Nesselhaft

Der Zwergensiedlungsasylant kommt mächtig ins Schwitzen.

Derweil die Temperaturen sich spätsommerlich in verblüffend hohe Bereiche verirren, tut der innerstädtische Geräuschpegel auf Strassen, Gassen und Höfen dergleichen – es ist LAUT. Durch die Nacht, bis zum Morgen. Der Pizzaservice gegenüber wärmt seinen Ofen nachtnächtlich bis um 5 Uhr, das Gewerbecenter vis-à-vis schliesst erst um 3 Uhr seine Pforten. Parkierende PKW, knatternde Töffs, Spätheimkehrer, Frühaufsteher, Angetrunkene, glucksende Pärchen, orientierungslose Nachtschwärmer, emsige Nachtarbeiter halten mich erfolgreich wach. Zusätzlich fungiert die Pizzeria gleichzeitig als eritreischer Männertreff und atmet permanent hektisch diskutierende Draussenraucher. Eine Nacht, zwei Nächte, drei Nächte. Bis sich schliesslich die Blattern breit machen und zu einem sehr hartnäckigen Reizhusten dazu gesellen, na danke, geht doch. Prima. Erschrecken, Erstaunen, Unglaube, nicht-wahrhaben-wollen kosten zunächst Zeit und Nerven bevor das Antihistaminikum endlich zu wirken beginnt. Allergisch sediert sieht die Welt dann schon ganz anders aus.

Die bei der Vorab-Besichtigung nicht wahrgenommene grandiose Remise neben dem für Zürcher Verhältnisse ziemlich verwahrlosten Hinterhaus. Erst die mit einmaldrei Meter überdimensionierte und beleuchtete Hausnummer weckt meine Aufmerksamkeit. 166. Der Spalt zwischen Vorhang und Fenster. Im Treppenhaus beim Aufstieg sicherlich kein Scharfblick, eher Irritation — Whirlpool, Monitore mit eindeutigen Filmsequenzen. Körpersilhouetten hinter Sichtblenden, dauerrotierende flackerhafte Discobeleuchtung. Eine neugierige Abscheu. Das Internet weiss alles über das euphemistische (Sex-)Gewerbecenter Grandios. Räume, Mieter, Angebote. Such is real life.

Eines frühen morgens höre ich einige Frauen auf dem Hof ungarisch reden – würde soziologisch passen, denn der Schweizer Markt für Sexarbeiterinnen ist noch immer osteuropäisch dominiert. Womöglich ist der Status einer vorübergehenden Untermieterin aka Empfangsdame in einem Gewerbecenter im Vergleich zu normaler Strassenarbeit oder gar Verrichtungsboxen  sogar noch erträglich. Dass Frischfleisch immer auf der Durchreise ist, um ja nicht zu langweilen sieht man am einsichtigem Gepäckzimmer, das die üblichen plastifizierten Rollkoffer en masse beherbergt. Auch mein selbstgewähltes Exil findet immerhin sein automatisches Ende. Und beim nächsten Mal besser alle Augen auf im nervigen Strassenverkehr.

The female is future

Der Nationale Frauenstreik, rein eventmässig etwas ungeschickt gleich anderntags von der eintönig hedonistischen Tangente Zurich Pride schon rein abfalltechnisch fast torpediert, war schlicht enorm. Massenwirkung durch gute Laune – Frauenpower pur, eine ganz spezielle Energie versetzte die Atmosphäre in Vibration. Fast 200.000 alleine in Züri (quasi die Hälfte der BewohnerInnen), weit über eine Million schweizweit (immerhin ein Achtel) waren auf den Gassen, Strassen und Plätzen und taten kund, was weiter im Argen liegt: unbezahlte Reproduktionsarbeit, schlechter entlohnte soziale Arbeit und patriarchal zementierte Normen. War nicht immer so, wird nicht immer so sein. Männer sterben schliesslich früher (aus). Natürlich war die Eidgenössische Historie des arg verspäteten Frauenstimmrechts (1972!) mitsamt sehr zögerlicher Umsetzung von Gleichstellung ein neuerlicher Auslöser für die grösste politische Kundgebung der vergangenen Jahrzehnte, sicherlich sind die Strukturen in vielen anderen europäischen Ländern (Kriege, Männer, Tod, Frauen erobern Männerberufe) völlig anders. Als outgesourcter Randständiger war die weibliche Flut inspirierend und beängstigend zugleich. Vaginal reduzierte Plakate wechselten mit freizügigen Outfits, eine Demonstrantin trug mutig und stolz nur wenig mehr als ein transparentes Etwas. Die permanente Spiegelung von lüsternem Abschätzen und altherrrenklugem Verständnis für korrekte Anliegen war blamabel. Dass bei Tampons der Staat aber steuerlich profitiert, bleibt jedoch skandalös und findet die väterliche Solidarität unbedingt.

