Konsumkritik

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Sklaverei in der Komfortzone (getabstract)
Man stelle sich eine Gesellschaft vor, die unter einer Glaskuppel lebt. Ihre Mitglieder arbeiten, schlafen, lieben und konsumieren in dieser künstlichen Welt. Natürlich läuft das Leben nicht immer friedlich ab: Es gibt schon mal Streit mit dem Nachbarn, dem Chef oder den Politikern. Aber dann greifen bewährte Mechanismen der Deeskalation und Konfliktlösung. Niemand käme auch nur im Traum darauf, einen Blick auf die andere Seite der Glaskuppel zu riskieren oder gar sie zu zertrümmern. Warum auch: Es geht allen doch ganz ausgezeichnet, selbst der Ärmste ist noch zufrieden. So ist das Leben in der Komfortzone. Das ist keine Science-Fiction à la Brave New World oder Matrix, sondern eine Gesellschaftsbeschreibung aus der Sicht von Herbert Marcuse. Seine Zeit: die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts. Marcuse zeichnet das Bild einer Gesellschaft, die von den Annehmlichkeiten eines Systems – egal ob kapitalistisch oder sozialistisch – eingelullt wird und sich das gern gefallen lässt. Medien, Politik und Wirtschaft ziehen an einem Strang, um das Individuum zufriedenzustellen und zu unterdrücken. Die Konsumwelt aus Luxus, Medien und Waren ist getarnte Sklaverei. Eine beunruhigende Bestandsaufnahme des modernen Kapitalismus.

Der eindimensionale Mensch wird 50 — nix wie hin.

Yom Huledet Sameach

Vor 110 Jahren wurde der Sänger Joseph Schmidt geboren. Bald nach seiner Übersiedlung in die Reichshauptstadt Berlin erlebte er dank Rundfunk und Schellack einen rasanten Aufstieg. Die Machtergreifung 1933 führte jedoch zu einem abrupten Ende seiner Karriere in Deutschland, gefolgt von zahlreichen Etappen der Vertreibung und Flucht.

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Bis vor Kurzem hatte ich keine Ahnung, dass der berühmt-vergessene Tenor ein Nachbar ist. Gleich nebenan auf dem Jüdischen Friedhof haben Schweizer Freunde ihm die letzte Stätte bereitet, nachdem er auf der Flucht vor dem Grossdeutschen Räuber- und Mördersystem völlig ermattet nicht mehr weiter konnte. Gerade mal 38 Jahre jung ist Schmidt geworden — sein Stern aber strahlt weiter!

Heileland

Die heile Welt im Heidiland wird von den eigenbrötlerischen Bauern auf dem Land gepflegt. Allerdings sähe das Heidiland ohne milliardenschwere Subventionen nicht gar so alptraumhaft herzig aus; selbst das Wiesenmähen wird mancherorts staatlich entlöhnt, so dass sich Landwirtschaft obendrein als Hobby lohnt. Ähnlich der toskanischen Traumlandschaft erschliesst sich auch im voralpinen Lebensraum der unmittelbare Einfluss des Menschen erst bei einem genauen Blick, und zeigt sich alsdann als ziemlich grosser, aber ordentlicher Familiengarten.

Unter weitestgehendem Ausschluss von Konkurrenz in Form auswärtiger Frass- und Futterfeinde lässt sich die helvetische Bauernschaft ihre hochpreisigen Produkte kräftig subventionieren und kann zudem auf einen abgeschotteten Binnenmarkt zählen. Gerade unter jenen hoch bezuschussten Kulturpflegern gilt nun das Biotop Schweiz als ungemein gefährdet, wobei auf dem Land im Vergleich zu den Städten eher weniger unter Dichtestress gelitten werden dürfte.

Swisspa, Swissspa, Swissspa.ch,

Und so kommt es zu der paradoxen Situation, dass vor allem jene Kantone einem Isolationismus frönen, welche vom Kantonalen Finanzausgleich am meisten profitieren. Auf absurde Weise alimentieren die weltoffenen Kantone so die ländlich geprägten Nationalpopulisten in der Eidgenossenschaft — ein wahrlich besonders eindrücklicher dialektischer Umschlag helvetischer Art.

Wendezeit

Am 21. Dezember um 18:11 MEZ wendet scheinbar die Sonne. Zunächst bleibt der Tag abends etwas länger und nur ganz allmählich zieht sich bald auch die Nacht morgens merklich zurück.

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Aufgrund der Neigung der Erdachse und der elliptischen Bahn unseres Heimatplaneten um die Sonne fallen die längste Nacht und der früheste Sonnenuntergang nicht auf den gleichen Tag. Gute zehn Tage vor der astronomischen Sonnenwende findet der früheste Sonnenuntergang statt; der späteste Aufgang erfolgt sogar erst Anfang Januar. Kurioserweise ist dann gleichzeitig mit diesmal 147.098.090 km Entfernung der für das gesamte Jahr 2014 kürzeste Abstand zur Sonne erreicht.

Jahresendfeuer

Der letzte Weltuntergang war ja ursprünglich für das Jahresende 2012 vorgesehen; doch nun stellt sich überraschend heraus, dass bei den damaligen Berechnungen der gemeine Zufall schlichtweg übersehen wurde, und nun überraschend die Endziffer 13 zur Zusatzzahl wurde…

• -> http://de.ria.ru/society/20131130/267388165.html

Mesmerismus

Der „animalische“ (tierische) Magnetismus bildet den theoretischen Überbau für eine okkulte Heilmethode aus dem 18. Jahrhundert, welche von einem bloss vermuteten, jedenfalls nicht-stofflichen Fluidum ausgehend etwaig blockierte Lebenströme mittels Handauflegen zu reaktivieren versucht. Panta rhei, dachte sich der Grieche. Chi, sagt der Chinese und meint das Gleiche.

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Tierischer Magnetismus gefällig?

Alternative Heilmethoden sind selbst in der nachgöttlichen Neuzeit eine gefragte und gut bezahlte Tätigkeit von Heilern, Sehern und Handauflegern. Ob Osteopathie, TCM, Homöopathie oder einfache Gesprächstherapie, es ist für alle Geschmäcker und Lebenslagen (vor)gesorgt. Die ganzheitliche Behandlung des ehedem doktrinär streng dreigeteilten Individuums scheint zeitgemäss, vor allem aber zu wirken.

In einer mitteilungsbedürftigen Gesellschaft ist jedweder kommunikativer Stress bzw. Stau ein beinahe schon trendiger Befund. Seelenstriptease ist gängig und gilt als moderne und durchaus aufgeschlossene Selbstkasteiung. Seit das Nackigmachen in den therapeutischen Beichtstühlen seine Anzüglichkeit verloren hat, scheint alles Spruchreife verhandelbar. Wenn aber alles benennbar ist, bedeutet dies noch lange nicht, dass jedwede Ent-Äusserung verständlich ist. Systembedingt produzieren Overhead und Redundanz jedoch fortlaufend neue Verwirrung.

My baby baby, balla balla
My baby baby, balla balla
My baby baby, balla balla
My baby baby, balla balla
Ooh balla balla.

Jenes zeitgenössiches Mitteilungsbedürfnis hat einen recht trivialen, zivilisatorischen Grund: die andauernde Entmenschlichung in einer durchtechnisierten Realität nebst all der kommunikativen Störgeräusche, in der die zunehmende Reizüberflutung kaum bewältigt, geschweige denn geordnet werden kann. Das permanent beschleunigte Dasein ist einfach zu rasant für unsere altbackenen Sinne, wird kaum erfahren und erlebt, weil es in dieser Rastlosigkeit schlicht an Zeit für Details fehlt. Digitale Hilfsmittel, ursprünglich als kommunikative Krücken entwickelt, erscheinen so als undifferenzierte Antennen, die nur noch mehr unverdauliche Information zuführen.

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Klumpprinzip: im Ex-Magnet-Haus verspricht heute ein psychotherapeutischer Psychosomatiker psychiatrische Heilung

Wo einst Naturreligionen und Monotheismen den traditionellen Weg zum Seelenheil aufzeigten, versperren heute zahllose Hinweise, welche den Weg oder gar das Ziel zeigen wollen, die Sicht aufs Wesentliche, nämlich das Diesseitige, das hier und jetzt. Zudem kommen therapeutische Angebote oft einseitig pekunär orientiert daher. In der Seelenheilkunde werden laufend neue Krankheitsbilder beschrieben und zeitnah therapeutisches Expertenwissen feil geboten.

Die Menschmaschine soll mit Hilfe kostenpflichtiger Wartungsinstanzen bis hin zum der Persönlichkeitsoptimierung dienenden und in geradezu inflationärer Weise allgegenwärtigen Coaching möglichst reibungslos und effizient funktionieren, um ganz profan den Mehrwert zu mehren.

Alles fliesst — möglichst profitabel — von unten nach oben.

Unsere Freundschaft ist das Geld
Mit dem wir bezahlen was man zahlen muss
Alles muss im Überfluss vorhanden sein
Dann sind wir nie allein

Schwierige Kindheit

In der Volksrepublik Schweiz wird Anfang März über kapitale Schweinereien abgestimmt. Die so genannte Abzocker-Initiative wird von vielen staatstragenden Parteien, der Bundes-Regierung sowie der allgegenwärtigen Wirtschafts-Lobby abgelehnt, weil wegen Wettbewerbsnachteil. Hach! Die arrivierte Manager-Clique hat spürbar Respekt vor des Volkes Stimme und fürchtet das blanke Elend hierzulande, versucht dieses aber durch einen perfide nachgeschobenen und klar verwässerten Gegenvorschlag an der Urne noch zu vermeiden.

Kapitalismus war als Kind schon scheisse, Scheiss Kapitalismus

Plakat zum 1. Mai 2012 auf dem Idaplatz in Zürich

Nachdem die Abstimmung ganz im Sinne der Clique jahrelang verzögert werden konnte, werden vom Unternehmer-Verband nun Unsummen an der publizistischen Abstimmungsfront verballert, damit sich die bloss den Aktionären verpflichteten Firmen-Vorstände weiterhin eifrig aus der Bonus-Kasse bedienen können.

Rechtzeitig vor dem Ple­bis­zit hat jetzt der dreisteste und bekannteste Abzocker vom Bio-Tech und Chemie-Multi Novartis seinen baldigen Rückzug angekündigt. Sicher kein Zufall sondern nahezu perfektes Timing, da die Initiative nicht zuletzt aufgrund seiner Gier zustande kam, wobei Vorstand Vasella mit 300 Mios in 11 Jahren eindeutig den Vogel abschoss, allerdings ohne dabei so schön wie Müller oder Messi zu treffen.

[ɔkˈtoːbɐrevolut͜si̯oːn]

Der österreichische Komponist Hanns Eisler (1898 – 1962) schrieb Musik für Arbeiterchöre und Hollywood. Sein Schaffen war marxistisch geprögt und im Gegensatz zum schöngeistigen Kunstbegriff l´art por l´art sozial motiviert. Zusammen mit meist kongenialen Texten bleibt sein Werk mit all dem Pathos ein packendes Zeitdokument und weiterhin faszinierend.

Zurecht zwei drei.

Das etwas verkopfte Frankfurter Kollektiv ARBEIT erlaubt sich eine Disko-taugliche Version eines Klassikers der sozialistischen Arbeiterbewegung:

Ein subtiler Versuch, mit massentauglichen Rhythmen «etwas politische Intelligenz» auf den revolutionären Tanzboden zu projizieren? Und weil der Mensch ein Mensch ist, drum braucht er Tanzmusik bitte sehr!

