Deutschrand

Der Begriff Heimat hat Hochkonjunktur. Dabei wäre Heimat da am konkretesten, wo ich mir eine Wohnung leisten kann.

Der Begriff der Heimat hat seine Unschuld verloren, er ist nicht mehr nur eine harmlose Form der sentimentalen Selbstverortung, sondern ein Begriff der politischen Abschottung geworden. In dieser Eigenschaft wird er von den Kosmopoliten auch kritisiert, die dagegen Weltoffenheit und Toleranz halten. Allerdings ist das nicht weniger weltfremd, da Solidarität stets auf soziale Exklusivität angewiesen ist. Es gibt keine solidarische Weltgemeinschaft

Koppetsch, Hamburg, Heimat, Fraktur

Die Kosmopoliten nutzen andere Möglichkeiten der Abschottung?

Sie bewohnen die attraktiven Kieze und Innenstadtquartiere, die inzwischen so hohe Mieten und Immobilienpreise aufweisen, dass sich soziale Exklusivität wie von selbst einstellt. Zu den wirkungsvollsten kosmopolitischen Grenzanlagen gehört die kapitalistische Ausrichtung des Lebensstils. Kulturelle Offenheit wird somit kompensiert durch ein hochgradig effektives Grenzregime, das über Immobilienpreise und Mieten, über ein sozial und ethnisch hoch selektives Bildungswesen sowie über den Zugang zu exklusiven Freizeiteinrichtungen und Clubs gesteuert wird. Die Abgrenzung erfolgt nicht nach außen, denn hoch qualifizierte MigrantInnen sind hier selbstverständlich willkommen, sondern nach unten.

Für die Kosmopoliten, die Welterfahrenen, bedeutet Heimat allenfalls die Liebe zum regional produzierten Schwarzbrot?

Ja, und die Heimatsuchenden betrachten sie mit Herablassung. Aber sie haben gut reden, da sie zumeist keine Berührungspunkte mit Migranten aus dem globalen Süden aufweisen. Die Perspektive auf die Dinge ändert sich umgehend, wenn ich mit Asylsuchenden in Konkurrenz um Sozialtransfers, Wohnungen, Sexualpartner oder Jobs treten muss.

(Soziologin Cornelia Koppetsch in einem TAZ-Interview, Juli 2018)

Lagerkoller

Löcherberg, Bärbelsbach, Lottereck, Hinterspring, Kirchloch, Überskopf, Mülbensattel, Kostspring, Holdersgrund, Hirschsprung, In den Mauern, Spinnersberg, Kreuzkopf, Holzhau, Bästenbach, Im Berg, Seebächle, Freiersberg, In den Gassen, Holchen, Hirziglenzeneck, Hinterfreiersbach.

Schon auf der Anreise bergan bei heissem Sommerwetter fällt mir die Fahne von S04 vor einem kinderreichen Haus auf. Schalke im Schwarzwald? Man muss schon etwas genauer hinschauen, um sie nicht mit der farbengleichen KSC-Standarte zu verwechseln, welche im Badischen Land natürlich eindeutig in der Überzahl ist. Schön und gut und fast schon sympathisch neben regionalen, nationalen und dem beider Bundesbranchenführer mal ein anderes Vereinssymbol ins Sehfeld zu bekommen. Den grössten Jungen vorm Haus frage ich keuchend nach dem Weg und ob der noch weit sei. Am nächsten Tag inspiziere ich die Fahne dann gründlich. Unleserlich hängt sie eher schlaff am Mast. Beim Frühstück frage ich mich noch, ob es nicht eine der Hitze geschuldete Fata Morgana und vielleicht doch das nordbadische Vereinswappen sei. Der grosse Junge spielt mit seinen Geschwistern hinterm Haus, er erkennt mich und bestätigt, dass es keine optische Täuschung ist. Schal-keee – Schal-kee, Schal-keee – Schal-kee.

