Früheinkehrer

Die Jubiläumsfeierlichkeiten anlässlich des fünfzigsten Zapfenstreichs der Wanderfreunde Laufender Durst fanden ihren krönenden Abschluss in der Hohenloher Trinkheilanstalt Zureinkehr. Die Fremdenzimmer waren gastlich, das Wetter wonnig und die Herbstluft würzig.

Keine Umkehr ohne Einkehr
Jungvolk auf altväterlichen Spuren
Fünf ist Trümpf!
Dürstende Wandersleute beim Zapfenstreich

Die Wanderkameradschaft freut sich schon jetzt auf das nächste Wiedersehen beim Jubiläumsfest Zweitausendeinundzwanzig!

Delikat Essen XXII

Heimweh-Würste für Deutsche

An der Langstrasse 238a im Kreis 5 hat ein neuer Wurststand eröffnet. Die beiden Betreiber Michael Marchetto und André Sigrist legen den Schwerpunkt auf die deutsche Spezialität Currywurst, die auch zum Namen des Lokals, Körry, inspirierte. Angeboten werden gemäss Mitteilung die gleichen Würste, welche die beiden bekannten Berliner Imbisse Curry 36 und Konopke´s Imbiss verkaufen. Dazu gibt es die Currysauce der Currywurst-Erfinderin Herta Heuwer. Dies soll die „Herzen der deutschen Kundschaft höher schlagen“ lassen. Weiter im Angebot stehen original Thüringer Rostbratwürste und St. Gallener Olma-Bratwürste der Metzgerei Schmid. Cervelats fehlen auf der Karte, da diese nicht den Qualitätsvorstellungen der Betreiber entsprechen.

aus Tagesanzeiger Zürich

Erfolgsfans

In der eigentlich eher missgünstig gestimmten Schweiz sorgt der Lena-Faktor der megamultikulturellen Teutonen-Titanen für temporäre Überläufer. Zumindest laut Boulevard:

Auch die populistische Hupfdohle Angela kann die positive Tschörmanie nicht verhindern. Aber die Spanier. Und deren ausgelassenenes Hupkonzert hier um den Block ist zum Fürchten und kleinkinderfeindlich…

Trotzdem wird Uruguay Handball-Weltmeister.

Innereien

In der Halbzeitpause des Feldzuges der Restgermanen gegen die Altherrenriege aus Australien war ich kurz zufällig Gast bei einem grossdeutschen Sender und wurde durch eine ziemlich gewagte Metapher der Moderatorin belohnt irritiert.

Reichsparteitag und Miroslavs Innenleben, hm, ein Gschmäckle hatte es schon, aber ich wollte meinen Ohren nicht recht trauen. Vielleicht steckten einfach zuviele summende Uweseelers im Hörkanal, zumal meine Frage an die Mitgucker „Was hat die gerade gesagt? Hat die wirklich dingens gesagt?“ nicht schlüssig beantwortet wurde, sondern mit der Gegenfrage gekontert wurde, was denn so ein Reichsparteitag überhaupt sei.

Sind doch herzige Menschen diese Schweizer.

Flugs wieder zu den Tröten im Schweizer Fernsehen umgeschaltet (ja — die waren dort wirklich viel lauter zu hören!), allein schon weil deren Kommentator nicht eingedeutscht war…

Sehr geehrter Herr Hofmann,

vielen Dank für Ihre E-Mail an das ZDF und Ihr Interesse an unserer Übertragung des WM-Spiels Deutschland – Australien.

Wir können Ihre Kritik an der Äußerung Katrin Müller-Hohensteins durchaus nachvollziehen und verstehen. Durch die Zusammenarbeit mit unserer Moderatorin möchten wir Ihnen darüber hinaus aber auch versichern, dass sie niemals die Absicht hat, die Gefühle unserer Zuschauer zu verletzen.
Auf der anderen Seite basiert die hohe Beliebtheit von Katrin Müller-Hohenstein als Moderatorin beim Fußball gerade eben auf ihrer Spontaneität und ihrer Schlagfertigkeit.

Deshalb möchten wir Sie bitten, der besonderen Situation in einer Live-Sendung Verständnis entgegenzubringen, die jeden Moderator in ganz außergewöhnlicher Art und Weise fordert. Wir meinen, dass man da nicht jedes einzelne Wort auf die Goldwaage legen sollte. Selbstverständlich haben wir Katrin Müller-Hohenstein und die Sportredaktion über Ihren berechtigten Hinweis aber bereits informiert.

