Kreuzweise

Pfiffiges Marketing verhalf der Marke Schweiz zu einem perfekten Logo, nämlich dem ohnehin schon bekannten weissen Schweizerkreuz auf rotem Grund. Die Popularität Schweizer Werte wird werbewirksam umgesetzt: trendig und kultig verziert das Schweizerkreuz allerlei Waren.

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Libyscher Neuentwurf (angelehnt an die geforderte Aufteilung der CH an die Nachbarländer)

Sicherheit, Souveränität, Strebsamkeit und Sauberkeit mit einem Schuss Urchigkeit gewürzt und einer Prise Wohlstand verfeinert — Swissness schmeckt herzhaft, wirkt edel und ist zudem kleidsam.

Swissness als regionaler Gegenbegriff zur Globalisierung braucht besondere Hege und Pflege, weil das zum Warenfetisch mystifizierte Nationalsymbol ansonsten Gefahr läuft am Markt Wert zu verlieren und in der Folge die Schweiz selbst.

Verständlich dass die eidgenössischen Markenschützer etwas irritiert sind angesichts einer übertrieben pubertär geratenen libyschen Internetseite:

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Bildschirmfoto von www.hannibal.ly, zeitweise nicht erreichbar aufgrund Fehlercode 509: „Bandwidth Limit Exceeded“. Die absurde Entwicklung der Libyen-Affäre kurz & bündig auf Wikipedia.

Landigeister

Die geistige Landesverteidigung ist eidgenössische Metapher für die hiesige Spezialität der Abgrenzung nach Aussen und kulturellen Konzentration auf heimatliche Werte. Diese Art wehrhafter Igelstellung wurde in den 1930er Jahren ursprünglich als antifaschistisch geprägter urchiger „Landigeist“ mystifiziert. Noch heute aber spukt jenes Überbleibsel aus heissen und kalten Kriegszeiten speziell in patriotisch gesinnten Köpfen. Beim wilfing schliesslich auf der Hauptseite der heute cybertechnisch gut ausgerüsteten ambulanten Landesverteidiger angelangt, überkam mich ein ungläubiges Staunen über die dort ausgebreitete Banalität helvetischen Gedankengutes mit ordentlich rechter Schlagseite.

Die von einem aus der Ex-DDR (!) stammenden Versicherungsvertreter in seiner angeblichen Funktion als „stellvertretender Pressesprecher“ betriebene Internetpräsenz geistige-landesverteidigung.ch bietet neben national-paranoidem Geschwurbel ausserdem diverses „infowar“-Material für den weltläufigen Verschwörungstheoretiker. Am Fuss jeder Seite steht „Unsere Webseite darf aus rechtlichen Gründen nur in der Schweiz genutzt werden.“ (Ist dem wirklich so? Kann man vom Grossen Kanton aus nicht auf die landesverteidigende Seite zugreifen?) Unter Nutzungsbedingungen befindet sich der Hinweis: „Telefonate werden mitgeschnitten. Sie erklären sich damit bei einem Anruf einverstanden.“
Das Versicherungsgeschäft scheint eine ausgewachsene Phobie zu erzeugen!

Neben kruden Podcasts – angeboten auf der Subdomain radio-freie-schweiz.ch – stellen die entgeisterten Landesverteidiger auf ihrer Internetbastion jovial Gratis-Banner zur Verfügung, welche aufrechte Eidgenossen zum Schutz vor dem inneren Schweinehund und der Verteidigung ihrer Lieblinge anhalten:

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Innerer Feind? Fast 100 Selbstmorde mit Ordonanzwaffen jährlich!

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Mit dem automatischen Sturmgewehr nationale Patina verteidigen!

Wirklich amüsant süffisant: ein gelernter Ossi stellt anständigen Schweizern den Hort von Freiheit und Demokratie zur Verteidigung anheim…

Milizion

Für die Wehrhaftigkeit der einst tapfer reislaufenden Eidgenossen steht in geradezu fundamentaler Weise das helvetische Milizsystem, eine kriegerisch klingende Bezeichnung für die Bereitschaft des Einzelnen zum Wohle des Gemeinwesens freiwillig mitzutun. Nach landläufiger Meinung gehört zu diesem Mittun unbedingt eine ausreichende Bewaffnung, schliesslich sind Staat, Freiheit und Eigentum einer permanenten Gefahr ausgesetzt. Das hier leicht verpixelt wiedergegebene Emblem von proTell (eine „Bürgerrechtsorganisation“ à la National Rifle Association in den USA) ist ein naiv erscheinendes Symbol für die von bestimmten Kreisen geforderte Aufrechterhaltung der allgemeinen Wehrbereitschaft.

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Der für die Bildung einer Nation wünschenswerte Gründungsmythos ist im Tyrannenmord Tells geradezu märchenhaft dargestellt: äussere Gefahr und drohende Unterdrückung wird freiheitsliebend durch aktives Einschreiten bekämpft und resultiert in einem einig Bund.

Eine wesentliche Rolle spielt bei diesem militanten Thema ein weiterer helvetischer Mythos, nämlich die uneinnehmbaren Alpenfestung, das „Réduit“. Hierzulande hält sich hartnäckig die Meinung, dass die schiere Wehrhaftigkeit der quasi eingeschlossenen Eidgenossenschaft eine drohende Unterjochung durch das Dritte Reich und dessen Verbündete einst verhinderte. Allmählich erst setzt sich die Erkenntnis durch, dass die neutrale Schweiz den faschistischen Achsenmächte auch als sicheres Transitland, stabile Bank und zuverlässiger Munitionslieferant diente.

In der Schweiz ist die Heimabgabe der Schusswaffe während der Militärzeit grundsätzlich üblich. Auf Wunsch geht die Dienstwaffe nach erfolgter Ausmusterung ganz in das persönliche Eigentum über – diese Art der Volksbewaffnung ist weltweit einmalig!

Die Gegner der Heimabgabe der zahlreichen Ballermänner verweisen auf die Unfälle und Verbrechen, welche mit Dienstwaffen wie dem traditionell im Stubenschrank aufbewahrten Schweizer Sturmgewehr immer wieder vorkommen.

Mit geschätzten 2,5 Millionen Schusswaffen in ca. 3,5 Millionen privaten Haushalten wird sich die Schweizer Schiesswut noch etwas länger austoben und die vernunftbetonte Abrüstung dauern.

Kreuzzügig

In der Eidgenossenschaft sieht man allerorten interessante Plakate. Der Schweizer im Allgemeinen und der Zürcher im Besonderen hat in puncto Plakatdesign einen guten bis sehr guten Ruf zu verteidigen.

Bei anstehenden Wahlen oder Volksabstimmungen (immerhin bis zu vier Mal pro Jahr) werden in Zürich an bestimmten öffentlichen Plätzen Plakatständer eigens von der Stadtverwaltung bereitgestellt, damit die meinungsbildenden Plakatentwürfe ihre Wirkung bloss nicht verfehlen; gleichzeitig wird dadurch allzu wildem und damit unschönen Plakatieren vorgebeugt.
Denn das mag der Schweizer nicht so gerne – jedem, der einmal die Schweiz Richtung Frankreich oder Italien durchfahren hat, ist die offensichtliche „Plakatwut“ der Nachbarländer bestimmt schon aufgefallen. Selbst ein teutonischer Wahlkampf wirkt mit seinen Strassenlaternenplakaten sehr kontrastreich gegenüber der plakativen Disziplin in der Eidgenossenschaft.

Für ordinäre Werbung gibt es aber durchaus Litfasssäulen oder andere profane Werbeständer. Auf denen erscheint schweizweit derzeit folgende obskure Plakatserie und hinterlässt bislang überall nur Fragezeichen:

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Niemand kennt einen gewissen Kebap-Ali, welcher in der Schweiz eventuell eine Döner-Kette eröffnen will. Überhaupt gehört Türkkültür hinter Stacheldraht und ist hier gar nicht so verbreitet wie drüben in Almanya. Und warum tönt Alis Ansage englisch? Will uns der grinsende Ali etwa teaserkampagnenmässig sagen: „Hier könnte ihre Cervelat/Bockwurst/Werbung stehen?“

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Beim zweiten Hingucken fällt dann das Kreuzsymbol oben links deutlich ins Auge, eindeutig gebildet aus grünem Unterstrich und langem Kebap-Säbel.

Heiliger Döner – was für ein raffiniert vorgetragener subversiver Kreuzzug!

Pourlapatrie

Der erste August ist in der Stadt Zürich fast wie Silvester im Hochsommer. Diverse Dachparties, Grillieren im Grünen garniert mit einem spätabendlichem Feuerwerk. Es hat auch ganz tüchtig gerummst – zumindest meiner Erinnerung nach deutlich mehr als beim letzten Jahreswechsel.

