Landigeister

Die geistige Landesverteidigung ist eidgenössische Metapher für die hiesige Spezialität der Abgrenzung nach Aussen und kulturellen Konzentration auf heimatliche Werte. Diese Art wehrhafter Igelstellung wurde in den 1930er Jahren ursprünglich als antifaschistisch geprägter urchiger „Landigeist“ mystifiziert. Noch heute aber spukt jenes Überbleibsel aus heissen und kalten Kriegszeiten speziell in patriotisch gesinnten Köpfen. Beim wilfing schliesslich auf der Hauptseite der heute cybertechnisch gut ausgerüsteten ambulanten Landesverteidiger angelangt, überkam mich ein ungläubiges Staunen über die dort ausgebreitete Banalität helvetischen Gedankengutes mit ordentlich rechter Schlagseite.

Die von einem aus der Ex-DDR (!) stammenden Versicherungsvertreter in seiner angeblichen Funktion als „stellvertretender Pressesprecher“ betriebene Internetpräsenz geistige-landesverteidigung.ch bietet neben national-paranoidem Geschwurbel ausserdem diverses „infowar“-Material für den weltläufigen Verschwörungstheoretiker. Am Fuss jeder Seite steht „Unsere Webseite darf aus rechtlichen Gründen nur in der Schweiz genutzt werden.“ (Ist dem wirklich so? Kann man vom Grossen Kanton aus nicht auf die landesverteidigende Seite zugreifen?) Unter Nutzungsbedingungen befindet sich der Hinweis: „Telefonate werden mitgeschnitten. Sie erklären sich damit bei einem Anruf einverstanden.“
Das Versicherungsgeschäft scheint eine ausgewachsene Phobie zu erzeugen!

Neben kruden Podcasts – angeboten auf der Subdomain radio-freie-schweiz.ch – stellen die entgeisterten Landesverteidiger auf ihrer Internetbastion jovial Gratis-Banner zur Verfügung, welche aufrechte Eidgenossen zum Schutz vor dem inneren Schweinehund und der Verteidigung ihrer Lieblinge anhalten:

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Innerer Feind? Fast 100 Selbstmorde mit Ordonanzwaffen jährlich!

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Mit dem automatischen Sturmgewehr nationale Patina verteidigen!

Wirklich amüsant süffisant: ein gelernter Ossi stellt anständigen Schweizern den Hort von Freiheit und Demokratie zur Verteidigung anheim…

Ausschuss

Beim traditionellen Knabenschiessen spielt das bewährte Sturmgewehr der Schweizer Armee eine Hauptrolle. Halbwüchsige Knaben und schiessfertige Meitli haben beim Abfeuern der ausgewachsenen Armeewaffe mordsmässig Spass und erhalten zudem eine Gratiswurst bei diesem quasi stammestypischen Initiationsritus der Zürcher Helveten.

Einen lesenswerten historischen Hintergrund (nicht nur) des Knabenschiessens liefert hierzu die Zürcher Brauchtumsseite:
Jugendliche Schiesswut wird – gesellschaftlich akzeptiert und kanalisiert – schliesslich militärisch prima verwertbar.

Eigentlich sind die Zürcher mit ihren beliebten volkstümlichen Feiertagen ja ziemlich sparsam: neben der frühjährlichen Böögg-Einäscherung ist auch das herbstliche Knabenschiessen lediglich ein halber Feiertag. Bis Mittag wird brav gearbeitet, erst in der zweiten Hälfte des (Mon-)Tages wird gefeiert gezündelt respektive geschossen.

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Angenehm flauschig ist das Verlässliche: am Dienstag nach dem Ausschiessen wird wieder zu den üblichen Zeiten bedient…

Milizion

Für die Wehrhaftigkeit der einst tapfer reislaufenden Eidgenossen steht in geradezu fundamentaler Weise das helvetische Milizsystem, eine kriegerisch klingende Bezeichnung für die Bereitschaft des Einzelnen zum Wohle des Gemeinwesens freiwillig mitzutun. Nach landläufiger Meinung gehört zu diesem Mittun unbedingt eine ausreichende Bewaffnung, schliesslich sind Staat, Freiheit und Eigentum einer permanenten Gefahr ausgesetzt. Das hier leicht verpixelt wiedergegebene Emblem von proTell (eine „Bürgerrechtsorganisation“ à la National Rifle Association in den USA) ist ein naiv erscheinendes Symbol für die von bestimmten Kreisen geforderte Aufrechterhaltung der allgemeinen Wehrbereitschaft.

