Wohnomat

In unserer Wohnanlage gibt es 364 Wohnungen und in unserem Wohnturm alleine 83 Einheiten. Nach meinen bisherigen Erfahrungen hausen wir im Turm zu Babel – das Sprachgewirr ist vielfältig und ich bin schon wegen meines für hiesige Verhältnisse etwas vorlauten Mundwerkes aufgefallen. Der Schweizer liebt es zum Einen etwas zurückhaltender, zum Anderen verstehen meine vielen Mitmigranten sehr wenig Hochdeutsch und überhaupt ist beim Aufzugfahren eher gemeinsames Schweigen angesagt.

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Wir hausen im Turm rechts, die Balkonzwerge unten links
balkonzwerge
nämlich hier

Bei schönem Wetter sieht man ein paar Alpen über dem See, doch ich sehe auch die arg beige Nordwand neben meiner Nase – leider ist unser Turm neben dem Nachbarturm etwas nach hinten gerutscht und nun hab ich die Fassade. Zum permanenten Feierabend scheint die Sonne dann hinten raus.

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Aussicht nach Osten mit wenig Alpen
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Die furchterregende beige Wand
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Aussicht nach Westen ganz ohne Alpen

Abends ist es (noch) beeindruckend die Stadtlichter zu sehen, aber die Taktfrequenz des Zugverkehrs direkt vor dem Haus ist dann leider höher. Generell besteht hier eine eigenartige Geräuschkulisse – ruhig ist es quasi nie!

Seebahn, Tramdepot, Strassenviadukte

Einmal ist ein Raubvogel auf AugenFensterhöhe vorbeigekommen und hat mir kurz wohlwollend zugenickt. Wer weiss, vielleicht mach ich einmal den Flugschein. Die Spannung vor dem ersten Gewitter ist gross, weil der Himmel hier oben grösser und mächtiger erscheint als unten und die Horizontsicht viel weiter ist.

Im Keller des Turmes hat es eine Art Waschküche mit ungefähr 50 Maschinen. Die bedient man mit einer vorher extra aufgeladenen Chipkarte. Frech bucht der Apparat beim Start der Waschmaschine gleich drei Franken ab. Nach dem Waschen darf man eine Taste drücken und abhängig von der gewählten Waschtemperatur wird teilweise mehr als die Hälfte des Spieleinsatzes wieder auf die Karte zurückgebucht – eine etwas eigenartige Methode der Stadt als Waschcasinobetreiberin zu eventuellen Zusatzeinnahmen wegen Vergesslichkeit zu kommen.

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Eine der Waschküchen
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Waschplan
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Sexy Trockenraum

In der Aula im Eingangsbereich treffen sich gerne die Alten (viele Wohnungen sind alters- und behindertengerecht gebaut — habe schon eine rüstige neunzigjährige Gehstuhlfahrerin kennengelernt!) um alles zu bereden, was so zu bereden ist. Vor den Briefkästen ist eine steinerne Bank um den von der Schaufensterkrankheit geschädigten Beinen etwas Ruhe zu gönnen. Eine ganz bestimmte Dame hab ich bereits im Verdacht mindestens den halben Tag dort unten in der Zugluft zu verbringen.

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Briefkästen mit Sitzbank in der Aula

Mir gefällt der Eingangsraum wegen seiner halligen Akkustik – Stella freut sich sehr übers ECHOEchoecho.

Kreuzweise

Pfiffiges Marketing verhalf der Marke Schweiz zu einem perfekten Logo, nämlich dem ohnehin schon bekannten weissen Schweizerkreuz auf rotem Grund. Die Popularität Schweizer Werte wird werbewirksam umgesetzt: trendig und kultig verziert das Schweizerkreuz allerlei Waren.

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Libyscher Neuentwurf (angelehnt an die geforderte Aufteilung der CH an die Nachbarländer)

Sicherheit, Souveränität, Strebsamkeit und Sauberkeit mit einem Schuss Urchigkeit gewürzt und einer Prise Wohlstand verfeinert — Swissness schmeckt herzhaft, wirkt edel und ist zudem kleidsam.

Swissness als regionaler Gegenbegriff zur Globalisierung braucht besondere Hege und Pflege, weil das zum Warenfetisch mystifizierte Nationalsymbol ansonsten Gefahr läuft am Markt Wert zu verlieren und in der Folge die Schweiz selbst.

Verständlich dass die eidgenössischen Markenschützer etwas irritiert sind angesichts einer übertrieben pubertär geratenen libyschen Internetseite:

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Bildschirmfoto von www.hannibal.ly, zeitweise nicht erreichbar aufgrund Fehlercode 509: „Bandwidth Limit Exceeded“. Die absurde Entwicklung der Libyen-Affäre kurz & bündig auf Wikipedia.