Wir hoffen, dass Sie uns auch in Zukunft als Zuschauer gewogen bleiben.

Mit freundlichen Grüßen
Rita Böcklen
ZDF, Zuschauerredaktion

Schlimme Folgen

Michael Jürgs, Ex-«Stern»-Chefredaktor und Buchautor «Seichtgebiete» befürchtet schlimme Folgen:

Was ist der Unterschied zwischen einem Prolo und einem Proleten?

Ein Prolet ist ein anständig arbeitender Mensch, der vielleicht kein Gymnasium besucht hat. Ein Prolo ist ein tanzender, sich rüpelhaft benehmender Mensch, wie er in den Castingshows zu bewundern ist und dem die Dummheit ins Gesicht geschrieben steht.

Wie erklären Sie sich den Vormarsch der Prolos und deren Castingshows?

Früher gab es genauso viele Blöde, aber sie hatten keine eigenen TV-Kanäle. Diese haben dazu geführt, dass Blödsein salonfähig geworden ist. Schliesslich haben wegen der gestiegenen Arbeitslosigkeit mehr Leute Zeit, sich solche Sendungen anzusehen. Sie müssen die Zeit totschlagen, und genau das wird in diesen Sendungen auch gemacht.

Prolos und blöde TV-Sendungen sind ja keine deutsche Erfindung.

Die meisten werden aus den USA oder England übernommen. Ganz schlimm ist Italien. Berlusconis Fernsehen, das ist ja abenteuerlich. Aber wenn ein Dieter Bohlen oder eine Heidi Klum zu Helden der Nation werden, dann muss man sich ernsthaft fragen: Sind wir eigentlich alle wahnsinnig geworden?

Wie äussert sich das konkret?

Die Kinder benehmen sich in der Schule so, als ob sie jeden Moment auf den Anruf eines Castingservices einer TV-Reality-Show warten würden. Und sie benehmen sich im Alltag wie Rüpel, weil man das im TV ja auch tun darf. Das Fernsehen hat seinen Einfluss ausgeweitet, und das hat schlimme Folgen für die ganze Gesellschaft.

Publiziert am 13.09.2009
von: sonntagszeitung.ch

Delikat Essen VI

In Berlin-Kreuzberg ist die Imbisskultur nun aber wahrlich hauptstädtisch. Die neoproletarische Wurst mit Curry war und ist immer angesagt, obwohl mir erst letzthin die Institution Curry 36 am Mehringdamm zum allerersten Male ins Auge stach. Vor allem stach es so rein, weil ein Dino–Honk–Tank–Monster–Truck (ja, war ein Hummer, und ich traute meinen Augen kaum, weil ich bis dato irrtümlich annahm, diese Undinger hielten sich überflüssigerweise nur noch in den kantonalen Steuerbiotopen der eidgenössischen Geldwäscherei verborgen am Leben und eben nicht (mehr) in der Kapitale der Abwrackprämie) sich anstrengte zeitsparend aber raumgreifend so was von genau vor dem Imbiss zu parkieren, dass ich erst aufgrund jenes staubildenden Vorganges der locker über 20 Wurstgläubige zählenden Warteschlange vor dem anscheinend total angesagten Currytempel gewahr wurde.

Mir war zwar durchaus olle Konopke bekannt, aber dass die gewürzte Wurst auch in Kreuzberg so gut sein soll, hm – das ist mir doch tatsächlich in den letzten 30 Jahren völlig entgangen und läuft mutmasslich auf einen freiwilligen Selbstversuch hinaus.

Wurstegal, die meist sehr bezahlbaren und zudem leckeren Imbisse sind in der Tat lukullisch beeindruckend für die ambulante Nahrungsaufnahme in Kreuzberg: bewährte Falafel im Nachtigall-Imbiss in der Ohlauer Strasse, marinierter Yaprak-Döner bei Imren in der Boppstrasse oder Tek Bir (Tipp: Dürüm oder noch besser gleich die Super-Version bestellen!) in der Skalitzer, einfache aber korianderfrisch zubereitete vietnamesische Küche bei Hoai Nam am Görlitzer Bahnhof, die klassische Linsensuppe bei Hasir in der Adalbertstrasse, erschwingliches Sushi im legendären Musashi am Kottbusser Damm, eine kleine aber feine Pizzaecke im Pizza a Pezzi in der Oranienstrasse oder die einfache Fahrt im Spätzle–Express in der Wiener Strasse.

Mein Futterneid & Appetit ist euch gewiss!