S04, Schalke Fahne, Schalke Fans, Schalke Schwarzwald

Im örtlichen Schwimmbad dann die erwartbar deftige Mischung: eingeborene Wilde, die an Festtischen mit stationärem Fastfood und Getränkekisten ein ausuferndes Geburtstagsfest feiern, dazwischen ordinäre Familienurlauber, dann wieder Ortsansässige, die ihre Tattoos offen zur Schau tragen, im Schatten ist ein Mann konzentriert in «Angelique und die Hoffnung» versunken.

Angelique, Freibadroman, Groschenroman

Original Amazon-Kundenrezension:

Angelique wünscht sich zur Krönung ihrer Liebe zu Joffrey erneut ein Kind und kommt im schwülen Salem mit Zwillingen nieder.
Dort ereilt sie auch die Nachricht das ihr Erzfeind Pater D’Orgeval als Märtyrer bei den Indianern gestorben ist.
Es wird ausserdem die Geschichte um Ihre Kinder weitererzählt:
Ihre beiden ältesten Söhne die in Versailles dem König dienen, der noch immer hofft das Angelique eines Tages zurückkommt.
Und ihre kleien Tochter die in einem Kloster erzogen werden soll.
Doch ber all demn hängt noch immer der Schatten ihres großen Feindes. Ist er wirklich Tod?

[sic!]

Obendrein und mittenmang eine 50-köpfige Jugendgruppe aus Dorsten — Feriencamp St. Agatha steht neongelb auf einer Betreuerjacke. Langsam kommt mir alles wie ein riesiger Ruhrgebietsschlager vor. Keine Schalke-Handtücher, nur eines von der gelbschwarzen Konkurrenz. Aber: heranwachsende Mädchen fragen sich wie das nun heisst wo Schalke mitspielt. EM? Nein, weiss ein anderes Mädchen mit Zahnspange und dekliniert: EM, WM und DM. Immerhin, wichtig ist aufm Platz.

Ponygrillabend, Grillabend

Zurück im Familienferienbiotop treffen sich die erholungssuchenden Erziehungsberechtigten nach der abendlichen Bettruhe ihrer allmählich verwildernden Brut am rustikalen Vespertisch hinterm Haus, um sich die prozenthaltige Beruhigungsmittel einzuflössen, welche für erholsamen Familienfrieden unabdinglich sind. Schliesslich ruft die fröhliche Kinderschar ab 7.30 Uhr pünktlich zum Morgenappell und will ihr Futter haben. Ein Teil jenes Futters wird dann (heimlich) für Ziegen, Ponies, Hasen und Katzen abgezweigt. Die Kleintiere geniessen offensichtlich völlig gelassen jenen Überfluss, welcher im Viertelstundentakt von immer wieder neuen Frühaufstehern durch ihre mitgebrachten Köstlichkeiten am versiegen gehindert wird. Mir schien eine der beiden Geissen trächtig zu sein, was aber die Bäuerin mit Hinweis auf die gute Kost lächelnd verneint. Die eigene Körpermitte wird derweil mit Klostergebräu gepflegt.

Bockbier, Alpirsbacher, Klosterbräu, Bier, Teufelszeug

FdGO > Gott

(…) Viele Menschen, die jetzt zu uns kommen, werden mehr lernen müssen als nur die deutsche Sprache. Wir müssen ihnen den freiheitlichen Besitzstand unseres Landes vermitteln – und zwar nicht irgendwann, sondern vom ersten Tag an. Jeder Flüchtling sollte auf dem Kopfkissen seines Betts im Notaufnahmelager einen Willkommensbrief in seiner Sprache vorfinden.

Ein klarer Willkommensbrief für alle Flüchtlinge

„Liebe fremde Frau, lieber fremder Mann, willkommen in Deutschland! Viele von Ihnen haben Schreckliches durchgestanden: Krieg, Lebensgefahr, eine gefährliche Flucht durch die halbe Welt. Das ist nun vorbei. Sie werden in Deutschland weder hungern noch dursten noch frieren noch um ihr Leben fürchten müssen, denn Deutschland ist ein reiches und friedliches Land.

