Gewissensbisse

Ein weisser T3 Minibus inkusive am Dach angebrachter Ausleger für Licht- und Tonanlage reicht völlig, um an das Gewissen zu appellieren. Das ambulantes Strassentheater von Laura Huonker und ihrer Kleincompagnie «rock the babies» verhandelt mit ihrem Rollenden Gewissen und minimer Technik beeindruckende Szenen zum Thema Was ist das Gewissen?

Rock the babies, Gewissensbus, Laura Huonker, Mona Petri

Ein auf dem Wagendach thronendes Supergewissen, das fragmentarische vorgetragene Sätze erst gar zu Ende spricht, sondern dem Publikum Platz lässt für eventuell lückenfüllende Gewissensbisse eröffnet den munteren Reigen der Gewissensfragen. Im Kleinbus zuvor aufgezeichnete Interviews mit Passanten zum Generalthema Was-Wo-Wie-Warum-Wann-Gewissen werden als Zwischenszenen projiziert. Es geht um Sexismus, Manipulation, Gewissenskonflikt. Eine Spieluhr klimpert den Lennon-Song Imagine, während auf einem Overheadprojektor Bilder gezeichnet, anschliessend mit Verdünner und Pfauenfeder modifiziert bis hin zur völligen Unkenntlichkeit immer mehr verwischt werden. Gewissensauslöschung. Dann tauchen die unbeantwortbaren Fragen der unsäglichen Gewissensprüfung bundesdeutscher Wehrdienstverweigerer wieder auf, «Was würden sie machen, wenn Wald, Russe, Freundin». Originalaussagen von Adolf Eichmann und Lance Armstrong bieten ein dokumentarisches Stelldichein, welches von den zutiefst ehrlich wirkenden Interviewschnipseln wiederum konterkariert wird. Eine systembedingte Gewissenslosigkeit wird offenbar und das Ganze mündet in dem Verweis auf die Tragödie von Antigone, die vom Gewissen getrieben Suizid begeht.

Das da capo vom rührseligen Imagine umrahmt die finale Wiederholung aller gestellten Interviewfragen, und nach dem Schlussapplaus wird verlautbart, dass dies ein weiterhin offenes Projekt sei, dass der Gewissensbus weiterziehe, weiter Fragen stelle, um unser aller Gewissen möglichst umfassend abbilden zu können.

Eine starke Vorstellung. Und Mona Petri ist einfach toll!

I hope someday you’ll join us
And the world will live as one

Nachspiel

Emanzipation — eine Abseitsfalle

Was ich an Fussball mag? Die einfache Intelligenz seiner Weisheiten.
Der Ball ist rund. Mmmmmmmhhh.
Das Spiel dauert neunzig Minuten. Uuuhhh!
Das Runde muss ins Eckige. Yeeeah!
Ööööööhhh. [Liebe LeserInnen, Sie lesen einen Gröhltext. Gröhlen Sie ruhig mit, wenn Sie «Öööööööhhhhhh» lesen.]

«Ein totes Pferd springt halt nur so hoch, wie es muss» (Oliver Kahn)

Ich weiss noch, als Frank Ribéry das erste Mal rosa Fussballschuhe trug. Mit der Anmut eines starken Mädchens wirbelte er über den Platz und verzauberte die Welt mit einem «Ja, das sind pinke Schuhe, na und?» Oder sagen wir: «Alors, quoi?»
Ich dachte damals, es war 2008, jetzt ist die Welt vielleicht bereit, für ein Mädchen, das Fussball spielt und Fussballfan ist — und dabei nicht nur an hottie Beckham denkt oder lesbisch ist. Aber Schubladendenken, Alter! Ich werde beim Fussballfachsimpeln immer noch gefragt, ob ich überhaupt die Abseitsregel verstehe.
Das tue ich: Immer, wenn ich kurz vorm Tor stehe und denke: «Jetzt!»
JETZT! Eine Flanke zu mir, und ich mach ihn rein, und dann Ööööööööööhhh!
Dann kommt der Schiri und sagt, ich sei meinem Gegner zu weit voraus gewesen.
Klar bin ich meinem Gegner zu schnell! Hast du dir den mal angesehen?
Emanzipation. Das ist die ewige Abseitsfalle.

