Magnum Classic-Premiere
Schlagwort: Schweiz
Retour — enfin!
Automatismus
Überall in der Schweiz sind auf Bahnhöfen, Dorfplätzen und Kantinen auffallend rot lackierte Verkaufsautomaten aufgestellt.
Die Erfrischungsinseln mit dem adretten Namen Selecta erinnern an die real existierende DDR. Neben Grilletta, Mückol und Robotron würde die Selecta gewiss eine klasse Figur abgeben.
Die Selbstbedienungsmaschinen bieten neben Softdrinks, Süsskram und Rüebli auch einen Schwangerschaftstest an. In den paarungsfreudigen Brunftzonen Bern und Zürich wurde das Angebot vorab getestet und für gut lukrativ befunden.
Für Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie bitte ihren Stadtpolizisten.
Sprachforderung
Natürlich sind es wieder einmal die lustigen Volksmutanten von der Schweizer Volkspartei, welche instinktsicher mit der Bevölkerung Witterung aufnehmen und eine Initiative für die Deutschschweizer Mundarten lancieren.
Im Kanton Zürich wird seit 2008 im Kindergarten (Vorschule mit obligatorischem Besuch) teilweise auf Schriftdeutsch (Standardsprache) unterrichtet, wobei die Kinder frei parlieren können, ganz wie sie wollen. Eigentlich sinnvoll: frühzeitig angeboten erlernen Kinder leichter Fremdsprachen und das Schweizerdeutsch besitzt als Mundart keine (einheitliche) Schriftsprache.
Die angestrebte Rolle Rückwärts der Hauchdeutsch-Nerds soll das Schriftdeutsche komplett aus dem Kindergarten verbannen. Mundart sei Beziehungssprache und ein Kulturgut, der pädagogische Nutzen der Standardsprache hingegen nicht nachgewiesen.
Stimmt.
Schwiizertüütsch ist amüsanter.
Hasenhobel 20.11
Auf den ersten Blick ist im direkten Vergleich zur Vorgängerversion keine grundsätzliche Trendwende zu erkennen, der Gesamteindruck vielleicht aber aufgrund der gestiegenen Erwartungshaltung gerade deshalb eher enttäuschend.
Geritten wird der Bock heuer zwar stilgerecht auf einer Satteldecke aus Lammfell und die Hühner sind nun in den Getränkehalterungen sicher verstaut. Die künstliche Flora wurde jedoch reduziert und an Aufklebern ebenfalls gespart, was insgesamt zu einer ärmeren Anmutung führt.
Was im letzten Jahr noch der Frühjahrsschocker der Wohnmaschine war, ist in diesem Jahr kein reiner Hingucker mehr. Eher schon entsteht der Eindruck blosser Pflichterfüllung, welche wiederum ursächlich für eine spürbar aufkommende Lieblosigkeit sein mag. Gewohnheit ist halt aller Harley Anfang…
Grenzwert
Die Eidgenossenschaft wehrt sich tapfer an allen Fronten: im Süden drohen die Italiener sich einzuarbeiten, im Westen frisieren Franzosen nicht nur Frisuren und im Norden sowieso Teutonen über alles. Nur im Osten herrscht Ruhe seit der Statthalter der Habsburger einst eins vor den Latz bekam.
Beim zähen Ringen mit dem überzähligen Feind misst sich der Eidgenosse furchtlos gar mit allerlei Fabelgetier. Schaf und Rabe kennen wir schon von der einen oder anderen Schlacht, jetzt gilt es gegen die auswärtige aber tanzwütige Ratte den heimischen Käse zu verteidigen.
Die rechts-schwurbelige Lega dei Ticinesi triumphierte bei den kantonalen Wahlen mit tierlieben Motiven:
Der spitzbübische Capo der Legion will eine fünf Meter hohe Mauer an der Grenze zu Italien errichten. Interessante Idee, zumal er ja Bauunternehmer ist.
Die Ratten aber könnte Zwerg Nase vielleicht doch besser als Drogenkuriere einsetzen.
Bimbes rulez
Einen lakonischen Blickwinkel auf Haupt- und Nebeneingang gewährt die Niederlassung der Privatbank Julius Bär unweit der Zürcher Börse:
Das Bankhaus Bär ist im Sektor Private Banking mit Einlagen von einer Viertelbillion Franken ein Big Player und auf die Vermögensverwaltung wohlhabender Kunden spezialisiert. Beidseitige Profitgier führt ausser in die Schweiz gern in die regulierungsfernen Offshore-Finanzplätze, wo besonders gut Köder gelegt und gewieft Fährten verwischt werden können. Die real existierende Steuerfreiheit auf den Kaimaninseln, wo doppelt soviel Firmen wie Einwohner registriert sind, macht die karibische Inselgruppe zum immerhin fünftgrössten Finanzplatz der Welt.
