Embryonal

Embryo in der Zürcher Wasserkirche: der Altmeister und Gründer der einstigen Krautrockjazzer unternimmt gerne ausgedehnte Reisen und lässt sich dann von der fremden Musik befruchten. Das geht so seit mittlerweile 40 Jahren und ungefähr 400 verschiedene Mitmusikanten durchliefen den Embryonalstatus — nur einer bleibt: El Cheffe. Der nahm bei seinem Zürcher Auftritt drei junge Musiker und einen chinesischen Klangmeister namens Xizhi Nie mit auf die Bühne und improvisiert auf einem alten Vibraphon was das Zeug hält.

lautmalender chinesischer Klangmeister

Angenehm hippieske Atmosphäre an der Richtstätte der Zürcher Stadtheiligen. Die sind einst am Standort der Wasserkirche geköpft worden, nahmen ihre Köpfe anschliessend einfach unter den Arm und schritten ein wenig den Hügel hoch, damit man dort eine noch grössere Kirche bauen konnte.

Ich behielt lieber meinen Kopf und radelte ohne Licht heimwärts.

Schall & Rauch

Die Hamburger/Berliner Kapelle Tocotronic haben bei ihrem Besuch in Zürich die Rote Fabrik massiv beschallt. Weil aber das Rauchverbot in Stadt und Kanton erst im Mai 2010 greift, hat der Hobbyschweizer mit Reibeisenhals nach und akuter Sauerstoffunterversorgung während des Konzertes auf der anfänglich schön bequemen Empore einfach kapituliert. Ein leises Summen im Ohr aber blieb.

Aber hier rauchen – nein danke!

Der musikalische Vortrag war dank des riesigen Liederfundus kurzweilig und das freundliche Quartett ist einfach eine gute Liveband ohne grosse Allüren. Werke aus sämtlichen Schaffensphasen wurde spielfreudig intoniert und das Publikum auf das allerherzlichste akustisch befriedigt. Der Schlagwerker Arne bescherte mit „Bitte gebt mir meinen Verstand zurück“ einen unverhofften Leckerbissen. Erfreulich für den Hobbyschweizer und seine teutonischen Mitmigranten war das flüssig vorgetragene und verständlich zu Gehör gebrachte Hochdeutsch. Aber auch viele Einheimische hörten interessiert zu: ein gewisser Thomas Kramer wurde von der Band trotz aller Rauchschwaden im Publikum ausgemacht und demselbigen als erster Schweizer Hörer der Band mit mittlerweile siebzehnjähriger tocotronischer Hörbildung namentlich vorgestellt.

Ein extra für dieses Konzert aus Berlin angereister Kollege mit mehrmaliger Liveschulung in Sachen Tocotronic hielt den dargereichten Ohrenschmaus für ziemlich gelungen, vermisste aber das Stück „Freiburg“.

Auf der Rückreise blieb sein ICE eben dort mit Triebkopfschaden liegen…

Let there be rock.

Plagiators Senf

Pandemrix wird bevorzugt ab dem Alter von 6 Monaten empfohlen, da dieser Impfstoff mit einer einzigen Dosis in jedem Alter einen sehr guten Schutz bewirkt (ausser bei immunsupprimierten Personen).

Mit dem alternativen Impfstoff Celtura sind bei Personen im Alter von 3-9 sowie ab 60 Jahren 2 Dosen im Abstand von 3 Wochen notwendig. Für Erwachsene im Alter von 40-59 Jahren können die beiden Dosen Celtura gleichzeitig (in unterschiedliche Extremitäten) verabreicht werden.

Paradoxerweise kommt Hype Axolotl kaum auf der gemeinen Strasse zum Einsatz, zumal der kleine Molch ausschliesslich im Wasser lebt. Der Steinfest Heinrich aber würde das Urviech gegebenenfalls wie Nervöse Fische intertextuell in der Berliner Donau ansiedeln.

