Lenz jetzt.

Well I’m beginning to see the light
Oh, it’s getting a little softer in the end now
Now-now baby, I’m beginning to see the light
Oh, it’s coming round again
Hey now-now-now baby, I’m beginning to see the light
There are problems in these times but, oh, none of them are mine
Oh baby, I’m beginning to see the light

krokusse im schnee, krokus spring snow, primavera, printemps, frühhling im schnee

Am 20. März knallen im Sternbild Widder um 12.02 MEZ wieder die Korken; kometenhaft kehrt das regenerative Licht wieder, um unser Herz, den Verstand und sämtliche Sinne zu verblenden. Heißassa!

Henusode

Die Abzocker sind abgewatscht, ein zeitgemässes Familienbild ebenfalls. Obgleich 54,3 % Prozent der abstimmenden Schweizer für die Aufnahme eines Verfassungsartikels über die Vereinbarung von Familie und Beruf stimmten, bodigte die Mehrheit der Kantone die Mehrheit der Wähler.

Das sogenannte Ständemehr, also die Mehrzahl der Schweizer Kantone ist bei verfassungsrechtlichen Referenden obligatorisch. Dieses Ständemehr (10 zu 13) erteilte dem Verfassungszusatz eine Abfuhr, wobei bei diesem Verfahren eine Appenzeller Stimme genau so viel zählt wie 40 Zürcher Stimmen. Der paradoxe Konflikt zwischen Stadt und Land wird fortgeführt und weiter vertieft. Die Schweiz ist nicht nur bei der Familienpolitik konservativ, sie ist demokratisch und demographisch rückständig, weil sie sich von den fundamentalistischen Taliban in den ländlich geprägten Kleinkantonen der Deutschschweiz aus falsch verstandenem Minderheitenschutz dominieren lässt.

Um die Eidgenossenschaft vor zwangs-kasernierten Kindern zu warnen, trumpfte die SVP wieder propagandistisch gross auf. Die Rechtspartei konnte sich dank spendabler Alt-Abzocker locker leisten, die Haushalte in der Romandie und Deutschschweiz mit einem „Extrablatt“ zu beglücken:

SVP Staatskinder, SVP Kampagne 2013, SVP Schweiz Familie

„Papa, warum sind die Kinder eingesperrt?“ (Kind, 4 Jahre)

Tatsächlich ist in der Schweiz die traditionelle Rollenverteilung Mann arbeitet, Frau kocht weitgehend intakt. Der Hobbyschweizer trifft bei Kinderbespassungen fast ausschliesslich Mütter. Im Grossen Kanton standen Frauen während zweier Weltkriege ihren Mann an der Heimatfront und sorgten so für ein neues Rollenverhältnis mit allerdings überraschend deutlichem Resultat: Männer waren doppelte Verlierer, im Heim- wie im Auswärtsspiel. Nur kurzzeitig liess sich dieser Bruch im Rollenspiel kaschieren und spätestens mit der Studentenbewegung hatte der gesellschaftspolitische Rollenwandel endgültig Fahrt aufgenommen.

Mittlerweile wird jenseits des Rheins bereits über eine zunehmende Feminisierung der Gesellschaft durch Erziehung und Bildung diskutiert, während hier Kinderkrippen noch als staatlicher Gulag geschmäht werden. Das ländliche Familienideal funktioniert aber im urbanen Umfeld kaum, stattdessen entwickelt sich zumeist eine Patchwork-Situation, die ganz nebenbei eine solide Sozialkompetenz antrainiert.

In der Metropole Zürich ist das Dilemma der Landeier hingegen allgegenwärtig, wenn jene als angehende Szenis in der Stadt aufschlagen und als gequirlte Autoreferenz landen.

Unentschieden

Unter den interessierten Augen von Gary Kasparov erreichten alle Spieler des Zürcher Einladungsturnieres zur Halbzeit zufrieden den Remishafen.

Zürich Chess Challenge 2013, Kasparov, Sosenko, Gelfand, Kasparov kibitzing in Zurich, Zurich Chess 2013

Kasparov und Sosenko, Gelfand staunt

Sechs Unentschieden in sechs Spielen klingt zunächst langweilig, doch auf diesem Niveau neutralisiert man sich halt öfter als dem Spektakel lieb ist. Die Partien der dritten Runde waren dennoch keineswegs steril oder anämisch, was zum Grossteil an der aggressiven Eröffnungswahl beider Schwarzspieler lag. Zudem spürte man eine sich zunehmend aufladende Atmosphäre, nachdem sich der das Schach jahrzehntelang dominierende und ehedem unumstrittene Weltranglistenerste im Turniersaal zeigte.

Die zuletzt beendete Partie dauerte immerhin satte sechs Stunden und war dank der ungleichen Materialverteilung spannend und unterhaltsam und deren Ausgang bis zum Schluss ungewiss.

