Ein Herz aus Paprika

Es war im Winter 1982, als sich die Westberliner Luft mal wieder kaum vom Odeur der die Viermächte-Insel beinahe zu fest umschlingenden DDR unterschied. Smog-Alarm bei Inversionslage war an der Tagesordnung: «Achtung, Achtung, hier spricht die Berliner Polizei. Zur Zeit herrscht Smogalarm der Warnstufe 1 — vermeiden Sie anstrengende Tätigkeiten im Freien, halten Sie die Fenster geschlossen und verzichten sie auf Autofahrten» plärrte die surreal wirkende Botschaft aus den Lautsprechern der Polizeifahrzeuge. Die Kohleheizung via Allesbrenner oder Kachelofen war quasi Standard-de-Luxe, und ob nun Union oder Rekord kremiert wurde war den bodennahen Atmosphärenschichten total schnuppe. Drehte der Wind zudem auf Südost wurde es katarrhisch. Dunkel, dunkler, Berlin. Schwarz war sowieso en vogue, und Kreuzberg ein heimlich schwarzes Loch, welches Unmengen an Energie aufsog und verbrauchte, um ab und an einen irisierend funkelnden Neutronenstrahl ins Nirwana zu senden.

Herz aus Paprika, Zweifel Chips, Paprika Chips

Im avantgardistischen Sprachlabor SO 36 an der Oranienstrasse waren Alexander von Borsig, Die Tödliche Doris und SPK angekündigt. Nice try! Alexander war ein talentierter, gerade siebzehnjähriger Krachmacher, Effektgeräte und Gitarre waren seine Werkzeuge. Mit Die Tödliche Doris hatte ich noch als Wessi durch deren Maxi „Sieben tödliche Unfälle im Haushalt“ eine Geistesverwandtschaft. Meine kleine Schwester war von jener Schallplatte tief fasziniert, auf der lakonisch vom ungemein banalen aber letalen Unglück berichtet wurde. Jene Artcombo benamte übrigens die damals stilbildende und unerhört frische Musik-Kategorie mit dem Terminus Geniale Dilettanten. Der Headliner SPK wurde als Sozialistisches Patienten Kollektiv, Surgical Penis Klinik und was auch immer in der Industrial Scene dechriffiert. Nicht ganz das Niveau von Klassenprimus Throbbing Gristle, nicht so brachial-germanisch wie die Einstürzenden Neubauten und auch kein antrainiertes Pathos à la Test Department, aber dennoch innovativ — war das noch industriell oder schon tänzelnder Echno? Und laut genossen tönten die synthetisierten Schallwellen mit einer enormen psychedelischen Wirkung dank Korg, Sampler & Co..

Down under rulez. Foetus, Swans, Severed Heads, Höhlennick, SPK.

Das Konzert selbst war fein, es steigerte sich konsequent über die beiden Vorgruppen bis zur Hauptattraktion. Alexander wurde noch mit Bierdosen beworfen, die Doris als Lokalmatador leidlich akzeptiert und das ungeduldige Warten auf SPK fast endlos. Erstmal tüchtig anheizen, wa. Bloss der irrlichternde Typ neben mir drehte mehr und mehr ab, machte einen auf Pogo und suchte permanent Körperkontakt. Der hatte eindeutig die falsche Pille intus und bei seinen immer spastischer werdenden Zuckungen riss er mir absichtlich einen Knopf vom Ledermantel ab. Zugegeben, ich war selber auch nicht ganz nüchtern, doch überwog bei mir das transzendente Schwanken zwischen Irritation und Faszination, als der SPK-Frontmann seiner einen schwarzen Body tragenden Bühnenpartnerin mit einem blutigen Hammelschädel den Oberschenkel rauf und runter fuhr. Klar war der Schädel vom türkischen Schlachter ausm Kiez. Klar hinterliess das Spuren, nicht nur auf den Netzstrümpfen. Dazu der horrende Schallpegel, die übliche stark sauerstoffreduzierte SO 36-Luft und die angestrengte aber unbedingt aufrecht zu erhaltende eigene Coolness mit ihrer hoffentlich deeskalierenden Aussenwirkung. Fremdes Blut hatte ich im OP schliesslich schon genug gesehen.

