Feuer, Rauch und Krach:
Abdankung
Danke schaffte es 1963 in die Deutschen Hitparade. Gerne trällerte ich bereits im Kindergarten dieses vermeintlich schlichte Liedchen. Dank der Christoph-Marthaler-Singgruppe wurde hier früher schon in ganzer epischer Breite gedankt — nun hat der Komponist leider abgedankt.
Danke.
https://youtu.be/PBM9VP1hHQ4
Text und Musik: Martin Gotthard Schneider 1930-2017
Ein Herz aus Paprika
Es war im Winter 1982, als sich die Westberliner Luft mal wieder kaum vom Odeur der die Viermächte-Insel beinahe zu fest umschlingenden DDR unterschied. Smog-Alarm bei Inversionslage war an der Tagesordnung: «Achtung, Achtung, hier spricht die Berliner Polizei. Zur Zeit herrscht Smogalarm der Warnstufe 1 — vermeiden Sie anstrengende Tätigkeiten im Freien, halten Sie die Fenster geschlossen und verzichten sie auf Autofahrten» plärrte die surreal wirkende Botschaft aus den Lautsprechern der Polizeifahrzeuge. Die Kohleheizung via Allesbrenner oder Kachelofen war quasi Standard-de-Luxe, und ob nun Union oder Rekord kremiert wurde war den bodennahen Atmosphärenschichten total schnuppe. Drehte der Wind zudem auf Südost wurde es katarrhisch. Dunkel, dunkler, Berlin. Schwarz war sowieso en vogue, und Kreuzberg ein heimlich schwarzes Loch, welches Unmengen an Energie aufsog und verbrauchte, um ab und an einen irisierend funkelnden Neutronenstrahl ins Nirwana zu senden.
Im avantgardistischen Sprachlabor SO 36 an der Oranienstrasse waren Alexander von Borsig, Die Tödliche Doris und SPK angekündigt. Nice try! Alexander war ein talentierter, gerade siebzehnjähriger Krachmacher, Effektgeräte und Gitarre waren seine Werkzeuge. Mit Die Tödliche Doris hatte ich noch als Wessi durch deren Maxi „Sieben tödliche Unfälle im Haushalt“ eine Geistesverwandtschaft. Meine kleine Schwester war von jener Schallplatte tief fasziniert, auf der lakonisch vom ungemein banalen aber letalen Unglück berichtet wurde. Jene Artcombo benamte übrigens die damals stilbildende und unerhört frische Musik-Kategorie mit dem Terminus Geniale Dilettanten. Der Headliner SPK wurde als Sozialistisches Patienten Kollektiv, Surgical Penis Klinik und was auch immer in der Industrial Scene dechriffiert. Nicht ganz das Niveau von Klassenprimus Throbbing Gristle, nicht so brachial-germanisch wie die Einstürzenden Neubauten und auch kein antrainiertes Pathos à la Test Department, aber dennoch innovativ — war das noch industriell oder schon tänzelnder Echno? Und laut genossen tönten die synthetisierten Schallwellen mit einer enormen psychedelischen Wirkung dank Korg, Sampler & Co..
Down under rulez. Foetus, Swans, Severed Heads, Höhlennick, SPK.
Das Konzert selbst war fein, es steigerte sich konsequent über die beiden Vorgruppen bis zur Hauptattraktion. Alexander wurde noch mit Bierdosen beworfen, die Doris als Lokalmatador leidlich akzeptiert und das ungeduldige Warten auf SPK fast endlos. Erstmal tüchtig anheizen, wa. Bloss der irrlichternde Typ neben mir drehte mehr und mehr ab, machte einen auf Pogo und suchte permanent Körperkontakt. Der hatte eindeutig die falsche Pille intus und bei seinen immer spastischer werdenden Zuckungen riss er mir absichtlich einen Knopf vom Ledermantel ab. Zugegeben, ich war selber auch nicht ganz nüchtern, doch überwog bei mir das transzendente Schwanken zwischen Irritation und Faszination, als der SPK-Frontmann seiner einen schwarzen Body tragenden Bühnenpartnerin mit einem blutigen Hammelschädel den Oberschenkel rauf und runter fuhr. Klar war der Schädel vom türkischen Schlachter ausm Kiez. Klar hinterliess das Spuren, nicht nur auf den Netzstrümpfen. Dazu der horrende Schallpegel, die übliche stark sauerstoffreduzierte SO 36-Luft und die angestrengte aber unbedingt aufrecht zu erhaltende eigene Coolness mit ihrer hoffentlich deeskalierenden Aussenwirkung. Fremdes Blut hatte ich im OP schliesslich schon genug gesehen.