Caruana,Fabiano (2757) — Kramnik,Vladimir (2810)
Zuerich Chess Challenge, Round 3
(A62 Benoni, Fianchetto V)

1.d4 Nf6 2.c4 e6 3.g3 c5 4.d5 exd5 5.cxd5 d6 6.Nc3 g6 7.Bg2 Bg7 8.Nf3 O-O 9.O-O Re8 10.Bf4 a6 11.a4 h6 12.Re1 Bf5 13.Qc1 g5 14.Bd2 Nbd7 15.h4 g4 16.Nh2 Kh7 17.Nf1 Ne5 18.Bf4 Bg6 19.Ne3 h5 20.a5 Qc7 21.Ra4 Kg8 22.Qd2 Nfd7 23.Ra2 b5 24.axb6 Qxb6 25.Be4 Bxe4 26.Nxe4 Ng6 27.Nxd6 Nxf4 28.Nec4 Nh3+ 29.Kf1 Qb8 30.Nxe8 Qxe8 31.Qc2 Ne5 32.Nd6 Qd7 33.Nf5 Bf8 34.Ne3 c4 35.Qf5 Qxf5 36.Nxf5 Bb4 37.Rd1 a5 38.Raa1 f6 39.Rac1 Bc5 40.Nd4 Kf7 41.Kg2 Rb8 42.Rc2 Rb4 43.d6 Rb6 44.Nf5 Bxf2 45.d7 Nxd7 46.Rxd7+ Ke6 47.Rh7 Kxf5 48.Rxh5+ Kg6 49.Rxa5 Rb4 50.Ra6 Bd4 51.Rc6 Bxb2 52.R6xc4 Rxc4 53.Rxc4 Kh5 1/2

Zürich Chess Challenge 2013, Zurich Chess 2013

Im Publikum überwiegt eindeutig das graue Haupthaar

Schachkurs

Anlässlich des Jubiläums vom Zürcher Kandidaten-Turnier anno 1953, welches sich damals satte zwei Monate (!) Zeit nahm, um aus 15 Kandidaten denjenigen herauszufiltern, der es mit dem amtierenden Weltmeister aufnehmen sollte, findet ein im direkten Vergleich eher schmächtig anmutendes doppelrundiges Vierer-Turnier am Paradeplatz statt. Immerhin hat der geldgebende russische Diamantenhändler sich wiederum das Savoy Baur en Ville und diesmal sogar den aktuellen Weltmeister geleistet. Dazu noch dessen letzten Herausforderer, den Ex-Champ und einen vielleicht zukünftigen Herausforderer.

Chess Challenge Zurich, Chess Zurich Hotel Savoy, Schach Zürich, Schachjournalisten Zürich

Überraschend stark war die rechnergestützte Medienpräsenz; alleine aus dem russischen Sprachraum waren vier 2er-Teams anwesend, die lebhaft live kommentierten. Hat der Diamanten-Oligarch vielleicht grössere Pläne? Dazu Mr. Transmission himself Macauley Petersen aus den USA, Chessbase aus Hamburg und ein Reporter aus Indien. Sowieso waren etliche Inder im Publikum auszumachen und einige liessen sich mit ihrem Champ nach seiner Remis-Partie stolz ablichten.

Neben den Anand Anhängern (der Schachweltmeister ist in Indien seit Jahren ein Volksheld und nach Eiger, Mönch und Jungfrau momentan ein weiterer lässig zu bezwingender Swissness-Gipfel) waren die Kippa-bewehrten Gelfandis die zweite auffällige Fangruppierung. Obwohl just an jenem Tag Purim war und rings um die Synagoge im Kreis 3 die sonst strikt schwarz gewandeten Ultraorthodoxen mit weissen Zylindern, weissen Jackets und giftgrünen Krawatten flanierten, waren die jüdischen Schachenthusiasten eindeutig moderat gekleidet.

Purim Zurich, Purim Zurich 2013

Auch der Rest des Publikums war vor allem männlich und, wie hierzulande seit jeher tradiert, weitgehend neutral. Leider war der besuchte Sonntagnachmittag etwas blutleer, was das Geschehen auf den karierten Spielfeldern anbetrifft. Da stand kein Brett in Flammen, es kam nicht zu dramatischen Zeitnot-Schlachten, und so war nur wenig Sitzfleisch vonnöten, um das für professionelle Schachspiele mit vier Stunden recht kurz anhaltende Geplänkel an den zwei Tischen durchzuhalten.

Sicher geht es auch hier um Ratingpunkte, aber so ein Einladungsturnier macht halt leider eher vorab satt und träge. Hinzu kommt, dass nächsten Monat in London das weitaus wichtigere diesjährige Kandidaten-Turnier stattfindet und zwei der Kandidaten hier am Start sind, welche sich natürlich nur ungern die häusliche Vorbereitung entlocken lassen, zumal der Titelverteidiger quasi vom Nebentisch aus neugierig kibitzt.

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Anand, Gelfand, Kramnik, Caruana — der Flyer selbst ist ziemlich fade

Der Hobbyschweizer nimmt dennoch gerne an dem gratis erteilten Schachkurs teil, wird weiterhin sein Sitzfleisch tapfer stählen und sich in der bizarren Welt der Bour­geoi­sie am Paradeplatz tummeln.

