Täuscher

Dokumentiert ist hier ein stämmiger Typ in kurzen Hosen und weissen Socken, der ohne Scheu zu seiner frauenverachtenden Meinung steht. Zuerst staunte ich über die offensichtliche Chuzpe des T-Shirt-Trägers, doch dann bat ich um ein Beweis-Foto, welches er mir — bei seiner handwerklichen Tätigkeit kurz innehaltend — freundlich gewährte.

Tauschhändler, Tausche Frau gegen Benzin, T-Shirt Mann

Die Ablösung der Urgöttinnen durch einen chauvinistischen Monotheismus wurde durch die ödipussige Furcht vor der lebensspendenden Kraft der Frauen ausgelöst und schuf Vorstellungen, in denen die Frau als Gebärmaschine und/oder Statussymbol tradiert sowie ein etwaiger Wertverfall durch rechtzeitiges Austauschen verhindert wird. Der Warencharakter der Frau wurde schliesslich bereits lange vor der kapitalistischen Doktrin ausgiebig in den heiligen patriarchalen Schriften thematisiert und ist auch heute noch die soziologische Ursache von Zwangsverstümmelung, Zwangsverheiratung und Zwangsprostitution.

So wurden schon vor der Erfindung von Explosionsmotoren mancherorts Frauen gegen gängige Fortbewegungsmittel eingetauscht. Insofern beweist der Provokateur eine hinterfotzige Ironie, zumal der Benzinpreis latent ansteigt, die Frauenquote dagegen auch künftig eher bei stabilen 50 Prozent liegen dürfte.

Mesmerismus

Der „animalische“ (tierische) Magnetismus bildet den theoretischen Überbau für eine okkulte Heilmethode aus dem 18. Jahrhundert, welche von einem bloss vermuteten, jedenfalls nicht-stofflichen Fluidum ausgehend etwaig blockierte Lebenströme mittels Handauflegen zu reaktivieren versucht. Panta rhei, dachte sich der Grieche. Chi, sagt der Chinese und meint das Gleiche.

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Tierischer Magnetismus gefällig?

Alternative Heilmethoden sind selbst in der nachgöttlichen Neuzeit eine gefragte und gut bezahlte Tätigkeit von Heilern, Sehern und Handauflegern. Ob Osteopathie, TCM, Homöopathie oder einfache Gesprächstherapie, es ist für alle Geschmäcker und Lebenslagen (vor)gesorgt. Die ganzheitliche Behandlung des ehedem doktrinär streng dreigeteilten Individuums scheint zeitgemäss, vor allem aber zu wirken.

In einer mitteilungsbedürftigen Gesellschaft ist jedweder kommunikativer Stress bzw. Stau ein beinahe schon trendiger Befund. Seelenstriptease ist gängig und gilt als moderne und durchaus aufgeschlossene Selbstkasteiung. Seit das Nackigmachen in den therapeutischen Beichtstühlen seine Anzüglichkeit verloren hat, scheint alles Spruchreife verhandelbar. Wenn aber alles benennbar ist, bedeutet dies noch lange nicht, dass jedwede Ent-Äusserung verständlich ist. Systembedingt produzieren Overhead und Redundanz jedoch fortlaufend neue Verwirrung.

My baby baby, balla balla
My baby baby, balla balla
My baby baby, balla balla
My baby baby, balla balla
Ooh balla balla.

Jenes zeitgenössiches Mitteilungsbedürfnis hat einen recht trivialen, zivilisatorischen Grund: die andauernde Entmenschlichung in einer durchtechnisierten Realität nebst all der kommunikativen Störgeräusche, in der die zunehmende Reizüberflutung kaum bewältigt, geschweige denn geordnet werden kann. Das permanent beschleunigte Dasein ist einfach zu rasant für unsere altbackenen Sinne, wird kaum erfahren und erlebt, weil es in dieser Rastlosigkeit schlicht an Zeit für Details fehlt. Digitale Hilfsmittel, ursprünglich als kommunikative Krücken entwickelt, erscheinen so als undifferenzierte Antennen, die nur noch mehr unverdauliche Information zuführen.