Gegen die kleine Minderheit von Deutschen, die Gewalt gegen Flüchtlinge anwendet, wird dieser Staat mit aller Härte seiner Gesetze vorgehen. Dass Deutschland ist, wie es ist, verdanken wir nicht nur, aber auch Gesetzen, Regeln und Konventionen, von denen sich manche deutlich unterschieden von jenen, die Sie aus Ihrer alten Heimat kennen. In diesem Land, so hat es viele Jahre vor Angela Merkel einst ein anderer deutscher König gesagt, darf jeder auf seine Art glücklich werden.

Viele der Regeln, die bei uns gelten, sind im sogenannten Grundgesetz nachzulesen. Das Grundgesetz steht bei uns über dem Koran, der Bibel oder jedem anderen Buch, und sei es noch so heilig. Eine Übersetzung des Grundgesetzes in Ihre Sprache liegt am Heimeingang aus, gleich neben den Stapeln mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen aus dem Jahr 1948, die wir dort ebenfalls in vielen Sprachen für Sie bereitgestellt haben.

Wir können hier nicht auf alle deutschen Gesetze, europäischen Werte und allgemeinen Regeln eingehen, weshalb wir nur einige Beispiele aufzählen, die wir vor allem unsere männlichen Leser aufmerksam zu studieren bitten:

Bei uns sind Frauen und Männer gleichberechtigt. Das beginnt schon in der Schule, wo Mädchen selbstverständlich am Schwimmunterricht und an Klassenfahrten teilnehmen. Und sollten Ihre Töchter oder Schwestern später mit einem Mann zusammenleben wollen, der einer anderen Nation oder Religion angehört, dann ist das in Deutschland kein Verbrechen.

Wenn Sie, liebe Väter oder Brüder, Ihre volljährigen Töchter oder Schwestern hingegen gewaltsam daran zu hindern suchen, ihr Leben so zu leben, wie sie das wünschen, dann ist das durchaus ein Verbrechen. Dafür kann man in Deutschland ins Gefängnis kommen.

Vergessen Sie am besten alles, was Sie in Ihrem Land über „Ehre“ oder „Schande“ für die Familie gehört haben – die meisten dieser Vorstellungen gelten bei uns nämlich nicht, manche sind sogar verboten. Es ist in Deutschland übrigens auch erlaubt, dass Männer Männer oder Frauen Frauen lieben und gemeinsam eine Familie gründen. Niemand kommt deshalb ins Gefängnis.

Die meisten von Ihnen teilen solche Auffassungen vom Zusammenleben der Menschen gewiss ohnehin, denn Sie sind ja zu uns gekommen, um endlich in Frieden und Freiheit zu leben. Sollten Sie diese Ansichten jedoch ablehnen, ist es besser, wenn Sie unser Land rasch wieder verlassen – denn Deutschland kann und will keine Heimat sein für Menschen, die sich diesen Regeln nicht beugen.

Da können wir leider null Toleranz zeigen. Mit herzlichem Gruß, Ihr Deutschland.“

Formulierungsvorschlag von Michael Martens in der FAZ vom 14.9.2015 – merci Fee P.

Die Grenzen des guten Geschmacks (2)

Was diese Grenzen anbelangt,
So ist bekannt, ja anerkannt
Dass sie meistens fliessend sind
Das sagtest du, trinkend
Ich war in Gedanken fort,
Dies schien ein nahezu perfekter Ort
für derlei Plauderei zu sein
Mir fiel nichts bessres ein
Allein ich war nicht sicher:
Würden wir verweiln?

Unsre Worte werden leiser,
Sie verschwinden in der Weise
einer Zeichnung hier im Sande
Es gibt kein Leben ohne Schande!
Jetzt wo fremde Schiffe stranden
Ist erst recht nichts überstanden

Wie man vielleicht bemerken kann:
Ich schweife ab, so dann und wann
Passiert dergleichen in der letzten Zeit
Ich bin ein wenig überreizt
So geht es, wenn man keine Grenzen setzen kann
Doch was diese Grenzen anbelangt,
So ist bekannt, ja anerkannt
Dass sie meistens fliessend sind
Das sagtest du ein Sprite trinkend,
Ich war in Gedanken fort,
Dies schien ein nahezu perfekter Ort
für derlei Plauderei zu sein
Mir fiel nichts bessres ein
Allein ich war nicht sicher:
Würden wir verweiln?

