Sirenklang

Von der Bedrohung der Zürcher Lebensqualität in dieser Dramatik wusste ich bislang noch nicht. Gestern aber ertönten die Sirenen genau so

in der Stadt und im Kanton – ich dachte sofort an die Invasion von der Wega und mir gefiel der Klang sogar…

Hier gibt es noch den Hoch-Wasseralarm zu hören – und dabei gleich die Leser-Kommentare weiter unten auf der Seite durchstöbern – unbedingt lesenswert!

Schweizer Spinner

Die spinnen, die Schweizer Rechten.

Die stramme AUNS mit ihrer dumpfen und anrüchig völkisch bestimmter Phobie gegen das „Fremde“ hätte die Selbstauswechslung der Schweiz aus dem europäischen Spiel am kommenden Sonntag vollauf verdient.

Überhaupt erscheint mir mein herziges Ausland zur Zeit ausgesprochen konservativ; nicht nur dem Augenschein nach sind die schwarzen Raben derzeit klar in der Überzahl – lediglich Ausdruck von reflexartigem Verlangen nach Nestwärme in Krisenzeiten?

Vielleicht schafft aber Kunigunde überraschend den Ausgleich mit ihrer überzeugend putzigen Kampagne „Recht auf Recht“.

Volksdemokratur

Die direkte Demokratie in Helvetien erlaubt zu fast allem und jedem ein völkisches Begehren. Diese werden dann gebündelt dem Volke vorgelegt. Am 8. Februar 2009 wird somit neben der überkantonalen Freizügigkeit schwarzer Raben (siehe hier) unter anderem auch ein „Stapi“ (Stadtpräsident = Bürgermeister) für Zürich gesucht. Dazu kommen Neuwahlen von Friedensrichtern, Abstimmung über eine Parknutzung sowie die Abschaffung der Pauschalsteuer für Millionarios im Kanton.

Eine augenfällige Bewerbung gibt es von der Stapi-Kunigunde:

kunigunde_demokratur

Die spinnen, die Kandidaten.

Unilateral

Eigentlich sollte die Schweizer Volkspartei (SVP) überhaupt kein Thema (wert) sein. Doch dann stiess mir leider deren aktuelles Machwerk in Plakatform böse auf. Dass es mir überhaupt auffiel, spricht werbetechnisch durchaus für die laufende Kampagne. Bewährt hetzt die SVP klassisch in Schwarz auf Rotweiss:

Plakate_Raben

Mit Hilfe der schwarzen Vögel polemisiert die SVP gegen den Fortbestand der bestehenden bilateralen Verträge mit der EU, welche im Wesentlichen die Personenfreizügigkeit und den Beitritt zum Schengenabkommen beinhalten und am 8. Februar 2009 zur Volksabstimmung anstehen.

Der rechtsgerichteten SVP gelang in den vergangenen Jahren ein rasanter Anstieg in der Wählergunst. Bei der Nationalratswahl 2007 war sie mit 28,9 Prozent Stimmenanteil die mit Abstand stärkste Partei; seit 1919 hat in der Schweiz keine Partei mehr einen derart hohen Stimmenanteil erreicht. Dreist und populistisch schürt die SVP geschickt die in der Bevölkerung vorhandenen Ängste mit selbst für hiesige Verhältnisse ziemlich derben Stammtischparolen und fremdenfeindlicher Schweiztümmelei. Durch diese national gefärbte Demagogie hat es die Blocher-Clique geschafft ihren prozentualen Stimmenanteil von 1991 bis heute fast zu verdreifachen.

