In Sachen Vegan Sex weiss der tolle Dr. Sommer so ziemlich alles.
Da kann der gute Dr. Love bestimmt auch noch was dazu lernen…
Kategorie: Schweizer Spinner
Premier Août
Wurst macht Kunst
Das Zürcher Wurstessen von 1522 als gewollter Fastenbruch war historisch betrachtet der öffentlich wirksame Beginn der Reformation in der Eidgenossenschaft. Zwingli & Co. gingen in der Sache und Folge um einiges radikaler als deren lutherische Kollegen im Norden vor: Bildersturm und Säkularisierung von Kirchenräumen nebst Gottesdienst waren weit verbreitet, selbst Orgeln wurden demontiert und kirchlicher Gesang vorerst eingestellt. Dafür wird Armenspeisung aus dem Mushafen obligatorisch, teilweise finanziert aus den Pfründen aufgelassener Klöster.
Generell tendierte die Reformation weg vom Bild und hin zum Wort, quasi fundamental orthodox dem ersten und zweiten mosaischen Gebot werktreu folgend, wo Götzendienst und Verbildlichung untersagt werden.
Sowieso hat es mit interpretatorischer Visualisierung so seine Art, wie etwas später ein gewisser Herr Keuner für sich feststellen sollte:
«Was tun Sie», wurde Herr K. gefragt,
«wenn Sie einen Menschen lieben?»
«Ich mache einen Entwurf von ihm», sagte Herr K.,
«und sorge, dass er ihm ähnlich wird.»
«Wer? Der Entwurf?»
«Nein», sagte Herr K., «der Mensch.»Bertolt Brecht, Wenn Herr K. einen Menschen liebte
Gemäss einer kompakten Analyse der geistreichen Literatur- und Religionswissenschaftlerin Dolores Zoe Bertschinger war der Zürcher Bildersturm allerdings eher eine Art sozialverträglicher Bildentfernung:
«Die reformatorische Ablehnung des Bildes war kein eigentliches Bilderverbot, sondern bezog sich primär auf die damals gängige Verehrungspraxis. (…) Zum einen herrschte im 15. und 16. Jahrhundert eine wahre Übersättigung der Kirchen an Kultobjekten, deren Unterhalt teuer war. Die edlen Gerätschaften, das Wachs und das Öl wurden vom Zehnten des Volkes bezahlt, sodass das reformatorische Zeremoniell als ökonomischer Befreiungsschlag propagiert werden konnte. (…) Wo zuvor Gemeinden und Stiftungskollektive Altäre und Schreine finanziert hatten, traten nun Familien auf den Plan, deren finanzielle Grosszügigkeit von reformatorischer Seite als Ehrsucht und privates Heilskalkül verurteilt wurde. In Bezug auf die künstlerische Darstellungen erregten die als Folge der Renaissance verstärkt naturalistische Darstellungen die Gemüter. Die freizügigeren Abbildungen der Muttergottes etwa boten der reformatorischen Sittenlehre einen geeigneten Nährboden.»
So weit, so klar: beeinflusst durch die italienische Renaissance entstand zunehmend individualistische Kunst anstatt der ehedem vorwiegend religiös bestimmten. Ein scheinheiliges aber reiches Kamel kommt halt eher durch ein Nadelöhr. Das gesellschaftliche Sein bestimmt immer das Bewusstsein. Aus Kultus wird also Kultur. And don´t you ever forget:
Sex sells.
Derweil gelang es der hiesigen Reformation soziale Komponenten clever mit der Glaubensfrage tagesaktuell zu verflechten:
«Zur Zeit der Reformation ist von einer Massenarmut auszugehen, was erklärt, wie sich die Bilderstürmer mit dem Argument legitimieren konnten, man wolle den Reichtum der kirchlichen Gerätschaften für die Armen aufwenden.»