Writer(s): Jan Mueller, Arne Zank, Dirk von Lowtzow
Copyright: Hanseatic Musikverlag Gmbh & Co. Kg

Strobl nervt

Seine Schwester fand ich ja ganz nett. Ihre regionale Karriere als Geräteturnerin verfolgte ich mit lokalpatriotisch angehauchtem Schülerenthusiasmus gerne. Während der Grundschulzeit war meine Klassenkameradin eine richtige kleine Berühmtheit in meiner Schule. Ihren Bruder Thomas lernte ich erst später auf dem Gymnasium kennen, nämlich in der SMV (Schüler-Mit-Vertretung), eine Art Plenum der Klassensprecher mit Beisitz eines von den Schülern gewählten Vertrauenslehrers.

Thomas war irgendwie anders, er war brav seitengescheitelt und Mitglied in einer damals irrelevanten Schülerunion. Es war die bundesrepublikanische SPD-Hoch-Zeit von Brand/Wehner/Schmidt, Annäherung durch Wandel, mehr Demokratie wagen, Kniefall und in jener von der RAF-BRD-Auseinandersetzung innenpolitisch geprägten gerade noch Prä-Grün-Ära waren ein Strauss, Dregger & Co. einfach viel zu deftig und altbacken für weltoffene und revolutionsbereite junge Grossstädter. Dass mit der Schülerunion die Konservativen ganz bewusst der langsam wegbrechenden Wählerklientel der Weltkriegsgeneration entgegenwirkten, entging mir völlig. Thomas und seine eins zwei Mithansel konnte und wollte ich damals einfach nicht ernst nehmen. Spürbar war allerdings, dass der Thomas tapfer ein Vakuum ausfüllte.

Thomas Strobl, CDU, Schwiegersohn Schäuble, Strobl Heilbronn

Thomas war also gewissermassen Exot, der sich an linken Positionen rieb und seltsam angepasst daherkam. In der Schule war er mehr schlecht als recht, er wurde gerade so versetzt und es gab unter uns Schülern Gerüchte, dass nicht alles mit rechten Dinge zugehe, er – weil politisch rechts und systemkonform – quasi einen Sonderstatus bei der Lehrerschaft inne hätte. Zwar tröpfelten die 68er selbst in meiner konservativen Schule langsam ins Lehrerkollegium, aber Ministerpräsident im Ländle war zu jener Zeit noch ein gewisser Dr. Filbinger, ein Marinerichter a. D.. Unter den Talaren war tatsächlich immer noch der Muff von tausend Jahren.

Thomas aber zog sein Ding durch: CDU-Lokalpolitiker, Gemeinderat, erst Landtags- dann Bundestagsabgeordneter, hinzu kam die Heirat einer Schäuble-Tochter. Schliesslich Baden-Württembergischer Generalsekretär, Landesvorsitzender und stellvertretender Bundesvorsitzender. Dass es mit dem Ministerpräsidentenamt entgegen meiner Befürchtung noch nicht geklappt hat, hat nicht nur mich überrascht. Thomas dachte wohl das Ding sei bereits gegessen, hatte jedoch vor der Mitgliederbefragung seiner Partei eindeutig unterperformt, weil zu arrogant, abgehoben und eben siegessicher. Er menschelte einfach nicht genug und die Landespartei zog es ganz pragmatisch vor, mit einer CDU-Version vom wertkonservativen Kretschmann die Macht in Deutsch-Südwest wieder erlangen zu wollen.