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Der für die Bildung einer Nation wünschenswerte Gründungsmythos ist im Tyrannenmord Tells geradezu märchenhaft dargestellt: äussere Gefahr und drohende Unterdrückung wird freiheitsliebend durch aktives Einschreiten bekämpft und resultiert in einem einig Bund.

Eine wesentliche Rolle spielt bei diesem militanten Thema ein weiterer helvetischer Mythos, nämlich die uneinnehmbaren Alpenfestung, das „Réduit“. Hierzulande hält sich hartnäckig die Meinung, dass die schiere Wehrhaftigkeit der quasi eingeschlossenen Eidgenossenschaft eine drohende Unterjochung durch das Dritte Reich und dessen Verbündete einst verhinderte. Allmählich erst setzt sich die Erkenntnis durch, dass die neutrale Schweiz den faschistischen Achsenmächte auch als sicheres Transitland, stabile Bank und zuverlässiger Munitionslieferant diente.

In der Schweiz ist die Heimabgabe der Schusswaffe während der Militärzeit grundsätzlich üblich. Auf Wunsch geht die Dienstwaffe nach erfolgter Ausmusterung ganz in das persönliche Eigentum über – diese Art der Volksbewaffnung ist weltweit einmalig!

Die Gegner der Heimabgabe der zahlreichen Ballermänner verweisen auf die Unfälle und Verbrechen, welche mit Dienstwaffen wie dem traditionell im Stubenschrank aufbewahrten Schweizer Sturmgewehr immer wieder vorkommen.

Mit geschätzten 2,5 Millionen Schusswaffen in ca. 3,5 Millionen privaten Haushalten wird sich die Schweizer Schiesswut noch etwas länger austoben und die vernunftbetonte Abrüstung dauern.

Pourlapatrie

Der erste August ist in der Stadt Zürich fast wie Silvester im Hochsommer. Diverse Dachparties, Grillieren im Grünen garniert mit einem spätabendlichem Feuerwerk. Es hat auch ganz tüchtig gerummst – zumindest meiner Erinnerung nach deutlich mehr als beim letzten Jahreswechsel.

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Pflichtbewusst habe ich mir die landestypische Cervelat einverleibt und mit einem Schluck Bier runtergespült. Während im Umland nach den Festreden die Höhenfeuer entfacht werden, Alphörner und Flaggenschwinger nationales Ambiente verbreiten (immerhin konnte ich im Oberland einer Probe beiwohnen), sind in Little Big City die landestypischen Folkloredarbietungen leider schon um 17 Uhr beendet. Danach halt Freinacht am Samstach mit den üblichen jugendlichen Knallkörpern und offiziösem Feuerwerk; sehr schööön, weil vom Uetliberg aus geschossen und vom Balkon gut zu betrachten.

Für meine Ersteraugustpremiere als langjähriger Hobbyschweizer habe ich mir eine ganz besondere Aufführung ausgedacht. Bereits vor einiger Zeit war mir ein am Seeufer einsam rumstehender und denkmalloser Sockel aufgefallen; der erste August schien mir geradezu prädestiniert für die Enthüllung der Entweihung…

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Fremdfreuen

Gefreut habe ich mich über die Ankündigung, dass der Mannschaftsbus des FC Zürich die Sieger vom Tessin quasi direkt vor unsere Haustüre im Kreis 4 an den Helvetiaplatz chauffieren werde. Gefreut haben sich sicher auch die zahlreichen Nachtclubs im angrenzenden Rotlichtbezirk rings um die Langstrasse. Aber gefreut haben sich auch viele andere in der Stadt, weil dem FCZ eine gewisse politisch korrekte Glaubwürdigkeit anhaftet und es seit einiger Zeit – bis hin zur linksbürgerlichen Bohème der Stadt – ziemlich schick ist dem für hiesige Verhältnisse durchaus ansehnlichen Offensivfussball des FCZ zugeneigt zu sein.

