündigen Film mehr als genug Zeit und Raum für so ziemlich alles Wesentliche aus der Anfangszeit der Reformation in ZH/CH: Söldnerwesen, Wurstessen, Ikonoklasmus, Aufhebung der Klöster, Glaubenskrieg. Im Abspann wird der in Zürich berühmten Wiediker Wursterei Keller gedankt, hahaha. Doch nicht lokale Interessen stehen im Vordergrund,  deutlich tritt die Konzeption für den massenmarkttauglichen Mainstream zu Tage. Fast alles und jedes damals wie heute aktuelle Thema (Selbstbestimmung, Emanzipation, Demokratie, mediale Deutungshoheit, Framing bis hin zu Fake News) ist erkennbar doppelt vorhanden: als Reflexion vom realen Jetzt ins fiktive Damals und als Echo unverzerrt retour in die Echtzeit. Zum Film hat die Produktionsfirma das didaktische Begleitmaterial gleich mit aufgelegt, so dass in Bälde ganze Schulklassen ins Kino pilgern werden, zumal mit 12 Jahren die Altersbeschränkung recht grosszügig ist. Zwingli macht frei.

Die reformierte Kirche hat durch Mitfinanzierung den Film ermöglicht und termingerecht einen adretten Markenbotschafter zu den 500-Jahre-Feierlichkeiten in der Deutschschweiz geliefert bekommen. Doch wollte Jeschua nie eine Kirche gründen, Zwingli keine Kirche der Angst und Unterdrückung, keinen Ruhm. Und ob bei Gross und Klein der Subtext der Disruption, ganz so wie der philosophische Medienpirat Stefan M. Seydel es in der Zwingli-Geschichte  zu enträtseln vermag, wirklich ankommt?

Delikat Essen LXXX

Dass Frauen im Kanton Tessin und Schwyz am wenigsten zu sagen haben, erstaunt nicht. Dass der Bananenwerfer Doppelbürger ist, wundert niemand in der FCZ-Südkurve. Aber dass Schoggi Nazionale den Rechten nimmer schmeckt, ist eine fette Schlagzeile wert. Die spinnen, die AFDler.

Los Hamburgués

Hamburg Weltstadt stolz und reich und arm und würdelos. Eine völlig verlebt und zerlumpt aussehende Person schiebt ihre Sieben-Wagen-Karawane, bestehend aus schäbigen Trolleys und Einkaufswagen, wechselweise fünf Schritte das Trottoir entlang. Stau im Pyramidenbau nur Hilfsausdruck. Die Emsigkeit und Akkuratesse dieser seltsamen Performance steht im völligen Kontrast zu der nach wahllos zusammen gelesenen Müll aussehendem Ladung der übervollen Transportmittel. Petflaschen mit trübem Inhalt und andere erbärmliche Habseligkeiten sind eher zu erahnen als erkennbar, weil aus empfundener Scham gegenüber dem rastlos und ungerührt agierenden Menschen einerseits lieber nicht so genau hingeschaut wird, andererseits es nicht wirklich interessiert. Ein trostlos bleiernes Grauschwarz in der vifen Urbanität der agilen Neustadt. Unwirkliche Abscheu gepaart mit Staunen über die fast choreographiert wirkende Aktion stellt sich ein, dazu ein heimlicher Blick zurück. Watsdat?! Aber ja, die anderen Passanten haben es auch gesehen und ebenso sprachlos nicht reagiert. Das Elend in Teutoniens Metropolen wirkt krass im Vergleich zu der helvetischen Insel. Handkehrum fällt der Ex-Sozialministerin aus D das Fehlen solcher Strassenszenen hierorts sofort auf. Selber an der Armutsfront tapfer kämpfend kennen wir natürlich Obdachlose, arme Schlucker, Sans-Papiers und Wanderarbeiter. Aber nicht in solch drastischen Ausschmückungen wie im Harz4land. Sogar im beschaulichen Schwabenländle sind Bettler, Strassenmusikanten und herumlungernde Menschen in den Innenstädten gewöhnlich, in Zürich all dies unter Androhung von Wegweisung aber strikt untersagt. Wenn halbe Zombies durch die Berliner U-Bahn schwankend mit der „haste mal“-Forderung auf Kleingeld drängen, ist für glückselige Inselbewohner derart direkte Konfrontation nur erschreckend. Ein diffuses Gefühl keimt auf: wir sind reich, weil ihr arm seid. Wenig später beim Michel, eine beinah noch groteskere Szenerie. Wo innen wahrhaftig ein Geschäftsführer tituliert, wird aussen überm Hauptportal Satan vom namensgebenden Erzengel stolz mit dem Kreuze bezwungen. Gleich nach dem Sieg dann drinnen das unübersehbare Schild mit der Bitte, gefälligst (s)einen Obulus abzulassen.

Volksmission

Die ursprünglich aus dem Kongo stammende Eglise Eternel est Bon wird von einer überaus stimmgewaltigen Frontfrau leidenschaftlich unterstützt:

Evangelisation der Migrationskirche GBG Samstags 15 Uhr Stauffacher

Auffällig hierbei: die Propagandisten mit dem dunkleren Teint bleiben völlig im Hintergrund. Betont zurückhaltend, fast im Kontrast zur lautstarken Mission, jedenfalls keineswegs offensiv offerieren sie ihre kleinen bunten Flyer mit Hinweisen auf ihre in Suburbia beheimatete Gemeinde. Ein Junge überreicht mir schüchtern eines der Pamphlete. Die lärmende Aktion dauert genau eine Stunde, nonstop wird den Passanten gepredigt, kaum jemand interessiert sich dafür, doch die eifrige Verkünderin bleibt verblüffend ausdauernd.