Nun erleichterte sich der Thomas süffisant in die TV-Kameras lächelnd mit einem «der Grieche hat jetzt lange genug genervt». Pauschalisierung und Vereinfachung sind ein probates Mittel der populistischen Meinungsmache. Aber auch Öl ins Feuer der Entrüstung über die wirtschaftliche Vormacht der Teutonen in Europa. Denn weil der Teutone bei den Exportweltmeisterschaften immer aufs Treppchen kommt, hat er genug Bares erwirtschaftet was nicht weiter ausgebeutet werden kann, sondern — Hase im Pfeffer — gegen Zins pekunär Bedürftigen verliehen werden muss, um weiterhin profitabel zu bleiben. Kapitalismus vs. tendenzieller Fall der Profitrate usw. etc.. Darum ist es der teutonische Streber, welcher mit seinem permanenten Zuviel nervt: umgeschuldeter Verlierer zweier Weltkriege, kauft sich für fast nix Neufünfland zurück und ist immer noch solvent. Hm.
Sicher ist es familiär belastend, wenn der Schwiegervater als Exponent der teutonischen Marktmacht nicht gerade freundlich karikiert wird, klar kann man bei dem emotionalen Stress auch mal einen raushauen. Das hat der Thomas schon immer gerne gemacht. Als Generalsekretär nahm er das Panzerlied in ein Liederbuch auf, dessen Auflage anschliessend auf Geheiss vom damaligen CDU-Landeschef Oettinger «Ein solches Lied hat in keinem Liederbuch etwas verloren…» eingestampft werden musste. Jaja, der Thomas kann auch einstecken, wie sein rechter Schmiss am linken Mundwinkel wohl beweisen soll: als Mitglied einer pflichtschlagenden Studenten-Verbindung hatte Thomas es bestimmt super lustig in Heidelberg, wahrscheinlich sogar weil ihm eine rein gehauen wurde.

Thomas Strobl, CDU, Schwiegersohn Schäuble, Strobl Heilbronn, Schmiss, Schlagende Verbindung

Ziemlich schadenfroh verfolge ich, dass sich die mit ihrer langweiligen Angepasstheit, dabei aber machtbewusst und bis in die Haarspitzen karrieregeile Boygroup von Wulff, Koch, Röttgen und vor allem Thomas Strobl zumindest bundesweit nie hat durchsetzen können. All diese seitengescheitelten Laffen gehen nicht als rechte Kronprinzen durch. Höchstens als biedere Schwiegersöhne.

Und Thomas: der Grieche wird auch weiterhin nerven. Versprochen. Ganz vielleicht schlägt er auch irgendwann zurück. Oder der Spanier. Oder der Italiener. Oder ich.

Delikat Essen LXII

Maultasche, Schwäbische Maultasche, Teigtasche, Heilbronn, Freak Folk

Völlig unklar was für ein denglisch machendes Kraut obige Banner-Werber für ihre Inspiration getestet haben, eingetütet war es bestimmt aber in das Albumcover von Devendra Banharts Freak-Folk-Schocker Cripple Crow. Ansonsten lässt sich der Styleguide nur arg schwer herleiten, welcher unbedingt auf Schwäbisch Soulfood abhebt. Wobei: vielleicht gelingt es der musterländischen Koalition vor ihrer Abwahl noch eine Freigabe landestypischer Halluzinogene in regional schützenswerte Teigtaschen umzusetzen.

Als überregionale Markenbotschafterin hätten wir übrigens ein auf Maultaschen-Affinität erfolgreich getestetes Werbemodell parat:

Maultaschenmodell, Maultasche, Schwäbische Maultasche, Teigtasche, Heilbronn, Freak Folk

Kuschelkreuz

Während der Deutschschweizer Reformator Huldrych Zwingli selbst noch die eher harmlosen Orgeln aus den Kirchen entfernen liess, standen Bildersturm und Feierlaune im Lutherland in einem viel ausgewogeneren Verhältnis. In reformierten Kirchen der Schweiz findet man bis heute kaum ein Kreuz, geschweige denn ein Kruzifix. Fast 500 Jahre nach dem Big Bang gibt es aus dem grossen Kanton nun das wattierte Symbol für den gutmenschlichen Preis von knapp 100 Euronen. Abgesehen von der pekunären Chuzpe ist rein figürlich betrachtet das Ganze eine überraschend gelungene Demaskierung der protestantischen Ethik im Geist des Kapitalismus, n´est-ce pas?