Doch für solche Kindereien ist der österreichische Meister einfach zu originell.

Stadtlandfluss

Im Rahmen des Projekts Kunstpassanten sind ich & Co. vom Treffpunkt im Zürcher Hbf aus erst kreuz und quer durch die Stadt und dann bis nach Schlieren (jwd) mitgegangen. Unser Anführer San Keller (nach dem ein ganzes Museum benannt ist) macht ganz lustige Konzeptkunst und stellte diese Führung durch die Zürcher Gemeinde unter das Motto „Egal“.

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Zahlreiche Interessierte im Sonnenschein zu Beginn in der Altstadt

Sein gesamtes Honorar von immerhin achthundert Stutz teilte Meister San unter denjenigen auf, die auf dieser 5 Stunden (Tor-)Tour durch Zürich bis raus in die Agglo im Limmattal mehrheitsfähige Sehenswürdigkeiten vorschlugen, an Ort und Stelle der Attraktion angelangt hierzu referierten und selbstverständlich bis zum Ende der Veranstaltung tapfer durchhielten. Dieser Ansatz von egalitärer Teilhabe respektive pekuniärer Umverteilung durch San Keller ist bemerkenswert und lässt subtile Kapitalismuskritik durchscheinen.

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Bei Halbzeit trübes Wetter und eine überschaubare Menge im Quartier Industrie

Aufgrund der geplanten Übernahme der Führung durch die Teilnehmer wusste selbst Moderator San Keller nicht wo die Aktion hinführt bzw. endet — ein gängiges Motiv bei vielen seiner heiteren Unternehmungen. Überhaupt sollte man bei Teilnahme an Kellerschen Aktionen besser eine mehr als hundertprozentige Fitness mitbringen, wie man dem jüngsten Stellenangebot der San Dance Company entnehmen kann:

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Unser gemeinsamer Weg der Erkenntnis führte u. a. von grossbanksubventionierter Granitkunst im öffentlichen Raum über teils menschenverachtende als auch wohnwertsteigernd gestaltete Hinterhöfe, vom noch kranlosen Limmatquai zu den von Sigmar Polke neu gestalteten Fenstern des Grossmünsters, dem Kunsthof mit einem roten Berliner Kleinbus über neckisch beflaggte Neubauten bis hin zu Ateliers am Limmatufer in Schlieren.

Der Extremsportler San Keller verteilte nicht nur sein Honorar um, sondern lud zusätzlich alle bis zum Finale Dabeigebliebenen (immerhin noch ein gutes Dutzend von anfänglich über fünfzig Lustwandlern) zu einem abschliessenden Feierabendtrunk auf seine Kosten ein!

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Zwei erschöpfte aber glückliche Teilnehmerinnen mit Anteilscheinen des geknackten Jackpots

Stella aber wollte unbedingt nach Hause und der Bus von Schlieren zurück war eine reine Wohltat für meinen wehleidigen Körper.

Restessen

Die liebenswerte Susanne Hofer hat unlängst in der Shedhalle (Rote Fabrik Zürich) wieder einmal performt:

abendmahl

Zum Abschluss der Ausstellung NAHRUNG hat die Hofer von einem reichhaltig aufgetischten kalten Buffet gekostet und dazu ein paar Flaschen Champagner knallend entkorkt und lediglich angetrunken. Die Aktion wurde mit Nahaufnahmen von einer Videokamera auf eine Leinwand gross projiziert. Nach einer guten Viertelstunde wählerischer Autogustation untermalt von mikrophonverstärkten Schmatzern nebst Befreiungsrülpsern hat sie dann fein säuberlich reinen Tisch gemacht und alles, wirklich alles polternd in eine scheppernd herbeigeholte Blechtonne abgeräumt!