Weltklasse Zürich

schachhauptbahnhof

Nachdem Zar Morozevich nicht eben untypisch in der letzten Partie den Sieg beim Jubiläums-Open (auf Gewinn stehend!) verspielte, tröstete mich die Schachgesellschaft Zürich anlässlich ihres 200jährigen Bestehens mit acht Weltmeistern, der schachlich weltbesten Frau und einem dreifachen Beinaheweltmeister leibhaftig im Zürcher Hauptbahnhof.

8wmundzaungäste

Kanns´ nicht immer Sonntag sein?

Morozürich

morozu09

Sandipan,Chanda – Morozevich,Alexander
Zuerich SUI: Jubilee Open (6) 2009

1. e4 c5 2. Sf3 d6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 Sf6 5. Sc3 a6 6. h3 e6 7. g4 Le7 8. Lg2 Sfd7 9. Le3 Sc6 10. De2 0-0 11. 0-0-0 Sxd4 12. Lxd4 Dc7 13. f4 Tb8 14. La7 Ta8 15. Ld4 Te8 16. g5 b5 17. a3 Tb8 18. h4 b4 19. axb4 Txb4 20. h5 Da5 21. Sb1 e5 22. Lc3 Sc5 23. g6 Le6 24. Dd2 Tc8 25. f5 Da1 26. De3 Txb2 27. Kd2 h6 28. Ke1 Ld7 29. gxf7+ Kf8 30. Sd2 Da2 31. Lxb2 Dxb2 32. Th3 Dxc2 33. Lf1 Lg5 34. Da3 Sxe4 35. Sxe4 Dxe4+ 36. Le2 Lb5 37. Df3 Db4+ 38. Kf1 Lc6 39. Da3 De4 40. Df3 Db4 41. Da3 Df4+ 42. Kg1 De4 43. Lf3 Le3+ 44. Kh1 Lc5 45. Lxe4 Lxe4+ 46. Df3 Lxf3+ 47. Txf3 Kxf7 48. f6 gxf6 49. Tdf1 a5 50. Txf6+ Ke7 51. Txh6 a4 52. Tg6 a3 53. Tg3 Th8 54. Th3 Th6 55. Kg2 Ke6 56. Tb1 e4 57. Tb5 Kd7 58. Kg3 Kc6 59. Ta5 Kb6 60. Ta8 e3 61. Th1 Kb5 62. Kg4 Kb4 63. Kg5 Te6 64. h6 e2 65. h7 Ld4 66. Te1 d5 67. h8=D Lxh8 68. Txh8 d4 69. Th3 a2 70. Td3 a1=D 71. Txa1 Kc4 72. Tda3 e1=D 73. Ta4+ Kd5 74. Ta5+ Dxa5 75. Txa5+ Kc4 76. Ta4+ Kc3 0-1

Hasta Siempre

Dem zuletzt in Bolivien kindergärtnernden Comandante zum einundachtzigsten:

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Auf der überladenen und zäh ladenden Kulturseite von San Cristóbal de La Habana (edit 2018: Che-Song-Liste jetzt dort) findet man allerlei biographische Details zu Ernesto Guevara de la Serna. Ganz besonders beeindruckend ist die schier unzählige Liste von Interpreten der Comandante Che Guevara zum Abschied gewidmeten und (wahrscheinlich) populärsten zeitgenössichen Heldenhymne.

Für Sammler, Hardcore-Fans und solche die eventuell beides werden wollen tut sich dort eine wahre Goldgrube auf, in der man Preziosen findet wie Grupo 5u-4-Danae mit ihrer mondän anmutenden bigbandigen Interpretation, wo Grupo Tabacalero angestrengt realsozialistisch neutönt, die fast unverschämt unwissende Actrice Nathalie Cardone peppig-popig auf fünfhunderttausendfachen Kundenfang geht und der aufrecht (!) gebliebene altlinke Robert Wyatt eine eigenwillige Duftmarke setzt.

Geradezu unerhört wie viele Klangartisten sich an dem bald 50 Jahre alten Klassiker ausprobiert haben. Fast erholsam hingegen erklingt die Version des Komponisten Carlos Puebla selbst: einfach ist oft schlicht gut.

Vorspiel

Alles neu macht der Juni, hier zumindest den Tapetenwechsel.

Bereits Ende Mai hat Iggy Pop ein akkustisches Stillleben vorgestellt: Préliminaires – altersschlauer Seelenstriptease von einem, der sich eh gern nackig macht.

