Sound and Vision

Elisaburg, Elisabethenstrasse, Elisaburg Zürich

Aus der berüchtigten Zürcher Eckkneipe Elisaburg wurde nach dem Blues zunächst eine im Resto-Underground geschwängerte Speiselotterie mit Swissness-Finish (Bündner Yak) und im Juli isses — Überraschung — temporäres Livestudio des engagierten Webradios gegendenstrom. Musik ist immer und meist zuviel, aber dieses Sommerspezial ist schon speziell und per Livecam kann man die hippen Zürcher Ausgänger amtlich in Echtzeit abhängen sehen. Programm hier, Live-Stream dort.

Elisaburg, On air, GDS, Webradio Zürich

Cancer [Pop]

Quand c’est / Stromae

Aber ja, wir kennen uns gut
Wolltest sogar meine Mutter kriegen
Beginnend mit ihren Brüsten
Und meines Vaters Lungen
Erinnerst du dich an sie?

Krebs, Krebs, sag mir wann?
Krebs, Krebs, wer ist der Nächste?

Machst´ Jagd auf kleine Kinder
Wirklich, nichts kann dich stoppen
Hör auf unschuldig zu spielen
Auf Zigarettenpackungen
«Rauchen ist tödlich»
Was ein Wunder!
Aber hilfst du mir?

Krebs, Krebs, sag mir wann?
Krebs, Krebs, wer ist der Nächste?

Wann, wann
Stoppst du deinen Fortschritt?
Wann, wann
Machst du eine Pause?
Wann, wann
Wann denkst du darüber nach?
Wann, wann
Es wäre für uns wie Urlaub

Krebs, Krebs, sag mir wann?
Krebs, Krebs, wer ist der Nächste?

Wer ist der Nächste?
Wer ist der Nächste?
Wer ist, wer ist, wer ist der Nächste?

Artigsein

Derweil das irdische Artensterben bisher meist mit gravierenden geologischen oder kosmischen Einflüssen in Zusammenhang stand, scheint neuerdings die Menschheit hierfür ursächlich zu sein. Die Folgen einer Reduktion von Biodiversität sind zwar noch nicht in Gänze überschaubar, immer deutlicher aber wird, dass für die stetige Bedrohung von Lebensräumen, Verdrängung, Übernutzung, Verschmutzung, Klimaänderung — alles Symptome gewaltiger Umweltzerstörung — vor allem der Mensch zuständig ist. Massloses Wachstum und Profitgier sind die gängigen Parameter, welche den dramatischen Verschleiss der Natur beschleunigen. Der Widerspruch von Kapitalismus und Paradies ist unauflösbar.

Der Grossteil des Lebens unseres Planeten tummelt sich unter Wasser, noch. Rekreativ investierte Flugmeilen zum Tauchgang sind kontraproduktiver Schnickschnack. Und nun ab zur Werbung:

Nach Geschmack

Die Salzburger Stier Preisträgerin 2016 Uta Köbernick singt und spielt im Bundeshaus zu Wiedikon am 6. März um 20.30 Uhr.

Als kleines Geschmacksmuster hier ihr «Lied zum Tag» aus PET:

Zwiespalte

Synergetische Frequenzen am Reformationstag in der Zürcher Citykirche Offener St. Jakob:

Tags zuvor noch warnte Saïda Keller-Messahli am selben Ort dringend vor einem zunehmend jihadistisch motivierten Fundamentalismus, welcher gemäss ihrer auf einschlägigen Online-Foren erhaltenen Einblicke momentan mit den nach Europa kommenden Kriegsflüchtlingen eingeschleppt würde. Da wirkt eine Prise Sufi-Mystizismus fast beruhigend.
Aber nur fast.
Weil man einfach nicht weiss wer da wirklich ankommt.
Weil des Arabischen mächtige Experten zunehmend mahnen.
Weil Fundamentalismus ohne Fundament Schwarze Löcher macht.
Weil einst erfahrene Demütigung nicht akzeptiert werden kann.
Weil die Stimmung novemberhaft kippt.

Die Grenzen des guten Geschmacks (2)

Was diese Grenzen anbelangt,
So ist bekannt, ja anerkannt
Dass sie meistens fliessend sind
Das sagtest du, trinkend
Ich war in Gedanken fort,
Dies schien ein nahezu perfekter Ort
für derlei Plauderei zu sein
Mir fiel nichts bessres ein
Allein ich war nicht sicher:
Würden wir verweiln?

Unsre Worte werden leiser,
Sie verschwinden in der Weise
einer Zeichnung hier im Sande
Es gibt kein Leben ohne Schande!
Jetzt wo fremde Schiffe stranden
Ist erst recht nichts überstanden

Wie man vielleicht bemerken kann:
Ich schweife ab, so dann und wann
Passiert dergleichen in der letzten Zeit
Ich bin ein wenig überreizt
So geht es, wenn man keine Grenzen setzen kann
Doch was diese Grenzen anbelangt,
So ist bekannt, ja anerkannt
Dass sie meistens fliessend sind
Das sagtest du ein Sprite trinkend,
Ich war in Gedanken fort,
Dies schien ein nahezu perfekter Ort
für derlei Plauderei zu sein
Mir fiel nichts bessres ein
Allein ich war nicht sicher:
Würden wir verweiln?

Writer(s): Jan Mueller, Arne Zank, Dirk von Lowtzow
Copyright: Hanseatic Musikverlag Gmbh & Co. Kg

Pussy Conquerer

Lee „Scratch“ Perry ist ein lebendes Reggae-Fossil, der mit seinen fast 80 Jahren noch regelmässig vor Publikum auftritt, um seine irrwitzigen Toasts zu de­kla­mie­ren. Seine in den 70ern neue Aufnahmetechnik erlaubte ihm, durchgeknallte Dub-Versionen von Studio-Produktionen zu erstellen, und diese gleich in unzähligen Variationen. Hier eine Bassline, dort ein Riddim, alles wurde immer wieder neu zusammen „getaped„, so dass er und die Plattenfirmen langsam aber sicher den Überblick über die ausufernden händische Samplereien verloren.

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In einer Art ewigen Recyclings benutzt er auch heute bei seinen Auftritten Teile jener reggaetypisch stark basslastigen aber melodisch recht einfach gehaltenen und nur durch punktuelle Akzentuierung rhythmisch betonten und dadurch hypnotisierend wirkenden Tonfolgen. Und in seinem Portfolio befinden sich etliche davon, hat er doch in den letzten fünfzig Jahren mit Bob Marley, Max Romeo, King Tubby, Adrian Sherwood, Mad Professor, Sly & Robbie und zahllos anderen Musikern kollaboriert.

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Im Zürcher Club Exil hatte Scratch nun wieder einmal ein Heimspiel; gewohnt humorvoll und spontan spann er seinen epischen Faden um die immer wiederkehrenden Themen Babylon (must die), Devil (is dead) und Pussy (I am the Pussy Conquerer, meow!). Er sprach viel von Liebe und Sonne, dem Tod und dem Wetter und dass er all dies beeinflussen könne. Man mochte ihm fast glauben, als er Marleys „Sun is shining“ anstimmte. Here I am. Von der sonst üblichen Jah oder Rastaman-Ideologie war nichts zu hören, dazu ist das phantasievolle Unikum spirituell mittlerweile viel zu universell aufgestellt.

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Es gibt nicht die klare Linie, die Soundstrukturen werden ihm digital vorbereitet live zugemischt und er spricht aus, was ihm gerade durch den Kopf geht. Trotz aller Routine in dem ihm eigenen cartoonesken Sprechgesang ist seine performante Eklektik anrührend. Seine verlautbarten Spinnereien sind liebenswert und wirklich ziemlich crazy. Doch ältere Männer, die etwas Kind in sich bewahrt haben, waren mir schon immer sympathisch. Allerdings ist der Hobbyschweizer nicht mehr gewohnt, dass Konzerte erst um 1.30 Uhr in der Früh anfangen. Mark Stewart konnte sich in der Berliner Maria mit seiner Mafia so was noch erlauben, da war eine gewisse Kreuzberger Grundkondition sowieso Pflicht. Aber früher war halt auch die Nacht noch jünger.

Blumen Touch

Minimetall, Embryo, Tocotronic, Stahlberger. Immer wieder Stahlberger. Keine besonders eindrucksvolle Liste leibhaftig besuchter Konzerte, aber weniger ist sowieso mehr, Bob Marley leider tot und die Kleine Kapelle kommt ja nie hierher.