Shvyeĭtsariya Sojus

Infolge der exportorientierten Nachwehen der Französischen Revolution wurde die Eidgenossenschaft 1798 als Tochterrepublik zur zeitweiligen Helvetischen Republik erkoren. England, Österreich und Russland jedoch stellten sich früh gegen den wachsenden Einfluss des post-revolutionären Frankreichs in Mitteleuropa. Mit einer Zangenbewegung von Zürich bis zur Innerschweiz sollte eine austro-russische Streitmacht die französischen Besatzungs-Truppen im Schweizer Mittelland knacken.

Nachdem bereits vor Zürich ein Teil der Koalitionsarmee den Franzosen unterlag, setzten sich die von Süden über den Gotthard kommenden 20.000 Russen unter General Suworow schleunigst über die Alpenpässe Chinzigpass (2073), Pragelpass (1550) und Panixerpass (2407!) unter starken Rückzugsgefechten verlust- aber erfolgreich nach Vorarlberg ab. Der militärisch wirkungslos gebliebene Marsch hinterliess in den ohnehin schon ärmlichen Talschaften zwar eine Spur der Verwüstung, bis heute aber auch einen ziemlichen Eindruck.

Auf dem Gotthardpass erinnert zum 200-jährigen Jubiläum seit 1999 ein Reiterstandbild an die missglückte russische Hilfsbereitschaft:

General Suworow, General Suvorov, Helvetik, Gotthardpass, Reiterstandbild Gotthardpass
Bergführer führt Russenführer

(© Foto: www.trail.ch by RedOrbiter)

Trotz jenes Fehlschlages blieb die Eidgenössisch-Russische Freundschaft seitdem unverbrüchlich, und so vertrieb sich einst ein gewisser Vladimir Ilyitch Lenin während seiner Zürcher Zeit die selbige gerne mit einer Partie Schach gegen den Vater meines Nachbarn Walter.

Damit jedoch das mit der Befreiung beim nächsten Mal dann besser klappt, werden russische Gebirgsjäger heutzutage ganz offiziell gleich in der alpinen Realität der Schweiz ausgebildet. Pojechali!

Kick it!

Kragenhochsteller Eric Cantona huldigt auf dem Revolutionssender ARTE fünf kickenden Rebellen. Selbst die recht pathetisch wirkenden ständigen Grossaufnahmen der Cantonaschen Mimik mindern die beeindruckenden Geschichten abseits aller sonst üblichen Pass- und Laufwege keineswegs.

Arte Poster, Cantona, Drogba, Socrates, Caszely, Pašić, Mekhloufi, Fussballrebellen, Les rebelles du foot

Direkt wohltuend ist die Botschaft, dass das Massenphänomen Fussball nicht nur der reinen Profitmaximierung dient, sondern — geschickt eingesetzt — das politische Bewusstsein aktiv fördern und prägen kann.

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Blähungen

Die maximale Nord-Süd-Ausdehnung der Eidgenossenschaft beträgt 220,1 Kilometer (von Bargen nach Chiasso), die grösste West-Ost-Ausdehnung 348,4 Kilometer (von Chancy nach Val Müstair).

Daran ändert selbst gewissenlose Völlerei nicht allzu viel.

Ganz anders wird kartographisch beispielsweise mit den zwei Inseln Grönland und Afrika verfahren. Tatsächlich ist es erstaunlich, dass durch die verbreitete Mercator-Projektion die visuelle Manipulation bereits seit dem 16. Jahrhundert Bestand hat.

Einer bemerkenswerten optischen Täuschung unterliegt im grossen Stil Afrika, was als ausgewachsener Kontinent auf heutigem Kartenmaterial einfach viel zu kurz kommt, wie eine im Infografik-Blog des Britischen Economist geführte Diskussion aufzeigte.

Dank an Contextlink für den Hinweis auf unser verzerrtes Weltbild!