In der mit Trust-Geschäften betrauten Bär-Niederlassung auf den Kaimaninseln wurde 2002 ein Datenleck vermutet. Dem von der Bank für solche Situationen vorgesehenen Lügendetektor-Test verweigerte sich einer der Mitarbeiter und wurde kurzerhand entlassen. Nachdem in der Folge Bär-Bankdaten öffentlich gemacht wurden, erzwang Julius Bär 2008 die kurzzeitige Stilllegung der Server von Wikileaks per Gerichtsurteil in den USA. Erst als die Bank den negativen Streisand-Effekt ausgiebig kennenlernte, zog sie die Klage gegen Wikileaks wieder zurück.
Der Konflikt zwischen Bank und geschasstem Ex-Manager eskalierte weiter und führte anfangs Jahr zu dessen Verurteilung auf Bewährung in der Schweiz.
Der zunehmend an Michael Kohlhaas angelegt scheinende Desperado übergab just zwei Tage vor jenem Gerichtstermin öffentlichkeitswirksam eine CD mit weitere Bankdaten an Wikileaks.
Derlei Datenklau gilt hierzulande als schwere Straftat einer nachrichtendienstlichen Wirtschaftsspionage und führt unter Umständen zum sofortigen Ausstieg eines Beschuldigten.
Dem Gericht vorliegenden Unterlagen über potentielle Steuerhinterziehungen der Zürcher Bank durch Scheingeschäfte auf den Kaimaninseln werden — dingdong, unter Berufung auf Schutz des Bankgeheimnisses — weiterhin unter Verschluss gehalten und so der Einsichtnahme zuständiger Finanzbehörden entzogen.
Rein markttechnisch wird auch künftig der Preis für raubkopierte Bankdaten auf hohem Niveau und das Schweizer Bankgeheimnis ein lukratives Geschäft bleiben — sowieso.
EDIT 14.04.2011:
Wegen ähnlicher Bimbes-Geschichten überlässt Bär dem Grossen Kanton grosszügig eine Portion Peanuts:
Südhang
Rauchfrei
Stadt Land GAU
Das Land will die Armeewaffe im Haus, die Städter lieber im Zeughaus. Deutschschweizer sind bis auf Basel-Stadt und Zürich ganz traditionell Bürgersoldaten, Westschweizer bis auf Fribourg für Abrüstung. Männer schiessen gerne scharf, Frauen eher weniger. Alle Faktoren zusammen ergeben ein Endergebnis von 56 zu 44 zugunsten des helvetischen Schützenvereins.

Röstigraben, Stadt-Land-Gefälle, Mann-Frau-Furche — der eidgenössische Kleingarten erscheint etwas zerklüftet. Der konservative Humus bleibt jedoch weiterhin bestimmend: Volksabstimmungen mit nationaler Tragweite fielen zuletzt allesamt zugunsten der rechts-bürgerlichen Mehrheit aus.
Eine noch strahlendere Zukunft erwartet im Kanton Bern dem Hochnebel zum Trotz die (ländliche) Mehrheit durch den Neubau eines Atomkraftwerkes.
Frauenstimmen
«Die Frauen stehen hierzulande stärker links als die Männer. Mehr noch: Sie driften immer weiter gegen links.»
Eine ernüchternde Zwischenbilanz.
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Der Schweizer gewährte 1971 nur kurz nach dem Jemen aber noch vor Bangladesch den Frauen eine Stimme. Im Appenzeller Land allerdings wurde das Frauenstimmrecht erst nach einer 19 Jahre währenden Farce schliesslich 1990 von Justitia selbst umgesetzt.
Delikat Essen XXIX
Körperwelten
Ménage à trois beim Herrenausstatter mit Übergrössen
Gulagchampagner
Die Infragestellung staatlicher Kunst- und Kulturförderung in der Schweiz findet ihren reisserischen Ausdruck auf der Titelseite der Weltwoche, dem national-konservativen Sprachrohr der geistigen Landesverteidiger. Dort wird behauptet, Kunst komme von Kassieren und man führt Nachforschungen über Kultur-Subventionen durch.