Blumentouch, Stahlberger, Helsinkiklub

Eine Metamorphose der Schweizerdeutschen Stahlbergers ist das Kunstprojekt Blumen Touch — (hoch-)deutscher Schlager-Minimalismus mit einem Hauch pennälerhafter Stehblues-Romantik. Gleiche Besetzung, mehr Elektronik und ein Schlag New Wave mit simplen Mantragesang:

Zusammen waren wir gut, zusammen waren wir gut.
Warum sind wir nicht mehr gut zusammen.

Im Zürcher Helsinkiklub beschloss die sonnenbebrillte St. Galler Gang ihre kurze Sommer-Tour und tatsächlich zog Manuel Stahlberger das hochdeutsche Idiom konsequent durch. Selbst in den Zwischenansprachen blieb der Frontmann beim keineswegs aufgesetzt tönenden «Leute ihr seit gut. Leute wir sind auch gut.» Die hörigen Rezipienten machten sogar bei dem einen oder anderen Refrain tapfer mit, obwohl der wortgewaltige Sänger einen kurzen Zwischenfall initiierte, als er vorgab Text vergessen zu haben und scheinbar verärgert mit seiner Wasserflasche ins Publikum spritze.

Dank der eingängigen Musik und den einfachen und dabei so lebensnahen Texten war jener Abend ein wahres Sommermärchen, welches leider viel zu früh zu Ende war.

Und ja, Dialektiker können auch Hochdeutsch, gell.

Free Hospital

In den Adern des Holzes sehe ich Gesichter
Das Ticken der Wanduhr ist wie ein Lied
Die Dinge um mich bilden ein Muster
Das mich unbeweglich umgibt
In diesen Räumen liegt sichs´ bequemer
Als irgendwo anders zuvor
Alles um mich wird angenehmer
Ich habe ein leises Summen im Ohr

Hier aus dem Dunkeln schauen zwei Augen
Und ihr Blick ist finster und schön
Ich merke es genau, doch kann es kaum glauben
Wir werden verwundet, durch das was wir sehen

In diesen Räumen liegt sichs´ bequemer
Als irgendwo anders zuvor
Alles um mich wird angenehmer
Ich habe ein leises Summen im Ohr

Die Dinge um mich bilden ein Muster
Das mich unbeweglich umgibt
Dort aus dem Dunkeln schauen zwei Augen
Und ihr Blick ist finster und schön
Ich merke es genau, doch kann es kaum glauben
Der Kampf den wir führen muss weitergehen

Free
Free
Hospital.

Free
Free
Hospital
Hospital.

Writer(s): Jan Mueller, Arne Zank, Dirk von Lowtzow, Tobias Levin
Copyright: Hanseatic Musikverlag Gmbh & Co. Kg

Maifeier

Der Musik-Gottesdienst im Offenen St. Jakob stand ganz im Zeichen von Freiheit, Widerstand und Anarchie. Derweil der musikalische Spannungsboten von „Die Gedanken sind frei“ über „Bella Ciao“ bis zur „Internationale“ führte, las der selbstbewusste Pfarrer der selbstoptimierten Leistungsgesellschaft leidenschaftlich die Leviten, da jene offensichtlich und vordergründig völlig entspannt die permanente Auto-Ausbeutung propagiere und durchsetze. Ein klares (äusseres) Feindbild gehe bei diesem subversiven Mechanismus völlig abhanden und bei Auflehnung kehre sich die Energie destruktiv nach innen und generiere die zeitgenössische Depression, den Burn-Out.

Als Gegenentwurf wurde ein herrschaftsloser Zustand der Anarchie skizziert, sowieso eingeschränkter Konsum und mehr Mut zur Freizeit. Selbst bei der Kollekte betonte der Vortragende, dass es vermutlich besser sei einfach einem Bedürftigen auf der Strasse das Geld in die Hand zu drücken, als damit den Opferstock zu füttern. Die kleine Gemeinde war durchwegs beeindruckt von dieser Maifeier und der Hobbyschweizer trällerte zum Feierabend noch fröhlich den Refrain von Solidaritätslied…

Das Unglück muss zurückgeschlagen werden

Es ist erschreckend aber wahr
Die Dürftigkeit in die wir Jahr für Jahr
In allen Lebenslagen lebenslänglich sozusagen
Eingeschlossen sind

Wird mehr und mehr und mehr und mehr
Wird mehr und mehr und mehr und mehr
Uns unerträglicher!

