Aus der Leserbriefspalte vom Tagblatt Zürich:

Aus der Leserbriefspalte vom Tagblatt Zürich:

Beim traditionellen Knabenschiessen spielt das bewährte Sturmgewehr der Schweizer Armee eine Hauptrolle. Halbwüchsige Knaben und schiessfertige Meitli haben beim Abfeuern der ausgewachsenen Armeewaffe mordsmässig Spass und erhalten zudem eine Gratiswurst bei diesem quasi stammestypischen Initiationsritus der Zürcher Helveten.
Einen lesenswerten historischen Hintergrund (nicht nur) des Knabenschiessens liefert hierzu die Zürcher Brauchtumsseite:
Jugendliche Schiesswut wird – gesellschaftlich akzeptiert und kanalisiert – schliesslich militärisch prima verwertbar.
Eigentlich sind die Zürcher mit ihren beliebten volkstümlichen Feiertagen ja ziemlich sparsam: neben der frühjährlichen Böögg-Einäscherung ist auch das herbstliche Knabenschiessen lediglich ein halber Feiertag. Bis Mittag wird brav gearbeitet, erst in der zweiten Hälfte des (Mon-)Tages wird gefeiert gezündelt respektive geschossen.

Angenehm flauschig ist das Verlässliche: am Dienstag nach dem Ausschiessen wird wieder zu den üblichen Zeiten bedient…

Elefantenohren bei der Migros Zürich in Aktion.


Nachdem Zar Morozevich nicht eben untypisch in der letzten Partie den Sieg beim Jubiläums-Open (auf Gewinn stehend!) verspielte, tröstete mich die Schachgesellschaft Zürich anlässlich ihres 200jährigen Bestehens mit acht Weltmeistern, der schachlich weltbesten Frau und einem dreifachen Beinaheweltmeister leibhaftig im Zürcher Hauptbahnhof.
Kanns´ nicht immer Sonntag sein?

Sandipan,Chanda – Morozevich,Alexander
Zuerich SUI: Jubilee Open (6) 2009
1. e4 c5 2. Sf3 d6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 Sf6 5. Sc3 a6 6. h3 e6 7. g4 Le7 8. Lg2 Sfd7 9. Le3 Sc6 10. De2 0-0 11. 0-0-0 Sxd4 12. Lxd4 Dc7 13. f4 Tb8 14. La7 Ta8 15. Ld4 Te8 16. g5 b5 17. a3 Tb8 18. h4 b4 19. axb4 Txb4 20. h5 Da5 21. Sb1 e5 22. Lc3 Sc5 23. g6 Le6 24. Dd2 Tc8 25. f5 Da1 26. De3 Txb2 27. Kd2 h6 28. Ke1 Ld7 29. gxf7+ Kf8 30. Sd2 Da2 31. Lxb2 Dxb2 32. Th3 Dxc2 33. Lf1 Lg5 34. Da3 Sxe4 35. Sxe4 Dxe4+ 36. Le2 Lb5 37. Df3 Db4+ 38. Kf1 Lc6 39. Da3 De4 40. Df3 Db4 41. Da3 Df4+ 42. Kg1 De4 43. Lf3 Le3+ 44. Kh1 Lc5 45. Lxe4 Lxe4+ 46. Df3 Lxf3+ 47. Txf3 Kxf7 48. f6 gxf6 49. Tdf1 a5 50. Txf6+ Ke7 51. Txh6 a4 52. Tg6 a3 53. Tg3 Th8 54. Th3 Th6 55. Kg2 Ke6 56. Tb1 e4 57. Tb5 Kd7 58. Kg3 Kc6 59. Ta5 Kb6 60. Ta8 e3 61. Th1 Kb5 62. Kg4 Kb4 63. Kg5 Te6 64. h6 e2 65. h7 Ld4 66. Te1 d5 67. h8=D Lxh8 68. Txh8 d4 69. Th3 a2 70. Td3 a1=D 71. Txa1 Kc4 72. Tda3 e1=D 73. Ta4+ Kd5 74. Ta5+ Dxa5 75. Txa5+ Kc4 76. Ta4+ Kc3 0-1
Der erste August ist in der Stadt Zürich fast wie Silvester im Hochsommer. Diverse Dachparties, Grillieren im Grünen garniert mit einem spätabendlichem Feuerwerk. Es hat auch ganz tüchtig gerummst – zumindest meiner Erinnerung nach deutlich mehr als beim letzten Jahreswechsel.



