Seuchengefahr

Im Kleinfamilienbiotop steht der Erste-Hilfe-Koffer immer parat.

Herskasper, Herzurhythmus, Herzrasen, Hertzleid

Das befreundete Paar mit den beiden Kindern schräg gegenüber lebt neuerdings in Trennung. Im Nebenhaus war just alles nett und adrett innenausgebaut und nun Hörner für den Mann und Häuschen für die Frau. Tochter heult. Zwei Häuser weiter imponiert die glücklich geschiedene Mutter mit ihrem körperbehinderten Sohn und verbündet sich mit der ledigen Mutter vis-à-vis zum Apéro. Panzer-Albert hält sich derweil eine fügsame Haus-Thai, die nun seinem Kameraden, dem siebzigjährigen Opa von gegenüber im Haushalt hilft, weil der sich das Schlüsselbein genau an der Stelle brach, wo vor zwei Monaten erst eine Metallklammer wegen eines Rennvelo-Unfalls eingesetzt wurde. Es herbstet in der Siedlung.

Manövergebiet

Nachbar Albert liebt schneidige Panzermanöver im Vorgarten. Unter den stieren Augen von Gartenzwergen & Co. übt sein funkgesteuerter Spielzeugtank sehnsüchtig Blitzkrieg. Ein eingebauter Soundchip suggeriert Dieselatmosphäre, Maschinengewehrfeuer und eine heftige Panzerhaubitze. Der kleine Junge im Nebengarten reagiert bereits leicht verstört sobald der Panzer gefechtsbereit in Stellung geht und ergriff nach einem überraschend vorgetragenen Frontalangriff schreiend die Flucht.
Spielzeugpanzer, ferngesteuerter Panzer

Vor ein paar Tagen präsentierte Albert im Garten stolz seinen neuen Prototyp: ein noch zu tunendes Panzer-Chassis in Go-Kart-Grösse steht bereit zum Aufrüsten; Albert verspricht die Manövertauglichkeit innert 18 Monaten — ich bin jetzt schon gespannt auf die digitale Akustik…

Ein Platz für Tiere

In Zürich ist die soziale Kontrolle für Hündler glücklicherweise derart streng, dass selbst Kleinkinder kaum in Hundekacke fallen. Jenen Zwang zur Tüte wünschte ich mir auch für die munter umher streunenden Hauskatzen im Familienbiotop. Diese Viecher koten und pissen riechbar laut und völlig ungeniert in der Vorgartenbotanik. Vermutlich gibt es bei der Pflegefamilie zwar Dosenfutter satt, hingegen kein Katzenklo mehr. Mittlerweile sind die Tiere soweit degeneriert, dass sie freilaufend ihre Hinterlassenschaften erst gar nicht mehr verscharren.

Bevor ich mich nun mit einer Loveparade-Wasserpumpgun auf die Lauer lege und hier vollends lächerlich mache, habe ich als Sofort-Massnahme im Garten einen ziemlich deutlichen Warnhinweis angebracht:

Verpiss Dich!,Verpiss-dich-Pflanze

Wirkt Wunder: lediglich einmal Katzendreck innnert zweier Wochen!
(Und der wurde postwendend in Frauchens Garten zurück geschaufelt…)

In der Siedlung kommen auf einen Hund locker zweieinhalb Katzen und unter dieser Anomalie leidet nicht nur der Hobbyschweizer, sondern auch seine neuste Freundin, die nützliche Blindschleiche. Zumindest zwei. Erstere konnte sich — nur leicht verwundet — vorläufig noch ins Gebüsch retten. Von der zweiten wurde unter Zuhilfenahme einer Sollbruchstelle in höchster Not rasch das zur Ablenkung vorgesehene Schwanzstück Blindschleiche, Schwanzstück Blindschleiche, abgestossenes Schwanzstück BlindschleicheBlindschleiche, Schwanzstück Blindschleiche, abgestossenes Schwanzstück Blindschleiche abgeworfen, welches sich zu meinem grossen Erstaunen minutenlang (!) weiter schlängelnd fortbewegte. Als die Katze im blutrünstigen Spielrausch aber dann noch etwas mehr vom verbliebenen grösseren Teilstück abbiss, hatte die nun arg verkürzte Echse verständlicherweise keine besondere Lust mehr, ihrer fortschreitenden Zerstücklung weiterhin live beizuwohnen.