Ich weiss noch, als ich in der Grundschule den besten Fussballspieler unserer Schule getunnelt habe. Wie stolz ich war! Und wie wütend, als er es verleugnet hat, weil ich ein Mädchen bin. Ich musste ihn erst verprügeln und ins Klo tunken, bis er zugab, dass ein Mädchen ihn getunnelt und besiegt hat.
Ich weiss noch, wie ich die Jungs damals ausgelacht habe, wenn sie mich mit einem einfachen Übersteiger ausspielen wollten. Und ich weiss noch, wie sie fast vor Schreck umgefallen sind, wenn ich — obwohl ein Mädchen — wusste, dass ein Übersteiger «Übersteiger» heisst und plötzlich mit einem «hahaa Übersteiger oder was? Da musste bei mir früher aufstehen!» — zack — an ihnen vorbei zog, mich durchdribbelte, ins Tor schoss und: Ööööhhhh!

Ich weiss noch, wie ich dann ein bisschen Respekt für mein Geschlecht erspielt hatte und wie Melanie, die mitmachte, weil das europameisterschaftsbedingt gerade «in» war, alles wieder kaputt machte, als sie sagte: «Hey! Das ist unfair. Ich hatte doch grad den Ball!», während ihr jemand regelkonform den Ball abnahm.

Ich weiss noch, wie cool ich es fand, dass bei den «Wilden Kerlen» ein Mädchen mitspielte: Vanessa — und wie dumm, dass sie zwar supergut war, aber hauptsächlich der Liebesgeschichte im Plot diente und alle anderen nichts Besseres zu tun hatten, als sich ständig in sie zu verlieben.
Ich weiss noch, wie ich nicht so gut drin war, zu danteln (so heisst das in Bayern, wenn man den Ball mit dem Fuss balanciert) und ich habe so manchen Ball verspielt, weil ich mir überlegte, mit welcher meiner Brüste ich ihn jetzt annehmen soll.

Ich weiss noch, wie schwierig es war, sich mit Mädchen während der WM über Fussball zu unterhalten, weil die das nur alle vier Jahre machen und nicht das richtige Vokabular hatten und es am Ende doch um die Frisur von Gomez, die Glubschaugen von Özil und die H&M-Werbung von Beckham ging.
Ich weiss noch, dass das dunkelste Kapitel meines Leben wohl das war, in dem ich mich von meinen Freundinnen anstecken liess und auf Cristiano Ronaldo stand. Ich weiss noch, dass ich mir ab und zu mal erträumte, Profifussballerin zu werden. Ich weiss noch, wie eine Freundin mir erzählte, sie würde viel lieber Spielerfrau werden. Ouuuuuuuuuh!
Ich weiss noch, wie Sepp Blatter, das Arschloch, mal sagte, Frauen sollten femininere Höschen tragen, um den Frauenfussball attraktiver zu machen.