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Pflichtbewusst habe ich mir die landestypische Cervelat einverleibt und mit einem Schluck Bier runtergespült. Während im Umland nach den Festreden die Höhenfeuer entfacht werden, Alphörner und Flaggenschwinger nationales Ambiente verbreiten (immerhin konnte ich im Oberland einer Probe beiwohnen), sind in Little Big City die landestypischen Folkloredarbietungen leider schon um 17 Uhr beendet. Danach halt Freinacht am Samstach mit den üblichen jugendlichen Knallkörpern und offiziösem Feuerwerk; sehr schööön, weil vom Uetliberg aus geschossen und vom Balkon gut zu betrachten.

Für meine Ersteraugustpremiere als langjähriger Hobbyschweizer habe ich mir eine ganz besondere Aufführung ausgedacht. Bereits vor einiger Zeit war mir ein am Seeufer einsam rumstehender und denkmalloser Sockel aufgefallen; der erste August schien mir geradezu prädestiniert für die Enthüllung der Entweihung…

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Spiritus Turicum

Offenheit nach vielen Seiten ist hier ohne Zweifel ein geografisches Merkmal, das im Lauf der Geschichte mehrmals entscheidende Bedeutung erhielt. Aber dennoch ist Zürich, im Grossen und Ganzen genommen, eine Siedlung jener Art, um deren ominösen Namen wir uns um der Ehrlichkeit willen nicht herumdrücken wollen: Provinz. Selbst diese zahlenmässig grösste Stadt der Schweiz kennt heute keine Filmpremieren, keine Boxkämpfe oder Politik aus erster Hand, keine sodomitischen Laster und kein konstruktives Genie, wie die Weltzentren sie zeigen.

(…)

Die Atmosphäre Zürichs ist die einer moralischen Loyalität, welche darin besteht, dass man sich um den Nachbarn nicht gross kümmert, solange er nicht störend grosse Sprünge macht. Diese verlacht man dann freilich rasch als Kapriolen. Noch heute kommen aus der übrigen Schweiz wie aus dem Ausland diejenigen mit Vorliebe zu uns, welche gerne in bequemer Ungestörtheit separaten Zielen nachgehen.

(…)

Die Stadt ist gross genug, um Spezialisten aller Art zu genügen, und doch so klein, dass sie dem, der von ausländischen Hauptstädten zurückkommt, wie Natur erscheint. Jeder kann sich weltmännisch isolieren, sofern ihn dies lockt, jeder aber auch fast eine kleinstädtische Nestwärme erzielen, wenn er an diese gewöhnt ist. Zürich ist heute erweitert und gesteigert zum Zentrum der deutschen Schweiz schlechthin, aber es hat dadurch auch viel von seiner historischen Farbe eingebüsst. Es steht auf einer Zwischenstufe: Für den Schweizer ist es sehr entfremdet, aber für den Fremden doch sehr schweizerisch.

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Es gibt aber nur eine polemische Haltung unserem Jahrhundert gegenüber nicht den ängstlichen Ruf zurück in die Idylle, sondern die Forderung, dass die ungeheuren Verheissungen, welche auf dem Grund des sichtbaren Niedergangs schlafen, nicht in ihrem Wachstum gekränkt werden. Der Mensch, solange er atmet, wird immer schwanken zwischen einem Dort und Hier, zwischen einer Heimat und einer Fremde, einer Begeisterung und einer Bequemlichkeit. Aber er kann einen neuen Sinn in diese Alternative legen, sobald er erkennt, dass auch seine Heimat eine internationale Vokabel ist. Er kann sich erziehen zu dem hohen Handwerk, dieses kleine Gefäss mit einem grossen Inhalt zu füllen. Wer allzu fanatisch an seiner Heimat hängt, dem ist es noch immer nur um das Gefäss zu tun gewesen. Seine Lippen haben sich an seine Rundungen gewöhnt, und er sieht nicht so sehr darauf, was ihm daraus zufliesst, als darauf, dass ihm die unfreie Gewohnheit nicht genommen werde.