All das war weit weg, doch als das Werbeplakat für Zweifel-Chips meine Netzhaut belichtete, kam die Erinnerung. Wie ein Herz aus Paprika! Vom limbischen System längst verbucht und in gewundenen Hirnlappen zwischengelagert. Das Internet aber dokumentiert alles routiniert. Wie radebrechte Problemtänzer Wolfgang Müller damals in der Echtwelt?
«Nylonstrümpfe werden steif durch getrocknetes Blu-ut.
Das Taktgefühl geht im Krieg verloren.
Lieber gar kein Herz, als ein Herz aus Paprika!»
Prophetisch poetisch.
Delikat Essen LXX
Altbackenes auf Züri Tirggel:
Trumpification
Feierabend
Elendskitsch
«How I can help raising consciousness through art?!»
Der inzwischen internationale Kunstprovinzialismus hat nun auch den Jakob Downtown Switzerland erreicht. Die lauthals verkündete Schweizer Premiere von The Space In Between von und mit Marina Abramović versucht mit einer funkelnden Mischung aus grauenhaftem Menschenmitleid und einer schon leicht abgestandenen Schamanen-Atmosphäre die Anerkennung der spirituell dürstenden Kunstszene zu erlangen. Abramovićs edler Elendskitsch spielt mit dem nichtwissenden, halbgebildeten und desorientierten westlichen Kunstinteressierten. Das vorgebliche Anliegen wird missbraucht, um Kunst (und Geld) zu machen und die Kunst wird missbraucht, um den Missbrauch zu beschönigen.
Schöner Schein
Kritiker und Betrachter fallen gerne auf diese Scharlatanin herein. In ihrer Arbeit Konzentration und Intensität zu sehen, ist wie in Toastscheiben oder Weizenfeldern das Gesicht Marias zu entdecken. Es ist diese Naivität der Betrachter, die Abramović benutzt, um ihre Produkt-Ideen, die aussehen wie Kunst, zu verkaufen. Sie strahlt dabei eine professionelle Sicherheit aus, denn sie weiss, in der internationalen Kunstszene wird schon lange nicht mehr, wie auch in der seit 500 Jahren Offenen Kirche, intensiv und kritisch hinterfragt.
Dabei steht in jedem Kaufhaus in New York, London oder Berlin heute sowieso ein Buddha im Schaufenster…
Postkapitalismus
Mattertag
Dene wos guet geit
giengs besser
giengs dene besser
wos weniger guet geit
was aber nid geit
ohni dass’s dene
weniger guet geit
wos guet geit
drum geit weni
für dass es dene
besser geit
wos weniger guet geit
und drum geits o
dene nid besser
wos guet geit.
Manni Matter (1936-1972)
Delikat Essen LXIX
Winterthuristik
Winterthur ist die sechstgrösste Stadt der Eidgenossenschaft und nicht bloss ein Zürcher Vorort. Im Sommer baden die Nachtgänger in den Brunnen der Innenstadt und im einzig echten Fussballstadion im ganzen Kanton gibt es sowohl eine Sirup- wie Bierkurve. Der Flohmarkt ist legendär und das Fotomuseum berühmt. 2019 werden die Faustball-Weltmeisterschaften in Winti ausgetragen. Und dann gibt es noch die jährlich stattfindenden Internationalen Kurzfilmtage.
Wahl der Qual
время
Während der beiden grossen Weltkriege wurde in Europa testweise die Sommerzeit
eingeführt, da man sich diffus Einsparungen erhoffte. Beide Male blieb es bei kurzfristigen Versuchen, erst im Verlauf der Ölkrisen von 1973 und 1979 wurde wieder verstärkt über den vermuteten Effekt von Energieeinsparung durch die Sommerzeit fantasiert. Zum Leid von Eltern, Bauern und Verkehrsbetrieben wurde dieser alljährlichen Qual schliesslich leider europaweit stattgegeben. Feierabendhedonisten und Gastroindustrie dieweil frönen freudig dem lukrativen Mehrlicht.
