Schlagwort: Festgesellschaft
Drümoldrü
Bierbärtortour
Nachdem der Bierbär aus den Schweizer Kolonien für einen kurzen Zwischenstopp zurück in die weiter südlich gelegenen heimischen Gefilden kehrte, ist er zwischenzeitlich zum Softdrinkbär mutiert. Im Funkloch vom Schwarzen Wald, ganz hinten in einem Tal, welches ursprünglich die Rench lieblich in das Gelände schnitt, sagen sich Reh und Ziege, Pony und Katze, Hase und Kuh und Hinz und Kunz Gutenacht. Vorher wird aber tüchtig gefestet und das für den Hobbyschweizer zu auffallend zivilen Preisen: gute Wurst im Brötchen 200 Cent, Alpirsbacher im 04-Glas (ohne Pfand!) 250 — pas mal. Selbst die Bärenliebhaberin meinte um Mitternacht etwas von Schwips bemerken zu müssen. Aber das war auf dem Heimweg zum Forsthof, zuvor gab es einen Anton aus Tirol, der zumindest so Zeug mit seinem Trio verlautbarte und dank moderner Funktechnik auf Biertischen inmitten des Publikums animierend auftrat. Es wurde getanzt, mächtig geschunkelt, mitgesungen und dem Wetter getrotzt. Die scheinbare Unschuld des Landes war spürbar und der Kontrast zu Chez Ugly (© Joken) im Berliner Südosten flackerte kurz auf.
Anlass des Festaktes war eine Illuminierung des Kurortes mit angekündigtem Brillantfeuerwerk als Höhepunkt. Zuerst aber wurden abertausende Kerzen, die im Ort selbst, aber auch in den steil ansteigenden Hängen links und rechts der Rench verteilt gesteckt waren allesamt händisch entzündet und allerlei ulkige Motive traten aus der Dunkelheit hervor: hier ein paar Kirschen, dort ein Notenschlüssel, ein etwas verunfalltes Peace-Zeichen, viele Smileys, MMCVII und das vom Kind entdeckte Brandenburger Tor mit herziger Ersatz-Quadriga. Ach, das Berliner Herzland ist halt überall!
Über allem schimmerte sanft der fast volle Sommermond, der kaum an Höhe gewann. Dann ging es endlich los, und dem Kind klangen schnell die Ohren. Zwischendurch ging das Trottinett vergessen, die kurze kindliche Panik löste sich aber rasch wieder auf, als das rollende Teil wohlbehalten unter einer Festbank wartend wieder bestiegen werden konnte. Mit Stirnlampe wurde dem leicht beschwipsten Reiseleiter ins Urlaubsdomizil heimgeleuchtet und der war recht froh, dass es zur Begrüssung gleich so gründlich gekracht hatte.
Zickezackezickezacke.
Swissmas
Ring my bell
Über 100 zart behandschuhte Glockenspieler fanden sich im St. Jakob in Zürich ein, um dieser eher exotischen Musiksparte zu frönen. Das Abschlusskonzert des European Handbell Festivals brachte die ganze Vielfalt des doch eher kitschigen Glockenklangs zur Geltung.
Vom Lamento Burincano über Ländlerweisen wie das Guggisberglied und Talerschwingen bis hin zu You never walk alone wurde ein bezaubernder Klangteppich in gelegt, in den selbst diverse Rezeption-Klingeln aus der Hotellerie eingewebt wurden. Das Schweizer Duo Golden Bells aus Solothurn sorgte dabei für einen fast schon zirzensische Darbietung, wobei Glocken um der Obertöne wegen nur gestrichen wurden, eine Art Glockenbaum die Schwingungen nach Anschlag weiter trug und vierhändig ein Zäuerli gegeben wurde.
Wann eine tannigi Hose hätt
und hagebuechig Strümpf
so chaner tanze, wiener will,
es git em keini
ri-ra ri-ra ridi ridi ridi ridi ridi Rümpf,
Ri-ra, ri-ra, ridi ridi ridi ridi
Rümpf, Rümpf, Rümpf…
duuuu, dulidu, duli duli duli duli dulidu.