Pflichtbewusst habe ich mir die landestypische Cervelat einverleibt und mit einem Schluck Bier runtergespült. Während im Umland nach den Festreden die Höhenfeuer entfacht werden, Alphörner und Flaggenschwinger nationales Ambiente verbreiten (immerhin konnte ich im Oberland einer Probe beiwohnen), sind in Little Big City die landestypischen Folkloredarbietungen leider schon um 17 Uhr beendet. Danach halt Freinacht am Samstach mit den üblichen jugendlichen Knallkörpern und offiziösem Feuerwerk; sehr schööön, weil vom Uetliberg aus geschossen und vom Balkon gut zu betrachten.
Für meine Ersteraugustpremiere als langjähriger Hobbyschweizer habe ich mir eine ganz besondere Aufführung ausgedacht. Bereits vor einiger Zeit war mir ein am Seeufer einsam rumstehender und denkmalloser Sockel aufgefallen; der erste August schien mir geradezu prädestiniert für die Enthüllung der Entweihung…


Friedfertig essen im Josef in der Gasometerstrasse in Zürich.

Plakat in der Hohlstrasse gegenüber der berühmt-berüchtigten Sonne in Zürich.
Ein ebenfalls sehr leckeres Motiv aus der Badener Strasse, Zürich:


Aus der psychosozialen Studie des scheidenden Zürcher Schauspielhaus-Direktor:

Offenheit nach vielen Seiten ist hier ohne Zweifel ein geografisches Merkmal, das im Lauf der Geschichte mehrmals entscheidende Bedeutung erhielt. Aber dennoch ist Zürich, im Grossen und Ganzen genommen, eine Siedlung jener Art, um deren ominösen Namen wir uns um der Ehrlichkeit willen nicht herumdrücken wollen: Provinz. Selbst diese zahlenmässig grösste Stadt der Schweiz kennt heute keine Filmpremieren, keine Boxkämpfe oder Politik aus erster Hand, keine sodomitischen Laster und kein konstruktives Genie, wie die Weltzentren sie zeigen.
(…)
Die Atmosphäre Zürichs ist die einer moralischen Loyalität, welche darin besteht, dass man sich um den Nachbarn nicht gross kümmert, solange er nicht störend grosse Sprünge macht. Diese verlacht man dann freilich rasch als Kapriolen. Noch heute kommen aus der übrigen Schweiz wie aus dem Ausland diejenigen mit Vorliebe zu uns, welche gerne in bequemer Ungestörtheit separaten Zielen nachgehen.
(…)
Die Stadt ist gross genug, um Spezialisten aller Art zu genügen, und doch so klein, dass sie dem, der von ausländischen Hauptstädten zurückkommt, wie Natur erscheint. Jeder kann sich weltmännisch isolieren, sofern ihn dies lockt, jeder aber auch fast eine kleinstädtische Nestwärme erzielen, wenn er an diese gewöhnt ist. Zürich ist heute erweitert und gesteigert zum Zentrum der deutschen Schweiz schlechthin, aber es hat dadurch auch viel von seiner historischen Farbe eingebüsst. Es steht auf einer Zwischenstufe: Für den Schweizer ist es sehr entfremdet, aber für den Fremden doch sehr schweizerisch.
Es gibt aber nur eine polemische Haltung unserem Jahrhundert gegenüber nicht den ängstlichen Ruf zurück in die Idylle, sondern die Forderung, dass die ungeheuren Verheissungen, welche auf dem Grund des sichtbaren Niedergangs schlafen, nicht in ihrem Wachstum gekränkt werden. Der Mensch, solange er atmet, wird immer schwanken zwischen einem Dort und Hier, zwischen einer Heimat und einer Fremde, einer Begeisterung und einer Bequemlichkeit. Aber er kann einen neuen Sinn in diese Alternative legen, sobald er erkennt, dass auch seine Heimat eine internationale Vokabel ist. Er kann sich erziehen zu dem hohen Handwerk, dieses kleine Gefäss mit einem grossen Inhalt zu füllen. Wer allzu fanatisch an seiner Heimat hängt, dem ist es noch immer nur um das Gefäss zu tun gewesen. Seine Lippen haben sich an seine Rundungen gewöhnt, und er sieht nicht so sehr darauf, was ihm daraus zufliesst, als darauf, dass ihm die unfreie Gewohnheit nicht genommen werde.
aus: Walter Muschg, Zürcher Geist, Merian Zürich, Nr 1, Januar 1983
Gefreut habe ich mich über die Ankündigung, dass der Mannschaftsbus des FC Zürich die Sieger vom Tessin quasi direkt vor unsere Haustüre im Kreis 4 an den Helvetiaplatz chauffieren werde. Gefreut haben sich sicher auch die zahlreichen Nachtclubs im angrenzenden Rotlichtbezirk rings um die Langstrasse. Aber gefreut haben sich auch viele andere in der Stadt, weil dem FCZ eine gewisse politisch korrekte Glaubwürdigkeit anhaftet und es seit einiger Zeit – bis hin zur linksbürgerlichen Bohème der Stadt – ziemlich schick ist dem für hiesige Verhältnisse durchaus ansehnlichen Offensivfussball des FCZ zugeneigt zu sein.
Der eigentlich schärfste und zudem innerstädtische Konkurrent mit dem viel herzigeren Vereinsnamen Grasshoppers-Club Zürich wird seit eh und je mehr von der bürgerlichen Schicht unterstützt – der FCZ hingegen gilt als angesagter Arbeiterverein. Dabei ist die dienstleistungsorientierte helvetische Metropole Zürich keineswegs eine Fussballstadt, da liegen Basel, Bern und selbst Sion in der Zuschauergunst viel weiter vorne. FCZ und Grasshoppers müssen sich zudem seit der Euro 08 mit dem Letzigrund ein nicht gerade zuschauerfreundliches und etwas zugiges Leichtathletikstadion teilen. Die auffällige Gewaltbereitschaft der Ultras bei Spielen der Zürcher Clubs untereinander oder bei Aufeinandertreffen mit dem bei beiden Fanfraktionen gleichermassen verhassten FC Basel, sorgte jüngst sogar für eine Wortmeldung vom heuchlerischen Verkehrsrowdy Blatter Sepp.
In Resteuropa wird der Hooliganismus zunehmend in die unterklassigen Ligen und damit nur scheinbar erfolgreich, aber zumindest aus den öffentlichkeitswirksamen Schlagzeilen verdrängt. Die äusserst aggressive Gewalt der Schweizer Fussballszene ist hingegen weiterhin erstklassig und prominent vertreten.
Während des Wartens auf das Eintreffen des FCZ-Cars durfte ich mit einer mir von einem freundlichen Fan dargereichte typischen Südkurvenfahne („Wo du bisch sind mir“) etwas unbeholfen hin- und herwedeln. Es war eine ziemlich kleine Fahne mit sehr kurzer Fahnenstange aus Leichtplaste, aber mir wurde schnell bewusst, dass es eine so entschärfte potentielle Waffe ja auch durch die Einlasskontrollen in die Stadien schaffen muss.
Blau und Weiss war der vorherrschende farbliche Gesamteindruck und selbst die Bierdosen passten sich dem Farbschema an: ausser eidgenössichem Feldschlösschen fielen mir vor allem die vielen türkischen Efes-Bierdosen auf, Hauptsache blauweiss!
Die sommerlichen Temperaturen lockten noch etliche Nachtschwärmer um diese späte Stunde heraus, so dass über zweitausend Menschen die Ankunft ihrer Helden freudig erwarteten. Indessen verkürzte der von einer ambulanten Diskothek auf dem benachbarten Kanzleiareal gespendete Hip-Hop nach Old School-Art hörenswert die Wartezeit.
Nachdem der FCZ-Car nach einer von bengalischem Feuer illuminierten Ehrenrunde um den Helvetiaplatz seine Fahrgäste endlich auf den Balkon des Volkshauses entliess, konnte ich mich inmitten des Dunst- und Duftcocktails von Schweiss, Bier, Tabak und reichlich Pyroschwaden prima mitfreuen. Das Ganze wurde naturgemäss kernig untermalt von von Jungmännern dominierten Sprechchören, wobei ich hier nicht wirklich alle Feinheiten heraushörte und einen gehörigen Nachhilfebedarf in Sachen Textsicherheit und -verständnis feststellen musste.
Nächtliches Fremdfreuen macht schon Laune, da fällt fast nicht weiter auf, dass es ausgerechnet der rivalisierende Grasshoppers-Club war, der erst mit seinem Sieg gegen Basel am selben Spieltag dem FCZ zum vorzeitigen Happy End verhalf…
Gleich in meiner ersten Saison im Ausland glücklicher Vater, stolzer Daddel-Champ und sich fremdfreuender Schwiizer Meischter zu werden, das toppt selbst irgendein Double nicht.
Dem armen Böögg hat es am letzten Montag beim Sechseläuten innert 12 Minuten und 55 Sekunden den Kopf zerdatscht was laut Zürcher Hokuspokus einen durchaus akzeptablen Sommer verspricht.
Schon des öfteren erspähte ich auf meinen Streunereien durch die Stadt Hinweise auf einen gewissen Dj René und seine Oldie-Nächte. Durch reinen Zufall wurde ich im hiesigen Faschingstreiben staunender Zeuge seiner Darbietung: deutsches Schlagergut mit Eigentoasting quasi. Nun legt der Meister in der Elisaburg, Elisabethstrasse, Zürich Cheib 4 auf.
Von Blues war auf dem bunten selbstgedruckten A4-Poster aber nicht die Rede…