Ach, liefe die Zeit doch beständig wie bei den Reussen, immer im Winterbetrieb Normalturnus und ohne irritierende Turbulenzen von viel zu früh oder viel zu dunkel.
O du goldigs Sünneli
Ab in die Sonnenstube Helvetiens, um noch vor dem Fahrplanwechsel die dann alte Gotthardstrecke mit ihren vier Tunnelkehren zu befahren. Randvoll ist der Zug, viel graues Haar, GA-Besitzer und Tagesausflügler nutzen das auf der Alpensüdseite vielversprechende Wetter. Da heisst es zunächst mit der Holzklasse Vorlieb zu nehmen; Klappsitze im Veloabteil. Zwei Seniorinnen stossen aus Platzmangel hinzu. Sie seien auf einen Kaffee in Locarno verabredet, ausser Handtaschen kein Ballast. Sie machen das oft und gerne und immer zusammen. GA rulez.
Noch im Kanton Schwyz endlich gepolsterter Platz und eine neue, sehr fidele Pensionäresgruppe gesellt sich zu mir. Schenkelklopfend werden Witze lauthals herumgereicht und selbst schlüpfriger Humor mit einem etwas senilen Nachgeschmack tritt leider viel zu offen zu Tage. Die detaillierten Kranken- und Leidensgeschichten der Partner werden ausgetauscht, als überraschend festgestellt wird, dass alle bereits verwitwet sind. Hier ein Krebs, dort eine Querschnittslähmung und da ein mehrjähriges Koma. Aber lustig haben sie es trotzdem, c´est la vie und bei der Kirche von Wassen kommt es tatsächlich zu einer leibhaftigen Parodie von Emils Humoreske: permanent wird das Handy genau im falschen Moment gezückt, um das Bild für den Fotochip festzuhalten. Dafür kommt der Mahnstein von Göschenen direkt vor dem Gotthardmassiv in den Blick:

Bahnhof Göschenen: ehemaliges Aufzugsgebäude für den Auto-Verlad, Text von Sonja Kreis (2007)
Natürlich wirkt der Text direkt an der alpinen Wetterscheide viel stärker als im Flachland; schon der Blick auf die Berglandschaft mit den tief hängende Wolken verursacht Gedanken an Wetter und Witterung oberhalb der Baumgrenze und wie Menschen überhaupt mit dem gewaltigen Berg eine Symbiose eingehen können.
I am the passenger, and I ride and I ride.
Kurz nach dem Gedicht die im Vergleich zur Autofahrt kurz wirkende und dabei fast genau so lange Tunnelpassage und dann liegt das Tessin sonnendurchflutet vor uns, der Ticino etwas arg seicht in seinem Bett, die Bergspitzen erscheinen erst ganz zart überzuckert und die Reisgruppe schmiedet Pläne für das anstehende Mittagessen. Lugano oder Locarno? Chiasso ist mir zu grenzwertig und Chico d´Oro zu abwegig. Lugano ist Endstation, basta. Herzlich auflachen muss ich beim Verlassen des Neigezuges, als ich Manni Matter als dessen Namenspatron entziffere — Hemmige, passt.
Die Hälfte der Herde ist bereits in Bellinzona in Richtung Laggio Maggiore ausgeschert, trotzdem wirkt es wie eine Deutschschweizer Ausflugsdemo, als wir die Station Lugano in Richtung Centro verlassen. Altstadt, Piazza und Seepromenade, dazu 20 Grad. Schön, schöner, Italia. Lecker ist es sowieso und dazu gibt es ein paar grotesk gealterte Ansichtskarten, die den Charme des Rentnerparadieses auch farblich perfekt auf den Punkt bringen und als spätsommerlicher Gruss umgehend an die Daheimgebliebenen verschickt werden.

Tapeziert und banskyhaft verfremdet: Luganeser Tunnel am Bahnhof
Retour gehts mit dem Regionalexpress, mehr Stationen, weniger Leute. Zunächst. An jedem Halt steigen mehr Menschen zu, Kurzurlauber, Familien, Feierabend habende. Bis Zürich HB ist alles gut gefüllt. Das Licht Richtung Norden ganz anders als auf dem Hinweg, nicht ganz so verheissungsvoll, dafür blauer.
