Gut für Züri

Am 7. März ist wieder Wahltag — diesmal ohne besondere Reizthemen, dafür mit reizenden Kandidaten für das Zürcher Stadtparlament. Sehr plakativ ist die selbst gestrickt aussehende Kampagne der rechten Splittergruppierung Partei für Zürich. Nach der etwas textlastigen Kunigunde versucht nun Gymnastiklehrerin Susi Gut den Zürcher Wähler zu gewinnen:

Und 1 x bitte auf den Mond…

Wohnomat

In unserer Wohnanlage gibt es 364 Wohnungen und in unserem Wohnturm alleine 83 Einheiten. Nach meinen bisherigen Erfahrungen hausen wir im Turm zu Babel – das Sprachgewirr ist vielfältig und ich bin schon wegen meines für hiesige Verhältnisse etwas vorlauten Mundwerkes aufgefallen. Der Schweizer liebt es zum Einen etwas zurückhaltender, zum Anderen verstehen meine vielen Mitmigranten sehr wenig Hochdeutsch und überhaupt ist beim Aufzugfahren eher gemeinsames Schweigen angesagt.

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Wir hausen im Turm rechts, die Balkonzwerge unten links
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nämlich hier

Bei schönem Wetter sieht man ein paar Alpen über dem See, doch ich sehe auch die arg beige Nordwand neben meiner Nase – leider ist unser Turm neben dem Nachbarturm etwas nach hinten gerutscht und nun hab ich die Fassade. Zum permanenten Feierabend scheint die Sonne dann hinten raus.

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Aussicht nach Osten mit wenig Alpen
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Die furchterregende beige Wand
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Aussicht nach Westen ganz ohne Alpen

Abends ist es (noch) beeindruckend die Stadtlichter zu sehen, aber die Taktfrequenz des Zugverkehrs direkt vor dem Haus ist dann leider höher. Generell besteht hier eine eigenartige Geräuschkulisse – ruhig ist es quasi nie!

Seebahn, Tramdepot, Strassenviadukte

Einmal ist ein Raubvogel auf AugenFensterhöhe vorbeigekommen und hat mir kurz wohlwollend zugenickt. Wer weiss, vielleicht mach ich einmal den Flugschein. Die Spannung vor dem ersten Gewitter ist gross, weil der Himmel hier oben grösser und mächtiger erscheint als unten und die Horizontsicht viel weiter ist.

Im Keller des Turmes hat es eine Art Waschküche mit ungefähr 50 Maschinen. Die bedient man mit einer vorher extra aufgeladenen Chipkarte. Frech bucht der Apparat beim Start der Waschmaschine gleich drei Franken ab. Nach dem Waschen darf man eine Taste drücken und abhängig von der gewählten Waschtemperatur wird teilweise mehr als die Hälfte des Spieleinsatzes wieder auf die Karte zurückgebucht – eine etwas eigenartige Methode der Stadt als Waschcasinobetreiberin zu eventuellen Zusatzeinnahmen wegen Vergesslichkeit zu kommen.

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Eine der Waschküchen
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Waschplan
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Sexy Trockenraum

In der Aula im Eingangsbereich treffen sich gerne die Alten (viele Wohnungen sind alters- und behindertengerecht gebaut — habe schon eine rüstige neunzigjährige Gehstuhlfahrerin kennengelernt!) um alles zu bereden, was so zu bereden ist. Vor den Briefkästen ist eine steinerne Bank um den von der Schaufensterkrankheit geschädigten Beinen etwas Ruhe zu gönnen. Eine ganz bestimmte Dame hab ich bereits im Verdacht mindestens den halben Tag dort unten in der Zugluft zu verbringen.

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Briefkästen mit Sitzbank in der Aula

Mir gefällt der Eingangsraum wegen seiner halligen Akkustik – Stella freut sich sehr übers ECHOEchoecho.

Schutzgeld

Ob der Russe oder die atomare Wolke bis zum Ende der Session wartet?

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Noch immer ist in der Schweiz bei Neubauten vorgeschrieben entweder einen adäquaten Schutzraum einzuplanen oder Unterkunft in einer öffentlichen Schutzanlage zu kaufen. Von mittlerweile ca. 270 000 privaten Schutzräumen werden etliche als Weinkeller, andere sogar als Gewächshäuser missbraucht.