aus: Walter Muschg, Zürcher Geist, Merian Zürich, Nr 1, Januar 1983

Fremdfreuen

Gefreut habe ich mich über die Ankündigung, dass der Mannschaftsbus des FC Zürich die Sieger vom Tessin quasi direkt vor unsere Haustüre im Kreis 4 an den Helvetiaplatz chauffieren werde. Gefreut haben sich sicher auch die zahlreichen Nachtclubs im angrenzenden Rotlichtbezirk rings um die Langstrasse. Aber gefreut haben sich auch viele andere in der Stadt, weil dem FCZ eine gewisse politisch korrekte Glaubwürdigkeit anhaftet und es seit einiger Zeit – bis hin zur linksbürgerlichen Bohème der Stadt – ziemlich schick ist dem für hiesige Verhältnisse durchaus ansehnlichen Offensivfussball des FCZ zugeneigt zu sein.

Der eigentlich schärfste und zudem innerstädtische Konkurrent mit dem viel herzigeren Vereinsnamen Grasshoppers-Club Zürich wird seit eh und je mehr von der bürgerlichen Schicht unterstützt – der FCZ hingegen gilt als angesagter Arbeiterverein. Dabei ist die dienstleistungsorientierte helvetische Metropole Zürich keineswegs eine Fussballstadt, da liegen Basel, Bern und selbst Sion in der Zuschauergunst viel weiter vorne. FCZ und Grasshoppers müssen sich zudem seit der Euro 08 mit dem Letzigrund ein nicht gerade zuschauerfreundliches und etwas zugiges Leichtathletikstadion teilen. Die auffällige Gewaltbereitschaft der Ultras bei Spielen der Zürcher Clubs untereinander oder bei Aufeinandertreffen mit dem bei beiden Fanfraktionen gleichermassen verhassten FC Basel, sorgte jüngst sogar für eine Wortmeldung vom heuchlerischen Verkehrsrowdy Blatter Sepp.

In Resteuropa wird der Hooliganismus zunehmend in die unterklassigen Ligen und damit nur scheinbar erfolgreich, aber zumindest aus den öffentlichkeitswirksamen Schlagzeilen verdrängt. Die äusserst aggressive Gewalt der Schweizer Fussballszene ist hingegen weiterhin erstklassig und prominent vertreten.

Während des Wartens auf das Eintreffen des FCZ-Cars durfte ich mit einer mir von einem freundlichen Fan dargereichte typischen Südkurvenfahne („Wo du bisch sind mir“) etwas unbeholfen hin- und herwedeln. Es war eine ziemlich kleine Fahne mit sehr kurzer Fahnenstange aus Leichtplaste, aber mir wurde schnell bewusst, dass es eine so entschärfte potentielle Waffe ja auch durch die Einlasskontrollen in die Stadien schaffen muss.

Blau und Weiss war der vorherrschende farbliche Gesamteindruck und selbst die Bierdosen passten sich dem Farbschema an: ausser eidgenössichem Feldschlösschen fielen mir vor allem die vielen türkischen Efes-Bierdosen auf, Hauptsache blauweiss!

Die sommerlichen Temperaturen lockten noch etliche Nachtschwärmer um diese späte Stunde heraus, so dass über zweitausend Menschen die Ankunft ihrer Helden freudig erwarteten. Indessen verkürzte der von einer ambulanten Diskothek auf dem benachbarten Kanzleiareal gespendete Hip-Hop nach Old School-Art hörenswert die Wartezeit.

Nachdem der FCZ-Car nach einer von bengalischem Feuer illuminierten Ehrenrunde um den Helvetiaplatz seine Fahrgäste endlich auf den Balkon des Volkshauses entliess, konnte ich mich inmitten des Dunst- und Duftcocktails von Schweiss, Bier, Tabak und reichlich Pyroschwaden prima mitfreuen. Das Ganze wurde naturgemäss kernig untermalt von von Jungmännern dominierten Sprechchören, wobei ich hier nicht wirklich alle Feinheiten heraushörte und einen gehörigen Nachhilfebedarf in Sachen Textsicherheit und -verständnis feststellen musste.

Nächtliches Fremdfreuen macht schon Laune, da fällt fast nicht weiter auf, dass es ausgerechnet der rivalisierende Grasshoppers-Club war, der erst mit seinem Sieg gegen Basel am selben Spieltag dem FCZ zum vorzeitigen Happy End verhalf…

Gleich in meiner ersten Saison im Ausland glücklicher Vater, stolzer Daddel-Champ und sich fremdfreuender Schwiizer Meischter zu werden, das toppt selbst irgendein Double nicht.