Verhaltener Applaus und leichte Irritation. Die künstlerisch überzeichnete Widerspiegelung von Überproduktion und Nahrungsüberfluss auf der einen Seite der Tonne, auf der anderen Seite der Blick in die Tonne war für mich zunächst mental schwer verdaulich.

Beim Zuschauen zuvor hatte ich Appetit bekommen und mir nach dem Ende der Hoferschen Darbietung den einen oder anderen Happen aus der gut gefüllten Blechtonne gefischt. Susanne hat uns Hungernde mit „Ist wirklich alles ganz frisch und lecker!“ dazu ausdrücklich ermutigte. Ich war mir beim Probieren nicht ganz sicher, ob das aus-der-Tonne-essen inhaltlich noch zur Performance gehörte — der meist augenzwinkernden Susanne trau ich dies aber unbedingt zu.

Die feinen Happen aus der Tonne haben den provokativen Nachgeschmack der Aktion immerhin ein wenig abgemildert…

Brabbelkiste

Die Signer-Ausstellung in Zürich kommt mir ganz passend daher, da ich die meisten Filme seiner Werkschau in Berlin leider verpasst habe, weil die Wachhabenden dort partout den Hamburger Bahnhof um 18h schliessen – für mich ein damals etwas überraschendes Ende im Untergeschoss.

Im Rahmen der Zürcher Präsentation war für den gestrigen Abend die Veranstaltung „Roman Signer beantwortet Fragen an Roman Signer“ im Helmhaus angekündigt. Während der Ausstellung wurden Hunderte Fragen von Besuchern gesammelt, diese geschüttelt und gesiebt und schliesslich immerhin 70 davon innert einer Stunde abgehandelt. Wegen des grossen Andranges wurde die Fragestunde in eine benachbarte Kirche verlegt, wo geschätzte 250 Leute Platz fanden.

Im Chor der Wasserkirche erspähte ich vor Beginn der Andacht eine Holzkiste mit einer aussen angebrachten kupfernen Flüstertüte. Aus der Ferne betrachtet – ich fand gerade noch in der vorletzten Reihe Platz – sah das Objekt aus wie ein Lautsprecher. Genau, Membran und Resonanzkörper, ganz eindeutig. Allerdings mass ich der mannshohen Kiste keine allzu grosse Bedeutung bei.

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Hingebungsvoll erwartete ich den Auftritt des Meisters, damit der die heutige Abendmesse zelebriere. Nach einer schweizerischen geringen Verspätung trat die Kuratorin auf und erklärte, dass die Dauer des Frage- und Antwortspieles auf 60 Minuten beschränkt sei, erläuterte ferner dass sie die ausgesuchten Fragen stellen würde und ein mit Mikrophon bewaffneter Freund Signers die Antwort des Meisters für das Publikum über die Verstärkeranlage einvernehmlich wiederholen solle.

Also beugte sich die Kuratorin zu dem „Sprechrohr“ an der Holzkiste und sprach die erste Frage hinein. Kurz darauf war ein dumpfes Brabbeln zu hören, zumindest klang es von meiner vorletzten Warte aus so. Der Mikrophonmann beugte sich zum „Hörrohr“ und gab nach Ende des mir unverständlichen Gebrummels die Antwort der Öffentlichkeit preis. Dieses Prozedere wiederholte sich fortan immerzu. Einige Zuhörer verliessen alsbald den Ort der Verkündigung – hatten sie den hohen Priester etwa leibhaftig erfahren wollen? Ich studierte derweil die gotische Deckenkonstruktion der Kirche, lauschte dem Gebrabbel und den verstärkten Aussagen Signers und amüsierte mich bei manchen Fragen und Antworten laut lachend. Einmal blickte ich hinter mich suchend auf die Galerie, weil ich den Verdacht nicht los wurde, dass der abendliche Spassvogel sich vielleicht irgendwo versteckt hielt und alles (funktechnisch) nur inszeniert war. Das surreale Interview wirkte angenehm grotesk.