Doch ich habe mich auf allen Plätzen tapfer geschlagen.
Alles, was ich wollte, war, nicht wie diese Mädchen auszusehen, denen der Ball auf Parkwiesen — während sie sich gerade über die neue Ausgabe der «Vogue» austauschen — immer auf den Kopf fliegt, weswegen sie dann rot werden und sich schämen. Die dann immer noch röter werden, weil sie den Ball zurück schiessen sollen und sich nicht trauen. Und dann letztlich den Ball mit dem Knie in die entgegengesetzte Richtung befördern, dabei ausrutschen und noch röter werden.
«I feel you, girl», denke ich mir dann immer, weil mir das natürlich auch schon passiert ist und ich weiss, es liegt nicht an der Periode, den Brüsten, den Genen, sondern einzig allein am Druck, im richtigen Moment so zu glänzen wie die Frise von Granit Xhaka.
Es ist superschwierig, sich als Frau auf dem Platz zu behaupten.
Pokalfieber, Schweizer Meister PokalEs ist superschwierig, sich als Frau mit Jungs ein EM-Finale anzusehen. Jeder Kommentar könnte dümmlich und unqualifiziert wirken und dann auf das Geschlecht zurückgeführt werden. Und es ist noch viel schwieriger, sich ein EM-Finale mit Jungs und ihren Freundinnen anzusehen, weil die oft eine Allianz der offenen Dummheit mir dir schliessen wollen und laut so Sachen sagen wie «iiih, wieso wird der da jetzt eingewechselt, der andere war viel hübscher».
Aber ich habe mir geschworen: Das nächste Mal, wenn deine Freundin wieder jegliche Kredibilität für unser Geschlecht aus dem Raum nimmt, dann werde ich aufstehen. Ich werde kämpfen — gegen den Abstieg. Ich werde sagen:
«Ich weiss, dass ihr alle glaubt, dass ich nicht weiss, was da gerade abgeht! Ich weiss, dass ihr glaubt, ich hoffe nur auf ein Tor, damit sich einer von den Spielern auszieht. Ich weiss, dass ihr nicht mit mir über Fussball reden möchtet — nicht einmal darüber, was Jogi Löw während des Spiels gegen die Ukraine mit der Hand in seiner Hose gemacht hat, und ob das ok ist oder nicht… Aber ich sag euch eins: Wenn unser Team ein Tor schiesst… Dann habe ich die gleichen Tränen in den Augen, ich spüre die gleiche Erleichterung, die gleiche Gänsehaut auf meinen Armen und jah — auch auf meinen Brüsten!»
Ich werde kämpfen. Für die weibliche Reputation im Fussball! Dafür, dass blonde, gutaussehende Frauen wie ich sich in eine Kneipe setzen können und mitgröhlen können, öööööööhhh, ohne dabei strafend, mit dem «Bewahre-dein-Gender!»-Blick angesehen zu werden.
Und ich werde gut dabei aussehen. Wie ein Einhorn. Wie ein Ribéry, der als erster Fussballprofi der Geschichte pinke Fussballschuhe auf dem Platz trug.
Vielleicht werde ich auch nicht gut aussehen. Wie eines der Rot-werd-Mädchen im Park und weniger wie ein Einhorn. Mehr wie ein totes Pferd. Aber ich werde nicht aufgeben. Denn wie Oliver Kahn einst sagte: Ein totes Pferd springt nur so hoch wie es muss!

© Fatima Moumouni *1992, weder blond noch blöd

European Contest

Bilder sind fordernd, oft manipulativ und verwirren meist die Sinne.

Ich merk es genau, doch kann es kaum glauben —
wir werden verwundet durch das was wir sehen.

(Tocotronic 2002)

Der offensichtliche Subtext der Flüchtlingsproblematik ist längst im schockierenden Foto jenes erschöpften Menschen hinterlegt, welcher den Strand der Kanarischen Inseln erklimmt, während im Hintergrund in dezenter Unschärfe Touristen urlauben. Diese schön entlarvende Momentaufnahme datiert bereits von Mai 2006!

Refugees welcome

Verblüfft und hingerissen war ich nun durch eine Performance im ersten Halbfinal vom ESC 2016, als eine engagiert auftretende schwedische Tanz-Companie dem aktuellen Flüchtlingselend einen unerwartet gelungenen zeitgenössischen Ausdruck verlieh und überdies einen berührenden emotionalen Abgang hinlegte:

Die zutiefst menschelnde Komponente dieser Präsentation ist im ESC-Kontext reichweitenbedingt einfach grandios. Angebracht wäre daher eine Wiederholung dieser Über-Ästhetisierung von Elend, Krieg, Vertreibung und Ankommen im Grand Final vom ESC, einer bisweilen doch arg fragwürdigen Veranstaltung in der medial grell durchchoreographierten Wohlfühloase Europa.

Nach Geschmack

Die Salzburger Stier Preisträgerin 2016 Uta Köbernick singt und spielt im Bundeshaus zu Wiedikon am 6. März um 20.30 Uhr.

Als kleines Geschmacksmuster hier ihr «Lied zum Tag» aus PET:

Lost in Transla­ti­on

Si certo, die tatsächlich erste Abstimmung seit langem, welche nicht zu Lasten von Ausländern ausfällt, bringt etwas Erleichterung. Claro que si waren diesmal nur 4 von 10 und nicht gleich jeder zweite potentielle Rausschmeisser. Bien sûr, man bleibt für viele weiterhin ein Fremdkörper in dieser akut gespalteten Gesellschaft. Aber voll töfte, weil ich jene dann doch überraschend deutliche Wende meiner Gastgeber nicht erwartet hatte, selbst dem vorsichtig aufkeimenden Trend einfach nicht traute. Nach Jahren der Ausländerei und noch längerem Hobbyschweizertum ist mir die helvetische Seele eigenartig fremd geblieben. Ich bekomme diesen Volksgeist einfach nicht zu fassen: eben noch läuft er geradezu hypnotisiert na­ti­o­nal­kon­ser­va­tiven Rattenfängern direkt in die Arme, überdrüssig von Dichtestress und Verstädterung schiebt er inmitten Europas einen Riegel vor die Türe, nur um dann das einmal aufgenommene Tempo fast schlagartig zu drosseln, ohne jedoch übermässig fies tönende Bremsgeräusche zu erzeugen.