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Klumpprinzip: im Ex-Magnet-Haus verspricht heute ein psychotherapeutischer Psychosomatiker psychiatrische Heilung

Wo einst Naturreligionen und Monotheismen den traditionellen Weg zum Seelenheil aufzeigten, versperren heute zahllose Hinweise, welche den Weg oder gar das Ziel zeigen wollen, die Sicht aufs Wesentliche, nämlich das Diesseitige, das hier und jetzt. Zudem kommen therapeutische Angebote oft einseitig pekunär orientiert daher. In der Seelenheilkunde werden laufend neue Krankheitsbilder beschrieben und zeitnah therapeutisches Expertenwissen feil geboten.

Die Menschmaschine soll mit Hilfe kostenpflichtiger Wartungsinstanzen bis hin zum der Persönlichkeitsoptimierung dienenden und in geradezu inflationärer Weise allgegenwärtigen Coaching möglichst reibungslos und effizient funktionieren, um ganz profan den Mehrwert zu mehren.

Alles fliesst — möglichst profitabel — von unten nach oben.

Unsere Freundschaft ist das Geld
Mit dem wir bezahlen was man zahlen muss
Alles muss im Überfluss vorhanden sein
Dann sind wir nie allein

Kinderspiel

Grössere Kinder versuchen ihre Befindlichkeit mitsamt dem ganzen Daseinsschmerz zu artikulieren und treffen bisweilen Aussagen, welche zwangsläufig die nachpupertäre Abnabelung thematisieren. Dabei entwickeln sie jene subtile Art von Kritik, welche die Eltern landläufig einfach bloss quittieren können.
Ein bereits ausgewachsenes Kind hat sich nun mit seinem Vater arrangiert und zusammen verfolgen sie den therapeutischen Ansatz der Transformation von hingerotzter Scheisse zu familiärem Humus. Weder Musikstil noch Songtexte sind mein Ding, weil ich aber Vater und Sohn kenne, hab ich mich durchgehört. Kreuzberg hurts.

Who is who

Die Finalstimmung war zwiespältig. Die supranationale Meisterschaft eines internationalen Wettbewerbs zwischen Vetretern nur eines Landes auszuspielen, hat, hm, eigentlich gar keinen Geschmack. Real Madrid gegen Bayern oder Dortmund gegen Barcelona klingt doch viel eher nach einem Leckerbissen als hausgemachter Eintopf. Obwohl der Gewinner bereits vorher feststand, war das Finale scheinbar gar nicht so schlecht; gesehen habe ich schlussendlich aber bloss Fragmente. Der freiwillige Verzicht auf häusliches TV ist erziehungstheoretisch vielleicht sowieso fragwürdig und Internet ist ja schön und gut, aber nicht bei der deutsch-deutschen Heimkehr ins fussballerische Mutterland. Da fehlt einfach was, Publikum zum Beispiel. Die Live-Atmo, das Menschelnde, der Geruch von Schweiss, Angst und wasweissich. Ja, was wusste ich schon…

Also ging ich fast pünktlich los zu der angesagten Sportbar am Idaplatz, wo einen als erstes die gleich am Eingang platzierte Hulk Hogan-Figur in voller Kampfmontur und Lebensgrösse lauernd beäugt. Dann endlich das typische Fluidum von stramm überfüllter Kneipe, nämlich eine ihr Verfallsdatum längst überschritten habende sauerstoffarme Luft mit deutlich wahrnehmbaren Nikotin-, Deodorant- und Alkoholanteilen. Der Wahl-Zürcher Rosenzüchter und Pay-TV-Kommentator Reif haut dann irgendwann die dem wohl momentan herrschenden nasskalten Klima entsprechende Metapfer „Im Mehltau der Taktik“ raus, was eine der zahlreichen weiblichen Zaungäste zu einer etwas überflüssigen Bemerkung veranlasst. Überhaupt hält die blonde Deutsche fast nie die Klappe und hat anscheinend hochgradiges Küppli-Fieber und ist für den BVB. Da sind mir die zwei artig gelbe Trikots tragenden Dortmund-Fans direkt vor mir viel lieber; beide hoch konzentriert aufs Wesentliche, nämlich das Spiel. Der eine hat sogar extra ein niedliches Kreuz aus Kreppband über seinen schwarzgelben Götze 10-Rücken geklebt. Die zwei deutschen Gastarbeiter links neben mir unterhalten sich etwas zu laut über ihre ach so tollen Jobs bei UBS und anderen Geldwäschereien und scheinen gar nicht zu begreifen, dass heute Abend „wichtig-ist-auf-dem-Platz“ gespielt wird. Als kurz nach der Halbzeitpause die Teutonien regierende Kanzlerin eingeblendet wird und ein erheblicher Teil meiner verblendenter Landsleute in blinder Heimatliebe tatsächlich in „Angie-Angie“-Sprechchöre verfällt, ist mir der Spass vergangen und genommen und ich weiche freiwillig vor derart Deutschtümmelei im Ausland.