Selbst wenn wir beisammen sitzen
In unserem Lieblingsbrauereilokal
Dann sollten wir wissen
Dass mit jedem Bissen
Den wir wie von Sinnen
Nahezu herunterschlingen
Ehe wir uns versehen
Unser Stolz und unsere Würde verloren gehen
Und die Alltäglichkeit
Die man uns jederzeit
Aus vollen Fässern zapft
Macht uns nicht mehr betrunken
Sondern vielmehr bewusst
Dass das Unglück überall zurückgeschlagen werden muss!

Writer(s): Jan Klaas Mueller, Arne Zank, Dirk von Lowtzow
Copyright: Hanseatic Musikverlag Gmbh & Co. Kg

Die neue Seltsamkeit

Man sagte mir, es sei soweit
Es komme eine Seltsamkeit
Und alles, was bis jetzt noch war
Sei dann auf einmal nicht mehr da

Und noch bevor der Morgen graut
Werden vereinzelt Stimmen laut
Dass man sich zwar nicht sicher sei
Doch man sei auf jeden Fall dabei

Man wisse zwar nicht, wann und wie es passiert
Und ob man gewinnt, oder ob man verliert
Man habe vorsorglich schon mal Geld gespart
Und für Donnerstag dem Verein abgesagt

Man sei durchaus bereit, ein and’res Leben zu führen
Im Augenblick stünde man zwar noch zwischen den Türen
Es sei ja auch schwierig, so von heute auf morgen
Man habe ja auch noch den Hund zu versorgen

In manchen Gegenden habe es früh angefangen
Man sei dort vor Jahren spazieren gegangen
Seinerzeit wusste man nicht, was es ist
Doch man ahnte bereits, hier und dort rührt es sich

Aber nicht nur an Plätzen fiele es auf
Auch zu bestimmten Zeiten im Tagesablauf
In der Stunde nach Sonnenuntergang
Kündigte sich eine Veränderung an

Doch man habe natürlich, wenn man ehrlich sei
Damals all das verdrängt, was man heute begreift
Und man habe höchstens unbewusst registriert
Dass etwas um sich greift, dass etwas passiert

Und erst jetzt komme man wohl nicht umhin
Sich einzugestehen, dass hier etwas spinnt
Die Zeichen werden deutlich, es sei soweit
Es komme nun eine Seltsamkeit.

Und ich liege im Bett, und ich muss gestehen
Ich habe große Lust, mich nochmal umzudrehen
Draußen, wo sich die Nacht mit dem Tageslicht mischt
Scheint etwas vor sich zu gehen, das auch mich betrifft

Writer(s): Jan Klaas Mueller, Arne Zank, Dirk von Lowtzow Copyright: Hanseatic Musikverlag Gmbh & Co. Kg

Liveberger

Jetzt ist schon wieder was passiert — die Stahlberger bespielten ein Stadtteilfest auf dem Zürcher Röntgenplatz. Direkt nach der Festansprache des lokalen SP-Politikers liessen es die Ostschweizer tüchtig krachen und trugen gewohnt mannschaftsdienlich ihr mittlerweile reichhaltiges Repertoire vor. Dank dem urigen Idiom und anscheinend völlig freiwillig verharren die Stahlberger in einer jener bittersüssen dialektischen Nischen, deren poetischer Reichtum sich dem Lauschangriff erst nach ausgiebigen Studium von Wort und Schall eröffnet.

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Fallschirmspringer! Vögel!! Hornussen!!!

Die modulierte Moll-Lastigkeit scheint perfekt zum Phlegma der hiesigen Bergler und deren talwärts strebenden Nachkommen zu passen wie — ja wie, halt so, wie  der Tennisball zum Hornussen.

Live zücken die Stahlberger aber sowieso gerne die akustische Hellebarde und lassen dem sporadisch einsetzenden kakophonischen Chaos scheinbar freien Lauf, nur um es zielgerichtet gerade dann zu erlegen, „Wenn D Welt Undergoht“…

Leider aber gibt es auf öffentlichen Plätzen in der Schweiz noch kein Rauchverbot. Leider wird in In-Quartieren besonders ausgiebig geraucht. Leider wird auf Festivitäten generell viel zu viel geraucht. Leider ist der Hobbyschweizer Ex-Raucher.

Die Stahlberger-Musik jedoch ist einfach und schlicht: sackstark.