Mesmerismus

Der „animalische“ (tierische) Magnetismus bildet den theoretischen Überbau für eine okkulte Heilmethode aus dem 18. Jahrhundert, welche von einem bloss vermuteten, jedenfalls nicht-stofflichen Fluidum ausgehend etwaig blockierte Lebenströme mittels Handauflegen zu reaktivieren versucht. Panta rhei, dachte sich der Grieche. Chi, sagt der Chinese und meint das Gleiche.

mesmerismus, magnetismus, animalischer magnetismus, osteopathie, okkulte heilverfahren, handauflegen, heilende hände

Tierischer Magnetismus gefällig?

Alternative Heilmethoden sind selbst in der nachgöttlichen Neuzeit eine gefragte und gut bezahlte Tätigkeit von Heilern, Sehern und Handauflegern. Ob Osteopathie, TCM, Homöopathie oder einfache Gesprächstherapie, es ist für alle Geschmäcker und Lebenslagen (vor)gesorgt. Die ganzheitliche Behandlung des ehedem doktrinär streng dreigeteilten Individuums scheint zeitgemäss, vor allem aber zu wirken.

In einer mitteilungsbedürftigen Gesellschaft ist jedweder kommunikativer Stress bzw. Stau ein beinahe schon trendiger Befund. Seelenstriptease ist gängig und gilt als moderne und durchaus aufgeschlossene Selbstkasteiung. Seit das Nackigmachen in den therapeutischen Beichtstühlen seine Anzüglichkeit verloren hat, scheint alles Spruchreife verhandelbar. Wenn aber alles benennbar ist, bedeutet dies noch lange nicht, dass jedwede Ent-Äusserung verständlich ist. Systembedingt produzieren Overhead und Redundanz jedoch fortlaufend neue Verwirrung.

My baby baby, balla balla
My baby baby, balla balla
My baby baby, balla balla
My baby baby, balla balla
Ooh balla balla.

Jenes zeitgenössiches Mitteilungsbedürfnis hat einen recht trivialen, zivilisatorischen Grund: die andauernde Entmenschlichung in einer durchtechnisierten Realität nebst all der kommunikativen Störgeräusche, in der die zunehmende Reizüberflutung kaum bewältigt, geschweige denn geordnet werden kann. Das permanent beschleunigte Dasein ist einfach zu rasant für unsere altbackenen Sinne, wird kaum erfahren und erlebt, weil es in dieser Rastlosigkeit schlicht an Zeit für Details fehlt. Digitale Hilfsmittel, ursprünglich als kommunikative Krücken entwickelt, erscheinen so als undifferenzierte Antennen, die nur noch mehr unverdauliche Information zuführen.

Psychosomatie,mesmerismus, magnetismus, animalischer magnetismus, osteopathie, okkulte heilverfahren, handauflegen, heilende hände

Klumpprinzip: im Ex-Magnet-Haus verspricht heute ein psychotherapeutischer Psychosomatiker psychiatrische Heilung

Wo einst Naturreligionen und Monotheismen den traditionellen Weg zum Seelenheil aufzeigten, versperren heute zahllose Hinweise, welche den Weg oder gar das Ziel zeigen wollen, die Sicht aufs Wesentliche, nämlich das Diesseitige, das hier und jetzt. Zudem kommen therapeutische Angebote oft einseitig pekunär orientiert daher. In der Seelenheilkunde werden laufend neue Krankheitsbilder beschrieben und zeitnah therapeutisches Expertenwissen feil geboten.

Die Menschmaschine soll mit Hilfe kostenpflichtiger Wartungsinstanzen bis hin zum der Persönlichkeitsoptimierung dienenden und in geradezu inflationärer Weise allgegenwärtigen Coaching möglichst reibungslos und effizient funktionieren, um ganz profan den Mehrwert zu mehren.

Alles fliesst — möglichst profitabel — von unten nach oben.

Unsere Freundschaft ist das Geld
Mit dem wir bezahlen was man zahlen muss
Alles muss im Überfluss vorhanden sein
Dann sind wir nie allein

Kinderspiel

Grössere Kinder versuchen ihre Befindlichkeit mitsamt dem ganzen Daseinsschmerz zu artikulieren und treffen bisweilen Aussagen, welche zwangsläufig die nachpupertäre Abnabelung thematisieren. Dabei entwickeln sie jene subtile Art von Kritik, welche die Eltern landläufig einfach bloss quittieren können.
Ein bereits ausgewachsenes Kind hat sich nun mit seinem Vater arrangiert und zusammen verfolgen sie den therapeutischen Ansatz der Transformation von hingerotzter Scheisse zu familiärem Humus. Weder Musikstil noch Songtexte sind mein Ding, weil ich aber Vater und Sohn kenne, hab ich mich durchgehört. Kreuzberg hurts.

