Electric Café

Die ambitionierte Konzertreihe «Les Digitales» stellt zeitgenössische Musik im elektro-experimentellen Kontext vor und findet während der Sommermonate in diversen Städten in der Schweiz umsonst & draussen statt. Lässig fläzt man sich in die bereitgestellten Liegestühle, lauscht den Darbietungen der Elektro-Akkustikern und geniesst die währschafte Volksküche zu zivilen Preisen. Bei der Zürcher Darbietung auf der Brache des ehemaligen Hardturmstadions hielt ich mein Gehör ganz nah an die Lautsprecher und war entzückt von den geschmeidigen Tonlagen, Toncollagen und Tonarten.

Zudem schien die Sonne prächtig.

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Besondere Erwähnung verdient das Zürcher Allstar-Trio Universalfilter, die dank fein verfremdeter Stimme, ordentlich verzerrter Stromgitarre und elektronisch modifizierter Steeldrum ein wundersames Klangspektrum entfalten, welches die Lauschenden sanft wie ein Schmetterling langsam aber sicher bestäubt. In eine ähnliche Kerbe hauen Sinner DC aus Genf, die es ebenfalls verstehen direkt aus der Steckdose kommend eine elektromagnetische Wohlfühloase zu generieren. Zwischendurch gibt es naturgemäss immer wieder mal ein tüchtiges Maschinengewitter, weil aber die einzelnen Auftritte kaum länger als eine halbe Stunde andauern, ziehen aber diese ganz rasch wieder vorüber. Der Schlussakkord in Zürich wurde schliesslich vom universellen Bit Tuner intoniert, der natürlich wieder einen äusserst adretten Pullover trug und die wenig verbliebenen Lichtquanten in der nun rasch einsetzenden Nacht gewohnt rhythmisch zur Os­zil­la­ti­on brachte.

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Allesamt interessant gelegen sind auch die ausgesuchten Örtlichkeiten der einzelnen Etappen — generell ist elektronische Mucke im Freien sehr sehr gut aufgehoben, hebt sich in der wildwüchsigen Natur quasi sowieso selbst auf und schwebt als schillernde Seifenblase ihrer finalen Detonation zu.

Wer will und kann sollte am kommenden Samstag unbedingt nach Neuchâtel pilgern, dann gibt es die Elektro-Lounge direkt am See mit Ausblick. Vielleicht hat sogar eine lokale Absinthé-Bar geöffnet; das feenreiche Val-de-Travers liegt ja just um die Ecke, gell Dirk.

Vamos, vamos a ganar

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Photo: Marcos Lopez; dazu noch das Tagebuch eines Hobby-Argentiniers

Was hat uns die Weltregie nicht alles gezeigt: zuhauf schluchzende Männer, unfaire Torhüter und noch unsportlichere Reservisten, hautenge Puma-Trikots, gedemütigte Gastgeber und viele heftig herausgeputzte Fans. Nie habe ich mich so über ein Griechisches Tor gefreut, als über den in allerletzter Minute verwandelten Elfmeter. Nie war ich mehr Fan von Winzer Pirlo, als gegen Engelland in Amazonien. Nie fühlte ich mehr mit meinem Gastland, als nach dessen unglücklichen Ausscheiden. Nie war ich fassungsloser, als nach dem fünften Tor im absurd einseitigen Halbfinale. Und nie war eine WM geschönter, als dieser glasierte Realitätsersatz vom Zuckerhut. Und selten war ein Logo prophetischer

Hansa Zürich

Nachdem das einst auch Zürich überflutende erdgeschichtliche Randmeer vor Millionen Jahren sich endlich aus der Gegend um Zürch zurückzog, konnte man schon bald nach der Stadtgründung im verbliebenen Seebeckenausfluss prima Sauf-Feste feiern.

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Zu be­schau­licher Grösse gewachsen bemühte der bescheidene Seekurort Zürich alsdann gerne die einwanderte Italianità, um die geschäftige, aber doch arg spröde Deutschschweizer Metropole mit ein wenig maritimen Flair zu aromatisieren. Inzwischen genügt diese Duftmarke nicht mehr und Zürich will Meer und eine richtig flotte Hafenstadt werden. Dazu wurde aus Rostock ein brach stehender Hochsee-Hafenkran importiert, um hierorts zumindest temporär etwas Verwirrung zu stiften.