Von der Bedrohung der Zürcher Lebensqualität in dieser Dramatik wusste ich bislang noch nicht. Gestern aber ertönten die Sirenen genau so
in der Stadt und im Kanton – ich dachte sofort an die Invasion von der Wega und mir gefiel der Klang sogar…
Hier gibt es noch den Hoch-Wasseralarm zu hören – und dabei gleich die Leser-Kommentare weiter unten auf der Seite durchstöbern – unbedingt lesenswert!
Die direkte Demokratie in Helvetien erlaubt zu fast allem und jedem ein völkisches Begehren. Diese werden dann gebündelt dem Volke vorgelegt. Am 8. Februar 2009 wird somit neben der überkantonalen Freizügigkeit schwarzer Raben (siehe hier) unter anderem auch ein „Stapi“ (Stadtpräsident = Bürgermeister) für Zürich gesucht. Dazu kommen Neuwahlen von Friedensrichtern, Abstimmung über eine Parknutzung sowie die Abschaffung der Pauschalsteuer für Millionarios im Kanton.
Eine augenfällige Bewerbung gibt es von der Stapi-Kunigunde:

Die spinnen, die Kandidaten.
Im (ehemaligen Kunstcenter) ka-drü, welches mich aufgrund der zunächst etwas abgerissen erscheinenden Örtlichkeit inklusive der hemdsärmelig wirkenden aber unprätentiösen Charme versprühenden Präsentation von Kunst und Barbetrieb an die befreundeten Berliner All Girls nebst angeschlossenen Club 39 erinnerte, habe ich mitsamt all meiner bislang angesammelter Schweizer Schätze die Vernisage von Susanne Hofer besucht.
Susanne ist quasi Freundin der Familie und auch sonst einfach freundlich, genau so wie ihre Kunst. Zu sehen waren Videoschleifen mit Witz und Ironie: Sonnenbadende im Rasengrün des Central-Parks projiziert auf Berglandschaften aus Kristallzucker; fingerfertige Entspannungsmassagen für die Gesichtsmuskulatur erscheinen stereo auf den weissen Schalen ausgeblasener Hühnereier; in einem weiteren Raum dann allerlei Kram aus Haus, Werkstatt und Atelier geschickt auf dem Fussboden angehäuft und arrangiert, welches von einem Sonnenaufgang/untergang-Loop von vorne derart beschienen wird, dass eine Bildmontage auf einer rückwärtigen Projektionsfläche ensteht. Das vordergründige „Gerümpel“ erscheint so kunstvoll verzerrt und vergrössert als die schattenhafte Silhouette einer Grossstadt (eine hochkant gestellte Bohrmaschine hat projiziert Ähnlichkeit mit dem Empire State Building, ein kleiner Waschpulverkarton stellt die räumliche Flucht eines Bürogebäudes dar, eine Dispersionsfarbflasche eine Art Turm mit Aussichtsplattform). In dem darüber gelegten Videoloop geht andauernd die Sonne über der Gerümpel-Stadt auf und auf der exakt gleichen Bahn auch wieder unter, immer schön von rechts unten nach links oben. Nach längerem Betrachten stellt sich ein angenehmes und beruhigend wirkendes Gefühl ein, ausgelöst durch die sich ganz gemächlich aufhellende und auf dem Höhepunkt langsam wieder dunkel werdende Szenerie. Unterhalb der städtischen Illusion, direkt im Chaos des angehäuften Krimskrams, widerspiegelt sich dann ganz ruhig ein See. Susanne gab den Namen des Sees freimütig preis: Vierwaldstättersee!
Rütli – ick hör dir trapsen… Wäre Susanne mir nicht als eine eher schalkhafte Person bekannt, würde ich an dieser Stelle ins interpretatorische Nirwana abschweifen; so aber bleibt ein fröhlich-heiteres Schmunzeln und das ist auch gut so!
Uns hat die Hofersche Inszenierung prima gefallen!
Manchen Gästen auch die mittlerweile 19 Tage junge Kunstliebhaberin Stella Marie – natürlich, mit einer solchen Puppe im Tragetuch entstehen völlig unvermeidbar durchaus nette Kontaktfunken.
Kurz vor dem familiären Marschbefehl wurden von einer netten Erscheinung noch drei, vier Zäuerli gegeben, apart begleitet von Talerschwingen, welches dann doch stark an das Murmeln gewisser Bergbewohner erinnerte.
Ma si claro: schliesslich darstellerte die Hofer unlängst als eine der Saaltöchter des fulminanten Jagdessens!
Noch immer scheint das frische Familienleben etwas irreal und geht einher mit völliger Erschöpfung und dem Gefühl als verschwände die Zeit einfach in einem schwarzen Loch. Mangelnde Routine und überängstliche Vorsicht, anfängerhafte Unsicherheit im Umgang mit den Bedürfnissen eines Neugeborenen, akuter Schlafmangel und zunehmende Dünnhäutigkeit. Aber eben auch soo schön: