Züriole

Die Freinacht nach dem Pokalsieg in Bern gegen Bern auf Kunstrasen (sic!) wird traditionell auf dem Zürcher Helvetiaplatz eingeböllert:

Neben den unsäglich lauten Petarden (die via Hörkanal nebst Luftdruck tatsächlich Angst machen) lag der Pyronebel recht schwer auf der Lunge und schmeckte betont giftig. Als dann sogar die gefeierten Pokalhelden auf dem Balkon völlig eingenebelt waren, wurde klar, dass dies nicht wirklich meine Party ist. Fast scheint angebracht sich während der kommenden Public-WM besser so zu verhalten, als wisse man nicht recht, was eigentlich Ziel und Zweck der ganzen unseligen Treterei sei. Huh!

Testiceltest

Just a bug

Aus noch unbekannten und nicht völlig geklärten Gründen wurde mein Handyanschluss erst von allen ausgehenden Anrufen und Nachrichten unvermittelt abgeklemmt. Zunächst konnte der Apparat noch Telefonate und Nachrichten empfangen und war so immerhin noch Teil des gesprächsbereiten Kosmos. Als kurz darauf dann auch sämtliche eingehenden Signale abgeschaltet wurden (à la «kein Netz»), fühlte sich dies schon etwas arg seltsam an. Sozialkredit überzogen? Ach Zukunft.

Bug, Goldglänzender Rosenkäfer

Dem digitalen Nomaden ist im ersten Moment keineswegs klar, welcher Pfad durch dieses unendlich erscheinende Funkloch führen soll, bevor sich abermals ein kommunikatives Wasserloch auftut, in dem er endlich wieder geborgen im endlosen Geblubber beglückt aufgeht. Erst durch den Verlust der mobilen Unabhängigkeit wird deutlich, wie abhängig man von dieser ist. Keine 2-F-Authentifizierung, keine kurzfristige Verabredung, kein empfangsbereites Vagabuntentum, kein Fastgarnichts. Gross genug um noch die gute alte Zeit der handapparatlosen Verbindlichkeiten zu kennen, weiss ich, dass temporärer Netzverlust nicht das absolute Inferno ist, doch genau so fühlt es sich an. Zumindest nach drei Tagen schon. Allmählich entnervt und nicht mal die eigene Festnetznummer kennend wird deutlich, dass es ohne funktionierende SIM nicht wirklich geht in dieser doch sehr fragil angelegten Simulation. Es ist sicherlich kein Weltuntergang, keine erdgewande Sonneneruption, kein Meteoriteneinschlag oder präsidialer Fehlgriff, sondern ein schlichter Einzelfail frei nach Murphy’s Law, ein nur ganz kleiner und unscheinbarer aber entlarvend schöner Bug, der jedoch mächtig wurmt.

OMG

Der Kosmos von klein nach groß

Die Erde kreist gemeinsam mit den anderen Planeten – wie Venus und Jupiter – um die Sonne. Die Sonne ist ein Stern und sie gehört ebenso wie alle Sterne, die wir am Nachthimmel sehen, zum Milchstraßensystem.

Unsere Heimatgalaxie ist eine Scheibe aus mehr als 200 Milliarden Sternen. Sie hat einen Durchmesser von rund hunderttausend Lichtjahren. Das schimmernde Band der Milchstraße am Nachthimmel entsteht durch das Licht der vielen Sterne in der Scheibe.

Das Milchstraßensystem ist nur eine von Myriaden Galaxien. Unser kosmischer Nachbar ist die Andromeda-Galaxie. Sie ist gut zwei Millionen Lichtjahre entfernt, aber dennoch bei dunklem Himmel schon mit bloßem Auge als ovaler Nebelfleck im Sternbild Andromeda zu erkennen.

Gemeinsam mit ein paar Dutzend kleineren Galaxien bilden die Milchstraße und Andromeda die Lokale Gruppe.