Hafenkran Zürich, Hafenkran Zürich 2014

Natürlich gab es lange Debatten, Abstimmungen, Einsprüche und Rekurse zu diesem Projekt. Selbst eine noch anhängige Volksabstimmung zur künftigen städtischen Raumplanung wurde auf den Wege gebracht, nur um zu vermeiden, dass in Zukunft weitere 90-Tonnen schwere Ideen ins Stadtbild einfliessen. Bis dahin wird aber die Verwandlung der Limmat-Gestade unmittelbar vor dem Zunfthaus zum Rüden von einer Live-Schaltung rund um die Uhr weltweit dokumentiert.

Hafenkran Zürich, Hafenkran Zürich 2014

Apropos: schon ein Meeresanstieg um schlappe 500 Meter würde reichen, und der olle Kran stünde nimmer im Trockenen.

Entdämonisierung

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Bruno Weber sah mit Zottelhaar und Stirnband aus wie ein Alt-Hippie und war wohl auch einer. Auf seinem zwei Hektar grossen Grundstück bei Dietikon/ZH installierte er neben gigantischen Betonskulpturen auch ein Wohnturmhaus, stritt wegen nicht genehmigter, weil nicht zonenkonformer Bauten jahrzehntelang mit der örtlichen Gemeinde, welche ihm nach langem Ringen schlussendlich den kommunalen Kunstpreis verlieh, nachdem sie vorab jegliche Bebauung rückwirkend legalisierte. Seinen Skulpturenpark konnte er nicht fertigstellen; Weber starb 2011 und hinterliess noch allerhand Baupläne für etwaige Sponsoren. Sowieso ist das ganze Areal ein anschauliches Beispiel für work-in-progress, die Arbeit wird jedoch in absehbarer Zeit aufgrund des zwangsläufigen Renovierungsbedarfs eher erhaltend als kreativ sein.

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Die Phantasiewelt am und im Wald zieren zahllose Fabelwesen: Drachen, elephantöse Wasserfauna und allerlei Flügelgetier. Und Schlangen. Immer wieder Schlangen. Als Rutschbahn-artige Brücken, als begehbare steil geschwungene Treppen. Ein Paradies voller Dämonen. Zerrbild oder naturalistische Hingabe, Bruno Weber war ein ziemliches Unikum. Zudem besass er genügend Kondition und Beharrlichkeit, um den abenteuerlichen Kampf mit dem Amtsschimmel durchzustehen. Im Nachhinein erscheint der pflichtversessen Versuch Recht & Ordnung gegen eigenbrötlerischen Schaffensdrang durchzusetzen als bụ̈nzliger Schildbürgerstreich. Heute profitiert nicht zuletzt die Gemeinde von den vielen Besuchern der vollendeten Tatsachen.

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Im Bruno-Weber-Park erinnert einiges an Gaudi oder Hundertwasser. Trotz Patina wirkt die Anlage reichlich bunt. Für grosse und kleine Kinder ein Riesenspass, zumal etliche Skulpturen begehbar oder besteigbar sind. Webers Naturwelt zelebriert überschwänglich und variantenreich eine eklektizistische Ethno-Sym­bi­o­se, die durch dämonenhafte Darstellungen Dämonen vertreibt.

Potzdamblitz

Also Zeit rast ja meist, fliegt quasi. Schnell wie ein Pfeil, manchmal leicht gekrümmt wegen dem vielen Raum durch den so eine Zeit schleunigst hindurch muss. Zeit anzuhalten ist unglaublich schwierig, also eigentlich unmöglich und macht nur sentimental. In der Kunst wird wie im Privaten gerne versucht verflossene Zeit zu verfestigen, indem man sich ein Bild von ihr macht. Pop ist seit jeher eine ganz beliebte Fallgrube für Zeitgefühl und vielleicht genau darum macht der Oursler Tony in Videos. Aktuell Pop-Musik-Videos, aber immer mit in/auf Puppen projizierte Gesichter. Das ist schön schräg und bricht die Wahrnehmung durch einfache Verfremdung nebst frischer Meta-Ebene.