Zweifelsohne schade um die hübschen Schleichen, stehen sie doch in vorderster Front im gemeinsamen Kampf gegen die Vorherrschaft der Nacktschnecken, vor allem gegen die besonders verfressene Spanische Wegschnecke. Wie zum Trost wurde nach einer der täglichen Chefvisiten neulich ein bislang noch unbekanntes Häufchen auf dem Rasen eindeutig als Igel-Losung identifiziert. Das Stacheltier hat Schnecken ebenfalls zum Fressen gern und ist gegen Hauskatzen weitgehend immun – hurra!

Und vielleicht kommt ja auch mal ein Neumann Marder zu Besuch…

Sporno Spracken

Analog zur Uhrenbranche gelingt den bauernschlauen Eidgenossen mit einer gut abgekupferten und vorwiegend durch eintönige, aber hörige Landeier kommerziell sehr erfolgreichen Massenbespassung das Original zu übertreffen. Während die teutonische Ausführung heimatlos geworden einer Art Endlösung zugeführt wurde, ist die hiesige Gute-Laune-Bewegung ein traditioneller Bestandteil der konsumorientierten Erlebnisgesellschaft und offenbart bei der Sponsoren-Auswahl richtig guten Geschmack:

Streetparade, Street Parade Zurich, Street Parade Sponsoren, Street Parade 2012, Techno Umzug, Metzgerei Keller

Auto und Wurst gehypt von Sextoys alimentieren die Züri Fleischbeschau

Wobei mir beim Nachrechnen schon auffällt, dass der Autohändler nach eigener Anschauung tatsächlich den grössten Gebrauchtwagenmarkt im Umland führt und zumindest die legendäre Rostbratwurst Wiedikerli vom Keller Metzg frisch grilliert eine ausgesprochen gute Figur abgibt und dabei richtig gut schmeckt! Dass auf der Keller-Homepage die aktuellen Schlachtviehpreise verlautbart werden, hat zudem einfach Stil…

In Sachen Sexshop kann ich keine Zeugenaussage tätigen und lediglich vermerken, dass Wollerau (jwd) im steuerbegünstigten Kanton Schwyz liegt und ein Herr Federer genau dort eine Niederlassungsbewilligung hat.

Suburbia

Am Rand der kleinen grossen Stadt ist die Welt noch in Ordnung ländlicher als auch schon. Mit dem Fangglas musste schon mancher Monsternachtfalter aus der Mädchenabteilung unblutig entsorgt werden. Des weiteren wurde eine Blindschleiche aus dem Weg geräumt und friedfertige Kaulquappen aus Kinderhänden befreit. Zwei Katzen aus der Nachbarschaft erhielten die Rote Karte nebst vorläufiger Spielsperre. Ausser den Viechern kommt auch das meiste Wetter gerne überfallartig. Zuvor sah man aus der Beobachtungsstation was auf einen zukommt, jetzt pirschen sich die Wolken über den achthunderteinundsiebzig Meter hohen Hausberg flugs an die Siedlung heran.

Die Luft atmet sich angenehm würzig mit einer erdigen feucht-frischen Note — kein Vergleich zu der abgestandenen Feinstaubkonzentration in der Innenstadt. Weder im Wilden Süden noch in der grossen Mauerstadt hat der Hobbyschweizer je so sauerstoffhaltig gehaust. Mutmasslich aber handelt es sich hierbei um einen kleinen vorsätzlichen Selbstbetrug, weil die Sauerstoffaufnahmefähigkeit aufgrund fortgeschrittener Zellalterung qualitativ eher abgenommen haben muss. Dafür gibt es beim bergan strampeln mit dem Velo den Lungenfunktionstest gratis obendrein; wie beim Konditionstest sind die Ergebnisse leider doch ziemlich realistisch.