Atmen. Punkt. Schleichberechtigung.

Zwinglisch

Der olle Wintermann musste sich zum Zürcher Frühlingsfest Sächsilüüte eine Zwinglikappe überziehen, bevor es ihm den mit Schwarzpulver ordentlich gefüllten Grind als beliebtes Sommerorakel schlussendlich krachend zerriess. 1064 Sekunden hats dann doch gedauert, eine eher mittelmässige Prophezeiung fürs Zwingli-Jahr 2019 also. Diese aber darf wegen Klimawandel getrost noch etwas angepasst werden. Weil Aberglaube bringt Unglück. Sowieso. Seltsam bleibt auch, dass bei dem kostümierten Umzug weiterhin nur Männer paradieren, während willfährige Frauen diesen auf dem Weg Blumen überreichen. Wohl gibt es eine Frauenzunft, welche jedoch nicht offiziell, sondern nur als Gast und bis 2022 befristet verschämt mit tun darf. Den sturen zünftigen Patriarchen sollte es mal ruhig den ganzen Sommer verhageln…

Zwinglich

Der Theologe Ulrich Zwingli steht im Mittelpunkt eines aufwändig produzierten Films, welcher den Beginn der Reformation in der Eidgenossenschaft historisch korrekt abzubilden versucht. Die stürmischen zwölf Jahre, in denen Zwingli in Zürich als Leutpriester prägend wirkte, werden nahezu vollständig und fast wie im Zeitraffer abgehandelt. Tricktechnisch wird Zürich nahezu perfekt in die Mittelalterliche Ära gebeamt. Schwarze Pest, Ertränken von Täufern, Verbrennung von Reformatoren und schliesslich Zwinglis Tod selbst auf dem Schlachtfeld sind die eher düsteren Seiten der Erzählung. Armen- und Krankenfürsorge, Volksbildung sowie Aufhebung von Leibeigenschaft und Zölibat die hoffnungsfrohen Botschaften der gesellschaftspolitischen Neuordnung. Im Film knapp erwähnt der Disput mit dem nördlichen Kollegen Luther («Menschenfresser»), der alsbald zu einem Riss in der Bewegung führen sollte. Erst 1973 wurde im Konkordat von Leuenberg das 450 Jahre andauernde Schisma des Protestantismus beseitigt. Wie sich Zwingli vom Humanisten zum Kriegsherrn und -treiber entwickeln konnte, ist in der Auseinandersetzung mit den radikalen Täufern bereits angelegt – tendenziell korrumpiert Macht. Huldrych (Huld-reich – so nannte er sich nach glücklich überstandener Pest) war auch nur ein Kind seiner Zeit und bis zur Aufklärung sollte es schon noch etwas dauern.

Dafür bleibt im über zweistündigen Film mehr als genug Zeit und Raum für so ziemlich alles Wesentliche aus der Anfangszeit der Reformation in ZH/CH: Söldnerwesen, Wurstessen, Ikonoklasmus, Aufhebung der Klöster, Glaubenskrieg. Im Abspann wird der in Zürich berühmten Wiediker Wursterei Keller gedankt, hahaha. Doch nicht lokale Interessen stehen im Vordergrund,  deutlich tritt die Konzeption für den massenmarkttauglichen Mainstream zu Tage. Fast alles und jedes damals wie heute aktuelle Thema (Selbstbestimmung, Emanzipation, Demokratie, mediale Deutungshoheit, Framing bis hin zu Fake News) ist erkennbar doppelt vorhanden: als Reflexion vom realen Jetzt ins fiktive Damals und als Echo unverzerrt retour in die Echtzeit. Zum Film hat die Produktionsfirma das didaktische Begleitmaterial gleich mit aufgelegt, so dass in Bälde ganze Schulklassen ins Kino pilgern werden, zumal mit 12 Jahren die Altersbeschränkung recht grosszügig ist. Zwingli macht frei.

Die reformierte Kirche hat durch Mitfinanzierung den Film ermöglicht und termingerecht einen adretten Markenbotschafter zu den 500-Jahre-Feierlichkeiten in der Deutschschweiz geliefert bekommen. Doch wollte Jeschua nie eine Kirche gründen, Zwingli keine Kirche der Angst und Unterdrückung, keinen Ruhm. Und ob bei Gross und Klein der Subtext der Disruption, ganz so wie der philosophische Medienpirat Stefan M. Seydel es in der Zwingli-Geschichte  zu enträtseln vermag, wirklich ankommt?