mia san mia, bayern slogan, fc bayern motto

Bei der ziellosen Überlegung, ob ich denn überhaupt noch etwas von der gerade stattfindenden Live-Übertragung von „Made-in-Germany“ erdulden mag, stosse ich in der Langstrasse auf eine ausgelassene Gruppe sich intensiv unterhaltender taubstummer Jugendlicher, deren Anblick mir irgendwie sympathisch erscheint. Die hinter dem animierenden Treiben liegende Eckkneipe bietet einladend eine Grossleinwand, airkonditionierte Luft und deutsches Qualitätsfernsehen ohne Reif. Beim Eintreten registriere ich erstaunt, dass ich während meiner Ziellosigkeit das Führungstor der Roten verpasst habe, bin aber rechtzeitig zum Elfmeter für die Gelben wieder richtig drin im Spiel. Ich bin mir relativ sicher, dass der Grüne von den Roten den gelben Penalty halten wird. Als dann wider Erwarten der Ball eindeutig im Netz zappelt und der ganze Laden aus voller landsmännischer Freude tobt, bemerke ich, dass hier gar keine Taubstummenparty stattfindet, sondern es sich bei der Eckkneipe um ein fest in Secondo-Hand befindliches türkisches Internetcafe handelt! Gündogan, oweh, können die Roten nicht mal den Özil Mesut hoam bringen? Ich jedenfalls nichts wie raus, das Spiel geht unentschieden weiter.

Da kommt mir die Mars-Bar in den Sinn, eine Hardcore-Fussballkneipe, die gerne von relativ entspannten FCZ-Anhängern frequentiert wird und wo ich vorurteilsbewusst keinerlei trikottragende Teutonen oder scheinassimilierte Türken erwarte. Kaum bin ich drin, klärt ein Gelber vor einem einschussbereiten Roten gefühlte 3,8 Zentimeter vor dem linken Torpfosten. Einfach unglaublich, der Ball war doch schon drin! Wahnsinn, wie der Gelbe das Runde da noch weg haut. Reeeeschpekt. Zeitgleich mit dem brillanten Tackling ertönt neben mir ein emotional total durchgeknallter Gelbseher, dessen Gesichtsfarbe rasch ins Rote wechselt. Der hochdeutsche Berserker brüllt mittlerweile inbrünstig und mit einer nach dringend stationärer Behandlung schreiender Lautstärke eigentlich unaussprechbare Verwünschungen gegen die rote Nummer 33 samt dessen überhaupt nicht mit tuender Mutter. Mannomann. Ich fühlte mich an die späten 90er erinnert, als ich in einer Kreuzberger Institution namens Weisse Taube ein Spiel Gelb gegen Rot verfolgte, welches meine damals noch akute Fussballfaszination aufgrund der an jenem Abend im bierseligen Kneipenpublikum erlebten Agressivität erheblich und nachhaltig linderte. Überhaupt ist die fehlende Bereitschaft zur abgeklärten Abstraktion, eine durch zahlose Seven-Army-Gewaltmärsche scheinbar verloren gegangene gesunde Distanz zu der hemmungslosen Event-Sucht das wirklich Abschreckende im modernen Fussball-Spektakel.

Noch bevor sich der irrsinnig gewordene Typ wieder ein kriegte, war ich wieder an der frischen Luft.