Duuuu, dulidu, duli duli du.
Wänn eine…
God is in the house
and no one´s left in doubt.
Kirchentagsgänger sind leicht an ihren umgelegten Schals zu erkennen: ein BSR korrelierendes Orange war in Berlin der voll angesagte Farbton.
Dermassen angesagt, dass ich bereits am ersten Tag kurz vor dem eigentliche Ziel scheiterte. Dazu noch den zweiten Platten des Tages am Hinterrad des in der Hauptstadt präferierten Fahrrads, ganz toll. Ein Schal war
aber drin, immerhin. So ein Schal in der Masse von Schal-Trägern ist ja ein reiner Kommunikationsschal, der also sagt, dass man dazu gehöre und sich friedvoll für eine bessere Welt einsetzt, anstatt die Britische Botschaft und all die anderen im Regierungsviertel zu nötigen, ihre Flaggen auf Halbmast zu setzen. Und siehe, später färbte das Orange-Sujet sogar auf den netten Abend mit guten alten Kollegen ab. Das war doch wieder ein Zeichen! Zumindest aber bezeichnend.
Oh I wish he would come out.
Anderntags ging es in die Friedrichshainer Zwingli-Kirche zum Kultur fassen. Ob du es glaubst oder nicht, der Kirchturm fiel mir schon beim Ankommen auf dem Weg von Schönefeld zum Ostbahnhof gehörig ins Auge, weil Berufsehre, der hatte doch tatsächlich keine Zeiger an der
Kirchturmuhr! Oha, ganz schön fertig dieses Berlin dünkte mir, Sodom und Gomorrha dräuend keimte leise Hoffnung auf, dass sich daraus vielleicht noch etwas machen liesse. Dabei ist das Teil schon längst eine Kulturkirche und Event-orientiert und so fügte sich alles und halbwegs interessante Kunst dort und Vernissage-Häppchen da und natürlich orangefarbene Schals. Dazu für einen Hobbyzürcher quasi Heimspiel in der Ferne. Eine von mir angesprochene schwäbische Helferin konnte zwar keine Fragen beantworten, weil sie nur wusste, dass sie bis Samstag dort eingeteilt sei. Das hat sie mir freundlich gleich ein zweites Mal erklärt, als ich es mit einer anderen Frage probierte. Dafür konnte ich zwei unwissenden jungen Damen vor der Kirche erklären, wer der Mann mit Buch und Schwert sei, denn schliesslich würde ich den Kerl gut aus Zürich kennen, das ch dabei überdeutlich betonend. Den Namenspatron des Schuppens nicht mit einer kleinen Hirn-Kombi ausknobeln zu können, wunderte mich, vielleicht waren die beiden reine Paganen, wer weiss.
In der Kirche gab es ein Mobile beschnittener Portraits von Menschen verschiedener Kultur und Herkunft, ein weiteres Mobile mit brennenden Kerzen, verschieden grosse Lautsprecher wie Orgelpfeifen aufgestellt, welche man sitzend durch Beugen und Dehnen über die Kamera eines Computers steuern konnte
(ja, es kam Orgelmusik dabei raus). Es gab Roboter die in allen erdenklichen und im Internet auffindbaren Sprachen den Slogan des orangefarbenen Treffens repetierten, und noch so manch anderes Zeug, was ich weniger beachtete oder vielmehr nicht verstand. War auch nicht sooo wichtig, weil der Ausflug noch in eine Brachgemeinde auf dem Gelände des Ausbesserungswerkes der Deutschen Reichsbahn in Lichtenberg führen sollte, wo ein alter Bekannter den DJ gab und das ebenso alte Metallschrottherz zwischen zwei von einem Blitzschlag getroffenen Bäumen hing. Ohne zu schlagen zwar, dennoch als Symbol eindrücklich.