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Kunst sells.

Feindbild

Ja nein, entweder oder. Schwarzweissdenken ist fussballtypisch, quasi immanent. Darum und trotzdem auch hier der rot-weisse TV-Tipp: Mittwoch, 15. 10. 2014 um 20.15h auf ARD

Kurt Landauer, FC Bayern München, Fussball, Juden, Nachkrieg, Nachkriegsdeutschland

Dass es überhaupt zu diesem Film kommen konnte, liegt zum guten Teil an den noch unlängst durch den Verein die Fussball-AG verfemten Ultras von der Schickeria München, die seit langem beharrlich an den einstigen Präsidenten erinnern. So gibt es seit bald zehn Jahren  das  von der Schickeria alljährlich veranstaltete antirassistische Kurt-Landauer-Turnier. Eine Landauer-Fahne weht schon lange vor der erst 2013 und damit 52 Jahre verspätet erfolgten Ernennung zum Ehrenpräsidenten in der Fankurve. Jetzt wird die politisch aktive Gruppierung sogar vom grossen DFB heilig gesprochen mit dem Julius-Hirsch-Preis ausgezeichnet, und das völlig zurecht.

Zugabe:
Aufschlussreich für die FCB-Geschichte ist die bereits 2005 in Duisburg vom Journalisten und Schiedsrichter Alex Feuerherdt vorgetragene Analyse über Deutsche und Linksdeutsche Ressentiments gegen den FC Bayern München.

Mal du Suisse

Heimweh
Das Wort taucht Mitte des 16. Jahrhunderts zum ersten Mal auf. Es ist Schweizer Dialekt: Weh steht für Schmerz, aber auch für Sehnsucht. Heim bezeichnet Haus und Heimat. «Heimnoti» heisst es im Althochdeutschen, ein Wort das Theologen geprägt haben. Bis zum Frühmittelalter hat man damit das Himmelreich gemeint, das Jenseits. Erst danach ist aus dem himmlischen Heimnoti die irdische Heimat geworden. Heimweh – das ist die Sehnsucht, in der Fremde wieder daheim zu sein.

Es ist der Medizinstudent Johannes Hofer, der Heimweh erstmals als Krankheit definiert. 1688 schreibt er an der Universität Basel über Heimweh seine Dissertation. Für die medizinische Fachliteratur prägt er den Begriff Nostalgia, aus dem Griechischen Nostos für Rückkehr und Algos für Schmerz. Das Schweizerdeutsche Heimweh wird erst in der Romantik zu einem deutschen Wort.

Unter der neuartigen Krankheit leiden auffallend häufig Schweizer, die als Söldner fern der Heimat im Dienst stehen. Der Arzt Johannes Hofer vermutet, dass das ständige Denken ans Vaterland die Lebensenergie erschöpft, welche durch Nervenröhren zwischen Körper und Gehirn fliesst. Bald schon nennt man Heimweh die Schweizer Krankheit.

Bei den Schweizer Soldaten, die in Frankreich stationiert sind, beobachtet man, dass der Kuhreihen, ein bekanntes Hirtenlied, eine fatale Wirkung ausübt. Sobald das Lied erklingt, werden die Söldner vom Heimweh regelrecht übermannt und zur Desertation getrieben. Deswegen ist es in den französischen Heeren im 18. Jahrhundert bei Todesstrafe verboten, den Kuhreihen zu singen oder zu pfeifen, denn die Heimat – sie ruft.

Die Schweizer Krankheit äussert sich durch Symptome wie Schlaflosigkeit, Entkräftung, Fieber, Abzehrung und Schwermütigkeit. Wenn sie nicht rechtzeitig kuriert wird, führt sie zum Tod. 1569 dokumentiert der Schweizer General Ludwig Pfyffer in seinem Bericht über die Schlacht bei Jarnac den Tod eines Soldaten: «Es ist Hauptmann Tamans, Vorfähnrich, der Sunneberg gestorben von Heimweh.» Dass er auch verwundet gewesen ist, erwähnt Ludwig Pfyffer mit keinem Wort. Ab jetzt ist klar: an Heimweh kann man sterben.