Wohlige Chansonqualität mit einem Spritzer Tomwaits für die gute Cocktaillaune dargeboten von einem wirklich gefährlichen „Animal“. Genau die richtige Medizin, um im heissen Sommer lässig runter zu kühlen.

Beginnend mit dem herbstzeitlosen Klassiker Les Feuilles Mortes, über ein grundehrliches I Want to Go to the Beach bis zum dreckig grungigen Nice to Be Dead – alles allererste Sahne. Arschwackler kriegen es mittels Party Time besorgt. Stehblueser hängen bei Spanish Coast ganz locker ab. Das armselige Hundeleben wird mit A Machine For Loving gewürdigt. Und der gemeine Herzschmerz wird durch How Insensitive notdürftig behandelt.

Für erfahrene Anhänger der gepflegten Melancholia sollte es ein Nachspiel geben!

Spiritus Turicum

Offenheit nach vielen Seiten ist hier ohne Zweifel ein geografisches Merkmal, das im Lauf der Geschichte mehrmals entscheidende Bedeutung erhielt. Aber dennoch ist Zürich, im Grossen und Ganzen genommen, eine Siedlung jener Art, um deren ominösen Namen wir uns um der Ehrlichkeit willen nicht herumdrücken wollen: Provinz. Selbst diese zahlenmässig grösste Stadt der Schweiz kennt heute keine Filmpremieren, keine Boxkämpfe oder Politik aus erster Hand, keine sodomitischen Laster und kein konstruktives Genie, wie die Weltzentren sie zeigen.

(…)

Die Atmosphäre Zürichs ist die einer moralischen Loyalität, welche darin besteht, dass man sich um den Nachbarn nicht gross kümmert, solange er nicht störend grosse Sprünge macht. Diese verlacht man dann freilich rasch als Kapriolen. Noch heute kommen aus der übrigen Schweiz wie aus dem Ausland diejenigen mit Vorliebe zu uns, welche gerne in bequemer Ungestörtheit separaten Zielen nachgehen.

(…)

Die Stadt ist gross genug, um Spezialisten aller Art zu genügen, und doch so klein, dass sie dem, der von ausländischen Hauptstädten zurückkommt, wie Natur erscheint. Jeder kann sich weltmännisch isolieren, sofern ihn dies lockt, jeder aber auch fast eine kleinstädtische Nestwärme erzielen, wenn er an diese gewöhnt ist. Zürich ist heute erweitert und gesteigert zum Zentrum der deutschen Schweiz schlechthin, aber es hat dadurch auch viel von seiner historischen Farbe eingebüsst. Es steht auf einer Zwischenstufe: Für den Schweizer ist es sehr entfremdet, aber für den Fremden doch sehr schweizerisch.

Ausserfcz

Es gibt aber nur eine polemische Haltung unserem Jahrhundert gegenüber nicht den ängstlichen Ruf zurück in die Idylle, sondern die Forderung, dass die ungeheuren Verheissungen, welche auf dem Grund des sichtbaren Niedergangs schlafen, nicht in ihrem Wachstum gekränkt werden. Der Mensch, solange er atmet, wird immer schwanken zwischen einem Dort und Hier, zwischen einer Heimat und einer Fremde, einer Begeisterung und einer Bequemlichkeit. Aber er kann einen neuen Sinn in diese Alternative legen, sobald er erkennt, dass auch seine Heimat eine internationale Vokabel ist. Er kann sich erziehen zu dem hohen Handwerk, dieses kleine Gefäss mit einem grossen Inhalt zu füllen. Wer allzu fanatisch an seiner Heimat hängt, dem ist es noch immer nur um das Gefäss zu tun gewesen. Seine Lippen haben sich an seine Rundungen gewöhnt, und er sieht nicht so sehr darauf, was ihm daraus zufliesst, als darauf, dass ihm die unfreie Gewohnheit nicht genommen werde.

aus: Walter Muschg, Zürcher Geist, Merian Zürich, Nr 1, Januar 1983

Bluesburg

Schon des öfteren erspähte ich auf meinen Streunereien durch die Stadt Hinweise auf einen gewissen Dj René und seine Oldie-Nächte. Durch reinen Zufall wurde ich im hiesigen Faschingstreiben staunender Zeuge seiner Darbietung: deutsches Schlagergut mit Eigentoasting quasi. Nun legt der Meister in der Elisaburg, Elisabethstrasse, Zürich Cheib 4 auf.

Von Blues war auf dem bunten selbstgedruckten A4-Poster aber nicht die Rede…

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