Tillen-Willi

Bewahrung und Erhalt von Traditionen ist eine ureigene helvetische Spezialität, welche heute in der marktkonformen Swissness gipfelt und dergestalt zum Geldwerten Vorteil gereicht. Besonders am Schweizer Nationalfeiertag, wenn auf der Rütliwiese oberhalb des Urner Sees der Bundesbrief verlesen wird und dabei der nebulöse Mythos von den drei Genossen aus Uri, Schwyz und Unterwalden, welche eben dort einen Eid geschworen haben sollen munter weiter tradiert wird, fällt auf, wie sehr die moderne Schweiz ihre dramaturgisch geschickt gepimpte Herkunft verklärt.

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In dem 1971 erschienenen Werk «Wilhelm Tell für die Schule» entlarvt Max Frisch den Gründungsmythos der Eidgenossenschaft gründlich mit einer kenntnisreichen Mischung aus Ironie, Humor und Phantasie. Frisch verzichtet auf jedwede Schönfärberei und ist mit seiner Version um einiges dichter an der historischen Wahrheit als das Helvetische Heldenepos. Er verschweigt nicht jene bis ins Detail auffällige Ähnlichkeit des kolportierte Apfelschusses mit gleich zwei Skandinavischen Vorbildern (Toko-Sage). Der Rütlischwur der drei lokalen Herren Stauffacher, Melchtal und Fürst ist bei Frisch eher ein Interessen-Bund von Grundeigentümern und keineswegs ein brüderlicher Freiheitsbund von einfachen Bauern und Hirten. Der «Trotz aus Unverständnis war mörderisch» bilanziert Frisch über die verstockten Bergler.

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(Foto: Sarah Groß, Fliegende Volksbühne Frankfurt)

Bis hinein ins 20. Jahrhundert galt noch der 7. November 1307 als Datum des vermeintlichen Rütlischwures, wobei solch gegenseitige Schutzabkommen zwischen verschiedenen Talschaften in jener Zeit sowieso oft und gerne geschworen wurden. Zur anstehenden Berner Kantons-Feier 1891 fand sich wie zufällig eine auf 1291 datierte Erklärung und mit dem Rütlirapport robbte der Nationalmythos dann allmählich weiter Richtung Monat August.

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Im Zuge der epochalen Feiern von 1991, gefolgt vom ablehnenden Volksentscheid zur EU-Causa 1992 wurde der 1. August dann 1994 als arbeitsfreier Feiertag verfassungsmässig festgeschrieben. Die nationale Cervelat grilliert sich im Hochsommer jedenfalls viel angenehmer.

Oh Du Goldigs Sünneli

Sonnenwendfeiern sind wieder mega-in, rituelles katalysiert spirituelles. Ehedem als „Heidnisch“ verschrienes Kulturgut gilt zusehends als rehabilitiert und wird heutzutage in manchen Kirchen akzeptiert und sogar zelebriert. Metaphysischer Ek­lek­ti­zis­mus par excellence, Om meets Ky­rie elei­son beim Ringelpietz mit Anfassen.

Somnnenwendfeier, rituelles Singen

Am 21. Juni wird es um 12.51 MESZ dann auch astronomisch Sommer, diesmal ganz im Zeichen des Brazuca.

Hansa Zürich

Nachdem das einst auch Zürich überflutende erdgeschichtliche Randmeer vor Millionen Jahren sich endlich aus der Gegend um Zürch zurückzog, konnte man schon bald nach der Stadtgründung im verbliebenen Seebeckenausfluss prima Sauf-Feste feiern.

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Zu be­schau­licher Grösse gewachsen bemühte der bescheidene Seekurort Zürich alsdann gerne die einwanderte Italianità, um die geschäftige, aber doch arg spröde Deutschschweizer Metropole mit ein wenig maritimen Flair zu aromatisieren. Inzwischen genügt diese Duftmarke nicht mehr und Zürich will Meer und eine richtig flotte Hafenstadt werden. Dazu wurde aus Rostock ein brach stehender Hochsee-Hafenkran importiert, um hierorts zumindest temporär etwas Verwirrung zu stiften.