Erst kommt das Wurstessen, dann die Moral und dann erst das Ich:
«Mit der Subjektivierung des Menschen in der Renaissance und der Reformationszeit wurde auch das Bild aus seiner kultischen Verehrung entlassen und nach und nach zum Kunstwerk (v)erklärt.
Die Reformation entpuppt sich damit zugespitzt als Schrittmacher der Institutionalisierung von Kunst — hin zu einem vermeintlich säkularisierten Kunstraum. Fortan mass sich das Potenzial der Kunst nicht mehr an ihrer verständlichen Anschaulichkeit, sondern musste vor dem Auge des Kenners bestehen. Gebändigt im Ausstellungsraum wurde das aufrührerische Potenzial des Bildes in die Harmonie der gesitteten Betrachtung überführt.»
(D Z Bertschinger, Vom Zerstören und Schaffen von Ikonen. Paul Polaris’ Kunstaktionen im Kontext reformatorischer und dadaistischer Bilderstürme in Zürich, in: Notz, Adrian (Hg): Invent the Future with Elements of the Past, Zürich: Scheidegger & Spiess 2015, 102–120)
Irre. Nach Bildersturm die Bilderflut. Resonanz ist reine Dialektik Rosa.
Züriole
Die Freinacht nach dem Pokalsieg in Bern gegen Bern auf Kunstrasen (sic!) wird traditionell auf dem Zürcher Helvetiaplatz eingeböllert:
Neben den unsäglich lauten Petarden (die via Hörkanal nebst Luftdruck tatsächlich Angst machen) lag der Pyronebel recht schwer auf der Lunge und schmeckte betont giftig. Als dann sogar die gefeierten Pokalhelden auf dem Balkon völlig eingenebelt waren, wurde klar, dass dies nicht wirklich meine Party ist. Fast scheint angebracht sich während der kommenden Public-WM besser so zu verhalten, als wisse man nicht recht, was eigentlich Ziel und Zweck der ganzen unseligen Treterei sei. Huh!
Just a bug
Aus noch unbekannten und nicht völlig geklärten Gründen wurde mein Handyanschluss erst von allen ausgehenden Anrufen und Nachrichten unvermittelt abgeklemmt. Zunächst konnte der Apparat noch Telefonate und Nachrichten empfangen und war so immerhin noch Teil des gesprächsbereiten Kosmos. Als kurz darauf dann auch sämtliche eingehenden Signale abgeschaltet wurden (à la «kein Netz»), fühlte sich dies schon etwas arg seltsam an. Sozialkredit überzogen? Ach Zukunft.
Dem digitalen Nomaden ist im ersten Moment keineswegs klar, welcher Pfad durch dieses unendlich erscheinende Funkloch führen soll, bevor sich abermals ein kommunikatives Wasserloch auftut, in dem er endlich wieder geborgen im endlosen Geblubber beglückt aufgeht. Erst durch den Verlust der mobilen Unabhängigkeit wird deutlich, wie abhängig man von dieser ist. Keine 2-F-Authentifizierung, keine kurzfristige Verabredung, kein empfangsbereites Vagabuntentum, kein Fastgarnichts. Gross genug um noch die gute alte Zeit der handapparatlosen Verbindlichkeiten zu kennen, weiss ich, dass temporärer Netzverlust nicht das absolute Inferno ist, doch genau so fühlt es sich an. Zumindest nach drei Tagen schon. Allmählich entnervt und nicht mal die eigene Festnetznummer kennend wird deutlich, dass es ohne funktionierende SIM nicht wirklich geht in dieser doch sehr fragil angelegten Simulation. Es ist sicherlich kein Weltuntergang, keine erdgewande Sonneneruption, kein Meteoriteneinschlag oder präsidialer Fehlgriff, sondern ein schlichter Einzelfail frei nach Murphy’s Law, ein nur ganz kleiner und unscheinbarer aber entlarvend schöner Bug, der jedoch mächtig wurmt.
Bankaccount deleted
Bankaccount
Wahre Liebe rostet nicht
Hanfplage
Blạttmachen
Delikat Essen LXXII
Wiederum ein ziemlich bemühtes Highlight aus der SVP-Werbeschmiede:
Obwohl eher der Cervelatfraktion zugeneigt, bleibt eine Bratwurst ob mit oder ohne OLMA beim Sternen-Grill am Zürisee immer ein Erlebnis — hoffentlich.
Gailtal Rules
Besonderer Hörspielschmaus vom SRF: die vegetarische Wurst-Trilogie von Gion Mathias Cavelty ist parat: vom Jetzt über Gott zum Urknall und zurück in sportlichen zwei Stunden. Ein köstlich absurder Husarenritt durch Raum und Zeit, Himmel und Hölle ins Paralleluniversum -> voilà.
Das nett verschwurbelte Hörstück mit glücklichem Ende enthält ziemlich Alles, was zur Welterklärung halt so dazugehört. Andouillette und Kasnudeln quasi als Totengräber und Geburtshelfer einer extravaganten Genesis. Monty Phyton lässt grüssen.
Phantastique!
Hoffentlich
Gartenidylle
Swissmas
Tschingelhörner
Damit der Besuch aus der grossen Stadt einen nahalpinen Eindruck mit nimmt, führt die Tour ins Glarnerland, ob Elm. Am Zürcher HB scheinen alle die gleiche Idee zu haben, Sonntagsausflug bei bestem Wanderwetter. Der Zug ist rappellvoll, die Leute aber meist durch die Bank gut drauf. Vorfreude ist doch die beste Freude. Kurz vor dem Ausflugsziel ein pittoresker Feldgottesdienst mit Alphörnern, nette Beigabe fürs Busfensterln. Am eigentlichen Zielort dann das übliche kindliche Lamento, Berg so gross und ich bin klein, doch die Schlange an der Seilbahn ist schlichtweg zu lang – pro Kabine 4 Personen, bei zwei Gondeln und 23 Wartenden macht das ungefähr Gondel Nummer 6, dies mal 15 Minuten gleich eine und eine halbe Stunde Wartezeit – NEIN.

Also wird verhandelt, zugeredet, gelockt, gestreichelt und gedrängt. Uffe gohts. Der zu Besuch weilende Naturbursche mit Sportlerwaden und Pferdelunge kriegt nach kurzer Zwischenrast keine Zeitvorgabe und darf solo durchstarten, Vater und Kind trödeln (wie auf Schweizer Verkehrsschildern immer noch sichtbar) Hand in Hand gemeinsam bergan hinein in die Tschinglenschlucht. In den freien Händen dann wahlweise Trekkingstöcke und Steine. Aussichten, Geschichten, Versprechungen, Wünsche und Träume lenken ab.
Die voralpine Flora und Fauna hilft zudem sehr, den Aufstieg halbwegs kindgerecht zu gestalten. Am Wegrand eine tote Waldspitzmaus, an der Nacktschnecken nagen, dort eine schwarze Hygromia cinctella, seltenen Sache, Kind wusste sofort Bescheid. Hier ein türkiser Falter, da ein feuerroter Flieger und nebenan ein interessanter Hornkäfer. Dann immer wieder die imposanten Felsstürze, die für die Einheimischen gar nicht glimpflich verliefen: allein der Elmer Bergsturz verursachte über 100 Tote! Über Schieferschutt und kleine Wasserläufe darf das Kind voran, Eisenketten sichern den Weg an kniffligen Stellen und an der Felswand sind Hinweistafeln verankert, die einem bewusst machen, dass das worauf man gerade geht, sich früher in einem Ur-Meer befand. Die tektonischen Platten von Europa und Afrika rieben sich und richteten vor 50 Millionen Jahren die Alpen auf, der fossile Glarner Hasenfisch zeugt davon. Das Kind füllt sich die Taschen mit kleinen Schieferplättchen, die dank allerlei Einschlüssen bunt in der Sonne funkeln.

Die elterliche Sorge vor einem Sturz in die Schlucht liess nie nach, war wohl besser so, denn es geht mächtig steil in die tosende Schlucht, wo grosse Wasserfälle den Tschinglenbach füllen. Endlich oben sitzen die gerade noch unten an der Station wartenden Glarner Hemdenträger bereits in der Alpwirtschaft, heute wird also zünftige Musik gegeben. Das Kind bekommt die versprochene Elmer Citro, der Vater auch und die Suche nach dem vorausgeeilten Besuch erfolgt. Handyempfang dürftig bis null, kein Empfang. Als wir den Besucher schon in der Schlucht wähnten, Handy nicht im Netz registriert – taucht der verschollen geglaubte Berggänger plötzlich wieder leibhaftig auf. Das Jodlerduo wechselt sich munter mit einem Schwyzerörgeli nebst Tuba ab, die Terasse ist voll besetzt, die Menschen glücklich und der Jochen aus Berlin zufrieden.

Er darf natürlich ein zweites Adler nehmen, und da seinem Urteil nach sowieso kein Alkohol in dem Glarner Biere sei, auch wieder alleine bergab schluchten. Der Vater mit dem Kind verkürzt derweil die Wartezeit auf die talwärts schwebende Gondel mit dem Blick auf eine wiederkäuende Gämse, welche mitten im Fels ruht. Das nächste Mal unbedingt das eigene Fernglas mitnehmen! Noch ein kurzer Blick zurück auf die Tschinglenhörner, die sich fast Wald-Disney-haft auf dem Segnamassiv türmen, dann heisst es Abschied nehmen von einer kleinen und dennoch formidablen Bergtour. Mit beinahe keinen Verletzten pünktlich retour, welcher Bergführer kann das schon von sich behaupten…

Beim Besteigen der Gondel haut sich der Hobbyschweizer dann doch noch seinen Dickschädel mächtig an die Kabine inklusive Sound und Sterne, typisch Flachländler halt. Beim Flug durch die Schlucht wird der Kopf langsam wieder klar, der talwärts rasende Schatten der Kabinengondel sorgt für Mikrofinsternisse auf dem Wanderweg. Unten wird es eine Punktlandung dann — der tosende Besucher trifft zeitgleich mit dem Bierbär an der Talstation ein. Exaktheit ist ein gutes Schweizer Mass.
Beim nächsten Mal ist dann endlich der Segna-Pass fällig, ick schwör.
Ring my bell
Über 100 zart behandschuhte Glockenspieler fanden sich im St. Jakob in Zürich ein, um dieser eher exotischen Musiksparte zu frönen. Das Abschlusskonzert des European Handbell Festivals brachte die ganze Vielfalt des doch eher kitschigen Glockenklangs zur Geltung.
Vom Lamento Burincano über Ländlerweisen wie das Guggisberglied und Talerschwingen bis hin zu You never walk alone wurde ein bezaubernder Klangteppich in gelegt, in den selbst diverse Rezeption-Klingeln aus der Hotellerie eingewebt wurden. Das Schweizer Duo Golden Bells aus Solothurn sorgte dabei für einen fast schon zirzensische Darbietung, wobei Glocken um der Obertöne wegen nur gestrichen wurden, eine Art Glockenbaum die Schwingungen nach Anschlag weiter trug und vierhändig ein Zäuerli gegeben wurde.
Wann eine tannigi Hose hätt
und hagebuechig Strümpf
so chaner tanze, wiener will,
es git em keini
ri-ra ri-ra ridi ridi ridi ridi ridi Rümpf,
Ri-ra, ri-ra, ridi ridi ridi ridi
Rümpf, Rümpf, Rümpf…
duuuu, dulidu, duli duli duli duli dulidu.
Duuuu, dulidu, duli duli du.
Wänn eine…
Delikat Essen LXX
Altbackenes auf Züri Tirggel:




