Im Vergleich mit der anonymen Wohnmaschine gestaltet sich in der Vorstadt die Öffentlichkeitsarbeit völlig anders. Quasi Grüezipflicht auf jedem Schritt. Die Randlage erlaubt jedoch auch randständiges Handeln: so kam ein jenischer Scherenschleifer vorbei, freundlich und entspannt, trotz meiner Absage. Ein leibhaftiger Scherenschleifer hat mich seit der frühen Kindheit nicht mehr kontaktiert! Ein wenig später läutete ein stummer Roma an der Haustüre, welcher sein schriftliches Bettelgesuch in einer Art laminierter Visitenkarte überreichte. Der dritte im munter selbstkonstruierten Bunde war ein schwer radebrechender Paketbote, welcher an der zugegeben komplizierten Zustellung scheiterte, das Paket kurzerhand wieder mit sich nahm und dafür mich sprachlos zurückliess.

Kommen morgen die Mormonen? Überzeugen bald die Zeugen oder rückt gleich die Heilsarmee an? Wann drücken die Drückerkolonnen die Klingel?

Where’s a policeman when you need one to blame the colour TV?

Post Mortem

Die Nummer 2 und 3 der Schach-Welt bekamen in Zürich von einem russischen Diamantenhändler einen Match über sechs Partien spendiert. Neben Grossmeistern und vielen Kleinmeistern trafen sich die übrigen Enthusiasten im Festsaal vom Hotel Baur en Ville direkt am Paradeplatz.

Dem Hobbyschweizer war schon etwas wunderlich zumute, als er den mit Holzclogs bewehrten baren Fuss ins vielsternige Refugium setzte. Der Dresscode der ECU scheint glücklicherweise nur für Aktive zu gelten. Vor Ort wandelten zwei oder drei Oligarchenangehörige weiblicher Natur, die den Spielsaal modisch mit einem Ballsaal zu verwechseln schienen, was jedoch angesichts der Üppigkeit an Decken, Wänden und Boden sowie der Boutiquendichte an der Zürcher Bahnhofstrasse fast verständlich ist, und — aus der Holzschuhklasse betrachtet — der Veranstaltung ein durchaus passendes mondänes Flair verlieh.

Immer amüsant ist der Schnarcher, ein äusserst zuverlässiger Gast bei Live-Darbietungen der Denkartisten, der — kaum weggenickt — alsbald schonend aber bestimmt von seinen Nebensitzern wiederbelebt wird. Besonders ausdauernd war der Sesselpupser mit enormer Frequenz von hörbar laut entweichender Flatulenz, der während seiner Sitzung locker einen Gasballon hätte füllen können. Klingeltöne waren zahlreich und mannigfaltig; sie sind jedoch nur nervend und vor allem sehr unhöflich gegenüber den brütenden Maestri. Ganz besonders dämlich stellte sich die stadtbekannte Klatsch-Kolumnistin an, offenbar hat ihr Smartphone eher sie im Griff.

Den an Schachveranstaltungen unweigerlich auftauchenden Sonderling gab ein graumähniger Gast, der sich fortwährend die linke Gesichtshälfte mit einer Zeitung bedeckte. War jene von der üblicherweise bestens durchbluteten Ohrmuskulatur ausreichend angewärmt, wurde einfach eine Seite weiter geblättert und das Profil sogleich wieder dahinter versteckt. Ein wirklich ganz besonders eindrückliches Schauspiel!

Nach dem Ende der Partie wird deren Verlauf mit dem Gegner meist noch etwas analysiert, was in Fachkreisen ironiefrei post mortem genannt wird und selbst für die kleine Tochter des Ex-Weltmeisters völlig harmlos ist.

Die Partie dauerte fast fünf Stunden und war erst zäh, dann zunehmend spannend und kurz nach der Zeitkontrolle urplötzlich remis.

Draussen blühte derweil prall die Frühlingssonne.