In unserem heutigen Beispiel haben wir es mit einer Art drogenfreier FSK 6 Halluzination mit Stehblues-Romantik in hemdsärmeliger Werkstatt-Atmosphäre zu tun. Die Pop-Star-Puppe wirkt dabei von der Zeit stark geprägt, während die zweite dazu einfach schweigt. Nach schlichtem Abgang bleiben die Larven leer zurück.

„Time may change me, but I can´t change time.“

Aus der Exsklaven-Perspektive betrachtet sind die etwas willkürlich erscheinenden Berlin-Tupfer trotz Schwarzweiss kunterbunt. Zudem sorgt der elegische Sound mutwillig für eine altersmilde Unschärfe. Und als die Zwanzigtausend ohne Begrüssungsgeld über die „Bose Brucke“ zum Kudamm pilgerten, blieb die Zeit tatsächlich für einen Augenblick stehen. Jedenfalls für den in SO 36 recht verwirrt staunenden Hobbyschweizer.

Schneefeezehweh

Am Schneesee

Es war einmal ein See, der war immer voll Schnee, darum nannten ihn alle Leute nur Schneesee.

Um diesen Schneesee wuchs Klee, der Schneeseeklee, der wuchs rot und grün, und darin äste ein Reh, das Schneeseekleereh. Und dieses Schneeseekleereh wurde von einer Fee geliebt, die fast so schön war wie Scheherezade, der überaus anmutigen Schneeseekleerehfee.

Diese Fee hatte, wie alle Feen dieser Gegend, sechsundsechzig Zehen, fünfundsechzig zum Gehen und einen zum Drehen, und dieser sechsundsechzigste Zeh war natürlich der Schneeseekleerehfeedrehzeh.

Zehendrehen macht schrecklich Spaß, doch einmal drehte die Fee im Übermut ihren Zeh zu sehr, und da tat der Drehzeh schrecklich weh.

Zum Glück wohnte am Schneesee eine weise Frau. Die weise Frau, eine Heckenhexe mit zwei schrecklichen Hackenhaxen, hockte grade vor einer Hucke Kräutern, als die kleine Fee gehumpelt kam.

„Guten Tag, beste Heckenhexe mit den Hackenhaxen!“
„Guten Tag, nette Schneeseekleerehfee mit den sechsundsechzig Zehen! Doch was sehe ich: Du humpelst? Was hast du denn?“

Da antwortete die Schneeseekleerehfee: „Schneeseekleerehfeezehweh!“
„Gehzehweh oder Drehzehweh?“
„Drehzehweh!“

„Dann ist es nicht schlimm: Gehzehweh ist zäh und hält sich, doch Drehzehweh kommt und vergeht jäh – und wodurch vergeht es? Natürlich durch der Heckenhexe herrlichsten Tee, den hellgelben Schneeseekleerehfeedrehzehwehtee! Und einen solchen hellgelben Schneeseekleerehfeedrehzehwehtee werde ich dir jetzt brauen.“

Die Heckenhexe mit den Hackenhaxen nahm Blätter von sieben mal sieben Bäumen und Blüten aus sieben mal sieben Träumen und brachte sie mit Milch aus sieben Eutern und Wurzeln von sieben Kräutern zum Schäumen, und als der Sud sich abgeklärt hatte, wallte im Kessel der hellgelbe Tee. Na, wenn der nicht bitter schmeckte!

„Trink das aus, nette Schneeseekleerehfee!“
„Auf einen Zug, beste Heckenhexe?“
„Auf einen Zug, nette Schneeseekleerehfee!“

Da trank die Schneeseekleerehfee auf einen Zug den Schneeseekleerehfeedrehzehwehteekessel aus, und als der Schneeseekleerehfeedrehzehwehteekessel ausgetrunken war, hatte der hellgelbe Schneeseekleerehfeedrehzehwehtee das Schneeseekleerehfeedrehzehweh aus dem Schneeseekleerehfeedrehzeh der Schneeseekleerehfee weggehext, und da stieß die glückliche Fee ein lautes Juche aus, das rings durch alle Wälder schallte.