Nicht ganz so appetitlich kam mir auf meinen Irrwegen dieser gut gemeinte Hinweis in der Wiener Strasse vor:

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Voll die metropolitanische Internautennahrung, wa…

Schurkenstaat

In den Eidgenössischen Medien köchelten die Wellen mächtig hoch aufgrund von Äußerungen des bundesdeutschen Finanzministers, welcher die „Steueroase Schweiz“ an den Pranger gestellt wissen möchte.

Steinbrück hatte auf einer OECD-Konferenz in Paris dafür plädiert, die Schweiz auf die Schwarze Liste jener Länder zu setzen, die Steuerbetrug förderten. Laut dieser Liste würde sich die Achse der fiskalischen Bösen von Andorra, Monaco und Liechtenstein um eben die Eidgenossenschaft erweitern. Steinbrück drohte undiplomatisch: „Wir müssen nicht nur das Zuckerbrot benutzen, sondern auch die Peitsche.“ Der deutsche Botschafter wurde daraufhin ins Außenministerium in Bern einbestellt, um das Missfallen der Schweizer Regierung über Steinbrücks Äußerungen deutlich zu machen.

Im hiesigen Fernsehen wurden zwei deutschstämmige Einwanderer vorgeführt, die gerade Kurse für Schwyzerdütsch besuchten (!) und Aussagen machten, mit denen sie der vom großen Kanton gerade etwas lädierten Schweizer Volksseele anerkennend beistanden. Gelungene Propaganda: Deutsche Arbeitsflüchtlinge kritisieren die hohen Steuern in ihrem Heimatland, stellen die Bundesrepublik gar als Steuer-Gefängnis dar und lobpreisen das steuerliche Paradies in der gastlichen Konföderation.

Im selben Beitrag prophezeite die Schweizer Außenministerin die Verstärkung antideutscher Ressentiments. Dass der Deutsche allzu gerne seine bisweilen unverschämt großen Klappe aufreisst, wird hier eben überhaupt nicht gerne gehört und das Wort von der „Peitsche“ als Bedrohung der Souveränität aufgenommen.

Andererseits scheint man in der Schweiz die Folgen globaler fiskalischer Interaktion weiterhin ungeniert für sich zu nutzen wollen. Aufgrund der exklusiven Insellage erzeugt man einen gewissen monetären Unterdruck, durch welchen ein steter Kapitalzufluss von außen gewährleistet wird. Die geschickt ausgeübte Neutralitätspolitik der Schweiz unterstützt dies in passender Weise administrativ. Dass dadurch die steuerliche Belastung der Eidgenossen im internationalen Vergleich eher gemindert wird scheint mir auf der Hand zu liegen, denn wenn trotz niedriger Steuerbelastung zwei, drei Millionarios in einer Gemeinde gemeldet sind, profitieren eben alle davon. Und hierzulande gibt es eine richtiggehende  Konkurrenzsituation zwischen den verschiedenen Kantonen um die ertragreichsten Kühe – der Nachbarkanton bietet einfach einen niederen Steuersatz an und schon zieht das Kapital eben dorthin um. Die wirklich fette Kühe schliesslich bezahlen den Steuersatz erst gar nicht, sondern einigen sich auf pauschale Zahlungen.

Die Lobbyisten vom Forum Finanzplatz Schweiz machen deutlich: „Der Schweizer Finanzplatz ist aufgrund seiner Wirtschaftskraft von herausragender Bedeutung für unsere Volkswirtschaft. Es ist wichtig, dass der Schweizer Finanzplatz auch in Zukunft stark und leistungsfähig bleibt. Die Voraussetzung dafür sind gute Rahmenbedingungen – dazu gehört auch der Schutz der Privatsphäre.“

Aus einem Klassiker (aber nicht VOM Klassiker selbst):

„Kapital flieht Tumult und Streit und ist ängstlicher Natur. Das ist sehr wahr, aber doch nicht die ganze Wahrheit. Das Kapital hat einen Horror vor Abwesenheit von Profit, oder sehr kleinem Profit, wie die Natur vor der Leere. Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens. Wenn Tumult und Streit Profit bringen, wird es sie beide encouragieren. Beweis: Schmuggel und Sklavenhandel.“

T. J. Dunning zitiert von Karl Marx in Das Kapital Bd. 1 S. 788, MEW 23, Berlin 1962

Manche meinen ja, das Kapital sei ein scheues Reh und ein geiler Bock. Ich sage: auch das Reh kommt in den Topf.