Je suis Jakob

fortschreitende räude

him hanfang war das wort
hund das wort war bei gott
hund gott war das wort
hund das wort hist fleisch geworden
hund hat hunter huns gewohnt

him hanflang war das wort
hund das wort war blei flott
hund flott war das wort
hund das wort hist fleisch gewlorden
hund hat hunter huns gewlohnt

schim schanflang war das wort
schund das wort war blei flott
schund flott war das wort
schund das wort schist fleisch gewlorden
schund schat schunter schuns gewlohnt

schim schanschlang schar das wort
schlund schasch wort schar schlei schlott
schund flott war das wort
schund schasch fort schist schleisch schleschlorden
schund schat schlunter schluns scheschlohnt

s———————–c——————–h
s———————–c——————–h
schllls—————–c——————–h
flottsch

—> [ernst jandl]

Déjà-lu

Ein Schnurps grübelt

Also, es war einmal eine Zeit,
da war ich noch gar nicht da.
Da gab es schon Kinder, Häuser und Leut
und auch Papa und Mama
jeden für sich – bloß ohne mich!

Ich kann mir´s nicht denken. Das war gar nicht so,
Wo war ich denn, eh es mich gab?
Ich glaub, ich war einfach anderswo,
nur, dass ich´s vergessen hab,
weil die Erinnerung daran verschwimmt.
Ja, so war´s bestimmt!

Und einmal, das sagte der Vater heut,
ist jeder Mensch nicht mehr hier.
Alles gibt´s noch: Kinder, Häuser und Leut´,
auch die Sachen und Kleider von mir.
Das bleibt dann für sich
bloß ohne mich.

Aber ist man dann weg? Ist man einfach fort?
Nein, man geht nur woanders hin.
Ich glaube, ich bin dann halt wieder dort,
wo ich vorher gewesen bin.
Das fällt mir dann bestimmt wieder ein.
Ja, so wird es sein!

[Michael Ende]

Sprachkunst

Für 756 Pfannkuchen braucht man 22 Kilogramm Mehl und 189 Eier. Das zumindest erzählte Melinda Nadj Abonji anlässlich ihres Auftritts im St. Jakob, wobei sie geräuschvoll von Bals Nill unterstützt wurde.

Der soldatische Koch hatte aber nur 170 Eier zur Hand, und Probleme, die Eier zu trennen, hatte er auch, aber Befehl ist Befehl und befohlen waren 756 Pfannkuchen. Das Dilemma wurde nicht aufgelöst, vielleicht findet sich die Lösung im nächsten Buch von Frau Nadj Abonji, aus dem sie eben jenen humorigen Auszug vortrug.

Der Rest der Veranstaltung aber wurde ernst und zu einem linguistischen Seminar, indem anhand einer Bibelstelle der Glaube an das Wort thematisiert wurde. Auf Befehl glauben quasi. Obey-Thematik also. Sprache als Aktion, Sprache als Macht. Die Sprechaktheorie nach Austin besagt, dass man etwas tut, indem man etwas sagt («How to do things with Words»). Melinda zitierte in der Folge aus einem längeren Wortwechsel mit dem Philosophen Sreten Ugričić, dem Urheber von Meadyrade.

Mir schwirrte alsbald etwas der Kopf, weil zusätzlich Raumkontrolle und Zuspätkommer stören immer. Dazu mitten in der Vorlesung ein sanitärer Schaden im Kundenbereich, welcher zwar zu beheben war, doch die Konzentration blieb anschliessend im Orkus. Ausserdem waren drei Kleinkinder im Saal, die ich zwar mit einer Spielbox zu besänftigen versuchte, deren Langeweile aber offensichtlich ebenso gross wie die Kirche selbst war. So verpasste ich leider die Quintessenz des intellektuellen Diskurses und bekam nur noch mit, wie Melinda abschliessend sagte, wie sehr es ihr Spass mache, sich gerade in dieser Zeit mit Bibel-Texten sprachtheoretisch zu befassen. Amen.

So blieb mir die Erkenntnis, dass die Endorphinausschüttung diesmal besonders heftig ausfiel, weil das sonntägliche Zirkeltraining die kleinen grauen Zellen ungemein anregte. Fünf Blitzpartien im Online-Schach sind nichts dagegen und das übliche Lobpreisen und Beten ist nur blosse Litanei ohne das Hochfahren der Denkapparatur. Sprechen ist Handeln und Glaube versetzt Berge.

Ach ja, das 2010 zurecht preisgekröntes Buch der serbisch-ungarischen Schweizerin ist immer noch gut. Es geht darin um Entwurzelung und fast zur völligen Unsichtbarkeit führender Assimilation. Und sowieso stellt Jurczok1001 klar:

«Wir sind alle suchend, besorgt, ängstlich, voller Energie, wir schwitzen alle mehr oder weniger, und wir sind alle nicht wirklich zu Hause. Wir glauben nicht an den Schweizer, an den Jugo, sondern an offene Ohren. Wir glauben nicht an Information, sondern ans Zuhören, ans Erzählen. Und der Kopf, er kann selber denken. Und das Herz, es kann mitfühlen.» (http://daslebenistausland.net/)

Nächstenliebe

Es ist bemerkenswert, dass wir gerade von dem Menschen, den wir lieben am mindesten aussagen können, wie er sei.
Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen. Wir wissen, dass jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und dass aus dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lange Bekannte.

Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertig werden: weil wir sie lieben, solange wir sie lieben.