Eine Auswahl propagandistischer Tier-Versuche:

schwarzesschafv1

Das berühmt-berüchtigte Motiv wurde durch folgenden «Gag» noch zugespitzt:

schwarzesschafv2

Tapfer stemmt sich die SVP schon immer gegen die drohende Globalisierung:

neineusvp

Noch schwärzer und deutlicher werden die wahren Schuldigen entlarvt:

nettelinkesvp

Und fast schon unfreiwillig komisch wirkt dieser Hilferuf von 2003:

svpneger

Die grenzenlose HeimatTierliebe der SVP gipfelt in einem Zweck-Bündniss mit den Teletubbies, um gegen die drohende feindliche Übernahme der Eidgenossenschaft anzustrampeln. Der steppende Knecht Ueli wurde im Dezember 2008 dann tatsächlich zum bislang letzten Mitglied der Schweizer Regierung gewählt und wird nun als Verteidigungsminister dem Ausland den Krieg erklären.

Natürlich sind die Kameraden von der SVP auch sonst immer mega lustig und fidel.

Brabbelkiste

Die Signer-Ausstellung in Zürich kommt mir ganz passend daher, da ich die meisten Filme seiner Werkschau in Berlin leider verpasst habe, weil die Wachhabenden dort partout den Hamburger Bahnhof um 18h schliessen – für mich ein damals etwas überraschendes Ende im Untergeschoss.

Im Rahmen der Zürcher Präsentation war für den gestrigen Abend die Veranstaltung „Roman Signer beantwortet Fragen an Roman Signer“ im Helmhaus angekündigt. Während der Ausstellung wurden Hunderte Fragen von Besuchern gesammelt, diese geschüttelt und gesiebt und schliesslich immerhin 70 davon innert einer Stunde abgehandelt. Wegen des grossen Andranges wurde die Fragestunde in eine benachbarte Kirche verlegt, wo geschätzte 250 Leute Platz fanden.

Im Chor der Wasserkirche erspähte ich vor Beginn der Andacht eine Holzkiste mit einer aussen angebrachten kupfernen Flüstertüte. Aus der Ferne betrachtet – ich fand gerade noch in der vorletzten Reihe Platz – sah das Objekt aus wie ein Lautsprecher. Genau, Membran und Resonanzkörper, ganz eindeutig. Allerdings mass ich der mannshohen Kiste keine allzu grosse Bedeutung bei.

chorkiste1

Hingebungsvoll erwartete ich den Auftritt des Meisters, damit der die heutige Abendmesse zelebriere. Nach einer schweizerischen geringen Verspätung trat die Kuratorin auf und erklärte, dass die Dauer des Frage- und Antwortspieles auf 60 Minuten beschränkt sei, erläuterte ferner dass sie die ausgesuchten Fragen stellen würde und ein mit Mikrophon bewaffneter Freund Signers die Antwort des Meisters für das Publikum über die Verstärkeranlage einvernehmlich wiederholen solle.

Also beugte sich die Kuratorin zu dem „Sprechrohr“ an der Holzkiste und sprach die erste Frage hinein. Kurz darauf war ein dumpfes Brabbeln zu hören, zumindest klang es von meiner vorletzten Warte aus so. Der Mikrophonmann beugte sich zum „Hörrohr“ und gab nach Ende des mir unverständlichen Gebrummels die Antwort der Öffentlichkeit preis. Dieses Prozedere wiederholte sich fortan immerzu. Einige Zuhörer verliessen alsbald den Ort der Verkündigung – hatten sie den hohen Priester etwa leibhaftig erfahren wollen? Ich studierte derweil die gotische Deckenkonstruktion der Kirche, lauschte dem Gebrabbel und den verstärkten Aussagen Signers und amüsierte mich bei manchen Fragen und Antworten laut lachend. Einmal blickte ich hinter mich suchend auf die Galerie, weil ich den Verdacht nicht los wurde, dass der abendliche Spassvogel sich vielleicht irgendwo versteckt hielt und alles (funktechnisch) nur inszeniert war. Das surreale Interview wirkte angenehm grotesk.