Das an den vielstrangigen Geleisen, welche alle zum naheliegenden Zürcher HB führen, gelegene Piccolo Giardino war dann mein kleines persönliches Finale. Keinerlei Hektiker am Start, Alkoholpegel der Gäste im Schweizer Normalbereich und gute Bildqualität im kühlen Freien. Detail am Rande: keine Frontalbeschallung, sondern der Sound wird mittels kleiner Transistorradios auf FM 104kommasonstwas in tischgerechten Häppchen sanft serviert. Schöne Sache das. Das Wichtige ist wieder auf dem Platz und der ganze Rest im Äther. Kurz darauf sieht man die Kräfte der Gelben langsam schwinden. Rot drückt, schiesst oft und trifft zu guter Letzt ziemlich schön. Lautlos bereite ich kurz die Arme in die eiskalte Vollmondnacht und wandle anschliessend stocknüchtern aber seltsam erheitert zurück auf meinen heimatlichen Berg. Zudem war die Gewissheit, dass man sich nicht mir nichts, dir nichts einfach einen Verein aussuchen kann, weil einen der Verein nämlich schon selber aussucht, wieder viel viel deutlicher zu spüren. Unterwegs schnappe ich noch die üblichen TV-Bilder von weinenden Verlieren und überschwänglichen Siegern auf. Einige der Sieger haben ihre jeweiligen Nationalfahnen um die Hüften geschlungen — einem der übermütigen Roten hängt ein weisses T-Shirt aus der Sporthose, auf dem ein schlichtes Herz nebst den Worten Papa und Mama prangen. Dieses Schlussbild steigerte meine Erheiterung ins fast schon Groteske und ich war mit dem Abend zur Gänze versöhnt.

Henusode

Die Abzocker sind abgewatscht, ein zeitgemässes Familienbild ebenfalls. Obgleich 54,3 % Prozent der abstimmenden Schweizer für die Aufnahme eines Verfassungsartikels über die Vereinbarung von Familie und Beruf stimmten, bodigte die Mehrheit der Kantone die Mehrheit der Wähler.

Das sogenannte Ständemehr, also die Mehrzahl der Schweizer Kantone ist bei verfassungsrechtlichen Referenden obligatorisch. Dieses Ständemehr (10 zu 13) erteilte dem Verfassungszusatz eine Abfuhr, wobei bei diesem Verfahren eine Appenzeller Stimme genau so viel zählt wie 40 Zürcher Stimmen. Der paradoxe Konflikt zwischen Stadt und Land wird fortgeführt und weiter vertieft. Die Schweiz ist nicht nur bei der Familienpolitik konservativ, sie ist demokratisch und demographisch rückständig, weil sie sich von den fundamentalistischen Taliban in den ländlich geprägten Kleinkantonen der Deutschschweiz aus falsch verstandenem Minderheitenschutz dominieren lässt.

Um die Eidgenossenschaft vor zwangs-kasernierten Kindern zu warnen, trumpfte die SVP wieder propagandistisch gross auf. Die Rechtspartei konnte sich dank spendabler Alt-Abzocker locker leisten, die Haushalte in der Romandie und Deutschschweiz mit einem „Extrablatt“ zu beglücken:

SVP Staatskinder, SVP Kampagne 2013, SVP Schweiz Familie

„Papa, warum sind die Kinder eingesperrt?“ (Kind, 4 Jahre)

Tatsächlich ist in der Schweiz die traditionelle Rollenverteilung Mann arbeitet, Frau kocht weitgehend intakt. Der Hobbyschweizer trifft bei Kinderbespassungen fast ausschliesslich Mütter. Im Grossen Kanton standen Frauen während zweier Weltkriege ihren Mann an der Heimatfront und sorgten so für ein neues Rollenverhältnis mit allerdings überraschend deutlichem Resultat: Männer waren doppelte Verlierer, im Heim- wie im Auswärtsspiel. Nur kurzzeitig liess sich dieser Bruch im Rollenspiel kaschieren und spätestens mit der Studentenbewegung hatte der gesellschaftspolitische Rollenwandel endgültig Fahrt aufgenommen.

Mittlerweile wird jenseits des Rheins bereits über eine zunehmende Feminisierung der Gesellschaft durch Erziehung und Bildung diskutiert, während hier Kinderkrippen noch als staatlicher Gulag geschmäht werden. Das ländliche Familienideal funktioniert aber im urbanen Umfeld kaum, stattdessen entwickelt sich zumeist eine Patchwork-Situation, die ganz nebenbei eine solide Sozialkompetenz antrainiert.

In der Metropole Zürich ist das Dilemma der Landeier hingegen allgegenwärtig, wenn jene als angehende Szenis in der Stadt aufschlagen und als gequirlte Autoreferenz landen.