Dass es im Kulturbetrieb Seilschaften gibt, dass es im Gedränge um die besten Plätze am Futtertrog zu Günstlingswirtschaft und Neid kommt ist offensichtlich. Staatliche Kunstförderung und deren Verteilung ist ein wohl bekanntes und immer wiederkehrendes Streitthema: wie viel Kunst soll und kann sich eine Gesellschaft leisten — was kann und soll Kunst leisten? Kann sich in einer modernen Zivilisation Kunst und Kultur den kapitalistischen Marktmechanismen ohne allzu grosse Reibungsverluste aussetzen?
Doch der populistisch getünchte neoliberale Kulturrevisionismus, einhergehend mit der Ab- und Umlenkung einer gerade noch lauwarmen Abzocker-Debatte, ist blosse Propaganda. Aber völlig klar, die plumpe Rechnung muss ja irgendwie halbwegs aufgehen: Künstler sind eher progressiv und weltgewandt, subventionierte Bauern meist konservativ und lokalpatriotisch. Und ein gut abgehangener Anker ist halt währschaft und kein Nestbeschmutzer.
Entrüstung
Im herzigen Stimmungslokal Schweiz lockt Mitte Februar 2011 schon wieder ein Blockbuster an die Wahlurne: die Waffenschutz-Initiative fordert die Heimabgabe von Armeewaffen zu beenden, die Einführung eines zentralen Waffenregisters sowie für Waffenträger einen Bedarfs- und Fähigkeitsnachweis. Überflüssige Schusswaffen sollen aus dem Verkehr gezogen und die zahlreich zu Hause gelagerten militärischen Schiessprügel fortan in den lokalen Zeughäusern gelagert werden.
Waffenlobbyisten und andere Schiessbudenfiguren argumentieren, dass nur ein Staat, welcher seine Bürger fürchte, diese zu entwaffnen strebe. Ein wirklich entwaffnendes Argument: freies Schussfeld für freie Bürger.

In jedem dritten Schweizer Haushalt befindet sich eine Feuerwaffe. Nach den USA und Jemen liegt die Schweiz in Bezug auf die Waffendichte auf Platz drei. Bei Suiziden mit Schusswaffen sind die Eidgenossen Europameister: mit einem Anteil von 34% treffen sie bei fast 10% Vorsprung auf Vize Finnland mehr als dreimal häufiger ins Schwarze als der europäische Durchschnitt.
Ebenso wie bei den vorherigen Angst-Kampagnen der SVP («Schweizer wählen SVP» ist der urchig-völkische Slogan für die Parlamentswahlen im Herbst) schafft auch bei dieser, das rechte Nationalverständnis empfindlich berührenden Kampagne, die teutonisch geführte Werberkameradschaft die visuell drastischste Zuspitzung der Zielvorgabe:

Delikat Essen XXVIII
Dreikönig
Jawohl ja, das Tripple ist geschafft:
Was im letzten Jahr noch schieres Glück war, wird allmählich zur Routine. Obwohl die harte Konkurrenz heuer personell deutlich verstärkt auftrat, war der Titelverteidiger nicht zu beeindrucken. Reichlich abgeklärt fingerte er aus dem vorletzten Brötchen den begehrten Plastikkönig.
Zwar König für nur einen Tag, doch dies gleich dreimal — Schlag auf Schlag auf Schlag!
Nations diffuses
Delikat Essen XXVII
Warenfetischismus
Gemäss dem Schweizer Markenbarometer ist Glarner Schabziger die älteste Marke der Eidgenossenschaft. Seit 1463 ist die Rezeptur dokumentiert.
Unter den Top Ten befinden sich zwei Käsemarken, drei Verlage, eine Weinhandlung, ein Bettenbauer, ein Uhrmacher und zwei Brauereien.
Kein Chocolatier? Noe, erst ab 1819 wird die Schoggi getafelt.
Beinahe wäre der legendäre Schabziger zu Beginn des letzten Jahrtausends mangels Nachfrage vom Markt verschwunden, was jedoch keinesfalls am Hobbyschweizer lag, dem das Schaben genetisch einverleibt wurde. Eine bleibende Kindheitserinnerung ist der Geruch des frisch geriebenen Zigers und das Anrichten mit Butter und wenigen Spritzern Bier…
Reine Alchemie und ein wahrhaft exotischer Geschmackstest für einen Kindergaumen!



















