Kleines Finale

Heute in zwei Jahren ist Samstag und in Brasilia spielt Deutschland um Platz 3. Während des Turniers müssen dann nicht nur die europäischen Sofa-Coaches konditionsstark sein, sondern auch all die Corso-Fahrer, die wieder jedes noch so öde gewonnene Gruppenspiel im frühmorgendlichen Berufsverkehr behupen.

Bei der völlig nervend gehypten und billiges, aber teuer verkauftes Bier ausdünstenden Massenpsychose wäre doch wieder eine Veranstaltung im pazifischen Raum wünschenswert, so wie anno 2002, als sich nur die wirklichen Müßiggänger Liebhaber des gepflegten Balles bei frischen Croissants morgens um Acht im Strassencafé profund und schlagfertig anlässlich des Pflichtspiels USA gegen Mexiko austauschten.

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Eröffnungsspiel: 12. Juni 22:00 Uhr

Gruppenspiele: 18:00 – 21:00 – 00:00 – 03:00 Uhr

Achtelfinale/Viertelfinale: 18:00 – 22:00 Uhr

Halbfinale: 22:00 Uhr

Spiel um Platz 3: 22:00 Uhr

Finale: 13. Juli 21:00 Uhr

(Alle Zeiten MESZ)

Blød kickt gut

Eben noch schwärmten die Alt-Hippies mit einer psychedelischen Antwort für Timothy Leary völlig losgelöst ums Zentralgestirn herum, dideldum.

LSD, LSD 25, LSD Beipackzettel, Sandoz LSD, Psychopharmka

…let the sunshine, let the sunshine in, the sun shine in…

War bei dem Trip zu viel Sonne im Spiel oder liegt es an den zur Pause injizierten Vitaminen, wenn die Kickerei plötzlich eigenartig ausartet. Die Hellenen verwandeln sich in Däninnen, Gomez trägt einen Pferdeschwanz und der Réthy Belá wirkt geradezu grotesk ins Töpperwien´sche verzerrt!

Statt Sommer of Love also nur Tutti Futschi?!

Und Bozsik?

Bozsik, immer wieder Bozsik! Der rechte Mittelläufer der Ungarn am Ball. Er hat den Ball – verloren diesmal, gegen Schäfer. Schäfer nach innen geflankt. Kopfball – abgewehrt. Aus dem Hintergrund…

Die spinnen, die Magyaren.

Teutonia

Fussball ist ein Spiel. Für die Deutschen ist es Arbeit. Oder Krieg.

Laut Trainerstab sitzt der Stahlhelm auch ohne die ihnen ausgezogen wordenen Lederhosen akkurat auf dem Scheitel der Mannschaft und das Grossmachen ist als teutonisches Markenzeichen weithin anerkannt:

screenshot zdf wer arbeitet am haertesten, harte arbeit europa, haerteste Arbeiter Europas
Spricht alles für den finalen Knüller Hellas – Teutonia. Aber aufgepasst:

Jeszcze Polska nie zginęła!

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Eskapismus

„Ach“, sagte die Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“ – „Du musst nur die Laufrichtung ändern“, sagte die Katze und fraß sie.

Franz Kafka, 1920

Suburbia

Am Rand der kleinen grossen Stadt ist die Welt noch in Ordnung ländlicher als auch schon. Mit dem Fangglas musste schon mancher Monsternachtfalter aus der Mädchenabteilung unblutig entsorgt werden. Des weiteren wurde eine Blindschleiche aus dem Weg geräumt und friedfertige Kaulquappen aus Kinderhänden befreit. Zwei Katzen aus der Nachbarschaft erhielten die Rote Karte nebst vorläufiger Spielsperre. Ausser den Viechern kommt auch das meiste Wetter gerne überfallartig. Zuvor sah man aus der Beobachtungsstation was auf einen zukommt, jetzt pirschen sich die Wolken über den achthunderteinundsiebzig Meter hohen Hausberg flugs an die Siedlung heran.

Die Luft atmet sich angenehm würzig mit einer erdigen feucht-frischen Note — kein Vergleich zu der abgestandenen Feinstaubkonzentration in der Innenstadt. Weder im Wilden Süden noch in der grossen Mauerstadt hat der Hobbyschweizer je so sauerstoffhaltig gehaust. Mutmasslich aber handelt es sich hierbei um einen kleinen vorsätzlichen Selbstbetrug, weil die Sauerstoffaufnahmefähigkeit aufgrund fortgeschrittener Zellalterung qualitativ eher abgenommen haben muss. Dafür gibt es beim bergan strampeln mit dem Velo den Lungenfunktionstest gratis obendrein; wie beim Konditionstest sind die Ergebnisse leider doch ziemlich realistisch.