Delikat Essen LXXX

Dass Frauen im Kanton Tessin und Schwyz am wenigsten zu sagen haben, erstaunt nicht. Dass der Bananenwerfer Doppelbürger ist, wundert niemand in der FCZ-Südkurve. Aber dass Schoggi Nazionale den Rechten nimmer schmeckt, ist eine fette Schlagzeile wert. Die spinnen, die AFDler.

Nein zum Ja

Die eigentlich griffig als «Fremde Richter», dann als «Selbstbestimmungs-Initiative» weichgespülte nationalistische Kampagne ist mit nur einem Drittel der Stimmen an der Urne gescheitert. Die SVP erhält seit dem Schock der Masseneinwanderungs-Initiative von 2014 genügend Contra, um keinen Durchmarsch in Sachen Eigenstaatlichkeit mehr erzwingen zu können. Die ureigenen Klientel werden zwar weiterhin gemäss Stimmanteilen gut bedient, aber es sind eben keine Zuwächse erkennbar. Im Gegenteil: das Zweckbündnis aus Wirtschaftsliberalen, Jungen, und Menschenrechtlern scheint nicht gewillt, der SVP mit ihrer hetzerischen Stimmlage in Sachen EU und Fremdarbeitern den Ton angeben zu lassen. Auch stilistisch hat die Plakatform der Gegner augenscheinlich zugelegt. Zudem verfängt die Angstmacherei momentan nicht, sämtliche Zahlen bei Asylgesuchen und Arbeitsimmigration sind weiter rückläufig. Was natürlich auch an den zuvor aufgebauten hohen Hürden liegen mag. Trotzdem ein feiner Erfolg für die Gutmenschen und Linken, die der dumpfen SVP-Propaganda weiterhin ein Dorn im Auge sein dürften. Und der schmerzt richtig seit die Allianz konkret mit gleicher Münze und koordiniert zurückzahlt: werbetechnisch, finanziell und ideell wird der SVP und ihren Kampagnen keinerlei Freiraum mehr gewährt, der argumentativen Konfrontation nicht (wie früher noch viel zu oft) aus dem Wege gegangen. Für den Hobbyschweizer wieder kurios, wie sich das Volk dreht und wendet und sich am liebsten von Niemanden nasführen lässt.

Etikettenschwindel

Bei Abstimmungen in der Schweiz scheint es gleich immer ums Ganze zu gehen: Souveränität ist für die national-konservative Schweizer Volkspartei sowieso die Ultima Ratio. Obschon deren Financiers selbst kräftig vom internationalen Warenaustausch profitieren, wird hierzulande gerne nach der bauernschlauen Devise «foiver und s´weggli» verfahren.

Nachdem die 2016er Abstimmung zur DSI überraschend stark politisierte und in der Folge zu einem deutlichen Umschwung beim Stimmvolk führte, ist nun unter dem Deckmantel Selbstbestimmungsinitiative (ursprünglich unter dem Titel «Fremde Richter» gestartet) ein weiterer Affront der Law-and-Order-Strategie (Ausschaffung, Durchsetzung, Personenfreizügigkeit) gegen die aufgrund der Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges gegründete und seitdem weithin anerkannte Internationale Rechtsprechung (hier v. a. Strassburger Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte) geplant. Am Beispiel der Schweizer Zementgesellschaft Holcim in Rahmen der Anerkennung und Entschädigung von Asbestopfern wurde deutlich, dass die nationale Rechtsprechung aufgrund der herrschenden Gesetzgebung heimische Firmen tendenziell zu bevorteilen droht, während ein internationales Gremium die Sache augenscheinlich anders beurteilt.

Erst 1995 wurde Asbest in der Schweiz gänzlich verboten, dabei lagen schon in den 1920er Jahren Berichte zur sog. Asbestose vor. Diese wurde als Berufskrankheit 1939 in der Schweiz anerkannt. Aber: ausländische Asbestproduktion ist nicht durch Schweizer Recht gedeckelt, also auch keine Vorsichtsmassnahmen, keine Entschädigung, nada. Prima Sache, dieses Selbsbestimmung…

Bewilligungspflicht für Reklameanlagen: § 309 Abs. 1 lit. m des Planungs- und Baugesetz des Kantons Zürich (PBG). Baurechtliche Erwägung: Die Kirche St. Jakob ist im kantonalen Inventar enthalten und steht unter Denkmalschutz. Die Werbeblache, an der Südfassade des Kirchturmes angebracht, ergibt keine gute Gesamtwirkung mit der gebauten und landschaftlichen Umgebung gemäss § 238 Abs. 1 PBG. Zudem nimmt die Anlage keine gebührende Rücksichtnahme auf das Objekt des Heimatschutzes gemäss § 238 Abs. 2 PBG. Für die Werbeblache am Turm kann keine nachträgliche Bewilligung in Aussicht gestellt werden.