Diese wiederum gehört zum Virgo-Superhaufen, in dessen Zentrum sich der große Galaxienhaufen im Sternbild Jungfrau befindet, eine Ansammlung von mehr als 2000 Galaxien. Das Zentrum des Haufens ist etwa 50 Millionen Lichtjahre entfernt.
Auch der Virgo-Superhaufen ist nicht die größte Struktur im Kosmos: Er driftet auf den noch größeren Hydra-Centaurus-Superhaufen zu und gehört mit diesem zum Superhaufen Laniakea, einer länglichen Struktur mit mehr als 500 Millionen Lichtjahren Ausdehnung.

Laniakea bildet mit vielen anderen Superhaufen das kosmische Netz mit Wänden und Leerräumen. Alles zusammen ist dann der Kosmos.

aus: DLF Sternzeit

Psycho Killer

Psychometrie, manchmal auch Psychografie genannt, ist der wissenschaftliche Versuch, die Persönlichkeit eines Menschen zu vermessen. In der modernen Psychologie ist dafür die sogenannte Ocean-Methode zum Standard geworden. Zwei Psychologen war in den 1980ern der Nachweis gelungen, dass jeder Charakterzug eines Menschen sich anhand von fünf Persönlichkeitsdimensionen messen lässt, den Big Five: Offenheit (Wie aufgeschlossen sind Sie gegenüber Neuem?), Gewissenhaftigkeit (Wie perfektionistisch sind Sie?), Extraversion (Wie gesellig sind Sie?), Verträglichkeit (Wie rücksichtsvoll und kooperativ sind Sie?) und Neurotizismus (Sind Sie leicht verletzlich?). Anhand dieser Dimensionen kann man relativ genau sagen, mit was für einem Menschen wir es zu tun haben, also welche Bedürfnisse und Ängste er hat, und aber auch, wie er sich tendenziell verhalten wird. Das Problem aber war lange Zeit die Datenbeschaffung, denn zur Bestimmung musste man einen komplizierten, sehr persönlichen Fragebogen ausfüllen. Dann kam das Internet. Und Facebook.

(aus: Tagesanzeiger Zürich)

Die Skandalisierung erschöpft sich, der Euphomismus ist asbach1984alt:

Tim Pritlove: «Um US-Präsident zu werden braucht es anscheinend zwei Dinge: Facebook und viel Geld. Zuckerberg hat von beidem reichlich.»

Urban Prayers Zürich

Bereits die im Bayrischen Rundfunk von 2014 gesendete Hörspielfassung war eine genüssliche Offenbarung. Der globalisierte Chor der Gläubigen fragt im Stück von Autor, Dramatiker und Theatermacher Björn Bicker die Ungläubigen, das Publikum und sich selbst offen, direkt und provokativ:

Was glaubt ihr denn. Wer wir sind.
Was wir glauben. Was glaubt ihr denn. Wer wir sind.
Wo wir wohnen.
Wo wir schlafen.
Wo wir arbeiten.
Wo wir beten.
Wo wir uns zeigen.
Wo wir uns verstecken. Wovon wir schweigen.
Worüber wir sprechen. Leise. Freundlich. Niemals zu laut.
Was glaubt ihr denn, wo es einen besseren Platz geben könnte.
Was glaubt ihr denn, wo wir nicht stören. Wo wir stören.
Wo wir uns treffen sollten.
Wo wir Euch begegnen könnten.
Wo wir euch begegnen wollen.
Wo wir euch nicht begegnen wollen.
Was glaubt ihr denn, wer ihr seid.
Was glaubt ihr denn, wer wir sind.