Erst nach der allerletzten Frage wurde das Rätsel und die Spannung gelöst, als nämlich die Kuratorin befand es sei nun genug der Fragen und die Stunde fast vorüber, nur wolle sie jetzt noch wissen, ob denn der Roman Signer nicht aus der Kiste kommen wolle. Gewiss, antwortete dieser, schliesslich verspüre er grossen Appetit und wolle gerne etwas essen.

signerkiste

Der Meister kam aus der Kiste, Applaus und Erleichterung im Publikum.

Kunsthofer

Im (ehemaligen Kunstcenter) ka-drü, welches mich aufgrund der zunächst etwas abgerissen erscheinenden Örtlichkeit inklusive der hemdsärmelig wirkenden aber unprätentiösen Charme versprühenden Präsentation von Kunst und Barbetrieb an die befreundeten Berliner All Girls nebst angeschlossenen Club 39 erinnerte, habe ich mitsamt all meiner bislang angesammelter Schweizer Schätze die Vernisage von Susanne Hofer besucht.

Susanne ist quasi Freundin der Familie und auch sonst einfach freundlich, genau so wie ihre Kunst. Zu sehen waren Videoschleifen mit Witz und Ironie: Sonnenbadende im Rasengrün des Central-Parks projiziert auf Berglandschaften aus Kristallzucker; fingerfertige Entspannungsmassagen für die Gesichtsmuskulatur erscheinen stereo auf den weissen Schalen ausgeblasener Hühnereier; in einem weiteren Raum dann allerlei Kram aus Haus, Werkstatt und Atelier geschickt auf dem Fussboden angehäuft und arrangiert, welches von einem Sonnenaufgang/untergang-Loop von vorne derart beschienen wird, dass eine Bildmontage auf einer rückwärtigen Projektionsfläche ensteht. Das vordergründige „Gerümpel“ erscheint so kunstvoll verzerrt und vergrössert als die schattenhafte Silhouette einer Grossstadt (eine hochkant gestellte Bohrmaschine hat projiziert Ähnlichkeit mit dem Empire State Building, ein kleiner Waschpulverkarton stellt die räumliche Flucht eines Bürogebäudes dar, eine Dispersionsfarbflasche eine Art Turm mit Aussichtsplattform). In dem darüber gelegten Videoloop geht andauernd die Sonne über der Gerümpel-Stadt auf und auf der exakt gleichen Bahn auch wieder unter, immer schön von rechts unten nach links oben. Nach längerem Betrachten stellt sich ein angenehmes und beruhigend wirkendes Gefühl ein, ausgelöst durch die sich ganz gemächlich aufhellende und auf dem Höhepunkt langsam wieder dunkel werdende Szenerie. Unterhalb der städtischen Illusion, direkt im Chaos des angehäuften Krimskrams, widerspiegelt sich dann ganz ruhig ein See. Susanne gab den Namen des Sees freimütig preis: Vierwaldstättersee!

Rütli – ick hör dir trapsen… Wäre Susanne mir nicht als eine eher schalkhafte Person bekannt, würde ich an dieser Stelle ins interpretatorische Nirwana abschweifen; so aber bleibt ein fröhlich-heiteres Schmunzeln und das ist auch gut so!

Uns hat die Hofersche Inszenierung prima gefallen!

Manchen Gästen auch die mittlerweile 19 Tage junge Kunstliebhaberin Stella Marie – natürlich, mit einer solchen Puppe im Tragetuch entstehen völlig unvermeidbar durchaus nette Kontaktfunken.

Kurz vor dem familiären Marschbefehl wurden von einer netten Erscheinung noch drei, vier Zäuerli gegeben, apart begleitet von Talerschwingen, welches dann doch stark an das Murmeln gewisser Bergbewohner erinnerte.

Ma si claro: schliesslich darstellerte die Hofer unlängst als eine der Saaltöchter des fulminanten Jagdessens!