«Wir (Schweizer) haben das Privileg uns gegenseitig verstehen zu müssen. Wir sind als kulturelle Grenzgänger ein Volk von Übersetzerinnen und Übersetzer.»

Bundesrat Alain Berset, 12.03.2014

Deutlich wurde: «Es langet, es reicht, ça suffit, no pasarán!». Schluss mit der Angstmache, der nationalistischen Schwarzmalerei und rezeptlosen Abschottung, keine Zwängerei. Seit dem EWR-Entscheid von 1992 gebärt die Stimmungsmaschinerie der SVP die immer gleichen Hirngespinste: das Ausland luge gierig auf das selbst­ge­nüg­same Eidgenössische Eiland, Offshore ist lukrativ, Verträge sind Zugeständnisse und Swissness sells weil sexy.

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Leserbrief zur sexy FIFA-Wahl

Man könnte sagen, sicher, mit einem Viertel oft versippten aber stimmlosen Bevölkerungsanteil stehe quasi ein qualitativer Umschlag dräuend bevor; man könnte sagen, ja, gerade die ruhig gestillten Arbeitsmigranten buckeln doch angenehm laut- und reibungslos und mehren dabei den Reichtum der Stimmgewaltigen, weil Arbeit im Erste-Welt-Primus Schweiz pekunär unschlagbar ist. Man könnte sagen das Schweizer Mantra Identität sei lediglich ein traumatisches Mobile, überdies kaum zu dechiffrieren und jedenfalls kein Gradmesser für wen auch immer.

Aber gewärmt hat das hoffnungsfrohe Resultat wie die zeitige Sonne im Frühjahr…

Schafscheid

Vom provokativen Hakenkreuz

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bis zur naiven Schafsjagd:

Die Kontrahenten der SVP sind diesmal bemerkenswert breit aufgestellt und überraschend engagiert — da ist im Gegensatz zu vorherigen Abstimmungen keinerlei helvetische Lethargie mehr zu spüren. Der Richtungsentscheid bleibt spannend bis zum Schluss und ist wie selten hart umkämpft. Die bloss passive Zuschauerrolle wird zunehmend unangenehm und lästig. Nicht wahlberechtigte Secondos, Arbeitsmigranten und sonstige Ausländer versuchen verstärkt Einfluss auf die Stimmabgabe ihrer Gastgeber, Nachbarn und Arbeitskollegen zu nehmen, indem sie beispielsweise mit ihren Aufenthaltstiteln öffentlich auf sozialen Medien posieren.

Migrant Swiss, Foreigner Switzerland, Durchsetzungsinitiative 2016, Nein-Kampagne 2016, DSI 2016
Einzelfallschicksale bringen halt immer einiges an Farbe ins Spiel.

DSInFORMATION

In Zürich fand wieder ein lockerer Rundgang mit basslastiger Begleitmusik und gemeinsamen Einwurf der Stimmcouverts statt.

Nein zur DSI, DSI 2016, Durchsetzungsinitiative, Richtungsentscheid, Schweiz 2016, SVP

Nachdem Linke und Gutmenschen über die letzten Jahre von der nationalistischen Propaganda ausgiebig zum Feindbild einer eidgenössischen Identität aufgebaut wurden, der rechte Financier Blocher gar von einem Weg in die Diktatur ohne das Korrektiv SVP bramarbasierte, steht bei der Durchsetzungsinitiative definitiv ein Richtungsentscheid an. Es geht um Gleichheit vor dem Gesetz, den (nicht immer recht habenden) Volkswillen als ultima ratio, die Brutalisierung von Souveränität in eine «Souveränität der Willkür»:

Man kann den Ausländern zeigen, wer Herr im Haus ist. Es ist die Form von Macht, die Kinder auf dem Pausenplatz ausüben, wenn das Rudel sagt: Du gehörst nicht dazu.
Bei der Initiative ist diese Kindergrausamkeit mit der schlimmsten Grausamkeit kombiniert, die Erwachsene erfunden haben: mit Bürokratie. Einer gesichtslosen Maschine, die Urteile nach Buchstaben exekutiert, ohne Ansehen von Fall und Person. (Constantin Seibt, Tagesanzeiger 11.02.2016)

Schwarze Schafe, Schwarze Stiefel, Schwarze Raben — es muss aufhören mit dieser permanenten perfiden Schwarzmalerei. Schliesslich ist die Welt viel bunter und farbenfroher!