Unsere Meinung, dass wir das andere kennen, ist das Ende der Liebe, jedes Mal, aber Ursache und Wirkung liegen vielleicht anders, als wir anzunehmen versucht sind – nicht weil wir das andere kennen, geht unsere Liebe zu Ende, sondern umgekehrt: weil unsere Liebe zu Ende geht, weil ihre Kraft sich erschöpft hat, darum ist der Mensch fertig für uns. Er muss es sein. Wir können nicht mehr! Wir kündigen ihm die Bereitschaft, auf weitere Verwandlungen einzugehen. Wir verweigern ihm den Anspruch auf alles Lebendige, dass unfassbar bleibt, und zugleich sind wir verwundert und enttäuscht, dass unser Verhältnis nicht mehr lebendig sei.

„Du bist nicht“, sagt der Enttäuschte oder die Enttäuschte,“ wofür ich dich gehalten habe.“ Und wofür hat man sich gehalten? Für ein Geheimnis, das der Mensch ja immerhin ist, ein erregendes Rätsel, das anzuhalten wir müde geworden sind. Man macht sich ein Bildnis.

Das ist das Lieblose, der Verrat…

Max Frisch, Tagebuch, 1946-1949, Suhrkamp Verlag, 1958, S.31-34

Sprachwissenschaft

Is there no thinking without the use of language?

Als höriger On-U-Sound Mafioso faszinierte mich einstens Language & Mentality von African Head Charge — Studio Dub mit Einstein Akzent.

Hier das Radio-Essay im Original, welches Albert Einstein 1941 an die Britische Wissenschaftsgemeinde adressierte:

Perfection of means and confusion of goals seem — in my opinion — to characterize our age.

Mesmerismus

Der „animalische“ (tierische) Magnetismus bildet den theoretischen Überbau für eine okkulte Heilmethode aus dem 18. Jahrhundert, welche von einem bloss vermuteten, jedenfalls nicht-stofflichen Fluidum ausgehend etwaig blockierte Lebenströme mittels Handauflegen zu reaktivieren versucht. Panta rhei, dachte sich der Grieche. Chi, sagt der Chinese und meint das Gleiche.

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Tierischer Magnetismus gefällig?

Alternative Heilmethoden sind selbst in der nachgöttlichen Neuzeit eine gefragte und gut bezahlte Tätigkeit von Heilern, Sehern und Handauflegern. Ob Osteopathie, TCM, Homöopathie oder einfache Gesprächstherapie, es ist für alle Geschmäcker und Lebenslagen (vor)gesorgt. Die ganzheitliche Behandlung des ehedem doktrinär streng dreigeteilten Individuums scheint zeitgemäss, vor allem aber zu wirken.

In einer mitteilungsbedürftigen Gesellschaft ist jedweder kommunikativer Stress bzw. Stau ein beinahe schon trendiger Befund. Seelenstriptease ist gängig und gilt als moderne und durchaus aufgeschlossene Selbstkasteiung. Seit das Nackigmachen in den therapeutischen Beichtstühlen seine Anzüglichkeit verloren hat, scheint alles Spruchreife verhandelbar. Wenn aber alles benennbar ist, bedeutet dies noch lange nicht, dass jedwede Ent-Äusserung verständlich ist. Systembedingt produzieren Overhead und Redundanz jedoch fortlaufend neue Verwirrung.

My baby baby, balla balla
My baby baby, balla balla
My baby baby, balla balla
My baby baby, balla balla
Ooh balla balla.

Jenes zeitgenössiches Mitteilungsbedürfnis hat einen recht trivialen, zivilisatorischen Grund: die andauernde Entmenschlichung in einer durchtechnisierten Realität nebst all der kommunikativen Störgeräusche, in der die zunehmende Reizüberflutung kaum bewältigt, geschweige denn geordnet werden kann. Das permanent beschleunigte Dasein ist einfach zu rasant für unsere altbackenen Sinne, wird kaum erfahren und erlebt, weil es in dieser Rastlosigkeit schlicht an Zeit für Details fehlt. Digitale Hilfsmittel, ursprünglich als kommunikative Krücken entwickelt, erscheinen so als undifferenzierte Antennen, die nur noch mehr unverdauliche Information zuführen.

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Klumpprinzip: im Ex-Magnet-Haus verspricht heute ein psychotherapeutischer Psychosomatiker psychiatrische Heilung

Wo einst Naturreligionen und Monotheismen den traditionellen Weg zum Seelenheil aufzeigten, versperren heute zahllose Hinweise, welche den Weg oder gar das Ziel zeigen wollen, die Sicht aufs Wesentliche, nämlich das Diesseitige, das hier und jetzt. Zudem kommen therapeutische Angebote oft einseitig pekunär orientiert daher. In der Seelenheilkunde werden laufend neue Krankheitsbilder beschrieben und zeitnah therapeutisches Expertenwissen feil geboten.

Die Menschmaschine soll mit Hilfe kostenpflichtiger Wartungsinstanzen bis hin zum der Persönlichkeitsoptimierung dienenden und in geradezu inflationärer Weise allgegenwärtigen Coaching möglichst reibungslos und effizient funktionieren, um ganz profan den Mehrwert zu mehren.

Alles fliesst — möglichst profitabel — von unten nach oben.

Unsere Freundschaft ist das Geld
Mit dem wir bezahlen was man zahlen muss
Alles muss im Überfluss vorhanden sein
Dann sind wir nie allein