Verhandelt wird die City of God, die weitgehend im verborgenen ablaufende Verdichtung der Privatsache Glauben im grossstädtischen Umfeld, einer quasi pseudo-paradiesischen Megalopolis. Wo im Abendland das Morgenland aufgeht, wo christliche Tradition leise vergeht und doch besteht. Wo mehr über- als miteinander gesprochen wird. Der sichtlich multiethnisch und multireligiös aufgestellte Chor ist beim Auftakt des Zürcher Reigens in einer Hinterhofmoschee auf einem kleinen Catwalk untergebracht. Das Publikum hockt in Socken auf dem Teppich. Nach dem Gebetsruf des hauseigenen Imams tritt das Ensemble des Theaters am Neumarkt aus dem (Laien-)Chor ins Publikum hinein und nimmt dort gekonnt variirend teils völlig diametrale Positionen ein, um diese gleich wieder mit und unter den Mitspielern ein- und auszutauschen. Eben noch Jude, und schon Buddhist, gerade noch Katholik und bereits reformiert, doch gerne Schweizer. Nur: Tamilischer Schweizer oder Schweizer Tamile? Gegenteiliges wird von derselben Figur kundgetan, und dann treffen sich alle wieder im Chor, der jetzt nicht mehr einstimmig sondern vielstimmig und nu­an­cen­reich tönt, um sich alsbald aufzulösen, um sich später wieder zu finden. Bicker hat den Text geschickt für die Schweizer bzw. Zürcher Verhältnisse adaptiert, Minarettverbot und Parkplatznot sorgen für heitere Lacher. Aber nichts im Stück ist lächerlich, zu Ernst ist die Sache. Die Abstraktion, Reduktion und Verallgemeinerung auf den Glauben — früher Türke heute Moslem, ach ihr Christen — heizt die Lage und hetzt die Menschen auf und erzeugt zusammen mit jedwedem Fundamentalismus ein Klima der Furcht, obwohl im Grunde doch nur das miteinander Teilen wirklich zählt und im Vordergrund stehen sollte. Und die Liebe.

Der Auftakt war vielversprechend, Theater am und vor Ort hat halt besondere Wirkmacht. Die Compagnie zieht weiter durch diverse Zürcher Gotteshäuser, Tempel und andere Kultstätten und wird zum Abschluss den Jakob missionieren. Ick freu mir schon.

Seifenoper

Faust, Seifen, Jakob, Zürich

Mannmannmann. Kaputtgespielt, hergespielt, völlig überspielt. Hat mich der Wolfgang Seifen, Orgel-Papst aus Berlin-Gedächtniskirche. Den erstbesten Zug am Morgen nach dem letzten wüsten Orkan bestiegen und mit aller Spielfreude am Abend bei den Zürchern den Faust von F. W. Murnau intoniert. Wat n Kerl. Murnau auch, klar, die schwarz-weisse Tragödie von 1926 bietet sich geradezu blasphemisch an, aber Hallo, was der Seifen dazu improvisiert, ist echt irre. We are the Meisters. Er macht den mad organist, er skizziert völlig entspannt Choräle und lässt diese sogleich atonal ins Bodenlose torkeln, er paraphrasiert, er moduliert und akzentuiert gekonnt. Selten war ich von den viereinhalbtausend Pfeifen im St. Jakob so angetan, so berührt, so mitgenommen. Und zum ersten Mal stand ich multimedial assistierend voll im Zug bzw. Sog der Pfeifen, weil oben am Spieltisch bläst und zieht es tatsächlich eher kräftig. Wenn ich nun erwähne, dass der Ur-Motor der jakobinischen Orkanorgel einst mit Wasserkraft arbeitete, bläst mir Sankt Tsunami bestimmt den Marsch.

Und Seifen selber? Total entspannt, alles scheint aus ihm direkt in die Maschine hinein zu fliessen, reagiert auf überschwängliches Lob nach dem Spiel abgeklärt, «naja, wenn man sonst nichts Anderes macht» (also ausser Orgelspielen). Soll ja viele geben, die nichts anderes machen, aber da war einfach ein wahrer Titan am Werke, welcher das Publikum insgesamt berauschte. Im Nachhinein betrachtet war das ganze Ding nicht mal, wie zunächst stümperhaft behauptet, Championsleague, das war schlicht und ergreifend Weltklasse.