Das olle rostende Herz hing also wie eingewachsen und wurde zumindest an jenem Abend zur Kultstätte. Und Gott war DJ, wie so meist im Leben.
God is in the house.
Delikat Essen LXXI
Bitte um Mithilfe
Ein Herz aus Paprika
Es war im Winter 1982, als sich die Westberliner Luft mal wieder kaum vom Odeur der die Viermächte-Insel beinahe zu fest umschlingenden DDR unterschied. Smog-Alarm bei Inversionslage war an der Tagesordnung: «Achtung, Achtung, hier spricht die Berliner Polizei. Zur Zeit herrscht Smogalarm der Warnstufe 1 — vermeiden Sie anstrengende Tätigkeiten im Freien, halten Sie die Fenster geschlossen und verzichten sie auf Autofahrten» plärrte die surreal wirkende Botschaft aus den Lautsprechern der Polizeifahrzeuge. Die Kohleheizung via Allesbrenner oder Kachelofen war quasi Standard-de-Luxe, und ob nun Union oder Rekord kremiert wurde war den bodennahen Atmosphärenschichten total schnuppe. Drehte der Wind zudem auf Südost wurde es katarrhisch. Dunkel, dunkler, Berlin. Schwarz war sowieso en vogue, und Kreuzberg ein heimlich schwarzes Loch, welches Unmengen an Energie aufsog und verbrauchte, um ab und an einen irisierend funkelnden Neutronenstrahl ins Nirwana zu senden.
Im avantgardistischen Sprachlabor SO 36 an der Oranienstrasse waren Alexander von Borsig, Die Tödliche Doris und SPK angekündigt. Nice try! Alexander war ein talentierter, gerade siebzehnjähriger Krachmacher, Effektgeräte und Gitarre waren seine Werkzeuge. Mit Die Tödliche Doris hatte ich noch als Wessi durch deren Maxi „Sieben tödliche Unfälle im Haushalt“ eine Geistesverwandtschaft. Meine kleine Schwester war von jener Schallplatte tief fasziniert, auf der lakonisch vom ungemein banalen aber letalen Unglück berichtet wurde. Jene Artcombo benamte übrigens die damals stilbildende und unerhört frische Musik-Kategorie mit dem Terminus Geniale Dilettanten. Der Headliner SPK wurde als Sozialistisches Patienten Kollektiv, Surgical Penis Klinik und was auch immer in der Industrial Scene dechriffiert. Nicht ganz das Niveau von Klassenprimus Throbbing Gristle, nicht so brachial-germanisch wie die Einstürzenden Neubauten und auch kein antrainiertes Pathos à la Test Department, aber dennoch innovativ — war das noch industriell oder schon tänzelnder Echno? Und laut genossen tönten die synthetisierten Schallwellen mit einer enormen psychedelischen Wirkung dank Korg, Sampler & Co..
Down under rulez. Foetus, Swans, Severed Heads, Höhlennick, SPK.
Das Konzert selbst war fein, es steigerte sich konsequent über die beiden Vorgruppen bis zur Hauptattraktion. Alexander wurde noch mit Bierdosen beworfen, die Doris als Lokalmatador leidlich aktzeptiert und das ungeduldige Warten auf SPK fast endlos. Erstmal tüchtig anheizen, wa. Bloss der irrlichternde Typ neben mir drehte mehr und mehr ab, machte einen auf Pogo und suchte permanent Körperkontakt. Der hatte eindeutig die falsche Pille intus und bei seinen immer spastischer werdenden Zuckungen riss er mir absichtlich einen Knopf vom Ledermantel ab. Zugegeben, ich war selber auch nicht ganz nüchtern, doch überwog bei mir das transzendente Schwanken zwischen Irritation und Faszination, als der SPK-Frontmann seiner einen schwarzen Body tragenden Bühnenpartnerin mit einem blutigen Hammelschädel den Oberschenkel rauf und runter fuhr. Klar war der Schädel vom türkischen Schlachter ausm Kiez. Klar hinterliess das Spuren, nicht nur auf den Netzstrümpfen. Dazu der horrende Schallpegel, die übliche stark sauerstoffreduzierte SO 36-Luft und die angestrengte aber unbedingt aufrecht zu erhaltende eigene Coolness mit ihrer hoffentlich deeskalierenden Aussenwirkung. Fremdes Blut hatte ich im OP schliesslich schon genug gesehen.