Kramnik, Vladimir – Aronian, Levon
Zurich Chess Challenge, Partie 6

1.e4 e5 2.Nf3 Nc6 3.Bb5 Nf6 4.d3 Bc5 5.Nbd2 d6 6.c3 O-O 7.O-O Ne7 8.h3 Ng6 9.Re1 c6 10.Ba4 Re8 11.d4 Bb6 12.Bc2 h6 13.a4 Be6 14.Nf1 exd4 15.Nxd4 Bd7 16.f4 d5 17.e5 Ne4 18.Bxe4 dxe4 19.a5 Bxa5 20.Ng3 Bb6 21.Kh2 c5 22.Ndf5 Bxf5 23.Nxf5 Qxd1 24.Rxd1 Rad8 25.Be3 Rd3 26.Re1 f6 27.exf6 gxf6 28.Nxh6+ Kf8 29.Ra4 Rd5 30.c4 Rd3 31.b4? Rxe3! 32.Rxe3 cxb4 33.Rg3 e3?! 34.Rxg6 e2 35.Ra1 Bf2 36.Rg8+ Ke7 37.Rg7+ Kd6 38.Rxb7 e1=Q 39.Rxe1 Bxe1 40.Nf5+ Kc5 41.Rb5+ Kc6 42.Nd4+ Kc7 43.Rc5+ 1/2-1/2

Homo Novus

Kein Abschied ohne Schmerz, Schlüsselerlebnis Schlüsselübergabe.

Max Frisch im Lochergut, Max frisch, Lochergut, Zürich

Anstelle der Aussicht aus der 800-köpfigen Wohnmaschine über die kleine grosse Stadt mit dem himmelweiten Horizont geht nun der Blick auf die sozialdemokratischen Kleingartenparzellen in einer familienfreundlichen Rasenmähersiedlung inklusive des gar 900-köpfigen Monstrums namens Plenum, welches mit eidgenössisch disziplinierter Chropfleerete (Kropf leeren tut gut bei dicken Hals!) über die bauliche Zukunft einer alternden Genossenschaft mit Hilfe von gestellten Fresspäckli gegen den allmählich fallenden Blutzuckerspiegel am immer später werdenden Abend dennoch eine Beschlussfassung nahe handelsüblicher SED-Quoten erreicht.

Im Zweifel für den Zweifel und immer Volldampf voraus!

Wappenschmiede

Das patriarchalische Zünfterwesen der Stadt Zürich befördert geradezu das Wappenwesen. Jeder Stadtbezirk und jedes Quartier pocht auf ein eigenes Wappen und am Zürcher Sechseläuten, dem Frühlingsfest in der Deutschschweiz, werden sie allesamt während eines kostümierten Umzuges durch die Strassen der Stadt stolz präsentiert. Als begeisterter Umzugsfan zieht der Hobbyschweizer auch privat des öfteren um, mit der hehren Absicht, sich in Sachen Wappenkunde gründlich weiterzubilden.

Vom dreckigen Arbeiter- und Zuwandererbezirk Aussersihl, genauer dem Hard-Quartier mit stadtweit spitzenmässigen 42 Prozent Ausländern hinein ins beschauliche Wiedikon, wo im grünen Wohnquartier Friesenberg anteilig die meisten Inländer ganz Zürichs wohnhaft sind. Und dies offenbar mit guter Tradition:

1787 trennte der Rat von Zürich die Gegend westlich der Sihl/Limmat auf Wunsch der Bewohner vom Kreuel und Hard von Wiedikon. Grund war die Weigerung der Gemeinde Wiedikon, neue Bürger, die sich im Kreuel und Hard ansiedelten, aufzunehmen. Nur wer Bürger war, besass alle Rechte. Die nun selbständig gewordene Gemeinde nannte sich Aussersihl. (-> Quartierverein Aussersihl-Hard)

Vorher
Nachher

Von der Heraldik her betrachtet fällt der Ortswechsel mehr als dürftig aus. Drei Sterne in schwarzer Nacht über Grün sind wie das Quartier schön schlicht; beim Bezirkswappen aber kann doch gegen einen ordentlichen Anker kein Reichsapfel anstinken, selbst wenn der ausgesprochen farbenfroh daherkommt.