Dr. med. Abzock

Der Abzocker vom Novartis beichtet dem staunenden Publikum rechtzeitig zum Ende der Abstimmungskampagne seine 72 Mio-Abfindung:

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Schon ulkig, dass eben jener Manager, an dessen über die Jahre erhaltenen exorbitanten Boni-Zahlungen sich erst die ganze Abzocker-Debatte in der Schweiz entzündet hatte, nun kurz vor Abstimmungs-Schluss das mutmasslich entscheidende Eigentor schiesst.

Schwedenhappen

»When you are full of fire, what’s the object you desire?«

Der ekstatische Rhythmus mit der lamentierenden, teils stark verzerrten Stimme haut schon allein ganz gut rein und tönt bisweilen wie Throbbing Gristle auf Amphetamin. Der dazugehörige Kurzfilm der feministischen Regisseurin Marit Östberg thematisiert Cross-Dressing und Transgender.

Schwierige Kindheit

In der Volksrepublik Schweiz wird Anfang März über kapitale Schweinereien abgestimmt. Die so genannte Abzocker-Initiative wird von vielen staatstragenden Parteien, der Bundes-Regierung sowie der allgegenwärtigen Wirtschafts-Lobby abgelehnt, weil wegen Wettbewerbsnachteil. Hach! Die arrivierte Manager-Clique hat spürbar Respekt vor des Volkes Stimme und fürchtet das blanke Elend hierzulande, versucht dieses aber durch einen perfide nachgeschobenen und klar verwässerten Gegenvorschlag an der Urne noch zu vermeiden.

Kapitalismus war als Kind schon scheisse, Scheiss Kapitalismus

Plakat zum 1. Mai 2012 auf dem Idaplatz in Zürich

Nachdem die Abstimmung ganz im Sinne der Clique jahrelang verzögert werden konnte, werden vom Unternehmer-Verband nun Unsummen an der publizistischen Abstimmungsfront verballert, damit sich die bloss den Aktionären verpflichteten Firmen-Vorstände weiterhin eifrig aus der Bonus-Kasse bedienen können.

Rechtzeitig vor dem Ple­bis­zit hat jetzt der dreisteste und bekannteste Abzocker vom Bio-Tech und Chemie-Multi Novartis seinen baldigen Rückzug angekündigt. Sicher kein Zufall sondern nahezu perfektes Timing, da die Initiative nicht zuletzt aufgrund seiner Gier zustande kam, wobei Vorstand Vasella mit 300 Mios in 11 Jahren eindeutig den Vogel abschoss, allerdings ohne dabei so schön wie Müller oder Messi zu treffen.

Ablasshandel

Neuerdings sind in Zürich ganz in der Nähe einschlägig bekannter Orte umgerüstete Parkuhren mit rotem Regenschirm-Symbol platziert.

Ticketautomat für Sexarbeiterinnen Zürich, Tickets for Prostitutes Zurich

Gibt es hier womöglich Eintrittskarten für die Heilsarmee?

Kaum. Auch keine Regenschirme. Die Stadt Zürich will unbedingt den anschwellenden Sexarbeitsmarkt regulieren. Bordsteinschwalben müssen neben obligatorischer Arbeitsbewilligung und Krankenversicherung nun für die Zeit zwischen 19h und 5h zudem eine Stehplatzkarte vorweisen.

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Auf dem Zürcher Strassenstrich wird zunehmend osteuropäisch verkehrt

Potzdamblitz

Also Zeit rast ja meist, fliegt quasi. Schnell wie ein Pfeil, manchmal leicht gekrümmt wegen dem vielen Raum durch den so eine Zeit schleunigst hindurch muss. Zeit anzuhalten ist unglaublich schwierig, also eigentlich unmöglich und macht nur sentimental. In der Kunst wird wie im Privaten gerne versucht verflossene Zeit zu verfestigen, indem man sich ein Bild von ihr macht. Pop ist seit jeher eine ganz beliebte Fallgrube für Zeitgefühl und vielleicht genau darum macht der Oursler Tony in Videos. Aktuell Pop-Musik-Videos, aber immer mit in/auf Puppen projizierte Gesichter. Das ist schön schräg und bricht die Wahrnehmung durch einfache Verfremdung nebst frischer Meta-Ebene.

In unserem heutigen Beispiel haben wir es mit einer Art drogenfreier FSK 6 Halluzination mit Stehblues-Romantik in hemdsärmeliger Werkstatt-Atmosphäre zu tun. Die Pop-Star-Puppe wirkt dabei von der Zeit stark geprägt, während die zweite dazu einfach schweigt. Nach schlichtem Abgang bleiben die Larven leer zurück.

„Time may change me, but I can´t change time.“

Aus der Exsklaven-Perspektive betrachtet sind die etwas willkürlich erscheinenden Berlin-Tupfer trotz Schwarzweiss kunterbunt. Zudem sorgt der elegische Sound mutwillig für eine altersmilde Unschärfe. Und als die Zwanzigtausend ohne Begrüssungsgeld über die „Bose Brucke“ zum Kudamm pilgerten, blieb die Zeit tatsächlich für einen Augenblick stehen. Jedenfalls für den in SO 36 recht verwirrt staunenden Hobbyschweizer.