Kinderspiel

Grössere Kinder versuchen ihre Befindlichkeit mitsamt dem ganzen Daseinsschmerz zu artikulieren und treffen bisweilen Aussagen, welche zwangsläufig die nachpupertäre Abnabelung thematisieren. Dabei entwickeln sie jene subtile Art von Kritik, welche die Eltern landläufig einfach bloss quittieren können.
Ein bereits ausgewachsenes Kind hat sich nun mit seinem Vater arrangiert und zusammen verfolgen sie den therapeutischen Ansatz der Transformation von hingerotzter Scheisse zu familiärem Humus. Weder Musikstil noch Songtexte sind mein Ding, weil ich aber Vater und Sohn kenne, hab ich mich durchgehört. Kreuzberg hurts.

Potzdamblitz

Also Zeit rast ja meist, fliegt quasi. Schnell wie ein Pfeil, manchmal leicht gekrümmt wegen dem vielen Raum durch den so eine Zeit schleunigst hindurch muss. Zeit anzuhalten ist unglaublich schwierig, also eigentlich unmöglich und macht nur sentimental. In der Kunst wird wie im Privaten gerne versucht verflossene Zeit zu verfestigen, indem man sich ein Bild von ihr macht. Pop ist seit jeher eine ganz beliebte Fallgrube für Zeitgefühl und vielleicht genau darum macht der Oursler Tony in Videos. Aktuell Pop-Musik-Videos, aber immer mit in/auf Puppen projizierte Gesichter. Das ist schön schräg und bricht die Wahrnehmung durch einfache Verfremdung nebst frischer Meta-Ebene.

In unserem heutigen Beispiel haben wir es mit einer Art drogenfreier FSK 6 Halluzination mit Stehblues-Romantik in hemdsärmeliger Werkstatt-Atmosphäre zu tun. Die Pop-Star-Puppe wirkt dabei von der Zeit stark geprägt, während die zweite dazu einfach schweigt. Nach schlichtem Abgang bleiben die Larven leer zurück.

„Time may change me, but I can´t change time.“

Aus der Exsklaven-Perspektive betrachtet sind die etwas willkürlich erscheinenden Berlin-Tupfer trotz Schwarzweiss kunterbunt. Zudem sorgt der elegische Sound mutwillig für eine altersmilde Unschärfe. Und als die Zwanzigtausend ohne Begrüssungsgeld über die „Bose Brucke“ zum Kudamm pilgerten, blieb die Zeit tatsächlich für einen Augenblick stehen. Jedenfalls für den in SO 36 recht verwirrt staunenden Hobbyschweizer.

Muschitrend

Kaum ist man mal kurz weg, schon nutzen junge Kreative den ollen Kotti als Catwalk. Da schlendert man gerade völlig entspannt durch eine harmlose süddeutsche Fussgängerzone und plötzlich erkennt das geübte Auge das nur leicht modifizierte Kreuzberger Wappen am Laternenpfahl. Im Netz erfährt man sodann, dass die dreisten Etikettenschwindler nur zehn Nummern aber keine zehn Häuser neben Urgesteinen mit Metall in einem dritten Hinterhof ihr freches Hallodri treiben.

Trainierte früher nicht die Kiez-Miliz im dortigen Dojo? Tempi passati!

Sex sells und eine Prise Street Credibility frisch vom Kotti pimpt jeden Blümchensex. Dazu noch ein wenig Guerilla-Marketing hinein bis ins württembergische Unterland — und schon ist fast alles ziemlich Muschi

Muschi Kreuzberg, Guerilla-Marketing, Muschi im Unterland

PS: Strick leider schon alle — keine heimelige Fernwärme im kalten Exil.

Happiness is a warm gun (Bang bang, shoot shoot) Happiness is a warm gun mama (Bang bang, shoot shoot) When I hold you in my arms (Oh yeah) And I feel my finger on your trigger (Ooo, oh yeah) I know nobody can do me no harm (Ooo, oh yeah) Because happiness is a warm gun mama (Bang bang, shoot shoot) Happiness is a warm gun, yes it is (Bang bang, shoot shoot) Happiness is a warm, yes it is, gun (Happiness, bang bang, shoot shoot) Well, don’t you know that happiness is a warm gun mama (Happiness is a warm gun yeah)

Delikat Essen XLIV

Schnellmerkervermarkter Migros wildert wiedermal im Windschatten:

Currywurst, Ciurrywurst Schweiz, Berliner Currywurst, Currywurst Migros, Currywurst international

Erstens spriessen die Currybuden in der Deutschschweiz schon längst wie Pilze aus dem Boden, zweitens heisst das stullenmässige Schrippe und drittens ist fraglich, ob Wurstcurry tatsächlich das Beste aus Berlin ist.

Nahe der Bestform und aus Bestberlin aber ist Die Kleine Kapelle und die spielt am 24. August in Berlin-Kreuzberg zum allerletzten Mal vor dem Weltuntergang für die Öffentlichkeit zum Tanz auf. Paninaro, oh oh oh!

Eskapismus

„Ach“, sagte die Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“ – „Du musst nur die Laufrichtung ändern“, sagte die Katze und fraß sie.