Schwedenhappen

»When you are full of fire, what’s the object you desire?«

Der ekstatische Rhythmus mit der lamentierenden, teils stark verzerrten Stimme haut schon allein ganz gut rein und tönt bisweilen wie Throbbing Gristle auf Amphetamin. Der dazugehörige Kurzfilm der feministischen Regisseurin Marit Östberg thematisiert Cross-Dressing und Transgender.

Suburbia

Am Rand der kleinen grossen Stadt ist die Welt noch in Ordnung ländlicher als auch schon. Mit dem Fangglas musste schon mancher Monsternachtfalter aus der Mädchenabteilung unblutig entsorgt werden. Des weiteren wurde eine Blindschleiche aus dem Weg geräumt und friedfertige Kaulquappen aus Kinderhänden befreit. Zwei Katzen aus der Nachbarschaft erhielten die Rote Karte nebst vorläufiger Spielsperre. Ausser den Viechern kommt auch das meiste Wetter gerne überfallartig. Zuvor sah man aus der Beobachtungsstation was auf einen zukommt, jetzt pirschen sich die Wolken über den achthunderteinundsiebzig Meter hohen Hausberg flugs an die Siedlung heran.

Die Luft atmet sich angenehm würzig mit einer erdigen feucht-frischen Note — kein Vergleich zu der abgestandenen Feinstaubkonzentration in der Innenstadt. Weder im Wilden Süden noch in der grossen Mauerstadt hat der Hobbyschweizer je so sauerstoffhaltig gehaust. Mutmasslich aber handelt es sich hierbei um einen kleinen vorsätzlichen Selbstbetrug, weil die Sauerstoffaufnahmefähigkeit aufgrund fortgeschrittener Zellalterung qualitativ eher abgenommen haben muss. Dafür gibt es beim bergan strampeln mit dem Velo den Lungenfunktionstest gratis obendrein; wie beim Konditionstest sind die Ergebnisse leider doch ziemlich realistisch.

Im Vergleich mit der anonymen Wohnmaschine gestaltet sich in der Vorstadt die Öffentlichkeitsarbeit völlig anders. Quasi Grüezipflicht auf jedem Schritt. Die Randlage erlaubt jedoch auch randständiges Handeln: so kam ein jenischer Scherenschleifer vorbei, freundlich und entspannt, trotz meiner Absage. Ein leibhaftiger Scherenschleifer hat mich seit der frühen Kindheit nicht mehr kontaktiert! Ein wenig später läutete ein stummer Roma an der Haustüre, welcher sein schriftliches Bettelgesuch in einer Art laminierter Visitenkarte überreichte. Der dritte im munter selbstkonstruierten Bunde war ein schwer radebrechender Paketbote, welcher an der zugegeben komplizierten Zustellung scheiterte, das Paket kurzerhand wieder mit sich nahm und dafür mich sprachlos zurückliess.

Kommen morgen die Mormonen? Überzeugen bald die Zeugen oder rückt gleich die Heilsarmee an? Wann drücken die Drückerkolonnen die Klingel?

Where’s a policeman when you need one to blame the colour TV?

Gegensteuer

Eine kleine feine Schweizer Privatbank übernahm nur allzu bereitwillig ab 2008 das aufgrund einer in den USA erhobenen Anklage gegen die UBS brachliegende US-Privatkundengeschäft. Und dies — notabene — ohne selbst eine Niederlassung in den USA zu betreiben, was bei einer Strafverfolgung nicht ganz unnützlich sein kann. Als die Amis dies mitkriegten und Ermittlungen gegen die Bank anstrengten, drohten sie alsbald mit harten Handelssanktionen, einer Art Sippenhaft bis hin zum Auschluss Schweizer Banken vom wichtigen US-Handelsplatz.

spinnennetz, kreuzspinne, spinne, netz

In der Folge wurde die älteste (!) Schweizer Privatbank eilig abgewickelt: das prekäre US-Geschäft wurde schleunigst in eine Bad Bank überführt und der gute Rest unter Zuhilfenahme einer Neugründung einfach an die hiesige Raiffeisenbank abgetreten.