Hafenkran Zürich, Hafenkran Zürich 2014

Natürlich gab es lange Debatten, Abstimmungen, Einsprüche und Rekurse zu diesem Projekt. Selbst eine noch anhängige Volksabstimmung zur künftigen städtischen Raumplanung wurde auf den Wege gebracht, nur um zu vermeiden, dass in Zukunft weitere 90-Tonnen schwere Ideen ins Stadtbild einfliessen. Bis dahin wird aber die Verwandlung der Limmat-Gestade unmittelbar vor dem Zunfthaus zum Rüden von einer Live-Schaltung rund um die Uhr weltweit dokumentiert.

Hafenkran Zürich, Hafenkran Zürich 2014

Apropos: schon ein Meeresanstieg um schlappe 500 Meter würde reichen, und der olle Kran stünde nimmer im Trockenen.

Voll Panne

Das Panini-Fieber grasiert momentan heftig und führt zum rapiden Schwund des Sackgeldes. Natürlich blüht auch der Tauschhandel; Edel-Reservist Shaqiri ist dank Heimvorteils drei beliebig andere Kicker wert. Darüber hinaus spielen die Kids in der Zwergensiedlung so eine Art Schlagspiel, um rasch und günstig an noch mehr Bildchen zu kommen.

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Zuerst legt jeder Duellant eines seiner Panini-Bildchen verdeckt auf den Boden, dann wird um den Erstschlag geknobelt und anschliessend mit der flachen Hand auf die beiden Bildchen geschlagen. Falls sich eines oder beide durch Schlagwirkung bzw. den kurzfristigen Unterdruck auf die Portraitseite drehen, sind diese gewonnen. Ansonsten wird solange weiter gedroschen, bis die Bildchen ihren rechtmässigen Besitzer finden. Freilich leiden die Bildchen unter dieser Behandlung etwas, aber kleben tut eh kaum einer…

Yom Huledet Sameach

Vor 110 Jahren wurde der Sänger Joseph Schmidt geboren. Bald nach seiner Übersiedlung in die Reichshauptstadt Berlin erlebte er dank Rundfunk und Schellack einen rasanten Aufstieg. Die Machtergreifung 1933 führte jedoch zu einem abrupten Ende seiner Karriere in Deutschland, gefolgt von zahlreichen Etappen der Vertreibung und Flucht.

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Bis vor Kurzem hatte ich keine Ahnung, dass der berühmt-vergessene Tenor ein Nachbar ist. Gleich nebenan auf dem Jüdischen Friedhof haben Schweizer Freunde ihm die letzte Stätte bereitet, nachdem er auf der Flucht vor dem Grossdeutschen Räuber- und Mördersystem völlig ermattet nicht mehr weiter konnte. Gerade mal 38 Jahre jung ist Schmidt geworden — sein Stern aber strahlt weiter!

Wikingerschach

Glücklich, weil am Ende noch knapp, aber verdient hat Carlsen in seinem ersten Turnier als Weltmeister das Zürcher Schach-Spektakel gewonnen. Der Gegenwind für den Führenden ist tendenziell meist rau — mal abwarten, ob Magnus der Erste seine Segel wirklich so früh streicht, wie manch Szenekundige es bereits jetzt prophezeien. 64 Felder sind sicher nicht die Welt, aber zumindest für die crème-de-la-crème der Schachwelt eine dank zahlungskräftiger Gönner durchaus lukrative Parallelwelt.

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Die spinnen, die Wikinger

Sah man Model-Athlet Carlsen eben noch im edlen Saale spielend am Schachbrett, findet man den Champ nun auf einem Werbeplakat hängend an der ganz gemeinen Bushaltestelle:

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Die immerhin von Schach inspirierte Kampagne findet ihre genretypisch virale Verbreitung via youtubeChess for Kids.