All das war weit weg, doch als das Werbeplakat für Zweifel-Chips meine Netzhaut belichtete, kam die Erinnerung. Wie ein Herz aus Paprika! Vom limbischen System längst verbucht und in gewundenen Hirnlappen zwischengelagert. Das Internet aber dokumentiert alles routiniert. Wie radebrechte Problemtänzer Wolfgang Müller damals in der Echtwelt?

«Nylonstrümpfe werden steif durch getrocknetes Blu-ut.
Das Taktgefühl geht im Krieg verloren.
Lieber gar kein Herz, als ein Herz aus Paprika!»

Prophetisch poetisch.

Elendskitsch

«How I can help raising consciousness through art?!»

Der inzwischen internationale Kunstprovinzialismus hat nun auch den Jakob Downtown Switzerland erreicht. Die lauthals verkündete Schweizer Premiere von The Space In Between von und mit Marina Abramović versucht mit einer funkelnden Mischung aus grauenhaftem Menschenmitleid und einer schon leicht abgestandenen Schamanen-Atmosphäre die Anerkennung der spirituell dürstenden Kunstszene zu erlangen. Abramovićs edler Elendskitsch spielt mit dem nichtwissenden, halbgebildeten und desorientierten westlichen Kunstinteressierten. Das vorgebliche Anliegen wird missbraucht, um Kunst (und Geld) zu machen und die Kunst wird missbraucht, um den Missbrauch zu beschönigen.

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Schöner Schein

Kritiker und Betrachter fallen gerne auf diese Scharlatanin herein. In ihrer Arbeit Konzentration und Intensität zu sehen, ist wie in Toastscheiben oder Weizenfeldern das Gesicht Marias zu entdecken. Es ist diese Naivität der Betrachter, die Abramović benutzt, um ihre Produkt-Ideen, die aussehen wie Kunst, zu verkaufen. Sie strahlt dabei eine professionelle Sicherheit aus, denn sie weiss, in der internationalen Kunstszene wird schon lange nicht mehr, wie auch in der seit 500 Jahren Offenen Kirche, intensiv und kritisch hinterfragt.

Dabei steht in jedem Kaufhaus in New York, London oder Berlin heute sowieso ein Buddha im Schaufenster…

Winterthuristik

Winterthur ist die sechstgrösste Stadt der Eidgenossenschaft und nicht bloss ein Zürcher Vorort. Im Sommer baden die Nachtgänger in den Brunnen der Innenstadt und im einzig echten Fussballstadion im ganzen Kanton gibt es sowohl eine Sirup- wie Bierkurve. Der Flohmarkt ist legendär und das Fotomuseum berühmt. 2019 werden die Faustball-Weltmeisterschaften in Winti ausgetragen. Und dann gibt es noch die jährlich stattfindenden Internationalen Kurzfilmtage.

O du goldigs Sünneli

Ab in die Sonnenstube Helvetiens, um noch vor dem Fahrplanwechsel die dann alte Gotthardstrecke mit ihren vier Tunnelkehren zu befahren. Randvoll ist der Zug, viel graues Haar, GA-Besitzer und Tagesausflügler nutzen das auf der Alpensüdseite vielversprechende Wetter. Da heisst es zunächst mit der Holzklasse Vorlieb zu nehmen; Klappsitze im Veloabteil. Zwei Seniorinnen stossen aus Platzmangel hinzu. Sie seien auf einen Kaffee in Locarno verabredet, ausser Handtaschen kein Ballast. Sie machen das oft und gerne und immer zusammen. GA rulez.

Noch im Kanton Schwyz endlich gepolsterter Platz und eine neue, sehr fidele Pensionäresgruppe gesellt sich zu mir. Schenkelklopfend werden Witze lauthals herumgereicht und selbst schlüpfriger Humor mit einem etwas senilen Nachgeschmack tritt leider viel zu offen zu Tage. Die detaillierten Kranken- und Leidensgeschichten der Partner werden ausgetauscht, als überraschend festgestellt wird, dass alle bereits verwitwet sind. Hier ein Krebs, dort eine Querschnittslähmung und da ein mehrjähriges Koma. Aber lustig haben sie es trotzdem, c´est la vie und bei der Kirche von Wassen kommt es tatsächlich zu einer leibhaftigen Parodie von Emils Humoreske: permanent wird das Handy genau im falschen Moment gezückt, um das Bild für den Fotochip festzuhalten. Dafür kommt der Mahnstein von Göschenen direkt vor dem Gotthardmassiv in den Blick:

Göschenen, Sonja Kreis, Gotthard, Gotthard 2007
Bahnhof Göschenen: ehemaliges Aufzugsgebäude für den Auto-Verlad, Text von Sonja Kreis (2007)

Natürlich wirkt der Text direkt an der alpinen Wetterscheide viel stärker als im Flachland; schon der Blick auf die Berglandschaft mit den tief hängende Wolken verursacht Gedanken an Wetter und Witterung oberhalb der Baumgrenze und wie Menschen überhaupt mit dem gewaltigen Berg eine Symbiose eingehen können.

I am the passenger, and I ride and I ride.

Kurz nach dem Gedicht die im Vergleich zur Autofahrt kurz wirkende und dabei fast genau so lange Tunnelpassage und dann liegt das Tessin sonnendurchflutet vor uns, der Ticino etwas arg seicht in seinem Bett, die Bergspitzen erscheinen erst ganz zart überzuckert und die Reisgruppe schmiedet Pläne für das anstehende Mittagessen. Lugano oder Locarno? Chiasso ist mir zu grenzwertig und Chico d´Oro zu abwegig. Lugano ist Endstation, basta. Herzlich auflachen muss ich beim Verlassen des Neigezuges, als ich Manni Matter als dessen Namenspatron entziffere — Hemmige, passt.

Die Hälfte der Herde ist bereits in Bellinzona in Richtung Laggio Maggiore ausgeschert, trotzdem wirkt es wie eine Deutschschweizer Ausflugsdemo, als wir die Station Lugano in Richtung Centro verlassen. Altstadt, Piazza und Seepromenade, dazu 20 Grad. Schön, schöner, Italia. Lecker ist es sowieso und dazu gibt es ein paar grotesk gealterte Ansichtskarten, die den Charme des Rentnerparadieses auch farblich perfekt auf den Punkt bringen und als spätsommerlicher Gruss umgehend an die Daheimgebliebenen verschickt werden.

Bansky, Lugano, Tunnel
Tapeziert und banskyhaft verfremdet: Luganeser Tunnel am Bahnhof

Retour gehts mit dem Regionalexpress, mehr Stationen, weniger Leute. Zunächst. An jedem Halt steigen mehr Menschen zu, Kurzurlauber, Familien, Feierabend habende. Bis Zürich HB ist alles gut gefüllt. Das Licht Richtung Norden ganz anders als auf dem Hinweg, nicht ganz so verheissungsvoll, dafür blauer.

Nächstes Mal dann Halt auf dem Berg mit Besuch im Herz der Schweiz.

Alfabet

Adolf Hitler, dem sein Bart
Ist von ganz besondrer Art.
Kinder, da ist etwas faul:
Ein so kleiner Bart und ein so großes Maul.

Balthasar war Bürstenbinder
Der hatte 27 Kinder
Die banden alle Bürsten.
Sie lebten nicht wie die Fürsten.

Christine hatte eine Schürze
Die war von besonderer Kürze.
Sie hing sie nach hinten, sozusagen
Als Matrosenkragen.

Die Dichter und die Denker
Holt in Deutschland der Henker.
Scheinen Mond und Sterne nicht
Ist die Kerze das einzige Licht.

Eventuell bekommst du Eis
Heißt, daß man es noch nicht weiß.
Eventuell ist überall
Besser als auf keinen Fall.

Ford hat ein Auto gebaut
Das fährt ein wenig laut.
Es ist nicht wasserdicht
Und fährt auch manchmal nicht.

Gehorsam ist ein großes Wort
Meistens heißt es noch: Sofort.
Gern haben’s die Herrn.
Der Knecht hat’s nicht so gern.

Hindenburg war ein schlechter General
Sein Krieg nahm ein böses Ende.
Die Deutschen sagten: Teufel noch mal
Den machen wir zum Präsidente.