Heimat

[Diskurs in der Enge — nebst Änderungen entliehen von ad sinistram]

Die Heimat geht mir verloren. Ich höre oft, Heimat sei Heimat, dahoam sei dahoam – ich habe gesehen, wie einem Menschen die Heimat vergeht, wenn er geht. Heimat ist nicht nur ein räumlicher Begriff – er ist es viel mehr zeitlich. Wenn man sie verlässt, so entflieht man dem Raum, gleichwohl man ihr zeitlich fernsteht. Einfach den Raum wieder einzunehmen, das macht Heimat nicht aus. Meiner Mutter ging die Heimat verloren, sie verließ sie – räumlich und zeitlich. Und irgendwann besuchte sie das, was ihr Heimat war und stets erkannte sie, auch wenn sie es so nie sagte, dass ein Ort niemals ein Ort bleibt, dass er zwar materiell hier ist, dass man ihn betreten kann, dass aber der Ort das Zeitliche segnet. Die Häuser standen noch, der Geist, der in ihnen lebte, geschliffen an Stunden, Wochen, Jahren, er veränderte das Leben am Ort und damit dessen Fassade.

Ob es einen Unterschied macht, wenn man seine Heimat zugunsten eines anderen Landes, einer anderen Mentalität verlässt?

*     *     *

E Frau sitzt in ere Gelte uf eme Plakat
I lueg´s zwei Minute a aber i merk nöd um wa dass goht.
Und denn fahre mir ab und bime Halt uf Verlange
Stiige mir us und trinked e Stange.

I de Beiz hät´s en Alte wo allne Lüt verzellt
Da seg di ältischt Zahradbahn vo de ganze Welt.
Oder di steilscht, mir losed nume mit eim Ohr.
Mir läsed ime Buech vomene Schwiizer Autor
Aber mir verlüüred üs uf jedere Site
I de Buechstabe und mir wöred gern zahle bitte.

Und Du seisch Heimat isch e grosses Wort
Isch Heimat e Gfühl oder isch es echt en Ort.
Viel Lüt säged am schönschte isch´s immer no dehei
Und viel Lüt säged nei.

Uf de Wiese vor em AKW sind´s Hünd am Dressiere
Nach däre neue Methode wo me ne uf allne viere
Ales vormacht: Sitz und Platz und Sprung.
Und zur Belohnig git´s e Betriebs-Besichtigung.
Aber nöd für d Hünd, die bliibed dusse im ne Gitter
Und dressiered sich so lang halt gegesiitig sälber witter.

Und Du seisch Heimat isch e grosses Wort
Isch Heimat e Gfühl oder isch es echt en Ort.
Viel Lüt säged am schönschte isch´s immer no dehei
Und viel Lüt säged nei.

Stahlberger, Heimat (2011)

Totale Teutonie: dort

Homo Novus

Kein Abschied ohne Schmerz, Schlüsselerlebnis Schlüsselübergabe.

Max Frisch im Lochergut, Max frisch, Lochergut, Zürich

Anstelle der Aussicht aus der 800-köpfigen Wohnmaschine über die kleine grosse Stadt mit dem himmelweiten Horizont geht nun der Blick auf die sozialdemokratischen Kleingartenparzellen in einer familienfreundlichen Rasenmähersiedlung inklusive des gar 900-köpfigen Monstrums namens Plenum, welches mit eidgenössisch disziplinierter Chropfleerete (Kropf leeren tut gut bei dicken Hals!) über die bauliche Zukunft einer alternden Genossenschaft mit Hilfe von gestellten Fresspäckli gegen den allmählich fallenden Blutzuckerspiegel am immer später werdenden Abend dennoch eine Beschlussfassung nahe handelsüblicher SED-Quoten erreicht.

Im Zweifel für den Zweifel und immer Volldampf voraus!

Wappenschmiede

Das patriarchalische Zünfterwesen der Stadt Zürich befördert geradezu das Wappenwesen. Jeder Stadtbezirk und jedes Quartier pocht auf ein eigenes Wappen und am Zürcher Sechseläuten, dem Frühlingsfest in der Deutschschweiz, werden sie allesamt während eines kostümierten Umzuges durch die Strassen der Stadt stolz präsentiert. Als begeisterter Umzugsfan zieht der Hobbyschweizer auch privat des öfteren um, mit der hehren Absicht, sich in Sachen Wappenkunde gründlich weiterzubilden.