Genauso wie die in Schildkrötenformation aufgestellten Veganer nebenan. Diese verharren stoisch — auch dank ihrer Guy-Fawkes-Masken. Sie verdeutlichen bildhaft das Elend der Tiere mittels ihrer bereit gehaltenen Laptops. Schocktherapie. Als Satelliten tätige Aktivisten verteilen dazu Infomaterial und beantworten Fragen. Schliesslich kommt ein ganz in Scharz gewandeter und schier endlos erscheinender Bandwurm um die Ecke — eine Schweigedemo im Gänsemarsch, welche trauernd auf leider immer noch real existierende Sklaverei und Menschenhandel in der Welt hinweist. Der Zug ist lang und beeindruckt. Die enervierende Schreierei der furios auftretenden Konkurrenz wird glücklicherweise lautlos erstickt.

Jesus lebt.

Etikettenschwindel

Bei Abstimmungen in der Schweiz scheint es gleich immer ums Ganze zu gehen: Souveränität ist für die national-konservative Schweizer Volkspartei sowieso die Ultima Ratio. Obschon deren Financiers selbst kräftig vom internationalen Warenaustausch profitieren, wird hierzulande gerne nach der bauernschlauen Devise «foiver und s´weggli» verfahren.

Nachdem die 2016er Abstimmung zur DSI überraschend stark politisierte und in der Folge zu einem deutlichen Umschwung beim Stimmvolk führte, ist nun unter dem Deckmantel Selbstbestimmungsinitiative (ursprünglich unter dem Titel «Fremde Richter» gestartet) ein weiterer Affront der Law-and-Order-Strategie (Ausschaffung, Durchsetzung, Personenfreizügigkeit) gegen die aufgrund der Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges gegründete und seitdem weithin anerkannte Internationale Rechtsprechung (hier v. a. Strassburger Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte) geplant. Am Beispiel der Schweizer Zementgesellschaft Holcim in Rahmen der Anerkennung und Entschädigung von Asbestopfern wurde deutlich, dass die nationale Rechtsprechung aufgrund der herrschenden Gesetzgebung heimische Firmen tendenziell zu bevorteilen droht, während ein internationales Gremium die Sache augenscheinlich anders beurteilt.

Erst 1995 wurde Asbest in der Schweiz gänzlich verboten, dabei lagen schon in den 1920er Jahren Berichte zur sog. Asbestose vor. Diese wurde als Berufskrankheit 1939 in der Schweiz anerkannt. Aber: ausländische Asbestproduktion ist nicht durch Schweizer Recht gedeckelt, also auch keine Vorsichtsmassnahmen, keine Entschädigung, nada. Prima Sache, dieses Selbsbestimmung…

Bewilligungspflicht für Reklameanlagen: § 309 Abs. 1 lit. m des Planungs- und Baugesetz des Kantons Zürich (PBG). Baurechtliche Erwägung: Die Kirche St. Jakob ist im kantonalen Inventar enthalten und steht unter Denkmalschutz. Die Werbeblache, an der Südfassade des Kirchturmes angebracht, ergibt keine gute Gesamtwirkung mit der gebauten und landschaftlichen Umgebung gemäss § 238 Abs. 1 PBG. Zudem nimmt die Anlage keine gebührende Rücksichtnahme auf das Objekt des Heimatschutzes gemäss § 238 Abs. 2 PBG. Für die Werbeblache am Turm kann keine nachträgliche Bewilligung in Aussicht gestellt werden.

Deutschrand

Der Begriff Heimat hat Hochkonjunktur. Dabei wäre Heimat da am konkretesten, wo ich mir eine Wohnung leisten kann.

Der Begriff der Heimat hat seine Unschuld verloren, er ist nicht mehr nur eine harmlose Form der sentimentalen Selbstverortung, sondern ein Begriff der politischen Abschottung geworden. In dieser Eigenschaft wird er von den Kosmopoliten auch kritisiert, die dagegen Weltoffenheit und Toleranz halten. Allerdings ist das nicht weniger weltfremd, da Solidarität stets auf soziale Exklusivität angewiesen ist. Es gibt keine solidarische Weltgemeinschaft

Koppetsch, Hamburg, Heimat, Fraktur

Die Kosmopoliten nutzen andere Möglichkeiten der Abschottung?

Sie bewohnen die attraktiven Kieze und Innenstadtquartiere, die inzwischen so hohe Mieten und Immobilienpreise aufweisen, dass sich soziale Exklusivität wie von selbst einstellt. Zu den wirkungsvollsten kosmopolitischen Grenzanlagen gehört die kapitalistische Ausrichtung des Lebensstils. Kulturelle Offenheit wird somit kompensiert durch ein hochgradig effektives Grenzregime, das über Immobilienpreise und Mieten, über ein sozial und ethnisch hoch selektives Bildungswesen sowie über den Zugang zu exklusiven Freizeiteinrichtungen und Clubs gesteuert wird. Die Abgrenzung erfolgt nicht nach außen, denn hoch qualifizierte MigrantInnen sind hier selbstverständlich willkommen, sondern nach unten.

Für die Kosmopoliten, die Welterfahrenen, bedeutet Heimat allenfalls die Liebe zum regional produzierten Schwarzbrot?

Ja, und die Heimatsuchenden betrachten sie mit Herablassung. Aber sie haben gut reden, da sie zumeist keine Berührungspunkte mit Migranten aus dem globalen Süden aufweisen. Die Perspektive auf die Dinge ändert sich umgehend, wenn ich mit Asylsuchenden in Konkurrenz um Sozialtransfers, Wohnungen, Sexualpartner oder Jobs treten muss.

(Soziologin Cornelia Koppetsch in einem TAZ-Interview, Juli 2018)