Der eigentlich schärfste und zudem innerstädtische Konkurrent mit dem viel herzigeren Vereinsnamen Grasshoppers-Club Zürich wird seit eh und je mehr von der bürgerlichen Schicht unterstützt – der FCZ hingegen gilt als angesagter Arbeiterverein. Dabei ist die dienstleistungsorientierte helvetische Metropole Zürich keineswegs eine Fussballstadt, da liegen Basel, Bern und selbst Sion in der Zuschauergunst viel weiter vorne. FCZ und Grasshoppers müssen sich zudem seit der Euro 08 mit dem Letzigrund ein nicht gerade zuschauerfreundliches und etwas zugiges Leichtathletikstadion teilen. Die auffällige Gewaltbereitschaft der Ultras bei Spielen der Zürcher Clubs untereinander oder bei Aufeinandertreffen mit dem bei beiden Fanfraktionen gleichermassen verhassten FC Basel, sorgte jüngst sogar für eine Wortmeldung vom heuchlerischen Verkehrsrowdy Blatter Sepp.

In Resteuropa wird der Hooliganismus zunehmend in die unterklassigen Ligen und damit nur scheinbar erfolgreich, aber zumindest aus den öffentlichkeitswirksamen Schlagzeilen verdrängt. Die äusserst aggressive Gewalt der Schweizer Fussballszene ist hingegen weiterhin erstklassig und prominent vertreten.

Während des Wartens auf das Eintreffen des FCZ-Cars durfte ich mit einer mir von einem freundlichen Fan dargereichte typischen Südkurvenfahne („Wo du bisch sind mir“) etwas unbeholfen hin- und herwedeln. Es war eine ziemlich kleine Fahne mit sehr kurzer Fahnenstange aus Leichtplaste, aber mir wurde schnell bewusst, dass es eine so entschärfte potentielle Waffe ja auch durch die Einlasskontrollen in die Stadien schaffen muss.

Blau und Weiss war der vorherrschende farbliche Gesamteindruck und selbst die Bierdosen passten sich dem Farbschema an: ausser eidgenössichem Feldschlösschen fielen mir vor allem die vielen türkischen Efes-Bierdosen auf, Hauptsache blauweiss!

Die sommerlichen Temperaturen lockten noch etliche Nachtschwärmer um diese späte Stunde heraus, so dass über zweitausend Menschen die Ankunft ihrer Helden freudig erwarteten. Indessen verkürzte der von einer ambulanten Diskothek auf dem benachbarten Kanzleiareal gespendete Hip-Hop nach Old School-Art hörenswert die Wartezeit.

Nachdem der FCZ-Car nach einer von bengalischem Feuer illuminierten Ehrenrunde um den Helvetiaplatz seine Fahrgäste endlich auf den Balkon des Volkshauses entliess, konnte ich mich inmitten des Dunst- und Duftcocktails von Schweiss, Bier, Tabak und reichlich Pyroschwaden prima mitfreuen. Das Ganze wurde naturgemäss kernig untermalt von von Jungmännern dominierten Sprechchören, wobei ich hier nicht wirklich alle Feinheiten heraushörte und einen gehörigen Nachhilfebedarf in Sachen Textsicherheit und -verständnis feststellen musste.

Nächtliches Fremdfreuen macht schon Laune, da fällt fast nicht weiter auf, dass es ausgerechnet der rivalisierende Grasshoppers-Club war, der erst mit seinem Sieg gegen Basel am selben Spieltag dem FCZ zum vorzeitigen Happy End verhalf…

Gleich in meiner ersten Saison im Ausland glücklicher Vater, stolzer Daddel-Champ und sich fremdfreuender Schwiizer Meischter zu werden, das toppt selbst irgendein Double nicht.

Volksdemokratur

Die direkte Demokratie in Helvetien erlaubt zu fast allem und jedem ein völkisches Begehren. Diese werden dann gebündelt dem Volke vorgelegt. Am 8. Februar 2009 wird somit neben der überkantonalen Freizügigkeit schwarzer Raben (siehe hier) unter anderem auch ein „Stapi“ (Stadtpräsident = Bürgermeister) für Zürich gesucht. Dazu kommen Neuwahlen von Friedensrichtern, Abstimmung über eine Parknutzung sowie die Abschaffung der Pauschalsteuer für Millionarios im Kanton.

Eine augenfällige Bewerbung gibt es von der Stapi-Kunigunde:

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Die spinnen, die Kandidaten.