Kreuzzügig

In der Eidgenossenschaft sieht man allerorten interessante Plakate. Der Schweizer im Allgemeinen und der Zürcher im Besonderen hat in puncto Plakatdesign einen guten bis sehr guten Ruf zu verteidigen.

Bei anstehenden Wahlen oder Volksabstimmungen (immerhin bis zu vier Mal pro Jahr) werden in Zürich an bestimmten öffentlichen Plätzen Plakatständer eigens von der Stadtverwaltung bereitgestellt, damit die meinungsbildenden Plakatentwürfe ihre Wirkung bloss nicht verfehlen; gleichzeitig wird dadurch allzu wildem und damit unschönen Plakatieren vorgebeugt.
Denn das mag der Schweizer nicht so gerne – jedem, der einmal die Schweiz Richtung Frankreich oder Italien durchfahren hat, ist die offensichtliche „Plakatwut“ der Nachbarländer bestimmt schon aufgefallen. Selbst ein teutonischer Wahlkampf wirkt mit seinen Strassenlaternenplakaten sehr kontrastreich gegenüber der plakativen Disziplin in der Eidgenossenschaft.

Für ordinäre Werbung gibt es aber durchaus Litfasssäulen oder andere profane Werbeständer. Auf denen erscheint schweizweit derzeit folgende obskure Plakatserie und hinterlässt bislang überall nur Fragezeichen:

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Niemand kennt einen gewissen Kebap-Ali, welcher in der Schweiz eventuell eine Döner-Kette eröffnen will. Überhaupt gehört Türkkültür hinter Stacheldraht und ist hier gar nicht so verbreitet wie drüben in Almanya. Und warum tönt Alis Ansage englisch? Will uns der grinsende Ali etwa teaserkampagnenmässig sagen: „Hier könnte ihre Cervelat/Bockwurst/Werbung stehen?“

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Beim zweiten Hingucken fällt dann das Kreuzsymbol oben links deutlich ins Auge, eindeutig gebildet aus grünem Unterstrich und langem Kebap-Säbel.

Heiliger Döner – was für ein raffiniert vorgetragener subversiver Kreuzzug!

Spiritus Turicum

Offenheit nach vielen Seiten ist hier ohne Zweifel ein geografisches Merkmal, das im Lauf der Geschichte mehrmals entscheidende Bedeutung erhielt. Aber dennoch ist Zürich, im Grossen und Ganzen genommen, eine Siedlung jener Art, um deren ominösen Namen wir uns um der Ehrlichkeit willen nicht herumdrücken wollen: Provinz. Selbst diese zahlenmässig grösste Stadt der Schweiz kennt heute keine Filmpremieren, keine Boxkämpfe oder Politik aus erster Hand, keine sodomitischen Laster und kein konstruktives Genie, wie die Weltzentren sie zeigen.

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Die Atmosphäre Zürichs ist die einer moralischen Loyalität, welche darin besteht, dass man sich um den Nachbarn nicht gross kümmert, solange er nicht störend grosse Sprünge macht. Diese verlacht man dann freilich rasch als Kapriolen. Noch heute kommen aus der übrigen Schweiz wie aus dem Ausland diejenigen mit Vorliebe zu uns, welche gerne in bequemer Ungestörtheit separaten Zielen nachgehen.

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Die Stadt ist gross genug, um Spezialisten aller Art zu genügen, und doch so klein, dass sie dem, der von ausländischen Hauptstädten zurückkommt, wie Natur erscheint. Jeder kann sich weltmännisch isolieren, sofern ihn dies lockt, jeder aber auch fast eine kleinstädtische Nestwärme erzielen, wenn er an diese gewöhnt ist. Zürich ist heute erweitert und gesteigert zum Zentrum der deutschen Schweiz schlechthin, aber es hat dadurch auch viel von seiner historischen Farbe eingebüsst. Es steht auf einer Zwischenstufe: Für den Schweizer ist es sehr entfremdet, aber für den Fremden doch sehr schweizerisch.

Ausserfcz

Es gibt aber nur eine polemische Haltung unserem Jahrhundert gegenüber nicht den ängstlichen Ruf zurück in die Idylle, sondern die Forderung, dass die ungeheuren Verheissungen, welche auf dem Grund des sichtbaren Niedergangs schlafen, nicht in ihrem Wachstum gekränkt werden. Der Mensch, solange er atmet, wird immer schwanken zwischen einem Dort und Hier, zwischen einer Heimat und einer Fremde, einer Begeisterung und einer Bequemlichkeit. Aber er kann einen neuen Sinn in diese Alternative legen, sobald er erkennt, dass auch seine Heimat eine internationale Vokabel ist. Er kann sich erziehen zu dem hohen Handwerk, dieses kleine Gefäss mit einem grossen Inhalt zu füllen. Wer allzu fanatisch an seiner Heimat hängt, dem ist es noch immer nur um das Gefäss zu tun gewesen. Seine Lippen haben sich an seine Rundungen gewöhnt, und er sieht nicht so sehr darauf, was ihm daraus zufliesst, als darauf, dass ihm die unfreie Gewohnheit nicht genommen werde.

aus: Walter Muschg, Zürcher Geist, Merian Zürich, Nr 1, Januar 1983