In einem kurzweiligen Theaterstück wurde in Heilbronn das Pershing-Unglück im Rahmen des NATO-Doppelbeschlusses vor 40 Jahren verhandelt. Ausschliesslich Original Dokumente in Form von Bundestagsprotokollen, Präsidenten- und Ministerreden garniert mit Gemeinderatssprech wurden collagenhaft mit Slogans und Liedern der damaligen Friedensbewegung geschickt verwoben. Die gemeine Stimme von der Strasse durfte natürlich auch nicht fehlen.
Lieber eine Pershing im Garten, als einen Russen im Bett.
Rasch kippte jedoch die öffentliche Meinung und es kam zu Demonstrationen und Blockaden der US-Einrichtungen auf der Waldheide durch viele selbst eher konservative Bürger. Der Gemeinderat sprach sich einstimmig gegen den atomaren Stützpunkt aus. Reichlich kurios die Flucht des damaligen Verteidigungsministers Manfred Wörner aus dem Rathaus der Stadt vor aufgebrachten Einwohner über eine Hausmeisterwohnung und die Tiefgarage. Da er ihnen nicht Antwort und Rede stehen wollte wurde er klandestin nach draussen verbracht, wo er grusslos mit seiner Limousine flugs entschwand. Muttern bestätigte die Anekdote als wäre es gestern passiert, der städtische Hausmeister war wohl ein Bekannter…
Beim betroffenen Zeitzeugen wurden dunkle Erinnerungen wach – die Stationierung von Atomwaffen erzeugte quasi spiegelbildlich eine lokale Zielscheibe. Durch ein militärisches Planspiel namens Proud Prophet wurde bereits 1983 recht schnell deutlich, dass ein Konflikt zwischen NATO und Warschauer Pakt die reine Hölle auf Erden erzeugen würde und für keine der beiden Seiten zu gewinnen wäre. Es folgte ein radikales Umdenken der Reagan-Administration mit konsequenter Abrüstung des atomaren Overkills. Die letzten Pershing-Raketen verliessen Heilbronn schliesslich 1990 mit einer etwas paradox anmutenden Grussbotschaft.
Die ganze Absurdität der damaligen Zeit wird mit einem Blick auf die aktuelle Situation im Epilog des Schauspiels nochmals akzentuiert, wenn auf der Bühne klar und deutlich proklamiert wird, dass auf NATO-Gebiet aber auch in China, Russland, Iran und Indien mehr und mehr moderne Hyperschallraketen stationiert werden und so dem atomaren Tod wieder frischen Schub verleihen.
Die fünf jungen Darsteller:innen des Recherche-Stückes performten mitsamt diversen Gesangseinlagen («Marmor, Stein und Eisen bricht, In′s Gras wer ma beissen, ob’s uns schmeckt oder nicht. Alles, alles geht vorbei, durch die Pershing zwei») jedenfalls famos und genossen den langanhaltenden Applaus des Publikums völlig zu Recht.
Ein prima redigiertes und arrangiertes Stück jüngerer Zeitgeschichte!