Im Vergleich mit der anonymen Wohnmaschine gestaltet sich in der Vorstadt die Öffentlichkeitsarbeit völlig anders. Quasi Grüezipflicht auf jedem Schritt. Die Randlage erlaubt jedoch auch randständiges Handeln: so kam ein jenischer Scherenschleifer vorbei, freundlich und entspannt, trotz meiner Absage. Ein leibhaftiger Scherenschleifer hat mich seit der frühen Kindheit nicht mehr kontaktiert! Ein wenig später läutete ein stummer Roma an der Haustüre, welcher sein schriftliches Bettelgesuch in einer Art laminierter Visitenkarte überreichte. Der dritte im munter selbstkonstruierten Bunde war ein schwer radebrechender Paketbote, welcher an der zugegeben komplizierten Zustellung scheiterte, das Paket kurzerhand wieder mit sich nahm und dafür mich sprachlos zurückliess.

Kommen morgen die Mormonen? Überzeugen bald die Zeugen oder rückt gleich die Heilsarmee an? Wann drücken die Drückerkolonnen die Klingel?

Where’s a policeman when you need one to blame the colour TV?

Post Mortem

Die Nummer 2 und 3 der Schach-Welt bekamen in Zürich von einem russischen Diamantenhändler einen Match über sechs Partien spendiert. Neben Grossmeistern und vielen Kleinmeistern trafen sich die übrigen Enthusiasten im Festsaal vom Hotel Baur en Ville direkt am Paradeplatz.

Dem Hobbyschweizer war schon etwas wunderlich zumute, als er den mit Holzclogs bewehrten baren Fuss ins vielsternige Refugium setzte. Der Dresscode der ECU scheint glücklicherweise nur für Aktive zu gelten. Vor Ort wandelten zwei oder drei Oligarchenangehörige weiblicher Natur, die den Spielsaal modisch mit einem Ballsaal zu verwechseln schienen, was jedoch angesichts der Üppigkeit an Decken, Wänden und Boden sowie der Boutiquendichte an der Zürcher Bahnhofstrasse fast verständlich ist, und — aus der Holzschuhklasse betrachtet — der Veranstaltung ein durchaus passendes mondänes Flair verlieh.

Immer amüsant ist der Schnarcher, ein äusserst zuverlässiger Gast bei Live-Darbietungen der Denkartisten, der — kaum weggenickt — alsbald schonend aber bestimmt von seinen Nebensitzern wiederbelebt wird. Besonders ausdauernd war der Sesselpupser mit enormer Frequenz von hörbar laut entweichender Flatulenz, der während seiner Sitzung locker einen Gasballon hätte füllen können. Klingeltöne waren zahlreich und mannigfaltig; sie sind jedoch nur nervend und vor allem sehr unhöflich gegenüber den brütenden Maestri. Ganz besonders dämlich stellte sich die stadtbekannte Klatsch-Kolumnistin an, offenbar hat ihr Smartphone eher sie im Griff.

Den an Schachveranstaltungen unweigerlich auftauchenden Sonderling gab ein graumähniger Gast, der sich fortwährend die linke Gesichtshälfte mit einer Zeitung bedeckte. War jene von der üblicherweise bestens durchbluteten Ohrmuskulatur ausreichend angewärmt, wurde einfach eine Seite weiter geblättert und das Profil sogleich wieder dahinter versteckt. Ein wirklich ganz besonders eindrückliches Schauspiel!

Nach dem Ende der Partie wird deren Verlauf mit dem Gegner meist noch etwas analysiert, was in Fachkreisen ironiefrei post mortem genannt wird und selbst für die kleine Tochter des Ex-Weltmeisters völlig harmlos ist.

Die Partie dauerte fast fünf Stunden und war erst zäh, dann zunehmend spannend und kurz nach der Zeitkontrolle urplötzlich remis.

Draussen blühte derweil prall die Frühlingssonne.