Vom dreckigen Arbeiter- und Zuwandererbezirk Aussersihl, genauer dem Hard-Quartier mit stadtweit spitzenmässigen 42 Prozent Ausländern hinein ins beschauliche Wiedikon, wo im grünen Wohnquartier Friesenberg anteilig die meisten Inländer ganz Zürichs wohnhaft sind. Und dies offenbar mit guter Tradition:

1787 trennte der Rat von Zürich die Gegend westlich der Sihl/Limmat auf Wunsch der Bewohner vom Kreuel und Hard von Wiedikon. Grund war die Weigerung der Gemeinde Wiedikon, neue Bürger, die sich im Kreuel und Hard ansiedelten, aufzunehmen. Nur wer Bürger war, besass alle Rechte. Die nun selbständig gewordene Gemeinde nannte sich Aussersihl. (-> Quartierverein Aussersihl-Hard)

Vorher
Nachher

Von der Heraldik her betrachtet fällt der Ortswechsel mehr als dürftig aus. Drei Sterne in schwarzer Nacht über Grün sind wie das Quartier schön schlicht; beim Bezirkswappen aber kann doch gegen einen ordentlichen Anker kein Reichsapfel anstinken, selbst wenn der ausgesprochen farbenfroh daherkommt.

Nerdgesellschaft

Gab es diesen gesellschaftlichen Druck zur Selbstvervollkommnung schon immer, oder trügt der Eindruck, als sei erst im entfesselten Kapitalismus die Notwendigkeit permanent an sich selbst zu arbeiten zu einer fast schon existentiellen Bedrohung geworden? Flaniert der Hobbyschweizer vielleicht gar zu lange unter calvinistischen Zwinglianern am Alpenrand? Sind für zwei eidgenössische Drittel mehr Ferien tatsächlich ein Unding?

Pretty vacant
Wenn das Sein das Bewusstsein bestimmt, die wertorientierte Waren- und Konsumgesellschaft also menschliches Denken und Tun geschichtlich betrachtet mehr und mehr dominiert und schliesslich domestiziert, nimmt es kein Wunder, wenn mensch sich selbst als Ware versteht und auf dem Markt möglichst perfekt ausgestattet anpreist. Und der Markt pausiert nie sondern ist immer und überall.

Ape shall not kill ape.
Die eklektische Globalisierung mörsert ehemals monopolistische Dogmen in zahllose Graustufen — vom Polytheismus zum Monotheismus und gleich wieder zurück. Und über allem schwebt diffus funkelnd die Dreifaltigkeit von Profit, Mehrwert und Zins. Die totale Verwertung forciert erst die boomende Ich-Gesellschaft.

Survival of the fittest
Entspannung förderndes Hatha-Yoga für Hedge-Fond-Jünger, meditative Einkehr im Schweigeseminar für Bonus-Apostel und Modafinil für kreative Kadergötter sind ein renditeträchtiges Pflichtprogramm. Selbstgefällige Selbstheilung durch selbstherrliche Selbstgerechtigkeit.

Mainstream
Der Zeitgeist versucht nun diesen ganzen egozentrischen Mumpitz mit salonfähig gewordenem Öko-Gedankengut für die zunehmende Klientel der Besitzstandswahrer kompatibel zu verdrahten. Mülltrennung als Ablass fürs SUV. Mehr ist mehr und Bio Business und der Schwarm intelligent.

*     *     *

Bestimmt alles nur Ausdruck altersbedingter Geistesschwäche, bloss, wie sag ich`s dem Chind?

Multikulti

Die UNESCO will angesichts der notorischen Globalisierungstendenz das immaterielle Kulturerbe, quasi die überlieferten Volksbräuche weltweit erfassen. Beabsichtigt wird den Respekt, das Bewusstsein sowie die Wertschätzung für gelebte Traditionen aufrecht zu erhalten und zu pflegen.

Überall in der Schweiz werden jetzt Vorschläge gesammelt, wie etwa der Sennabtrieb, die Basler Fasnacht oder das Zürcher Sechseläuten. Weitere Vorschläge finden sich hier.

Eieieieiei.

Falls Chlaus unvermittelt zubeisst und den Betruf auslöst, schnell noch eine Runde Eiertröhlen bevor der crazy Yodel eine Tessiner Laiengruppe anlockt.

PS: Was für eine Suchmaschine ist eigentlich dieses UNESCO?