Indien ist ein reiches Land.
Die Engländer stehlen dort allerhand.
Die Leute in Indien
Müssen sich drein findien.

Katzen sind, wenn sie geboren
Werden, meistens schon verloren.
Da man sie in Wasser hängt
Werden sie ertränkt.

Luise heulte immer gleich.
Der Gärtner grub einen kleinen Teich.
Da kamen alle Tränen hinein:
Ein Frosch schwamm drin mit kühlem Bein.

Mariechen auf der Mauer stund
Sie hatte Angst vor einem Hund.
Der Hund hatte Angst vor der Marie
Weil sie immer so laut schrie.

Neugieriges Lieschen
Fand ein Radieschen
In Tantes Klavier.
Das Radieschen gehörte ihr.

Oben im Himmel
Ist ein schwarzer Schimmel
Den zieht der liebe Gott.
Der Schimmel schreit: Hüh! Hott!

Pfingsten
Sind die Geschenke am geringsten.
Während Geburtstag, Ostern und Weihnachten
Etwas einbrachten.

Quallen im Sund
Sind kein schöner Fund.
Die roten beißen.
Aber man soll keinen Stein drauf schmeißen.
(Weil sie sonst reißen.)

Reicher Mann und armer Mann
Standen da und sahn sich an.
Und der Arme sagte bleich:
Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.

Steff sitzt lang auf dem Abort
Denn er nimmt ein Buch nach dort.
Ist das Buch dann dick
Kommt er erst am nächsten Tag zurück.

Tom hat einen Hut aus Holz.
Auf den ist er schrecklich stolz.
Er hat ein Nudelbrett aufs Klavier gelegt
Und ihn ausgesägt.

Uhren wirft man nicht in die See.
Es tut ihnen zwar nicht weh
Sie können nur nicht schwimmen
Und werden danach nicht mehr stimmen.

Veilchen stellt ein braves Kind
In ein Glas, wenn es sie find’t.
Findet sie jedoch die Kuh
Frißt sie sie und schmatzt dazu.

Wie bös man’s mit dir meint
Darfst eines nicht vergessen:
Wenn der Rettich nicht weint
Wird er auch nicht gefressen.

Xanthippe sprach zu Sokrates:
„Du bist schon wieder blau?“
Er sprach: „Bist du auch sicher des?“
Er gilt noch heut als Philosoph
Und sie als böse Frau.

Ypern in Flandern
1917
Mancher, der diesen Ort gesehn
Sah nie mehr einen andern.

Zwei Knaben stiegen auf eine Leiter
Der obere war etwas gescheiter.
Der untere war etwas dumm.
Auf einmal fiel die Leiter um.

Bertolt Brecht, 1934
Aus: Gedichte 1933-1938
In: Gesammelte Gedichte, Band 2, Frankfurt 1976

Gewissensbisse

Ein weisser T3 Minibus inkusive am Dach angebrachter Ausleger für Licht- und Tonanlage reicht völlig, um an das Gewissen zu appellieren. Das ambulantes Strassentheater von Laura Huonker und ihrer Kleincompagnie «rock the babies» verhandelt mit ihrem Rollenden Gewissen und minimer Technik beeindruckende Szenen zum Thema Was ist das Gewissen?

Rock the babies, Gewissensbus, Laura Huonker, Mona Petri

Ein auf dem Wagendach thronendes Supergewissen, das fragmentarische vorgetragene Sätze erst gar zu Ende spricht, sondern dem Publikum Platz lässt für eventuell lückenfüllende Gewissensbisse eröffnet den munteren Reigen der Gewissensfragen. Im Kleinbus zuvor aufgezeichnete Interviews mit Passanten zum Generalthema Was-Wo-Wie-Warum-Wann-Gewissen werden als Zwischenszenen projiziert. Es geht um Sexismus, Manipulation, Gewissenskonflikt. Eine Spieluhr klimpert den Lennon-Song Imagine, während auf einem Overheadprojektor Bilder gezeichnet, anschliessend mit Verdünner und Pfauenfeder modifiziert bis hin zur völligen Unkenntlichkeit immer mehr verwischt werden. Gewissensauslöschung. Dann tauchen die unbeantwortbaren Fragen der unsäglichen Gewissensprüfung bundesdeutscher Wehrdienstverweigerer wieder auf, «Was würden sie machen, wenn Wald, Russe, Freundin». Originalaussagen von Adolf Eichmann und Lance Armstrong bieten ein dokumentarisches Stelldichein, welches von den zutiefst ehrlich wirkenden Interviewschnipseln wiederum konterkariert wird. Eine systembedingte Gewissenslosigkeit wird offenbar und das Ganze mündet in dem Verweis auf die Tragödie von Antigone, die vom Gewissen getrieben Suizid begeht.

Das da capo vom rührseligen Imagine umrahmt die finale Wiederholung aller gestellten Interviewfragen, und nach dem Schlussapplaus wird verlautbart, dass dies ein weiterhin offenes Projekt sei, dass der Gewissensbus weiterziehe, weiter Fragen stelle, um unser aller Gewissen möglichst umfassend abbilden zu können.

Eine starke Vorstellung. Und Mona Petri ist einfach toll!

I hope someday you’ll join us
And the world will live as one

Nachspiel

Emanzipation — eine Abseitsfalle

Was ich an Fussball mag? Die einfache Intelligenz seiner Weisheiten.
Der Ball ist rund. Mmmmmmmhhh.
Das Spiel dauert neunzig Minuten. Uuuhhh!
Das Runde muss ins Eckige. Yeeeah!
Ööööööhhh. [Liebe LeserInnen, Sie lesen einen Gröhltext. Gröhlen Sie ruhig mit, wenn Sie «Öööööööhhhhhh» lesen.]

«Ein totes Pferd springt halt nur so hoch, wie es muss» (Oliver Kahn)

Ich weiss noch, als Frank Ribéry das erste Mal rosa Fussballschuhe trug. Mit der Anmut eines starken Mädchens wirbelte er über den Platz und verzauberte die Welt mit einem «Ja, das sind pinke Schuhe, na und?» Oder sagen wir: «Alors, quoi?»
Ich dachte damals, es war 2008, jetzt ist die Welt vielleicht bereit, für ein Mädchen, das Fussball spielt und Fussballfan ist — und dabei nicht nur an hottie Beckham denkt oder lesbisch ist. Aber Schubladendenken, Alter! Ich werde beim Fussballfachsimpeln immer noch gefragt, ob ich überhaupt die Abseitsregel verstehe.
Das tue ich: Immer, wenn ich kurz vorm Tor stehe und denke: «Jetzt!»
JETZT! Eine Flanke zu mir, und ich mach ihn rein, und dann Ööööööööööhhh!
Dann kommt der Schiri und sagt, ich sei meinem Gegner zu weit voraus gewesen.
Klar bin ich meinem Gegner zu schnell! Hast du dir den mal angesehen?
Emanzipation. Das ist die ewige Abseitsfalle.

Ich weiss noch, als ich in der Grundschule den besten Fussballspieler unserer Schule getunnelt habe. Wie stolz ich war! Und wie wütend, als er es verleugnet hat, weil ich ein Mädchen bin. Ich musste ihn erst verprügeln und ins Klo tunken, bis er zugab, dass ein Mädchen ihn getunnelt und besiegt hat.
Ich weiss noch, wie ich die Jungs damals ausgelacht habe, wenn sie mich mit einem einfachen Übersteiger ausspielen wollten. Und ich weiss noch, wie sie fast vor Schreck umgefallen sind, wenn ich — obwohl ein Mädchen — wusste, dass ein Übersteiger «Übersteiger» heisst und plötzlich mit einem «hahaa Übersteiger oder was? Da musste bei mir früher aufstehen!» — zack — an ihnen vorbei zog, mich durchdribbelte, ins Tor schoss und: Ööööhhhh!

Ich weiss noch, wie ich dann ein bisschen Respekt für mein Geschlecht erspielt hatte und wie Melanie, die mitmachte, weil das europameisterschaftsbedingt gerade «in» war, alles wieder kaputt machte, als sie sagte: «Hey! Das ist unfair. Ich hatte doch grad den Ball!», während ihr jemand regelkonform den Ball abnahm.

Ich weiss noch, wie cool ich es fand, dass bei den «Wilden Kerlen» ein Mädchen mitspielte: Vanessa — und wie dumm, dass sie zwar supergut war, aber hauptsächlich der Liebesgeschichte im Plot diente und alle anderen nichts Besseres zu tun hatten, als sich ständig in sie zu verlieben.
Ich weiss noch, wie ich nicht so gut drin war, zu danteln (so heisst das in Bayern, wenn man den Ball mit dem Fuss balanciert) und ich habe so manchen Ball verspielt, weil ich mir überlegte, mit welcher meiner Brüste ich ihn jetzt annehmen soll.

Ich weiss noch, wie schwierig es war, sich mit Mädchen während der WM über Fussball zu unterhalten, weil die das nur alle vier Jahre machen und nicht das richtige Vokabular hatten und es am Ende doch um die Frisur von Gomez, die Glubschaugen von Özil und die H&M-Werbung von Beckham ging.
Ich weiss noch, dass das dunkelste Kapitel meines Leben wohl das war, in dem ich mich von meinen Freundinnen anstecken liess und auf Cristiano Ronaldo stand. Ich weiss noch, dass ich mir ab und zu mal erträumte, Profifussballerin zu werden. Ich weiss noch, wie eine Freundin mir erzählte, sie würde viel lieber Spielerfrau werden. Ouuuuuuuuuh!
Ich weiss noch, wie Sepp Blatter, das Arschloch, mal sagte, Frauen sollten femininere Höschen tragen, um den Frauenfussball attraktiver zu machen.

Doch ich habe mich auf allen Plätzen tapfer geschlagen.
Alles, was ich wollte, war, nicht wie diese Mädchen auszusehen, denen der Ball auf Parkwiesen — während sie sich gerade über die neue Ausgabe der «Vogue» austauschen — immer auf den Kopf fliegt, weswegen sie dann rot werden und sich schämen. Die dann immer noch röter werden, weil sie den Ball zurück schiessen sollen und sich nicht trauen. Und dann letztlich den Ball mit dem Knie in die entgegengesetzte Richtung befördern, dabei ausrutschen und noch röter werden.
«I feel you, girl», denke ich mir dann immer, weil mir das natürlich auch schon passiert ist und ich weiss, es liegt nicht an der Periode, den Brüsten, den Genen, sondern einzig allein am Druck, im richtigen Moment so zu glänzen wie die Frise von Granit Xhaka.
Es ist superschwierig, sich als Frau auf dem Platz zu behaupten.
Pokalfieber, Schweizer Meister PokalEs ist superschwierig, sich als Frau mit Jungs ein EM-Finale anzusehen. Jeder Kommentar könnte dümmlich und unqualifiziert wirken und dann auf das Geschlecht zurückgeführt werden. Und es ist noch viel schwieriger, sich ein EM-Finale mit Jungs und ihren Freundinnen anzusehen, weil die oft eine Allianz der offenen Dummheit mir dir schliessen wollen und laut so Sachen sagen wie «iiih, wieso wird der da jetzt eingewechselt, der andere war viel hübscher».
Aber ich habe mir geschworen: Das nächste Mal, wenn deine Freundin wieder jegliche Kredibilität für unser Geschlecht aus dem Raum nimmt, dann werde ich aufstehen. Ich werde kämpfen — gegen den Abstieg. Ich werde sagen:
«Ich weiss, dass ihr alle glaubt, dass ich nicht weiss, was da gerade abgeht! Ich weiss, dass ihr glaubt, ich hoffe nur auf ein Tor, damit sich einer von den Spielern auszieht. Ich weiss, dass ihr nicht mit mir über Fussball reden möchtet — nicht einmal darüber, was Jogi Löw während des Spiels gegen die Ukraine mit der Hand in seiner Hose gemacht hat, und ob das ok ist oder nicht… Aber ich sag euch eins: Wenn unser Team ein Tor schiesst… Dann habe ich die gleichen Tränen in den Augen, ich spüre die gleiche Erleichterung, die gleiche Gänsehaut auf meinen Armen und jah — auch auf meinen Brüsten!»
Ich werde kämpfen. Für die weibliche Reputation im Fussball! Dafür, dass blonde, gutaussehende Frauen wie ich sich in eine Kneipe setzen können und mitgröhlen können, öööööööhhh, ohne dabei strafend, mit dem «Bewahre-dein-Gender!»-Blick angesehen zu werden.
Und ich werde gut dabei aussehen. Wie ein Einhorn. Wie ein Ribéry, der als erster Fussballprofi der Geschichte pinke Fussballschuhe auf dem Platz trug.
Vielleicht werde ich auch nicht gut aussehen. Wie eines der Rot-werd-Mädchen im Park und weniger wie ein Einhorn. Mehr wie ein totes Pferd. Aber ich werde nicht aufgeben. Denn wie Oliver Kahn einst sagte: Ein totes Pferd springt nur so hoch wie es muss!

© Fatima Moumouni *1992, weder blond noch blöd

Sound and Vision

Elisaburg, Elisabethenstrasse, Elisaburg Zürich

Aus der berüchtigten Zürcher Eckkneipe Elisaburg wurde nach dem Blues zunächst eine im Resto-Underground geschwängerte Speiselotterie mit Swissness-Finish (Bündner Yak) und im Juli isses — Überraschung — temporäres Livestudio des engagierten Webradios gegendenstrom. Musik ist immer und meist zuviel, aber dieses Sommerspezial ist schon speziell und per Livecam kann man die hippen Zürcher Ausgänger amtlich in Echtzeit abhängen sehen. Programm hier, Live-Stream dort.

Elisaburg, On air, GDS, Webradio Zürich

Schüsseldienst

Stage of Meditation, Manifesta 2016, Qiu Anxiong

Stage of Meditation nennt sich eine Holzkonstruktion, die als begehbare offene Halbkugel dem Rezeptienten eine neue Wahrnehmung der Realität im öffentlichen Raum ermöglichen soll. Kunst?
Jedenfalls als Sidekick im Halbschatten der Zürcher Manifesta 11 halbwegs charmant kuratiert und in Kunstvermittlerdeutsch medial einwandfrei kommuniziert. Ein Werk, welches vom Künstler skizziert, aber nicht gefertigt wurde. Handwerklich solide Schreinerarbeit schuf die satte zwei Tonnen schwere Schüssel, die nun vor der Kirche St. Jakob temporär Zuflucht vor dem infernalischen Draussen als auch Spielfläche für Selbstdarsteller, Kinder und Hunde bietet.

Stage of Meditation, Manifesta 2016, Qiu Anxiong

Ein dreister Blickfang am hoch frequentierten Stauffacher ist die einnehmende Skulptur allemal. Und als katalytische Reibungsfläche ist die Kirche ohnehin prädestiniert…

European Contest

Bilder sind fordernd, oft manipulativ und verwirren meist die Sinne.

Ich merk es genau, doch kann es kaum glauben —
wir werden verwundet durch das was wir sehen.

(Tocotronic 2002)

Der offensichtliche Subtext der Flüchtlingsproblematik ist längst im schockierenden Foto jenes erschöpften Menschen hinterlegt, welcher den Strand der Kanarischen Inseln erklimmt, während im Hintergrund in dezenter Unschärfe Touristen urlauben. Diese schön entlarvende Momentaufnahme datiert bereits von Mai 2006!

Refugees welcome

Verblüfft und hingerissen war ich nun durch eine Performance im ersten Halbfinal vom ESC 2016, als eine engagiert auftretende schwedische Tanz-Companie dem aktuellen Flüchtlingselend einen unerwartet gelungenen zeitgenössischen Ausdruck verlieh und überdies einen berührenden emotionalen Abgang hinlegte:

Die zutiefst menschelnde Komponente dieser Präsentation ist im ESC-Kontext reichweitenbedingt einfach grandios. Angebracht wäre daher eine Wiederholung dieser Über-Ästhetisierung von Elend, Krieg, Vertreibung und Ankommen im Grand Final vom ESC, einer bisweilen doch arg fragwürdigen Veranstaltung in der medial grell durchchoreographierten Wohlfühloase Europa.

Sammelwut

hopfenblume

Panini nervt bekanntlich und die zweite Auflage eines zopfigen Schwingeralbums muss heuer trotz eidgenössischem Ritual auch nicht sein, aber da gibt es ja das engagierte Tschuttiheftli.
Ein eventueller Gewinn vom Bildchen-Verkauf wird Terre des Hommes gespendet und neben den teilweise hübsch verfremdeten Spielersujets sind zusätzlich lustige Einweg-Tattoos eingetütet! Da läuft die Hopfenblüte für die Tschechen, ein Einhorn für Island und Manneken Pis für Belgien auf.
Allein in Berlin/D fehlt bislang anscheinend noch eine Sammel-Dependance…

norwood1robsonkanu1

Cancer [Pop]

Quand c’est / Stromae

Aber ja, wir kennen uns gut
Wolltest sogar meine Mutter kriegen
Beginnend mit ihren Brüsten
Und meines Vaters Lungen
Erinnerst du dich an sie?

Krebs, Krebs, sag mir wann?
Krebs, Krebs, wer ist der Nächste?

Machst´ Jagd auf kleine Kinder
Wirklich, nichts kann dich stoppen
Hör auf unschuldig zu spielen
Auf Zigarettenpackungen
«Rauchen ist tödlich»
Was ein Wunder!
Aber hilfst du mir?

Krebs, Krebs, sag mir wann?
Krebs, Krebs, wer ist der Nächste?

Wann, wann
Stoppst du deinen Fortschritt?
Wann, wann
Machst du eine Pause?
Wann, wann
Wann denkst du darüber nach?
Wann, wann
Es wäre für uns wie Urlaub

Krebs, Krebs, sag mir wann?
Krebs, Krebs, wer ist der Nächste?

Wer ist der Nächste?
Wer ist der Nächste?
Wer ist, wer ist, wer ist der Nächste?

Artigsein

Derweil das irdische Artensterben bisher meist mit gravierenden geologischen oder kosmischen Einflüssen in Zusammenhang stand, scheint neuerdings die Menschheit hierfür ursächlich zu sein. Die Folgen einer Reduktion von Biodiversität sind zwar noch nicht in Gänze überschaubar, immer deutlicher aber wird, dass für die stetige Bedrohung von Lebensräumen, Verdrängung, Übernutzung, Verschmutzung, Klimaänderung — alles Symptome gewaltiger Umweltzerstörung — vor allem der Mensch zuständig ist. Massloses Wachstum und Profitgier sind die gängigen Parameter, welche den dramatischen Verschleiss der Natur beschleunigen. Der Widerspruch von Kapitalismus und Paradies ist unauflösbar.

Der Grossteil des Lebens unseres Planeten tummelt sich unter Wasser, noch. Rekreativ investierte Flugmeilen zum Tauchgang sind kontraproduktiver Schnickschnack. Und nun ab zur Werbung:

Nach Geschmack

Die Salzburger Stier Preisträgerin 2016 Uta Köbernick singt und spielt im Bundeshaus zu Wiedikon am 6. März um 20.30 Uhr.

Als kleines Geschmacksmuster hier ihr «Lied zum Tag» aus PET:

Schafscheid

Vom provokativen Hakenkreuz

DSI nein Hakenkreiz, Swastika Swiss, Swastika Switzerland, Durchsetzungsinitiative 2016, Nein-Kampagne 2016, DSI 2016

bis zur naiven Schafsjagd:

Die Kontrahenten der SVP sind diesmal bemerkenswert breit aufgestellt und überraschend engagiert — da ist im Gegensatz zu vorherigen Abstimmungen keinerlei helvetische Lethargie mehr zu spüren. Der Richtungsentscheid bleibt spannend bis zum Schluss und ist wie selten hart umkämpft. Die bloss passive Zuschauerrolle wird zunehmend unangenehm und lästig. Nicht wahlberechtigte Secondos, Arbeitsmigranten und sonstige Ausländer versuchen verstärkt Einfluss auf die Stimmabgabe ihrer Gastgeber, Nachbarn und Arbeitskollegen zu nehmen, indem sie beispielsweise mit ihren Aufenthaltstiteln öffentlich auf sozialen Medien posieren.

Migrant Swiss, Foreigner Switzerland, Durchsetzungsinitiative 2016, Nein-Kampagne 2016, DSI 2016
Einzelfallschicksale bringen halt immer einiges an Farbe ins Spiel.