All das war weit weg, doch als das Werbeplakat für Zweifel-Chips meine Netzhaut belichtete, kam die Erinnerung. Wie ein Herz aus Paprika! Vom limbischen System längst verbucht und in gewundenen Hirnlappen zwischengelagert. Das Internet aber dokumentiert alles routiniert. Wie radebrechte Problemtänzer Wolfgang Müller damals in der Echtwelt?
«Nylonstrümpfe werden steif durch getrocknetes Blu-ut.
Das Taktgefühl geht im Krieg verloren.
Lieber gar kein Herz, als ein Herz aus Paprika!»
Prophetisch poetisch.
Feierabend
Postkapitalismus
Winterthuristik
Winterthur ist die sechstgrösste Stadt der Eidgenossenschaft und nicht bloss ein Zürcher Vorort. Im Sommer baden die Nachtgänger in den Brunnen der Innenstadt und im einzig echten Fussballstadion im ganzen Kanton gibt es sowohl eine Sirup- wie Bierkurve. Der Flohmarkt ist legendär und das Fotomuseum berühmt. 2019 werden die Faustball-Weltmeisterschaften in Winti ausgetragen. Und dann gibt es noch die jährlich stattfindenden Internationalen Kurzfilmtage.
Wahl der Qual
Pokalpleite
Der FC Zürich steigt diese Saison mit dem Trostpflaster Coupe de Suisse ab. Nach einem 0-4 Heimdebakel gegen Finalgegner Lugano just in der Vorwoche wurden die Spieler von den Fans mit «Usse, Usse!» erst gar nicht in die Kurve gelassen, einige Anhänger erstürmten den Kabinentrakt, Müllcontainer wurden vom wütenden Mob auf Strassen gekippt und der Trainer noch geschwind entlassen. Nach dem Coup wurde der Kübel vom Kapitän nebst dem vom Spiel gezeichneten Stellvertreter in die während des Spieles weitgehend stumm gebliebenen Fankurve getragen.
Dem Tabellenletzten reichte dabei ein glückhaftes 1-0 gegen den Vorletzten aus dem Tessin, um der berüchtigten Südkurve ein Besänftigungsopfer darzubringen. Feierstimmung Fehlanzeige.
Pfingstwunder
Sammelwut
Panini nervt bekanntlich und die zweite Auflage eines zopfigen Schwingeralbums muss heuer trotz eidgenössischem Ritual auch nicht sein, aber da gibt es ja das engagierte Tschuttiheftli.
Ein eventueller Gewinn vom Bildchen-Verkauf wird Terre des Hommes gespendet und neben den teilweise hübsch verfremdeten Spielersujets sind zusätzlich lustige Einweg-Tattoos eingetütet! Da läuft die Hopfenblüte für die Tschechen, ein Einhorn für Island und Manneken Pis für Belgien auf.
Allein in Berlin/D fehlt bislang anscheinend noch eine Sammel-Dependance…
L’art est mort. Vive DADA!
Klimawandel
Der Stadtzürcher Orgelbeauftragte testierte anlässlich der jährlich anstehenden Auswertung von Temperatur und Luftfeuchtigkeit im jakobinischen Kirchenraum periodisch wiederkehrende Muster, welche nicht mit den handelsüblichen Gottesdiensten korrelierten.

http://youtu.be/54el7hLCmyw
Ringelpietz mit Anfassen macht warm und feucht plus Aufwind.
Schnittchen
Seit 20 Jahren glättet die KLEINE KAPELLE Tanzsäle international:
http://youtu.be/7NyZlhLmOQQ






