Nächstes Mal dann Halt auf dem Berg mit Besuch im Herz der Schweiz.
Shit happens
from A to Z
Hass hilft
Alfabet
Adolf Hitler, dem sein Bart
Ist von ganz besondrer Art.
Kinder, da ist etwas faul:
Ein so kleiner Bart und ein so großes Maul.Balthasar war Bürstenbinder
Der hatte 27 Kinder
Die banden alle Bürsten.
Sie lebten nicht wie die Fürsten.Christine hatte eine Schürze
Die war von besonderer Kürze.
Sie hing sie nach hinten, sozusagen
Als Matrosenkragen.Die Dichter und die Denker
Holt in Deutschland der Henker.
Scheinen Mond und Sterne nicht
Ist die Kerze das einzige Licht.Eventuell bekommst du Eis
Heißt, daß man es noch nicht weiß.
Eventuell ist überall
Besser als auf keinen Fall.Ford hat ein Auto gebaut
Das fährt ein wenig laut.
Es ist nicht wasserdicht
Und fährt auch manchmal nicht.Gehorsam ist ein großes Wort
Meistens heißt es noch: Sofort.
Gern haben’s die Herrn.
Der Knecht hat’s nicht so gern.Hindenburg war ein schlechter General
Sein Krieg nahm ein böses Ende.
Die Deutschen sagten: Teufel noch mal
Den machen wir zum Präsidente.Indien ist ein reiches Land.
Die Engländer stehlen dort allerhand.
Die Leute in Indien
Müssen sich drein findien.Katzen sind, wenn sie geboren
Werden, meistens schon verloren.
Da man sie in Wasser hängt
Werden sie ertränkt.Luise heulte immer gleich.
Der Gärtner grub einen kleinen Teich.
Da kamen alle Tränen hinein:
Ein Frosch schwamm drin mit kühlem Bein.Mariechen auf der Mauer stund
Sie hatte Angst vor einem Hund.
Der Hund hatte Angst vor der Marie
Weil sie immer so laut schrie.Neugieriges Lieschen
Fand ein Radieschen
In Tantes Klavier.
Das Radieschen gehörte ihr.Oben im Himmel
Ist ein schwarzer Schimmel
Den zieht der liebe Gott.
Der Schimmel schreit: Hüh! Hott!Pfingsten
Sind die Geschenke am geringsten.
Während Geburtstag, Ostern und Weihnachten
Etwas einbrachten.Quallen im Sund
Sind kein schöner Fund.
Die roten beißen.
Aber man soll keinen Stein drauf schmeißen.
(Weil sie sonst reißen.)Reicher Mann und armer Mann
Standen da und sahn sich an.
Und der Arme sagte bleich:
Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.Steff sitzt lang auf dem Abort
Denn er nimmt ein Buch nach dort.
Ist das Buch dann dick
Kommt er erst am nächsten Tag zurück.Tom hat einen Hut aus Holz.
Auf den ist er schrecklich stolz.
Er hat ein Nudelbrett aufs Klavier gelegt
Und ihn ausgesägt.Uhren wirft man nicht in die See.
Es tut ihnen zwar nicht weh
Sie können nur nicht schwimmen
Und werden danach nicht mehr stimmen.Veilchen stellt ein braves Kind
In ein Glas, wenn es sie find’t.
Findet sie jedoch die Kuh
Frißt sie sie und schmatzt dazu.Wie bös man’s mit dir meint
Darfst eines nicht vergessen:
Wenn der Rettich nicht weint
Wird er auch nicht gefressen.Xanthippe sprach zu Sokrates:
„Du bist schon wieder blau?“
Er sprach: „Bist du auch sicher des?“
Er gilt noch heut als Philosoph
Und sie als böse Frau.Ypern in Flandern
1917
Mancher, der diesen Ort gesehn
Sah nie mehr einen andern.Zwei Knaben stiegen auf eine Leiter
Der obere war etwas gescheiter.
Der untere war etwas dumm.
Auf einmal fiel die Leiter um.