Im Zuge der Affäre trat dann im Frühjahr 2012 der Vorsitzende des Verwaltungsrates der Neuen Zürcher Zeitung zurück; war er doch in Personalunion zugleich geschäftsführender Miteigentümer («Wer Steuern zahlt, ist dumm.») der vordem kleinen feinen Privatbank…

*     *     *

Die NZZ jedoch bildet weiterhin die publizistische Speerspitze des Paradeplatzes und bietet als dessen unbeugsames Kampfblatt ihrem Redaktor Beat Gygi die Plattform für einen mehr als polemischen Kommentar zum anhaltenden Steuerstreit mit dem Grossen Kanton:

Dass eine einigermassen liberale Regelung für den Umgang mit «altem» deutschem Vermögen in der Schweiz derart schwierig ist, hängt stark damit zusammen, dass in Deutschland eine andere Art von Demokratie und ein anderes Verständnis vom Staat dominieren als in der Schweiz. Das ursprüngliche Steuerabkommen wurde primär mit Vertretern einer Regierung ausgehandelt, die die politische Mitte und angrenzende linke Segmente vertritt. Mit diesen Politikern war ein Kompromissvorschlag möglich, der der Privatsphäre der Bürger und ihrem Schutz vor allzu dreistem staatlichem Zugriff einigermassen Rechnung trägt.

Einigermassen liberal, aha — neo-liberal wäre gewiss genehmer. Dreist? Naja. Die Steuergesetzgebung der beiden Streithähne ist schon allein darum verschieden, weil die Staatsaufgaben anders verstanden werden. Dort Sozialstaat mit Ganztagsbetreuung, hier Eigenverantwortung und traditionelles Familienbild. Mit wechselnden Regierungen ändern sich zudem die politischen Zielvorgaben viel geschwinder, ganz im Gegensatz zur Allparteien-Regierung der Eidgenosschenschaft, wo unentwegt gemauschelt wird.

Der deutsche Scheinföderalismus, der den 16 Bundesländern keine echte Steuer- und Ausgabenverantwortung zugesteht, sondern eher als Lizenz zum Mitmischen im oberflächlichen Umverteilungskampf zu sehen ist, führt aber dazu, dass die Länderkammer, der Bundesrat, plötzlich eine zentrale Rolle spielt. Die Linke, die die Mehrheit in dieser Kammer hat, nutzt die Gelegenheit nun offenbar, sich durch ein Nein zum Steuerabkommen für den Wahlkampf ideologisch zu profilieren. Aus deutscher Sicht kann dies teuer werden, das sozialistische Nein kann bedeuten, dass Deutschland erhoffte 10 Mrd. € plus «Jahresraten» nicht zukommen.

Scheinförderalismus? Oha, die Bundesrepublik ist aber nun mal förderal strukturiert. Nicht ganz so kantönlikleingeistig comme ici, aber immerhin, es gibt auch drüben zwei Kammern und das ist durchaus gewollt. Einen absurden Steuerwettbewerb mit der hierzulande üblichen Krassheit, welche die Zersiedlung der Landschaft und die Entstehung von Millionärs-Ghettos befördert, gibt es dort trotz bestehenden Nord-Süd-Gefälles tatsächlich nicht. Und die SPD ist jetzt plötzlich sozialistisch? Potzblitz, da tönt ja jemand mächtig säuerlich, vielleicht weil der Ablassbrief nicht wunschgemäss ausgestellt wird?

Dabei springt ins Auge, dass ein rational kaum fassbarer Kampfbegriff wie «Gerechtigkeitslücke» als Hauptargument zur Ablehnung dienen kann. Gerechtigkeit scheint aus dieser Sicht eine Staatsaufgabe zu sein, und offenbar soll diese in Form von Gleichmacherei ziemlich totalitär durchgesetzt werden.

Kampfbegriff? Gut, in Zeiten der Globalisierung herrscht Wirtschaftskrieg an allen Fronten. Die Wortschöpfung Gerechtigkeitslücke aber ist doch metaphorisch gut gelungen und sehr eindrücklich. Mag die schwer rationale Schweizer Zunge kein Wort schöpfen? Gerechtigkeitslücke strikes!