Heileland

Die heile Welt im Heidiland wird von den eigenbrötlerischen Bauern auf dem Land gepflegt. Allerdings sähe das Heidiland ohne milliardenschwere Subventionen nicht gar so alptraumhaft herzig aus; selbst das Wiesenmähen wird mancherorts staatlich entlöhnt, so dass sich Landwirtschaft obendrein als Hobby lohnt. Ähnlich der toskanischen Traumlandschaft erschliesst sich auch im voralpinen Lebensraum der unmittelbare Einfluss des Menschen erst bei einem genauen Blick, und zeigt sich alsdann als ziemlich grosser, aber ordentlicher Familiengarten.

Unter weitestgehendem Ausschluss von Konkurrenz in Form auswärtiger Frass- und Futterfeinde lässt sich die helvetische Bauernschaft ihre hochpreisigen Produkte kräftig subventionieren und kann zudem auf einen abgeschotteten Binnenmarkt zählen. Gerade unter jenen hoch bezuschussten Kulturpflegern gilt nun das Biotop Schweiz als ungemein gefährdet, wobei auf dem Land im Vergleich zu den Städten eher weniger unter Dichtestress gelitten werden dürfte.

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Und so kommt es zu der paradoxen Situation, dass vor allem jene Kantone einem Isolationismus frönen, welche vom Kantonalen Finanzausgleich am meisten profitieren. Auf absurde Weise alimentieren die weltoffenen Kantone so die ländlich geprägten Nationalpopulisten in der Eidgenossenschaft — ein wahrlich besonders eindrücklicher dialektischer Umschlag helvetischer Art.

Entdämonisierung

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Bruno Weber sah mit Zottelhaar und Stirnband aus wie ein Alt-Hippie und war wohl auch einer. Auf seinem zwei Hektar grossen Grundstück bei Dietikon/ZH installierte er neben gigantischen Betonskulpturen auch ein Wohnturmhaus, stritt wegen nicht genehmigter, weil nicht zonenkonformer Bauten jahrzehntelang mit der örtlichen Gemeinde, welche ihm nach langem Ringen schlussendlich den kommunalen Kunstpreis verlieh, nachdem sie vorab jegliche Bebauung rückwirkend legalisierte. Seinen Skulpturenpark konnte er nicht fertigstellen; Weber starb 2011 und hinterliess noch allerhand Baupläne für etwaige Sponsoren. Sowieso ist das ganze Areal ein anschauliches Beispiel für work-in-progress, die Arbeit wird jedoch in absehbarer Zeit aufgrund des zwangsläufigen Renovierungsbedarfs eher erhaltend als kreativ sein.

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Die Phantasiewelt am und im Wald zieren zahllose Fabelwesen: Drachen, elephantöse Wasserfauna und allerlei Flügelgetier. Und Schlangen. Immer wieder Schlangen. Als Rutschbahn-artige Brücken, als begehbare steil geschwungene Treppen. Ein Paradies voller Dämonen. Zerrbild oder naturalistische Hingabe, Bruno Weber war ein ziemliches Unikum. Zudem besass er genügend Kondition und Beharrlichkeit, um den abenteuerlichen Kampf mit dem Amtsschimmel durchzustehen. Im Nachhinein erscheint der pflichtversessen Versuch Recht & Ordnung gegen eigenbrötlerischen Schaffensdrang durchzusetzen als bụ̈nzliger Schildbürgerstreich. Heute profitiert nicht zuletzt die Gemeinde von den vielen Besuchern der vollendeten Tatsachen.

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Im Bruno-Weber-Park erinnert einiges an Gaudi oder Hundertwasser. Trotz Patina wirkt die Anlage reichlich bunt. Für grosse und kleine Kinder ein Riesenspass, zumal etliche Skulpturen begehbar oder besteigbar sind. Webers Naturwelt zelebriert überschwänglich und variantenreich eine eklektizistische Ethno-Sym­bi­o­se, die durch dämonenhafte Darstellungen Dämonen vertreibt.