Schnellmerkervermarkter Migros wildert wiedermal im Windschatten:
Erstens spriessen die Currybuden in der Deutschschweiz schon längst wie Pilze aus dem Boden, zweitens heisst das stullenmässige Schrippe und drittens ist fraglich, ob Wurstcurry tatsächlich das Beste aus Berlin ist.
Nahe der Bestform und aus Bestberlin aber ist Die Kleine Kapelle und die spielt am 24. August in Berlin-Kreuzberg zum allerletzten Mal vor dem Weltuntergang für die Öffentlichkeit zum Tanz auf. Paninaro, oh oh oh!
Analog zur Uhrenbranche gelingt den bauernschlauen Eidgenossen mit einer gut abgekupferten und vorwiegend durch eintönige, aber hörige Landeier kommerziell sehr erfolgreichen Massenbespassung das Original zu übertreffen. Während die teutonische Ausführung heimatlos geworden einer Art Endlösung zugeführt wurde, ist die hiesige Gute-Laune-Bewegung ein traditioneller Bestandteil der konsumorientierten Erlebnisgesellschaft und offenbart bei der Sponsoren-Auswahl richtig guten Geschmack:
Auto und Wurst gehypt von Sextoys alimentieren die Züri Fleischbeschau
Wobei mir beim Nachrechnen schon auffällt, dass der Autohändler nach eigener Anschauung tatsächlich den grössten Gebrauchtwagenmarkt im Umland führt und zumindest die legendäre Rostbratwurst Wiedikerli vom Keller Metzg frisch grilliert eine ausgesprochen gute Figur abgibt und dabei richtig gut schmeckt! Dass auf der Keller-Homepage die aktuellen Schlachtviehpreise verlautbart werden, hat zudem einfach Stil…
In Sachen Sexshop kann ich keine Zeugenaussage tätigen und lediglich vermerken, dass Wollerau (jwd) im steuerbegünstigten Kanton Schwyz liegt und ein Herr Federer genau dort eine Niederlassungsbewilligung hat.
Die Spitzenposition auf der nach oben offenen Hassobjektskala der zugezogenen Eingeborenen nimmt in Berlin turnusgemäss der allgemeine Tourist noch vor dem gemeinen Schwaben ein. Jetzt wird zurückberlinert!
Infolge der exportorientierten Nachwehen der Französischen Revolution wurde die Eidgenossenschaft 1798 als Tochterrepublik zur zeitweiligen Helvetischen Republik erkoren. England, Österreich und Russland jedoch stellten sich früh gegen den wachsenden Einfluss des post-revolutionären Frankreichs in Mitteleuropa. Mit einer Zangenbewegung von Zürich bis zur Innerschweiz sollte eine austro-russische Streitmacht die französischen Besatzungs-Truppen im Schweizer Mittelland knacken.
Nachdem bereits vor Zürich ein Teil der Koalitionsarmee den Franzosen unterlag, setzten sich die von Süden über den Gotthard kommenden 20.000 Russen unter General Suworow schleunigst über die Alpenpässe Chinzigpass (2073), Pragelpass (1550) und Panixerpass (2407!) unter starken Rückzugsgefechten verlust- aber erfolgreich nach Vorarlberg ab. Der militärisch wirkungslos gebliebene Marsch hinterliess in den ohnehin schon ärmlichen Talschaften zwar eine Spur der Verwüstung, bis heute aber auch einen ziemlichen Eindruck.
Auf dem Gotthardpass erinnert zum 200-jährigen Jubiläum seit 1999 ein Reiterstandbild an die missglückte russische Hilfsbereitschaft:
Trotz jenes Fehlschlages blieb die Eidgenössisch-Russische Freundschaft seitdem unverbrüchlich, und so vertrieb sich einst ein gewisser Vladimir Ilyitch Lenin während seiner Zürcher Zeit die selbige gerne mit einer Partie Schach gegen den Vater meines Nachbarn Walter.
Damit jedoch das mit der Befreiung beim nächsten Mal dann besser klappt, werden russische Gebirgsjäger heutzutage ganz offiziell gleich in der alpinen Realität der Schweiz ausgebildet. Pojechali!
Während HMS Ocean, Grossbritanniens grösstes Kriegsschiff, ein Wende- und Anlegemanöver auf der Themse mitten in London vollführt, formiert sich die Crew des Helikopterträgers zu den Olympischen Ringen auf Deck.
Kragenhochsteller Eric Cantona huldigt auf dem Revolutionssender ARTE fünf kickenden Rebellen. Selbst die recht pathetisch wirkenden ständigen Grossaufnahmen der Cantonaschen Mimik mindern die beeindruckenden Geschichten abseits aller sonst üblichen Pass- und Laufwege keineswegs.
Direkt wohltuend ist die Botschaft, dass das Massenphänomen Fussball nicht nur der reinen Profitmaximierung dient, sondern — geschickt eingesetzt — das politische Bewusstsein aktiv fördern und prägen kann.
Heute in zwei Jahren ist Samstag und in Brasilia spielt Deutschland um Platz 3. Während des Turniers müssen dann nicht nur die europäischen Sofa-Coaches konditionsstark sein, sondern auch all die Corso-Fahrer, die wieder jedes noch so öde gewonnene Gruppenspiel im frühmorgendlichen Berufsverkehr behupen.
Bei der völlig nervend gehypten und billiges, aber teuer verkauftes Bier ausdünstenden Massenpsychose wäre doch wieder eine Veranstaltung im pazifischen Raum wünschenswert, so wie anno 2002, als sich nur die wirklichen Müßiggänger Liebhaber des gepflegten Balles bei frischen Croissants morgens um Acht im Strassencafé profund und schlagfertig anlässlich des Pflichtspiels USA gegen Mexiko austauschten.
Ick sitz an‘ Tisch und esse Klops
uff eenmal klopts.
Ick kieke, staune, wundre mir,
Uff eenmal jeht se uff, die Tür!
Nanu, denk ick, ick denk nanu,
Jetz is se uff, erst war se zu.
Ick jehe raus und kieke
Und wer steht draußen? – Icke.
(Entnommen aus: Ewald Harndt, „Französisch im Berliner Jargon“, Verlag Das Neue Berlin, 1990)
In seiner teutonischen Sommerfrische ist dem Hobbyschweizer nun um einiges wohler, da er nicht mehr von dem dumpfen Sieg-Heil-Gegröle tetosterongesteuerterer Blödmänner belästigt wird. 2006 noch irritierte die schwarzrotgeile Scheinheiligkeit, mittlerweile ist die entschieden zu dick aufgetragene Deutschtümelei bestenfalls unfreiwillig komisch.