Bertolt Brecht, 1934
Aus: Gedichte 1933-1938
In: Gesammelte Gedichte, Band 2, Frankfurt 1976
Gewissensbisse
Ein weisser T3 Minibus inkusive am Dach angebrachter Ausleger für Licht- und Tonanlage reicht völlig, um an das Gewissen zu appellieren. Das ambulantes Strassentheater von Laura Huonker und ihrer Kleincompagnie «rock the babies» verhandelt mit ihrem Rollenden Gewissen und minimer Technik beeindruckende Szenen zum Thema Was ist das Gewissen?
Ein auf dem Wagendach thronendes Supergewissen, das fragmentarische vorgetragene Sätze erst gar zu Ende spricht, sondern dem Publikum Platz lässt für eventuell lückenfüllende Gewissensbisse eröffnet den munteren Reigen der Gewissensfragen. Im Kleinbus zuvor aufgezeichnete Interviews mit Passanten zum Generalthema Was-Wo-Wie-Warum-Wann-Gewissen werden als Zwischenszenen projiziert. Es geht um Sexismus, Manipulation, Gewissenskonflikt. Eine Spieluhr klimpert den Lennon-Song Imagine, während auf einem Overheadprojektor Bilder gezeichnet, anschliessend mit Verdünner und Pfauenfeder modifiziert bis hin zur völligen Unkenntlichkeit immer mehr verwischt werden. Gewissensauslöschung. Dann tauchen die unbeantwortbaren Fragen der unsäglichen Gewissensprüfung bundesdeutscher Wehrdienstverweigerer wieder auf, «Was würden sie machen, wenn Wald, Russe, Freundin». Originalaussagen von Adolf Eichmann und Lance Armstrong bieten ein dokumentarisches Stelldichein, welches von den zutiefst ehrlich wirkenden Interviewschnipseln wiederum konterkariert wird. Eine systembedingte Gewissenslosigkeit wird offenbar und das Ganze mündet in dem Verweis auf die Tragödie von Antigone, die vom Gewissen getrieben Suizid begeht.
Das da capo vom rührseligen Imagine umrahmt die finale Wiederholung aller gestellten Interviewfragen, und nach dem Schlussapplaus wird verlautbart, dass dies ein weiterhin offenes Projekt sei, dass der Gewissensbus weiterziehe, weiter Fragen stelle, um unser aller Gewissen möglichst umfassend abbilden zu können.
Eine starke Vorstellung. Und Mona Petri ist einfach toll!
I hope someday you’ll join us
And the world will live as one
Kapitalion
Walter Benjamin (gestorben 1940 auf der Flucht vor den Nazis, im spanischen Grenzort Port Bou) war ein deutscher Philosoph, Kulturkritiker und Übersetzer der Werke von Balzac, Baudelaire und Marcel Proust.
Das folgende Fragment stammt aus dem Jahre 1921 und behandelt die Parallelen und Unterschiede zwischen Kapitalismus und Religion in der Moderne.
Im Kapitalismus ist eine Religion zu erblicken, d.h. der Kapitalismus dient essentiell der Befriedigung derselben Sorgen, Qualen, Unruhen, auf die ehemals die so genannten Religionen Antwort gaben. Der Nachweis dieser religiösen Struktur des Kapitalismus, nicht nur, wie Weber meint, als eines religiös bedingten Gebildes, sondern als einer essentiell religiösen Erscheinung, würde heute noch auf den Abweg einer maßlosen Universalpolemik führen. Wir können das Netz in dem wir stehen nicht zuziehn. Später wird dies jedoch überblickt werden.
Drei Züge jedoch sind schon in der Gegenwart an dieser religiösen Struktur des Kapitalismus erkennbar. Erstens ist der Kapitalismus eine reine Kultreligion, vielleicht die extremste, die es je gegeben hat. Es hat in ihm alles nur unmittelbar mit Beziehung auf den Kultus Bedeutung, er kennt keine spezielle Dogmatik, keine Theologie. Der Utilitarismus gewinnt unter diesem Gesichtspunkt seine religiöse Färbung. Mit dieser Konkretion des Kultus hängt ein zweiter Zug des Kapitalismus zusammen: die permanente Dauer des Kultus. Der Kapitalismus ist die Zelebrierung eines Kultes sans rêve et sans merci. Es gibt da keinen „Wochentag“, keinen Tag der nicht Festtag in dem fürchterlichen Sinne der Entfaltung allen sakralen Pompes, der äußersten Anspannung des Verehrenden wäre. Dieser Kultus ist zum dritten verschuldend. Der Kapitalismus ist vermutlich der erste Fall eines nicht entsühnenden, sondern verschuldenden Kultus. Hierin steht dieses Religionssystem im Sturz einer ungeheuren Bewegung. Ein ungeheures Schuldbewußtsein das sich nicht zu entsühnen weiß, greift zum Kultus, um in ihm diese Schuld nicht zu sühnen, sondern universal zu machen, dem Bewußtsein sie einzuhämmern und endlich und vor allem den Gott selbst in diese Schuld einzubegreifen, um endlich ihn selbst an der Entsühnung zu interessieren.
Diese ist hier also nicht im Kultus selbst zu erwarten, noch auch in der Reformation dieser Religion, die an etwas Sicheres in ihr sich müßte halten können, noch in der Absage an sie. Es liegt im Wesen dieser religiösen Bewegung, welche der Kapitalismus ist, das Aushalten bis ans Ende, bis an die endliche völlige Verschuldung Gottes, den erreichten Weltzustand der Verzweiflung auf die gerade noch gehofft wird. Darin liegt das historisch Unerhörte des Kapitalismus, daß Religion nicht mehr Reform des Seins sondern dessen Zertrümmerung ist. Die Ausweitung der Verzweiflung zum religiösen Weltzustand aus dem die Heilung zu erwarten sei. Gottes Transzendenz ist gefallen. Aber er ist nicht tot, er ist ins Menschenschicksal einbezogen. Dieser Durchgang des Planeten Mensch durch das Haus der Verzweiflung in der absoluten Einsamkeit seiner Bahn ist das Ethos das Nietzsche bestimmt. Dieser Mensch ist der Übermensch, der erste der die kapitalistische Religion erkennend zu erfüllen beginnt. Ihr vierter Zug ist, daß ihr Gott verheimlicht werden muß, erst im Zenith seiner Verschuldung angesprochen werden darf. Der Kultus wird von einer ungereiften Gottheit zelebriert, jede Vorstellung, jeder Gedanke an sie verletzt das Geheimnis ihrer Reife.
Die Freudsche Theorie gehört auch zur Priesterherrschaft von diesem Kult. Sie ist ganz kapitalistisch gedacht. Das Verdrängte, die sündige Vorstellung, ist aus tiefster, noch zu durchleuchtender Analogie das Kapital, welches die Hölle des Unbewußten verzinst. Der Typus des kapitalistischen religiösen Denkens findet sich großartig in der Philosophie Nietzsches ausgesprochen. Der Gedanke des Übermenschen verlegt den apokalyptischen „Sprung“ nicht in die Umkehr, Sühne, Reinigung, Buße, sondern in die scheinbar stetige, in der letzten Spanne aber sprengende, diskontinuierliche Steigerung. Daher sind Steigerung und Entwicklung im Sinne des „non facit saltum“ unvereinbar. Der Übermensch ist der ohne Umkehr angelangte, der durch den Himmel durchgewachsne, historische Mensch. Diese Sprengung des Himmels durch gesteigerte Menschhaftigkeit, die religiös (auch für Nietzsche) Verschuldung ist und bleibt, hat Nietzsche präjudiziert.
Und ähnlich Marx: der nicht umkehrende Kapitalismus wird mit Zins und Zinseszins, als welche Funktion der Schuld (siehe die dämonische Zweideutigkeit dieses Begriffs) sind, Sozialismus.
(aus: Walter Benjamin: Kapitalismus als Religion [Fragment], in: Gesammelte Schriften, Hrsg.: Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, 7 Bde, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1. Auflage, 1991, Bd. VI, S. 100 – 102)
Lagerkoller
Löcherberg, Bärbelsbach, Lottereck, Hinterspring, Kirchloch, Überskopf, Mülbensattel, Kostspring, Holdersgrund, Hirschsprung, In den Mauern, Spinnersberg, Kreuzkopf, Holzhau, Bästenbach, Im Berg, Seebächle, Freiersberg, In den Gassen, Holchen, Hirziglenzeneck, Hinterfreiersbach.
Schon auf der Anreise bergan bei heissem Sommerwetter fällt mir die Fahne von S04 vor einem kinderreichen Haus auf. Schalke im Schwarzwald? Man muss schon etwas genauer hinschauen, um sie nicht mit der farbengleichen KSC-Standarte zu verwechseln, welche im Badischen Land natürlich eindeutig in der Überzahl ist. Schön und gut und fast schon sympathisch neben regionalen, nationalen und dem beider Bundesbranchenführer mal ein anderes Vereinssymbol ins Sehfeld zu bekommen. Den grössten Jungen vorm Haus frage ich keuchend nach dem Weg und ob der noch weit sei. Am nächsten Tag inspiziere ich die Fahne dann gründlich. Unleserlich hängt sie eher schlaff am Mast. Beim Frühstück frage ich mich noch, ob es nicht eine der Hitze geschuldete Fata Morgana und vielleicht doch das nordbadische Vereinswappen sei. Der grosse Junge spielt mit seinen Geschwistern hinterm Haus, er erkennt mich und bestätigt, dass es keine optische Täuschung ist. Schal-keee – Schal-kee, Schal-keee – Schal-kee.
Im örtlichen Schwimmbad dann die erwartbar deftige Mischung: eingeborene Wilde, die an Festtischen mit stationärem Fastfood und Getränkekisten ein ausuferndes Geburtstagsfest feiern, dazwischen ordinäre Familienurlauber, dann wieder Ortsansässige, die ihre Tattoos offen zur Schau tragen, im Schatten ist ein Mann konzentriert in «Angelique und die Hoffnung» versunken.
Original Amazon-Kundenrezension:
Angelique wünscht sich zur Krönung ihrer Liebe zu Joffrey erneut ein Kind und kommt im schwülen Salem mit Zwillingen nieder.
Dort ereilt sie auch die Nachricht das ihr Erzfeind Pater D’Orgeval als Märtyrer bei den Indianern gestorben ist.
Es wird ausserdem die Geschichte um Ihre Kinder weitererzählt:
Ihre beiden ältesten Söhne die in Versailles dem König dienen, der noch immer hofft das Angelique eines Tages zurückkommt.
Und ihre kleien Tochter die in einem Kloster erzogen werden soll.
Doch ber all demn hängt noch immer der Schatten ihres großen Feindes. Ist er wirklich Tod?
[sic!]
Obendrein und mittenmang eine 50-köpfige Jugendgruppe aus Dorsten — Feriencamp St. Agatha steht neongelb auf einer Betreuerjacke. Langsam kommt mir alles wie ein riesiger Ruhrgebietsschlager vor. Keine Schalke-Handtücher, nur eines von der gelbschwarzen Konkurrenz. Aber: heranwachsende Mädchen fragen sich wie das nun heisst wo Schalke mitspielt. EM? Nein, weiss ein anderes Mädchen mit Zahnspange und dekliniert: EM, WM und DM. Immerhin, wichtig ist aufm Platz.
Zurück im Familienferienbiotop treffen sich die erholungssuchenden Erziehungsberechtigten nach der abendlichen Bettruhe ihrer allmählich verwildernden Brut am rustikalen Vespertisch hinterm Haus, um sich die prozenthaltige Beruhigungsmittel einzuflössen, welche für erholsamen Familienfrieden unabdinglich sind. Schliesslich ruft die fröhliche Kinderschar ab 7.30 Uhr pünktlich zum Morgenappell und will ihr Futter haben. Ein Teil jenes Futters wird dann (heimlich) für Ziegen, Ponies, Hasen und Katzen abgezweigt. Die Kleintiere geniessen offensichtlich völlig gelassen jenen Überfluss, welcher im Viertelstundentakt von immer wieder neuen Frühaufstehern durch ihre mitgebrachten Köstlichkeiten am versiegen gehindert wird. Mir schien eine der beiden Geissen trächtig zu sein, was aber die Bäuerin mit Hinweis auf die gute Kost lächelnd verneint. Die eigene Körpermitte wird derweil mit Klostergebräu gepflegt.