Erst nach der allerletzten Frage wurde das Rätsel und die Spannung gelöst, als nämlich die Kuratorin befand es sei nun genug der Fragen und die Stunde fast vorüber, nur wolle sie jetzt noch wissen, ob denn der Roman Signer nicht aus der Kiste kommen wolle. Gewiss, antwortete dieser, schliesslich verspüre er grossen Appetit und wolle gerne etwas essen.

signerkiste

Der Meister kam aus der Kiste, Applaus und Erleichterung im Publikum.

Reisestress

Nach Genf mit dem Automobil nun also Berlin mit dem Aeroplan. Die Autofahrt überstand das Kind schlafend dank der beruhigenden Dröhnung der Fahrgeräusche. Beim Flug hat das Kind mit stillender Unterstützung den Auf- und Abstieg einfach drucktechnisch ausgeglichen. Dafür hat es jetzt einen gehörigen Wachstumsschub und das Staunen über diese sprunghafte Grössenentwicklung ist gross.

Genève hat mich schon immer fasziniert und im Vergleich zu Zürich ist es einfach schöner gelegen. Ich liebe den Jura UND die Haute-Savoie. Dass dazwischen ein ansehnlicher See liegt macht die Sache nicht gerade schlimmer.

swissflight1

Berlin machte einen etwas seltsamen Eindruck durch die trübe Wetterlage und die spürbar schlechte Luft. Abends eine Stunde weniger Tageslicht war stresserzeugend. Der anstehende Ämtermarathon liess zudem wenig Raum für Anderes. Und die abendliche Aussicht auf meinem Heimatbalkon mit hintergründlichem Entengequake stimmte mich doch etwas melancholisch.

Reisen mit Baby ist voll anstrengend.

Getafe

ist halt öfter mal inklusive luccatonischem Kurzvorschlussdusel. Von wegen Skalpieren (Headline 2008 auf bundesliga.com:«Rangnick will den Bayerrn-Skalp») und so. Doch dem schwäbelnden fussballerischen Taschenrechner hätte ich es eh nicht gegönnt sich mit der Glatze von Ulrich Hoeness zu schmücken.

Vom immer noch Tabellenführer im Grossen Kanton kriegt man hier eher wenig mit – FC Basel gegen FC Zürich heisst der hiesige Circus Maximus (gerechtes 1-1 in der Liga vor 3 Wochen, beide wurden kurz darauf im Pokalviertelfinale gegeneinander gelost, da freuen sich die Hools auf beiden Seiten, schliesslich laufen noch die Gerichtsprozesse vom Härtetest 2007).

hardturmstadeweb

Also machte ich mich beizeiten auf die Suche nach einer Örtlichkeit, in der man dem Hype grossdeutschen Rasenzaubers live erliegen kann. Leider fiel dieses zeitig angekündigte „Freitag guck ich ersten gegen zweiten, muss ja meine Tabellensituation beim Managerspiel auf Comunio festigen“ wegen Tochterproblematik kurzfristig dann doch aus.

Aber schliesslich gibt es ja DSL: was ich dann Freitagabend auf einschlägig bekannten Internetseiten sehen durfte war schon allerhand: ein dem Spiel im Sprechtempo vollauf gerecht werdender mexikanischer Kommentar auf Premierebild. Toll, 168 Länder gucken live New Economy Hoppenheim since 1899 gegen uralten eingesessenen bajuwarischen Geldadel, selbst auf bwin konnte man als IP-Schweizer noch ein Thumbnailvideo mit Össi-Kommentar zuschalten.

Nun also müllert dieser Ibeschiss munter weiter und die absurde mittlerweile schon 15-fache comunistische Übertreibung meines ursprünglichen Hoffenheimer Perspektivspielers ist mir nun etwas weniger ungeheuer. Weil die in Blauweiss meiner getrübten Wahrnehmung nach die durchaus Gefälligeren waren. Dass dem Toni der Ball kurz vor Schluss noch siegbringend vor die Füsse fällt, hätte ich aufgrund einer Wickelorgie fast verpasst und nahm es im kakophonischen Duett mit meiner grossen Nachwuchshoffnung tapfer hin: fc-bäh!