Schäfchenzählen

Der Ton wird zunehmend rauher und gereizter: von Ausschaffung über Schiessbefehl bis hin zur Durchsetzung ist offenbar völlig ernsthaft und immer lauter die Rede. Da kommt eine herzige Guerilla-Aktion auf dem Stauffacher in Zürich (bewusst) ohne schwarze Schafe ganz gut.
Durchsetzungsinitiative, Ausschaffung 2016, Ausschaffung Schweiz
Leider waren alle Schäfchen gegen Abend bereits entschwunden…

Intrusion und Inklusion

Hadi ist sieben Jahre alt und besucht die erste Schulklasse. Er ist ein Flüchtlingskind aus Afghanistan, wo seit über 35 Jahren Krieg und Terror herrschen. Sprachlich und sozial ist Hadi hier schlecht integriert, während seine Mutter nicht nur aufgrund sprachlicher Barrieren befangen ist: am Elternabend wirkt sie verschüchtert und verunsichert, blossgestellt und gar in die Enge getrieben.

In der Schule ist der kleine Hadi ziemlich unruhig und bereits mehrmals aggressiv gegenüber Mitschülern aufgefallen. Eine Art Einzelunterricht im Zimmer der Schulleitung hat er bereits hinter sich und nun wird Hadi ein selber bloss gebrochen Deutsch sprechender afghanischer Kriegsversehrter helfend zur Seite gestellt. Der beinamputierte Betreuer wird auch im Unterricht direkt neben Hadi platziert, um den Jungen irgendwie zu stabilisieren. Das ganze Unterfangen ist als kurzfristig angelegter Versuch gedacht, um dem bedauernswerten Hadi so noch eine letzte Chance zur Bewährung zu geben. Zudem soll diese möglichst günstige, bestenfalls kostenneutrale Aktion dazu dienen, den Unterricht künftig weitgehend störungsfrei abhalten zu können.

Ein kleines Fallbeispiel als traurige Groteske, in der die bittere Realität von Flüchtlingen selbst an einem Elternabend Thema wird.

Saturday Night Fever

Als die malerische Herbstsonne sich an diesem viel zu warmen Novembertag langsam aber sicher zur Ruhe legte, stand noch der Abholtermin bei der universell aufgestellten Apotheke an, welche jene mehrfach gegen den Erdmittelpunkt gerichtete Essenz für die Behandlung einer Kinderkrankheit bereit hielt, die natürlich sanft aber gründlich helfen solle.

Polizeikette, Schwarze Ritter, Demo Zürich

Vor dem pharmazeutischen Spezialgeschäft standen gerade gut gewappnet schwarze Ritter abwehrbereit und Furcht einflössend im Zwielicht quer über die Hauptstrasse. Mit Tränengasgewehren im Anschlag versperrten sie einer ebenfalls überwiegend schwarz gewandeten Gruppe von ca. 50 Demonstranten den Weiterzug. Feuerwerksraketen flogen in die Luft und es knallte laut. Schweizer Flüchtlingspolitik schien das Thema, aber dem Kind war dies völlig egal, es hatte Angst und da halfen auch gut geschüttelte Tropfen nicht weiter. Also war ein gründliches Gespräch nötig über im Nachhinein wie Selbsterfahrungstrips erscheinende Momente im Blaulicht geschwängerten Berlin der 80er, nächtliche Polizeiknüppel auf der Oranienstrasse und Reizgas im SO 36, über besetzte Häuser und das Demonstrationsrecht generell. Wie Südafrika wieder schwarz wurde und Teutonien eins. Über Wasserwerfer während S 21 und den tätowierten Verkehrspolizisten aus dem Kindergarten. Über Festnahmen und Verbrechen, Einbruch und Diebstahl, über Che Guevera bis schliesslich Krieg und dessen Folgen, nämlich Flüchtlinge. Moralisch war der Kreis endlich geschlossen, metaphorisch Ritter und Demonstranten aufgelöst im sprudelnden Chaos der Welt und das Kind schlief ein und durch.
Banal aber uff.