„Ich danke dir, beste Heckenhexe!“
„Ist schon gut, du nette Schneeseekleerehfee. Nun dreh aber nicht mehr so toll deinen kleinen Drehzeh!“
„Werds´ bedenken, beste Heckenhexe!“
„Lerne lerne, nette Rehfee!“

Und die Schneeseekleerehfee lief auf ihren fünfundsechzig Schneeseekleerehfeegehzehen von der Heckenhexe mit den Hackenhaxen in der Hocke vor der Hucke in den Wald zurück, und freute sich ganz toll, dass das brennende Schneesehkleerehfeedrehzehweh durch den hellgelben Schneeseekleerehfeedrehzehwehtee aus dem Schneeseekleerehfeedrehzeh weggehext war, und sie lachte und klatschte in die Hände und freute sich und streichelte sacht mit ihrem sechsundsechzigsten Zeh, dem Drehzeh, das Schneeseekleereh im Schneeseeklee am See voll Schnee.

In memoriam Franz Fühmann (1922-1984)

Pipilotti Retro

Die gefühlig ladykrachende Interpretation der Les Reines Prochaines des unsäglichen End80er-Heulers Wicked Game war ihm bereits wohlbekannt. Dass es aber nämliche Frau Rist ist, welche in der Coverversion der Schweizer Frauencombo stimmlich hysterisch ausflippt, war dem Hobbyschweizer bis dato nicht bewusst und darum musste er erst nach St. Gallen pilgern, um anlässlich einer Werkschau missioniert zu werden.

Die wie ein Kaleidoskop über eine Saalecke gespiegelt erscheinende Videoprojektion im launchigen Ambiente ist leibhaftig betrachtet in Verbindung mit Musik einfach betörend; auf Youtube lässt sich das nicht kopieren, naturalmente. Zudem ist die in St. Gallen gezeigte Version von «Sip My Ocean» teilweise neu geschnitten und auf 10 Minuten verlängert, was die suggestive Wirkung des Unterwasser-Mantras deutlich verstärkt.

Nach dem Auftauchen sind weitere Installationen zu erkennen, wobei sich insbesondere bei «Eine Spitze in den Westen — ein Blick in den Osten» der Schalk von Pipilotti Rist offenbart. Das Werk sieht von aussen betrachtet schon lustig aus, steckt man aber erst den Kopf hinein, kann man neben den innewohnenden Videos (u. a. «I´m Not The Girl Who Misses Much») zudem die Schädel der Mitseher betrachten.

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Videokunst ist heute sicher nicht mehr der unbedingte Brüller, doch wenn ungenierte Poesie und kunterbunte Liebe derart charmant eingewebt und erkennbar wird, muss man die Protagonistin dafür einfach gern haben.

[ɔkˈtoːbɐrevolut͜si̯oːn]

Der österreichische Komponist Hanns Eisler (1898 – 1962) schrieb Musik für Arbeiterchöre und Hollywood. Sein Schaffen war marxistisch geprögt und im Gegensatz zum schöngeistigen Kunstbegriff l´art por l´art sozial motiviert. Zusammen mit meist kongenialen Texten bleibt sein Werk mit all dem Pathos ein packendes Zeitdokument und weiterhin faszinierend.

Zurecht zwei drei.

Das etwas verkopfte Frankfurter Kollektiv ARBEIT erlaubt sich eine Disko-taugliche Version eines Klassikers der sozialistischen Arbeiterbewegung:

Ein subtiler Versuch, mit massentauglichen Rhythmen «etwas politische Intelligenz» auf den revolutionären Tanzboden zu projizieren? Und weil der Mensch ein Mensch ist, drum braucht er Tanzmusik bitte sehr!

Eskapismus

„Ach“, sagte die Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“ – „Du musst nur die Laufrichtung ändern“, sagte die Katze und fraß sie.

Franz Kafka, 1920