Kramnik, Vladimir – Aronian, Levon
Zurich Chess Challenge, Partie 6

1.e4 e5 2.Nf3 Nc6 3.Bb5 Nf6 4.d3 Bc5 5.Nbd2 d6 6.c3 O-O 7.O-O Ne7 8.h3 Ng6 9.Re1 c6 10.Ba4 Re8 11.d4 Bb6 12.Bc2 h6 13.a4 Be6 14.Nf1 exd4 15.Nxd4 Bd7 16.f4 d5 17.e5 Ne4 18.Bxe4 dxe4 19.a5 Bxa5 20.Ng3 Bb6 21.Kh2 c5 22.Ndf5 Bxf5 23.Nxf5 Qxd1 24.Rxd1 Rad8 25.Be3 Rd3 26.Re1 f6 27.exf6 gxf6 28.Nxh6+ Kf8 29.Ra4 Rd5 30.c4 Rd3 31.b4? Rxe3! 32.Rxe3 cxb4 33.Rg3 e3?! 34.Rxg6 e2 35.Ra1 Bf2 36.Rg8+ Ke7 37.Rg7+ Kd6 38.Rxb7 e1=Q 39.Rxe1 Bxe1 40.Nf5+ Kc5 41.Rb5+ Kc6 42.Nd4+ Kc7 43.Rc5+ 1/2-1/2

Wappenschmiede

Das patriarchalische Zünfterwesen der Stadt Zürich befördert geradezu das Wappenwesen. Jeder Stadtbezirk und jedes Quartier pocht auf ein eigenes Wappen und am Zürcher Sechseläuten, dem Frühlingsfest in der Deutschschweiz, werden sie allesamt während eines kostümierten Umzuges durch die Strassen der Stadt stolz präsentiert. Als begeisterter Umzugsfan zieht der Hobbyschweizer auch privat des öfteren um, mit der hehren Absicht, sich in Sachen Wappenkunde gründlich weiterzubilden.

Vom dreckigen Arbeiter- und Zuwandererbezirk Aussersihl, genauer dem Hard-Quartier mit stadtweit spitzenmässigen 42 Prozent Ausländern hinein ins beschauliche Wiedikon, wo im grünen Wohnquartier Friesenberg anteilig die meisten Inländer ganz Zürichs wohnhaft sind. Und dies offenbar mit guter Tradition:

1787 trennte der Rat von Zürich die Gegend westlich der Sihl/Limmat auf Wunsch der Bewohner vom Kreuel und Hard von Wiedikon. Grund war die Weigerung der Gemeinde Wiedikon, neue Bürger, die sich im Kreuel und Hard ansiedelten, aufzunehmen. Nur wer Bürger war, besass alle Rechte. Die nun selbständig gewordene Gemeinde nannte sich Aussersihl. (-> Quartierverein Aussersihl-Hard)

Vorher
Nachher

Von der Heraldik her betrachtet fällt der Ortswechsel mehr als dürftig aus. Drei Sterne in schwarzer Nacht über Grün sind wie das Quartier schön schlicht; beim Bezirkswappen aber kann doch gegen einen ordentlichen Anker kein Reichsapfel anstinken, selbst wenn der ausgesprochen farbenfroh daherkommt.

Spiellaune

Immer wieder mal wird in der Schweiz von einer Alpenliga im Verbund mit Österreich phantasiert, ganz Pfiffige wollen die Balltreter von Chemie Basel am liebsten gleich in der Grosskantonalen Bundesliga anstossen sehen. Grund für derlei Gedabkenspiele ist die mangelnde Attraktivität und wirtschaftliche Schwäche der heimischen Liga. So ist in der laufenden Saison die Zerfallsrate der von einem Kernenergie-Unternehmen gesponserten Super League weiter angestiegen, was aber keineswegs zu Einbussen an deren Unterhaltungswert führt.


Intoxinierter Flashmob auf Kirschkernsuche

Neuchâtel wurde wegen Insolvenz schon zur Halbzeit aus dem Rennen genommen und der Tschetschenische Eigner aufgrund ungetreuer Geschäftsbesorgung vorsorglich inhaftiert. Sion bekam wegen diverser Transfervergehen einen Abzug von 36 Punkten aufgebrummt, ist sogar mittlerweile wieder leicht im Plus, prozessiert jedoch munter weiter gegen UEFA, FIFA und nationalen Fussballverband. Beim überschuldeten Aufsteiger Genf ist der Besitzer zwar noch Freigänger aber abgängig; der Verein hofft nach Konkursantrag auf ein 7 Mio-Wunder. Mitaufsteiger Lausanne erscheint derweil sportlich kaum wettbewerbsfähig.

Bei einer Liga von gerade mal 10 Teams eine stolze Ausfallquote und — 100% Welsch! Angesichts der von der Welschwoche aufgedeckten Feierlaune der untrainierbaren Griechen der Schweiz wundert das nicht: leicht benebelt die Kirsche erst finden und dann noch treffen zu müssen, ist keine einfache Übung. Nachhilfe gibts gratis nach Klick aufs Bild…

Nerdgesellschaft

Gab es diesen gesellschaftlichen Druck zur Selbstvervollkommnung schon immer, oder trügt der Eindruck, als sei erst im entfesselten Kapitalismus die Notwendigkeit permanent an sich selbst zu arbeiten zu einer fast schon existentiellen Bedrohung geworden? Flaniert der Hobbyschweizer vielleicht gar zu lange unter calvinistischen Zwinglianern am Alpenrand? Sind für zwei eidgenössische Drittel mehr Ferien tatsächlich ein Unding?

Pretty vacant
Wenn das Sein das Bewusstsein bestimmt, die wertorientierte Waren- und Konsumgesellschaft also menschliches Denken und Tun geschichtlich betrachtet mehr und mehr dominiert und schliesslich domestiziert, nimmt es kein Wunder, wenn mensch sich selbst als Ware versteht und auf dem Markt möglichst perfekt ausgestattet anpreist. Und der Markt pausiert nie sondern ist immer und überall.

Ape shall not kill ape.
Die eklektische Globalisierung mörsert ehemals monopolistische Dogmen in zahllose Graustufen — vom Polytheismus zum Monotheismus und gleich wieder zurück. Und über allem schwebt diffus funkelnd die Dreifaltigkeit von Profit, Mehrwert und Zins. Die totale Verwertung forciert erst die boomende Ich-Gesellschaft.

Survival of the fittest
Entspannung förderndes Hatha-Yoga für Hedge-Fond-Jünger, meditative Einkehr im Schweigeseminar für Bonus-Apostel und Modafinil für kreative Kadergötter sind ein renditeträchtiges Pflichtprogramm. Selbstgefällige Selbstheilung durch selbstherrliche Selbstgerechtigkeit.

Mainstream
Der Zeitgeist versucht nun diesen ganzen egozentrischen Mumpitz mit salonfähig gewordenem Öko-Gedankengut für die zunehmende Klientel der Besitzstandswahrer kompatibel zu verdrahten. Mülltrennung als Ablass fürs SUV. Mehr ist mehr und Bio Business und der Schwarm intelligent.

*     *     *

Bestimmt alles nur Ausdruck altersbedingter Geistesschwäche, bloss, wie sag ich`s dem Chind?

Hypernova

Wenn der Riesenstern Eta Carinae eines Tages irgendwann zwischen heute und den nächsten 20.000 Jahren seine Hülle ins All bläst und der superschwere Restkern in sich zusammmenfällt und ein massives schwarzes Loch im Sternbild Schiffskiel hinterlässt, wird das Universum kaum Leck schlagen. Sollte sich aber im Moment der Sternexplosion in der näheren Umgebung (sprich ca. 30 Lichtjahre) unvorsichtigerweise ein herrenloser Exoplanet herumtreiben, würde er von den Todesstrahlen des Dr Mabuse im Gamma- und Röntgenbereich ziemlich gar gegrillt und vorübergehend biologisch stillgelegt. Anschliessend gäbe es genügend Platz für allerlei Neues und die ortsansässigen Ozeane könnten ein frisches Ursüppchen simmern.

Weil das Monstrum mit der 100-fachen Sonnenmasse aber geschätzte 8.000 Lichtjahre entfernt ist, droht uns keine unmittelbare Gefahr, sofern nicht ein dabei entstehender Gammablitz zufällig direkt auf die Erde trifft oder sich bei der Eichung der Lichtschranke ein Messfehler eingeschlichen haben sollte. Zudem wurde — obwohl sich gemittelt alle 30 Jahre irgendwo im Weltall eine Supernova ereignet — unser heimisches Sonnensystem in den letzten 4.5 Milliarden bislang nie unmittelbar von einer Sternenexplosion beeinträchtigt. Danke!

Obschon also dieses Weltuntergangsszenario so schön es anzuschauen wäre eher unwahrscheinlich ist, gibt es heuer noch zwei ganze Dreizehnte Freitage im April und Juli zu überstehen (bekanntlich setzte bereits am ersten freitäglichen Dreizehnten des Jahres vor Giglio der Gigolo seine Concordia an die Costa), bevor dann die Maya aufgrund akuten Zeitmangels kurz vor Jahresschluss sowieso das Licht ganz abdrehen.