Franz Kafka, 1920

Moombahton

klingt schon als reiner Wortlaut mächtig und ist der letzte Schrei in der hippen Club-Szene. Moombahton ist runter gepitchter basslastiger House mit ner Prise Exotik. Nett, aber etwas zu viel multi-ethno Schnickschnack.

Old-School-Reggae, Dub und Dubstep bleiben aber in post-adoleszenten Plattenlegerkreisen beliebt und Räuchermann Saetchwo mischt getreu der Parole: «Don´t drink and drive, smoke and fly!» nur gute Originalzutaten.

Ein Kurztrip mit Flug 420 ist selbst für Nichtraucher interessant, die auch ganz ohne transzendentale Bordverpflegung leicht und locker abheben. Routinierten Fluglotsen wie Neumann könnte es gefallen — Donnerstags streamt der berlinernde DJ ab 22h live ins Netz. Die letzte Lektion (noch nicht online) behandelte profund das riesige Forschungsgebiet Echobeach.

One dopi said to the next one, will you be my friend,
come let me dance beneath the moon light,
dopi dopi out of time.

One dopi said to the next one,
come let we call pal old dopi man John.
Old John does drop under the sun beat drum,
he does not all the old time song.
One dopi said to the next one,
come let we call pal old man dopi John.
Old John does drop on the jahless and he does beat dopi drum.
He does not all the old time song.

Dopi Johnny wake up, believe in dread,
riddim soundsystem pumping around graveyard.
I´m skeleton skunking odd, I´m skeleton and skunking odd.
All the anchestors from every nation — be saluted.
With libation.

When he was a child, playing in the strand
where the blue rainbowfish does swim.
And the mountain man and the woman would tell you about
the circle of life and how it began.

A Miss of reality, a Legend of earth story…

(Transglobal Underground, Dopi
transcription by swisspa)

Schlanderei

Auch der Hobbyschweizer hat sich beim Studium der Yülcel-Kolumnen zum globalen Prollsport vor Lachkrämpfen den Bauch gehalten. Sowohl letztes Jahr bei den Jungs, wie auch dieses Jahr bei den Mädels waren die Leser-Reaktionen in der TAZ die perfekt abgeschmackte Zutat. Zumeist völlig humorbefreit hat sich die grünalternative Spiesserschaft mit Leserkommentaren tapfer selber blamiert und ziemlich nackig gemacht.

Die 30 Riesen sind als Schmerzensgeld völlig ok und der Wrobel Ignaz tät sich bestimmt mitfreuen:

„Dürfen darf man alles – man muß es nur können.“

Sauschwaben

Schwaben tun sich nicht nur mit dem Zungenschlag schwer. Auch in Sachen Zuneigung von Nicht-Schwaben benötigen sie dringend Nachhilfe. Ein Zeitungsausträger aus Berlin-Neukölln hat jüngst gestanden, aufgrund chronischem «Schwabenhass» Kinderwagen im Bezirk Prenzlauer Berg abgefackelt zu haben.

Porno-Hippie-Schwaben raus aus Mitte! — selbst die joviale Mittwoch-Schicht im Stimmungslokal Mysliwska versuchte mit solchen Parolen bereits um die Jahrtausendwende den angehenden Hobbyschweizer vom Barhocker zu moppen — doch, Moment mal, Feuer hin, Brand her: sind die in Schwabenhausen zuhauf abgefackelten Automobile nicht fast allesamt süddeutscher Provenienz?

Audi, BMW und Mercedes-Benz sind unser Unglück?!

Von der Eidgenossenschaft wurde seit den Schwabenkriegen ein klarer Grenzstrich gezogen und der nachbarschaftliche Streit mit den Schwaben beschränkte sich auf blosse Verbalinjurien. Seit aber die nördlichen Nachbarn auf der Suche nach Milch und Honig vermehrt den Rhein überqueren, sinkt die Reizschwelle wahrnehmbar.

Noch spielt die sich naiv gebende rechtsnationale SVP heutzutage nur mit faschistoider Propagandaästhetik. Sie würde sich kaum erlauben, das im obigen Plakat (mit grenzwertigem Humor) vom Juden zum Schwaben mutierte Feindbild zu übernehmen, obgleich derartige Personifikationen ziemlich treffend das paranoide Weltbild ihrer Anhänger beschreiben.

Die SVP ist aber bauernschlau genug, die zugewanderten Sauschwaben aller Länder für die Migrationsfolgen in der Schweiz haftbar zu machen und der eifrig geschürten Angst vor Überfremdung das Heilsversprechen einer Helvetisierung entgegenzusetzen.

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PS: Historische Hintergründe zum Thema Sauschwaben hier.
Ein eher zeitgeistliches Essay findet sich da.

Kreativwirtschaft

Urbane Kulturarbeiter erschaffen Werke. Zwischenhändler vermittelten Wertschätzung. Ateliers, Galerien und Dachgeschosse sorgen für Wohlfühlklima. Parasiten werden angelockt. Spekulation beschleunigt Umstrukturierung. Hippe Trendopfer investieren. Ein Familienidyll entsteht.

Kapitalismus funktioniert schön.