
«Wer sich mit dem Zeitgeist vermählt, wird bald Witwer sein.»
(Søren Aabye Kierkegaard, 1813 - 1855)

(Søren Aabye Kierkegaard, 1813 - 1855)
Zwischen einem und zweieinhalb Petabyte Datenspeicher sind nach Schätzungen neurowissenschaftlicher Informatiker
rein rechnerisch nötig, um die 100 Mrd. Nervenzellen nebst den Zehntausend Kontaktstellen des menschlichen Gehirns digital abzubilden. Manche träumen schon von einer digitalen Unsterblichkeit, nicht in den Sozialen Medien, sondern auf real existierender Hardware. Die Voraussetzungen scheinen gut: nach dem Moor´schen Gesetz verdoppeln Computer ihre Rechenleistung etwa alle 18 Monate, die Wayback-Machine (Internet-Archiv) sortierte und speicherte von 2001 bis 2016 bereits alleine 15 Petabyte Daten. Speicherkapazität rulez.
Manche zeitgenössische Romanciers sind bei dieser Thematik zumindest ideell etwas weiter: in Hologrammatica entwirft Tom Hillenbrand eine gleichermassen kühne wie kühle Vision einer re-bootbaren Menschmaschine und damit serieller Unsterblichkeit. Vermengt werden sinister agierende Super-KI mit etwas Extraterrestik und einer Prise globaler Simulation zu einem ausufernden SciFi-Eintopf. Multitalent Dietmar Dath legt in seiner Fantasie Die Abschaffung der Arten noch einen drauf: Menschen sind von genetisch neuartig enstandenen hochintelligenten Wesen, welche von Geschlecht und Gattung völlig losgelöst sich selbst zu kopieren vermögen, längst verdrängt, werden jedoch aus zoologischem Interesse bzw. als Kuriosum weiterhin gehalten.
„Wir wollen dahin, dass eine Intelligenz alles verstehen und jede Aufgabe lösen kann. Nicht der Mensch denkt sich was Neues aus, sondern das System. Der KI-Forscher wird durch ein neuronales Netz ersetzt.“
(Bio-Informatiker Josef Hochreiter im Interview)
Ist Re-Materialisierung von geistiger und körperlicher Essenz generell möglich? Kryoniker hoffen darauf: Schockfrostung gefolgt von Lagerung bei minus 196 Grad sind ein gewagtes Investitionsrisiko, eine teure Wette auf die Zukunft. Wie die reine Hülle dann ganzheitlich beseelt werden soll, bleibt noch fraglich. Wahrscheinlich wissen wir mehr, falls die geplante Kopftransplantation ohne begleitende Lähmungserscheinungen tatsächlich gelänge, Rückenmark hier nur Hilfsausdruck.
Die medizinische Genetik macht derweil rasante Fortschritte, Stichwort Crispr/Cas (Gen-Schere). Gendefekte werden im molekular-biologischen Laborversuch modifiziert bzw. repariert; im Tierversuch heute bereits vorgeburtlich. Lifescience verspricht der künftige Wachstumsmarkt zu werden, Gen-Kopien könnten Transplantationen überflüssig machen. Körperliche Eingriffe finden mittels viraler Vektoren statt, wobei gentechnisch alles denkbar ist, was über die reine Reparatur hinausgeht. Die Kosten für eine solche Gen-Infusion liegen heute noch in dem Bereich von einigen Millionen — wird solch ein Human-Enhancement–Cocktail künftig nicht nur für Wenige bezahlbar und werden dann alle Nachfahren automatisch robust, schlau und schön? Kann ein makelloses Embryo mittels Genkatalog gebastelt werden? Die heikle Fragestellung lautet: soll es möglich sein, den Menschen abseits aller gewöhnlichen Schönheits-OPs per se via Erbgut möglichst perfekt zu tunen? Ethisch und moralisch ist für Hochspannung gesorgt, wenn die begehrte Hauptrolle Gott neu besetzt wird. Faust, Frankenstein, Godzilla & Co. lassen schön grüssen, auch ohne den derzeit allzu inflationär gebrauchten Begriff der Dystopie unnötig weiter zu befeuern. Mutation war und ist schliesslich immer…
Die ursprünglich aus dem Kongo stammende Eglise Eternel est Bon wird von einer überaus stimmgewaltigen Frontfrau leidenschaftlich unterstützt:
Evangelisation der Migrationskirche GBG Samstags 15 Uhr Stauffacher
Auffällig hierbei:
die Propagandisten mit dem dunkleren Teint bleiben völlig im Hintergrund. Betont zurückhaltend, fast im Kontrast zur lautstarken Mission, jedenfalls keineswegs offensiv offerieren sie ihre kleinen bunten Flyer mit Hinweisen auf ihre in Suburbia beheimatete Gemeinde. Ein Junge überreicht mir schüchtern eines der Pamphlete. Die lärmende Aktion dauert genau eine Stunde, nonstop wird den Passanten gepredigt, kaum jemand interessiert sich dafür, doch die eifrige Verkünderin bleibt verblüffend ausdauernd.
Genauso wie die in Schildkrötenformation aufgestellten Veganer nebenan. Diese verharren stoisch — auch dank ihrer Guy-Fawkes-Masken.
Sie verdeutlichen bildhaft das Elend der Tiere mittels ihrer bereit gehaltenen Laptops. Schocktherapie. Als Satelliten tätige Aktivisten verteilen dazu Infomaterial und beantworten Fragen. Schliesslich kommt ein ganz in Scharz gewandeter und schier endlos erscheinender Bandwurm um die Ecke — eine Schweigedemo im Gänsemarsch, welche trauernd auf leider immer noch real existierende Sklaverei und Menschenhandel in der Welt hinweist. Der Zug ist lang und beeindruckt. Die enervierende Schreierei der furios auftretenden Konkurrenz wird glücklicherweise lautlos erstickt.
Jesus lebt.
I only want the original one
Auf dem Wasser liegen und friedlich in den Himmel schauen.
I only want the original one
Friedlich in den Himmel schauen. Sein. Sonst nichts.
In this wide world, this nowhere to hide world
In this white cold over-sterilized worldSein. Sonst nichts.
Ohne alle weitere Bestimmung und Erfüllung.I keep weeping at the wheel
when I´m driving to nowhere in particular℗ DLF/SWR 2018 by wittmann/zeitblomI face a fire or the future
Our eternal futureIn this wide world, this nowhere to hide world
In this white cold over-sterilized worldAm Anfang war die Null.
Und die Null war bei Gott und Gott war die Eins.
Die Null und die Eins waren im Anfang bei Gott.Alle Dinge sind durch dieselben gemacht.
Und ohne dieselben ist nichts gemacht was gemacht ist.In ihnen war das Leben.
Und das Leben war das Licht der Menschen.
Und das Licht leuchtete hell – gespeist durch ihr Begehren.I only want the original one
The original one!
Auf gehts, immer schnellerweiterhöher. Hier jetzt aber ohne überflüssigen Schnickschnack wie woher, wohin, warum, wie oft und überhaupt. Keine digitale Schnupperlehre. Keine Cookies. Keine Werbung ausser der guten Selbstgemachten. Ein globaler Ticker fürs eigene Ego muss reichen. Nach exakt 10 Jahren drüben jetzt hüben. Und Boy ist noch immer Tocotronic.
This was then but that is now — vorwärts immer, rückwärts nimmer!
Nachdem der Amtsschimmel kräftig wieherte und mit saftigen Bussen drohte, hat das schwindelfreie Greenpeace-Team tapfer für wieder klare Verhältnisse gesorgt und der Heimatschutz ist gesichert.

Bei Abstimmungen in der Schweiz scheint es gleich immer ums Ganze zu gehen: Souveränität ist für die national-konservative Schweizer Volkspartei sowieso die Ultima Ratio. Obschon deren Financiers selbst kräftig vom internationalen Warenaustausch profitieren, wird hierzulande gerne nach der bauernschlauen Devise «foiver und s´weggli» verfahren.
Nachdem die 2016er Abstimmung zur DSI überraschend stark politisierte und in der Folge zu einem deutlichen Umschwung beim Stimmvolk führte, ist nun unter dem Deckmantel Selbstbestimmungsinitiative (ursprünglich unter dem Titel «Fremde Richter» gestartet) ein weiterer Affront der Law-and-Order-Strategie (Ausschaffung, Durchsetzung, Personenfreizügigkeit) gegen die aufgrund der Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges gegründete und seitdem weithin anerkannte Internationale Rechtsprechung (hier v. a. Strassburger Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte) geplant. Am Beispiel der Schweizer Zementgesellschaft Holcim in Rahmen der Anerkennung und Entschädigung von Asbestopfern wurde deutlich, dass die nationale Rechtsprechung aufgrund der herrschenden Gesetzgebung heimische Firmen tendenziell zu bevorteilen droht, während ein internationales Gremium die Sache augenscheinlich anders beurteilt.
Erst 1995 wurde Asbest in der Schweiz gänzlich verboten, dabei lagen schon in den 1920er Jahren Berichte zur sog. Asbestose vor. Diese wurde als Berufskrankheit 1939 in der Schweiz anerkannt. Aber: ausländische Asbestproduktion ist nicht durch Schweizer Recht gedeckelt, also auch keine Vorsichtsmassnahmen, keine Entschädigung, nada. Prima Sache, dieses Selbsbestimmung…
Bewilligungspflicht für Reklameanlagen: § 309 Abs. 1 lit. m des Planungs- und Baugesetz des Kantons Zürich (PBG). Baurechtliche Erwägung: Die Kirche St. Jakob ist im kantonalen Inventar enthalten und steht unter Denkmalschutz. Die Werbeblache, an der Südfassade des Kirchturmes angebracht, ergibt keine gute Gesamtwirkung mit der gebauten und landschaftlichen Umgebung gemäss § 238 Abs. 1 PBG. Zudem nimmt die Anlage keine gebührende Rücksichtnahme auf das Objekt des Heimatschutzes gemäss § 238 Abs. 2 PBG. Für die Werbeblache am Turm kann keine nachträgliche Bewilligung in Aussicht gestellt werden.
und erzählt vom filmischen Wunder und wunderlichen Filmen:
Mehr von S8-Dagie dort -> dagiebrundert.de
Junger Mann, das jüngste Werk von Wolf Haas ist verschlungen und verdaut. Vielleicht nicht ganz das Niveau von Das Wetter vor 15 Jahren, doch dramaturgisch gekonnt orchestriert und mit dem bekannten Cartoonartigen Haas´schen Schmäh, der das Lesen so amüsant macht.
Mein Gesicht war so heiss, dass mir der Kaffee leidtat, als er sich an meinen Lippen verbrannte.
Der Abriss aus der Adoleszenz des Ich-Erzählenden Protagonisten wird empfindsam, aber deutlich spür- und erkennbar, unausweichlich bleibende Peinlichkeiten mit der nötigen sprachlichen Feinheit dargestellt. Der 70er Hintergrund erstrahlt frisch leuchtend in Orange trotz lungernder Ölkrise. Der Autoput ist noch in Југославија und der Balkan per se ein irritierendes Faszinosum. Statt Hautunreinheiten wird Gewicht problematisiert, die erste Liebe scheint zart durch vereiste Scheiben und nach erfolgreicher Lebensrettung gibt es ein prachtvolles Happy End.
Rückwärts durch die Knie betrachtet war die Welt schon immer am interessantesten.
Den Haas muss man lesen und kennen – unbedingt empfehlenswert!
(Ausschnitt, Pic by Joken)
Der Begriff Heimat hat Hochkonjunktur. Dabei wäre Heimat da am konkretesten, wo ich mir eine Wohnung leisten kann.
Der Begriff der Heimat hat seine Unschuld verloren, er ist nicht mehr nur eine harmlose Form der sentimentalen Selbstverortung, sondern ein Begriff der politischen Abschottung geworden. In dieser Eigenschaft wird er von den Kosmopoliten auch kritisiert, die dagegen Weltoffenheit und Toleranz halten. Allerdings ist das nicht weniger weltfremd, da Solidarität stets auf soziale Exklusivität angewiesen ist. Es gibt keine solidarische Weltgemeinschaft
Die Kosmopoliten nutzen andere Möglichkeiten der Abschottung?
Sie bewohnen die attraktiven Kieze und Innenstadtquartiere, die inzwischen so hohe Mieten und Immobilienpreise aufweisen, dass sich soziale Exklusivität wie von selbst einstellt. Zu den wirkungsvollsten kosmopolitischen Grenzanlagen gehört die kapitalistische Ausrichtung des Lebensstils. Kulturelle Offenheit wird somit kompensiert durch ein hochgradig effektives Grenzregime, das über Immobilienpreise und Mieten, über ein sozial und ethnisch hoch selektives Bildungswesen sowie über den Zugang zu exklusiven Freizeiteinrichtungen und Clubs gesteuert wird. Die Abgrenzung erfolgt nicht nach außen, denn hoch qualifizierte MigrantInnen sind hier selbstverständlich willkommen, sondern nach unten.
Für die Kosmopoliten, die Welterfahrenen, bedeutet Heimat allenfalls die Liebe zum regional produzierten Schwarzbrot?
Ja, und die Heimatsuchenden betrachten sie mit Herablassung. Aber sie haben gut reden, da sie zumeist keine Berührungspunkte mit Migranten aus dem globalen Süden aufweisen. Die Perspektive auf die Dinge ändert sich umgehend, wenn ich mit Asylsuchenden in Konkurrenz um Sozialtransfers, Wohnungen, Sexualpartner oder Jobs treten muss.
(Soziologin Cornelia Koppetsch in einem TAZ-Interview, Juli 2018)