Die Heimat lockt — das Verlangen, in die Heimat zurückzukehren kann stärker sein, als der Wille zu leben. Heimweh zerrüttet Geist und Körper. Im 18. Jahrhundert obduzieren Wissenschaftler die Heimweh-Toten. Als sie die Leichen öffnen, sehen sie Schreckliches: «Die Gehirne sind übermässig angeschwollen, vereitert und entzündet, voll schwarzen Blutes, die Lungen und Herz mit geronnenen Blut erfüllt, der Magen zusammengeschrumpft und manchmal findet man sogar das Herz gänzlich zerrissen.»

Die Heimweh-Plage unter den Schweizer Söldnern nimmt immer grössere Ausmasse an. Die Wissenschaftler der damaligen Zeit rätseln über die Gründe. Warum befällt Heimweh auffallend oft Schweizer? Es liegt an der Bergluft, konstatiert 1705 der Gelehrte Johann Jakob Scheuchzer: «Die eigentliche Ursache des Heimwehs ist die Änderung des Luftdrucks. Die Schweizer beispielsweise leben in den Bergen, in feiner leichter Luft. Ihre Speisen und Getränke bringen auch in den Körper diese feine Luft hinein. Kommen sie nun in das Flachland, so werden die feinen Hautfäserchen zusammengedrückt, das Blut wird gegen Herz und Hirn getrieben, sein Umlauf verlangsamt, und, wenn die Widerstandskraft des Menschen den Schaden nicht überwindet, Angst und Heimweh hervorgerufen. Besonders junge Leute mit feiner Haut und solche, die mit Milch genährt sind, erkranken.»

Heimweh schmerzt, macht krank, nicht nur in der Schweiz. Homesickness, la maladie du pays, Heim-weh. Heimweh kann man lindern, nicht aber heilen. Der Botaniker und Homöopath Clemens von Bönninghausen schlägt in seiner Physiognomik der homöopathischen Arzneimittel Capsicum Annuum vor, den Spanischen Pfeffer. Er soll bei Heimweh helfen, das mit Backenrötung und nächtlicher Schlaflosigkeit einhergeht. Und dennoch: gegen Heimweh ist kein Kraut gewachsen. Gegen Heimweh bewährt sich nur ein Mittel: Heim-gehen.

Heimat, das ist aber nicht nur die geliebte Landschaft, das sind auch die Menschen, die dort leben. Das Heimweh nach den Bergen und Bäumen verwebt sich mit der Sehnsucht nach Familie.

Mascha Kaléko, Heimweh, Homesickness

Mit dem gesellschaftlichen Fortschritt wandelt sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts das Heimweh-Empfinden. Das Fernsein von der Heimat verliert an Schrecken, dank der besseren Kommunikations- und Reisemöglichkeiten. Die ehemals tödliche Schweizer Krankheit ist Mitte des 20. Jahrhunderts endgültig zu einem Gefühl geworden. Ein Gefühl allerdings, das krank machen kann.

(aus: Passage, DRS 2, 2010)

Nutellafluch

Von Nutellafluch sprach man, seit die in den Werbespots mitwirkenden Fussballspieler nach Ausstrahlung der Clips auffallend häufig entweder durch Verletzung oder einen signifikanten Leistungseinbruch ihre Karrieren in der bundesdeutschen Nationalelf vorzeitig beenden mussten.

Nun aber produziert der Hasselnusscremefabrikant schon seit 2011 keine Werbevideos mehr mit kickenden Nutella-Boys. Trotzdem ist es dem Hobbyschweizer nach der nutellatypischen Verletzung von Marco Reus tatsächlich gelungen, eine an den Haaren herbeigezogene Neuköllner Brotaufstrich-Verschwörung aufzudecken.

Aber lesen Sie selbst:

Nutellafluch

Die Namensähnlichkeit von Wilhelm und Marco ist kein Zufall!