Stadtlandfluss

Im Rahmen des Projekts Kunstpassanten sind ich & Co. vom Treffpunkt im Zürcher Hbf aus erst kreuz und quer durch die Stadt und dann bis nach Schlieren (jwd) mitgegangen. Unser Anführer San Keller (nach dem ein ganzes Museum benannt ist) macht ganz lustige Konzeptkunst und stellte diese Führung durch die Zürcher Gemeinde unter das Motto „Egal“.

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Zahlreiche Interessierte im Sonnenschein zu Beginn in der Altstadt

Sein gesamtes Honorar von immerhin achthundert Stutz teilte Meister San unter denjenigen auf, die auf dieser 5 Stunden (Tor-)Tour durch Zürich bis raus in die Agglo im Limmattal mehrheitsfähige Sehenswürdigkeiten vorschlugen, an Ort und Stelle der Attraktion angelangt hierzu referierten und selbstverständlich bis zum Ende der Veranstaltung tapfer durchhielten. Dieser Ansatz von egalitärer Teilhabe respektive pekuniärer Umverteilung durch San Keller ist bemerkenswert und lässt subtile Kapitalismuskritik durchscheinen.

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Bei Halbzeit trübes Wetter und eine überschaubare Menge im Quartier Industrie

Aufgrund der geplanten Übernahme der Führung durch die Teilnehmer wusste selbst Moderator San Keller nicht wo die Aktion hinführt bzw. endet — ein gängiges Motiv bei vielen seiner heiteren Unternehmungen. Überhaupt sollte man bei Teilnahme an Kellerschen Aktionen besser eine mehr als hundertprozentige Fitness mitbringen, wie man dem jüngsten Stellenangebot der San Dance Company entnehmen kann:

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Unser gemeinsamer Weg der Erkenntnis führte u. a. von grossbanksubventionierter Granitkunst im öffentlichen Raum über teils menschenverachtende als auch wohnwertsteigernd gestaltete Hinterhöfe, vom noch kranlosen Limmatquai zu den von Sigmar Polke neu gestalteten Fenstern des Grossmünsters, dem Kunsthof mit einem roten Berliner Kleinbus über neckisch beflaggte Neubauten bis hin zu Ateliers am Limmatufer in Schlieren.

Der Extremsportler San Keller verteilte nicht nur sein Honorar um, sondern lud zusätzlich alle bis zum Finale Dabeigebliebenen (immerhin noch ein gutes Dutzend von anfänglich über fünfzig Lustwandlern) zu einem abschliessenden Feierabendtrunk auf seine Kosten ein!

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Zwei erschöpfte aber glückliche Teilnehmerinnen mit Anteilscheinen des geknackten Jackpots

Stella aber wollte unbedingt nach Hause und der Bus von Schlieren zurück war eine reine Wohltat für meinen wehleidigen Körper.

Restessen

Die liebenswerte Susanne Hofer hat unlängst in der Shedhalle (Rote Fabrik Zürich) wieder einmal performt:

abendmahl

Zum Abschluss der Ausstellung NAHRUNG hat die Hofer von einem reichhaltig aufgetischten kalten Buffet gekostet und dazu ein paar Flaschen Champagner knallend entkorkt und lediglich angetrunken. Die Aktion wurde mit Nahaufnahmen von einer Videokamera auf eine Leinwand gross projiziert. Nach einer guten Viertelstunde wählerischer Autogustation untermalt von mikrophonverstärkten Schmatzern nebst Befreiungsrülpsern hat sie dann fein säuberlich reinen Tisch gemacht und alles, wirklich alles polternd in eine scheppernd herbeigeholte Blechtonne abgeräumt!

Verhaltener Applaus und leichte Irritation. Die künstlerisch überzeichnete Widerspiegelung von Überproduktion und Nahrungsüberfluss auf der einen Seite der Tonne, auf der anderen Seite der Blick in die Tonne war für mich zunächst mental schwer verdaulich.

Beim Zuschauen zuvor hatte ich Appetit bekommen und mir nach dem Ende der Hoferschen Darbietung den einen oder anderen Happen aus der gut gefüllten Blechtonne gefischt. Susanne hat uns Hungernde mit „Ist wirklich alles ganz frisch und lecker!“ dazu ausdrücklich ermutigte. Ich war mir beim Probieren nicht ganz sicher, ob das aus-der-Tonne-essen inhaltlich noch zur Performance gehörte — der meist augenzwinkernden Susanne trau ich dies aber unbedingt zu.

Die feinen Happen aus der Tonne haben den provokativen Nachgeschmack der Aktion immerhin ein wenig abgemildert…