Es begann alles mit dem glatten Bruch der Schneide vom Buttermesser, welches im Einsatz kurz nach 5 Uhr knallend überraschte. Das Ersatzwerkzeug noch frisch eingeschweisst und wie üblich derart scharf, dass ein Stück Fingerkuppe beim Rüsten der Marschverpflegung daran glauben musste. Schmerzhaft wie immer, wenn ein nagelneues Victorinox-Küchenmesser zur Einweihung einmal mehr nach einem Blutopfer verlangt.
Eine zweite Ermahnung dann kurz nach Abmarsch am Quellwasser gespeisten Trinkbrunnen (über 300 alleine in Zürich, dienen für den Notfall, falls Strom ausfällt) direkt an der Bähnlistation, aus dem das Wasser nurmehr sparsam tröpfelte und die Trinkflasche entgegen des üblichen Rituals nur zur Hälfte gefüllt werden konnte, bevor die lautstark piepende Barriere zur Weiterfahrt mahnte.
Schreck Nummer drei dann in einer Aufwachphase im wieder-in-den-Schlaf-wiegenden Zug kurz vor Bern. Strompech! Ohne ausreichende Akkukapazität wird die Tour kaum zu machen sein, GPS und Rega sind ziemlich starke Sauger und safety first. Dank intensivem Studium von diversen Fahrplänen wurde per goldenem Schnitt die Möglichkeit Interlaken lokalisiert, wo mit einem ungeplanten Zwischenstopp der Kauf einer Stromquelle mit lediglich einer knappen Stunde Zeitverlust quasi en passant möglich war. Wetterbedingungen immer Nummer eins bei der Planung. Akku gleich auf zwei. Dann erst Proviant und Kleidung.
Die zweite Hochdrucktour der Saison sollte also ins Berner Oberland oberhalb des nach Grindelwald führenden Tal der Lütschine gehen. Grossartige Panoramen nach unten und oben wären garantiert. Mit einer schmucken Zahnradbahn ging es in der Holzklasse für alle gemächlich auf die Schynige Platte. Mit dabei eine Omnibusladung Magyaren, die vergnügt ohne Unterlass feixten, quatschten und ihre unbeschwerte Fröhlichkeit als pensionsberechtigte Golden Ager im Urlaub ungeniert auslebten. Deren Fröhlichkeit war fast ansteckend, während der Mitfahrer direkt neben mir mit einem kleinen aber lärmenden Akku-Van eher irritierte. War das ein weiteres Zeichen?
Meinereiner stutzig zwar, doch weiter wohlgemut, unterstützt durch kurze Lichtblicke unterwegs, welche erste Ausblicke auf das Epizentrum vom Vortag und das imposante Dreigestirn gaben. Eine einladende Raststätte für ein eventuelles nächste Mal kam in Sicht, diverse Leasingobjekte lungerten wohlfeil in der Flora während die prima gealterte Zahnradbahn gemütlich weiter rumpelte.
Oben dann ein uriger Empfang ganz nach dem Geschmack vom Tourismusbureau. Sämtliche Mitfahrenden entzückt ob des heimeligen Willkommengrusses. Die Alphornisten posierten gutwillig für Selfies bevor sie die Instrumente für den nächsten Gruss ablegten. Die eine Hälfte der Zahnradreisenden schwenkte direkt nach links zur Buvette, die andere Hälfte nach rechts oben in den angelegten alpinen Garten.
Der dritte Weg führte über die Geleise geradewegs in die Hochnebel-Landschaft, erste Orientierung sollten laut Plan die hoffnungsvolle Blicke auf die Majestäten gegenüber geben. Ob sich der Hochnebel doch noch lichten würde? Eher trübe Aussichten oder war dies bereits Menetekel Nummer vier? Letzte Gondel talwärts 18 Uhr, ein Zeitvergleich mit dem GPS-Tracking bestätigte trotz aller Startschwierigkeiten immerhin zwei kleinere Pausen. Nach einem guten Stück Bergweg dann wieder Alphörner – interessant, tönt aus der Ferne fast besser und damit war klar, dass der nächste Zahnradexpress mit Tagesausflüglern angekommen war.
Der Pfad wieder einmal sehr steinig, dafür garniert mit allerlei Berg- und Talseen, an deren Türkis man sich nie wirklich satt sehen kann. Die umgebenden Bergwände erinnerten an Meeresgestade, doch sind bestimmt eher Wetter, Wind und Wasser in sämtlichen Aggregatszuständen für die sanft gezogenen Narben verantwortlich. Der felsig-spitze Untergrund lies zunehmend an der Schuhwahl zweifeln, Terrain verlangte eher stabile Ortler als den Renegade. Manko Nummer fünf schon.
Immerhin liess das Dreigestirn in Sichtweite während des unablässigen Schleiertanzes denselben kurzfristig fallen, was Freude pur erzeugte. Das Schreckhorn aus leicht anderer und versetzter Perspektive dagegen fast gewöhnlich, da es nur wenige Tage zuvor bereits durchs Bild lief. Die Höhensonne briet munter weiter, der Schritt zwar immer geschmeidig, doch allmählich nimmer ganz so trittsicher auf dem endlos losen Gestein.
Für die nötige Atempause wurde dann pünktlich zur Halbzeit eingekehrt, einfache Hütte auf 2.3 und da das gute Pfund von und mit Dr. Birchler noch immer sättigte, tat es eine zu kalte Cola, um den Blutzucker für den noch steileren zweiten Teil der Passage parallel in die Höhe zu treiben. Zugegeben leicht fahrlässig und etwas pervers. Das permanente Aufstossen während dem nächsten Teilstück sorgte nachträglich für ein ziemlich schlechtes Gewissen. Reiner Frevel, kommt mit auf die Liste auf Position sechs.
Weiter immer weiter, genau wie das Wetter immer mehr zu machte. Frühstart in den Bergen immer angesagt, weil am Nachmittag die Bewölkung tendenziell zunimmt. Doch der Zeitverlust wegen Strommangel konnte nie ganz wett gemacht werden. Die vermehrte Eintrübung sorgte für leichte Erzürnung, zumal der Balkonblick just hier versprochen war. Ein Sek-Lehrer mahnte zur Mässigung, Schicksal immer noch härter.
Mit 89 Wetter vermutlich besser. Der überflüssige Zorn wurde am Weg abgeleitet, ohne Stock gings weiter über Stein. Eins, zwei Munkenpfiffe waren hörbar, links ein Steinadler gerade noch zu erkennen, doch das Faulhorn weiter im Dunst.
Das Faulhorn wurde im 19. Jahrhundert als «Damengipfel» bezeichnet, weil es keine alpinistischen Schwierigkeiten bietet. Sein Name hat jedoch nichts mit der Faulheit zu tun (der Aufstieg ist nämlich trotz allem recht anstrengend), sondern geht auf die lockeren Gesteinsschichten aus Mergel und Schiefer («Fulen») zurück, aus denen der Berg besteht.n
Die bittere und nüchterne Erkenntnis, dass der Höhepunkt besser ausfallen würde wich der Freude über den Zeitgewinn gepaart mit dem insgeheimen Versprechen, dem Damengipfel ein anderes Mal die fällige Aufwartung zu machen. Dann aber sollte die kostbare Zeit etwas besser und v. a. korrekt eingeteilt werden. Auf der Mängelliste die Position Sieben.
Imponierend wie kurz nach der Passhöhe ein Velofahrer ohne Motor hoch strampelte, meine aufmunternd gemeinten Allez-allez-allez-Rufe tapfer ignorierend.
Das Ziel nun klar vor Augen, stramm den Bergweg schleifenförmig abwärts, dabei im freien Gelände möglichst schneidend, nur um die eine oder andere Sekunde fast wie bei der Frankreichrundfahrt emsig zu hamstern wurden die Entgegenkommenden immer auffälliger und mehr. Ausflügler mit Sneakern, weisse lange Kleider und ebensolche Schlaghosen, Fotodrohnen über lagernde Picknicks. Unsicher staksende Touristen auf kaum steilen Wiesen, Ahs und Ohs wenn die gegenläufigen Massen bauchnabelfrei den Bergsee erblickten.
Abgekämpft und durchgeschwitzt mit laktatgesättigter Muskulatur kam ich mir langsam selbst wie ein Alien vor. Kein freundliches Grüezi mehr, arabisch-indische Sprengsel hier, russische Jeunesse dorée floskelte dort – wo bin ich denn hier gelandet?
Die angepeilte Bergstation in Kilometerferne hatte die Antwort in Form einer Warteschlange parat. Den Skywalk besser rechts liegengelassen und so schnell wie möglich wurde die Gondel bestiegen und nichts wie weg. Später im Tal dann völlig irre – Massen schoben sich durch ein kitschiges Grindelwald, eindeutig Kulturschock. Die Wildheit, Schroffheit und Einsamkeit in der Bergwelt, ausgelöst durch schiere Distanz und nur für einen Tag ausgeliehen, verlor sich abrupt. Ein kurzer Stopp im Dorfladen wegen kulinarischer Andenken unterbrach den Trubel.
Die Pöstlerin am Bahnhof Grindelwald entgegnete auf die Frage, was denn hier los sei nur lapidar «Es ist einfach zuviel.» Sie wohne nicht in Grindelwood und wäre froh darüber. Dito, doch kam die letztliche Erkenntnis erst beim Heimwärtsschaukeln. Touri-Hotspot CH halt oft spektakulär und Schönheit liegt immer in den Augen der Betrachterin und wo viele Lifte, da auch viel Leute.