PS: Lost & Found: Blog vom Pizza sein Dolmetscher

Kunsthofer

Im (ehemaligen Kunstcenter) ka-drü, welches mich aufgrund der zunächst etwas abgerissen erscheinenden Örtlichkeit inklusive der hemdsärmelig wirkenden aber unprätentiösen Charme versprühenden Präsentation von Kunst und Barbetrieb an die befreundeten Berliner All Girls nebst angeschlossenen Club 39 erinnerte, habe ich mitsamt all meiner bislang angesammelter Schweizer Schätze die Vernisage von Susanne Hofer besucht.

Susanne ist quasi Freundin der Familie und auch sonst einfach freundlich, genau so wie ihre Kunst. Zu sehen waren Videoschleifen mit Witz und Ironie: Sonnenbadende im Rasengrün des Central-Parks projiziert auf Berglandschaften aus Kristallzucker; fingerfertige Entspannungsmassagen für die Gesichtsmuskulatur erscheinen stereo auf den weissen Schalen ausgeblasener Hühnereier; in einem weiteren Raum dann allerlei Kram aus Haus, Werkstatt und Atelier geschickt auf dem Fussboden angehäuft und arrangiert, welches von einem Sonnenaufgang/untergang-Loop von vorne derart beschienen wird, dass eine Bildmontage auf einer rückwärtigen Projektionsfläche ensteht. Das vordergründige „Gerümpel“ erscheint so kunstvoll verzerrt und vergrössert als die schattenhafte Silhouette einer Grossstadt (eine hochkant gestellte Bohrmaschine hat projiziert Ähnlichkeit mit dem Empire State Building, ein kleiner Waschpulverkarton stellt die räumliche Flucht eines Bürogebäudes dar, eine Dispersionsfarbflasche eine Art Turm mit Aussichtsplattform). In dem darüber gelegten Videoloop geht andauernd die Sonne über der Gerümpel-Stadt auf und auf der exakt gleichen Bahn auch wieder unter, immer schön von rechts unten nach links oben. Nach längerem Betrachten stellt sich ein angenehmes und beruhigend wirkendes Gefühl ein, ausgelöst durch die sich ganz gemächlich aufhellende und auf dem Höhepunkt langsam wieder dunkel werdende Szenerie. Unterhalb der städtischen Illusion, direkt im Chaos des angehäuften Krimskrams, widerspiegelt sich dann ganz ruhig ein See. Susanne gab den Namen des Sees freimütig preis: Vierwaldstättersee!

Rütli – ick hör dir trapsen… Wäre Susanne mir nicht als eine eher schalkhafte Person bekannt, würde ich an dieser Stelle ins interpretatorische Nirwana abschweifen; so aber bleibt ein fröhlich-heiteres Schmunzeln und das ist auch gut so!

Uns hat die Hofersche Inszenierung prima gefallen!

Manchen Gästen auch die mittlerweile 19 Tage junge Kunstliebhaberin Stella Marie – natürlich, mit einer solchen Puppe im Tragetuch entstehen völlig unvermeidbar durchaus nette Kontaktfunken.

Kurz vor dem familiären Marschbefehl wurden von einer netten Erscheinung noch drei, vier Zäuerli gegeben, apart begleitet von Talerschwingen, welches dann doch stark an das Murmeln gewisser Bergbewohner erinnerte.

Ma si claro: schliesslich darstellerte die Hofer unlängst als eine der Saaltöchter des fulminanten Jagdessens!

This was then.

Noch immer scheint das frische Familienleben etwas irreal und geht einher mit völliger Erschöpfung und dem Gefühl als verschwände die Zeit einfach in einem schwarzen Loch. Mangelnde Routine und überängstliche Vorsicht, anfängerhafte Unsicherheit im Umgang mit den Bedürfnissen eines Neugeborenen, akuter Schlafmangel und zunehmende Dünnhäutigkeit. Aber eben auch soo schön:

withstellainbed