Und überhaupt: Gerechtigkeit ist keine Staatsaufgabe? Gottgegeben vielleicht? Oder wird sie von Banken kreditiert?  Womöglich als reine Selbstgerechtigkeit à-les-riche? Soziale Gerechtigkeit scheint hier ein Fremdwort zu sein. Totalitäre Gleichmacherei? Oh my god, the commies are coming! Wenn in einem Land fiskalische Gesetze für alle Staatsbürger gelten sollen, so kann man keine Ausnahmeregelung gestatten, nur weil besonders Gierige ihr Scherflein mit Hilfe von sich dem Verdacht der Beihilfe aussetzenden halbseidenen Vermögensberatern sanft in Steueroasen betten und die Oase selbst im Grunde als Raubritterburg fungiert und profitiert. Krawallerie!

Die schillernde Rolle der offiziellen Schweiz hat solche Taktiken allerdings begünstigt. Der Bundesrat, etwa Eveline Widmer-Schlumpf, hat in jüngerer Zeit den USA und europäischen Verhandlungspartnern praktisch signalisiert, die Schweiz habe eine etwas flexible Linie und werde immer ein Schrittchen nachgeben, wenn der Druck wachse.

Mönsch Beat. Schlumpfs Vorgänger und Bankenlobbyist wurde bereits vor über vier Jahren aus der Regierung gewählt; er hat eine Haussuchung just hinter und ein Strafverfahren noch vor sich, doch auf seine Nachfolgerin wird wegen der von ihr aufgegleisten Weissgeldstrategie und aus schierer Rachsucht noch immer feste eingeprügelt. Derweil die USA die finanzpolitischen Daumenschrauben bis hin zur Schmerzgrenze anzogen, verhandelt der Grosse Kanton immerhin tapfer weiter.
Die NZZ dagegen gibt sich gemeinsam mit der SVP als radikal fundamentalistischer Hort, wo «…die Werte der freien, unabhängigen, neutralen Schweiz, die sich nicht schämt, gegenüber dem Ausland stets den Fünfer und das Weggli zu verlangen» bedingungslos verteidigt werden.

Warum nur löst sich die Eidgenossenschaft nicht endlich aus den Händen der helvetischen Banken-Maffia, die ihr Ansehen zusehends ramponiert? Der Banken-Lobby ist es über die Jahre hinweg gelungen, das Land quasi zur Geisel zu nehmen und das Bankgeschäft gleichwohl als ein dem Gemeinwesen dienendes und daher absolut schützenswertes nationales Symbol darzustellen.

Und dabei entrichten die einheimischen Banken teilweise nicht einmal Steuern! Fürwahr parasitäre paradiesische Zustände.

Röstigrabung

Die national konservative Weltwoche hat mobil gemacht – diesmal aber nicht per se gegen Gutmenschen und Linke, sondern generell gegen die einheimischen Welschen. «Die Griechen der Schweiz» seien die frankophonen Mitschweizer — Parasiten, Trinker und Sexbesessen, suggeriert der Weltwoche-Titel. Blochers Propagandablatt schafft es, analog zu der germanischen SVP-Werbeagentur, sich immer wieder feist ins mediale Rampenlicht hinein zu keilen.

Vor Jahren war es die Bündner Minderheit (Jäger, Räuber, Rätoromanen), die bereits den schwarzen Peter von der deutschschweizer Postille zugeschoben bekam. Immer wieder und besonders zuvorkommend behandelt wurden die Zuwanderer aus Teutonien und Kosova, zwischendrin waren das nationale Unglück dann die Kunstschaffenden usw. usf.

Auf Facebook nehmen viele Welsche die Attacke gelassen mit Humor, offensichtlich werden die kleinkarierten Deutschschweizer einfach nicht richtig ernst genommen.

Welsche Kantone sorgen via Finanzausgleich auch dafür, dass die Bergbauern in der Zentralschweiz weiterhin hochsubventioniert Alibilandwirtschaft betreiben können. Dafür überstimmen die ländlich geprägten Innerschweizer Kantone die zahlenmässig unterlegenen Westschweizer Kantone bei nationalen Abstimmungen. Passt doch!

Ist nach Minarettverbot und den Zweitfrauen nun alles reines Kismet?
Der ehemalige Libysche Revolutionsführer und kontinentalafrikanische König der Könige, hatte —  als guter Freund und Kenner der Schweiz — schon vor Jahren eine Dreiteilung der Eidgenossenschaft zugunsten der Nachbarländer gefordert.

Nur — wer will die bünzligen Kantönligeister schon aufnehmen?
Vielleicht ja die demokratische Volksrepublik Liechtenstein.