Brabbelkiste

Die Signer-Ausstellung in Zürich kommt mir ganz passend daher, da ich die meisten Filme seiner Werkschau in Berlin leider verpasst habe, weil die Wachhabenden dort partout den Hamburger Bahnhof um 18h schliessen – für mich ein damals etwas überraschendes Ende im Untergeschoss.

Im Rahmen der Zürcher Präsentation war für den gestrigen Abend die Veranstaltung „Roman Signer beantwortet Fragen an Roman Signer“ im Helmhaus angekündigt. Während der Ausstellung wurden Hunderte Fragen von Besuchern gesammelt, diese geschüttelt und gesiebt und schliesslich immerhin 70 davon innert einer Stunde abgehandelt. Wegen des grossen Andranges wurde die Fragestunde in eine benachbarte Kirche verlegt, wo geschätzte 250 Leute Platz fanden.

Im Chor der Wasserkirche erspähte ich vor Beginn der Andacht eine Holzkiste mit einer aussen angebrachten kupfernen Flüstertüte. Aus der Ferne betrachtet – ich fand gerade noch in der vorletzten Reihe Platz – sah das Objekt aus wie ein Lautsprecher. Genau, Membran und Resonanzkörper, ganz eindeutig. Allerdings mass ich der mannshohen Kiste keine allzu grosse Bedeutung bei.

chorkiste1

Hingebungsvoll erwartete ich den Auftritt des Meisters, damit der die heutige Abendmesse zelebriere. Nach einer schweizerischen geringen Verspätung trat die Kuratorin auf und erklärte, dass die Dauer des Frage- und Antwortspieles auf 60 Minuten beschränkt sei, erläuterte ferner dass sie die ausgesuchten Fragen stellen würde und ein mit Mikrophon bewaffneter Freund Signers die Antwort des Meisters für das Publikum über die Verstärkeranlage einvernehmlich wiederholen solle.

Also beugte sich die Kuratorin zu dem „Sprechrohr“ an der Holzkiste und sprach die erste Frage hinein. Kurz darauf war ein dumpfes Brabbeln zu hören, zumindest klang es von meiner vorletzten Warte aus so. Der Mikrophonmann beugte sich zum „Hörrohr“ und gab nach Ende des mir unverständlichen Gebrummels die Antwort der Öffentlichkeit preis. Dieses Prozedere wiederholte sich fortan immerzu. Einige Zuhörer verliessen alsbald den Ort der Verkündigung – hatten sie den hohen Priester etwa leibhaftig erfahren wollen? Ich studierte derweil die gotische Deckenkonstruktion der Kirche, lauschte dem Gebrabbel und den verstärkten Aussagen Signers und amüsierte mich bei manchen Fragen und Antworten laut lachend. Einmal blickte ich hinter mich suchend auf die Galerie, weil ich den Verdacht nicht los wurde, dass der abendliche Spassvogel sich vielleicht irgendwo versteckt hielt und alles (funktechnisch) nur inszeniert war. Das surreale Interview wirkte angenehm grotesk.

Erst nach der allerletzten Frage wurde das Rätsel und die Spannung gelöst, als nämlich die Kuratorin befand es sei nun genug der Fragen und die Stunde fast vorüber, nur wolle sie jetzt noch wissen, ob denn der Roman Signer nicht aus der Kiste kommen wolle. Gewiss, antwortete dieser, schliesslich verspüre er grossen Appetit und wolle gerne etwas essen.

signerkiste

Der Meister kam aus der Kiste, Applaus und Erleichterung im Publikum.

Schreibe einen Kommentar