Delicat Essen XCIII

My dear friend, former colleague, once but still fan-of, one-time lover and such, the both undisputed and unconquered Super-8-Queen of todays known universe, the one and only Dagie B is just spending her time at a tiny house in a sort of art quarantine in the South of Sweden. As a guest of the Goethe-Institut she is transforming the sea to see, merging light and shadow into vision to present her very imagination of our wobbling and yet so curious planet. No doubt agitated by the ongoing outbreak of the sad disease her personal impressions will certainly highlight some dagiesque insights of nature in development.

from tram by chance © dagie 2020

Happily she will research for an antidote to the current crisis with her best and strongest ingredients: beautiful pictures and well handcrafted artistic movies. Me is really looking forward to enjoy her funky Baltic work and it remains a whishful thinking that D. Longstocking will return save with a pocketful of gems plus some glitter of hope – heja!

 

La maladie

Der bedeutenste französischsprachige Romancier der Schweiz ist Charles-Ferdinand Ramuz (1878-1947) aus Lausanne, was sich neuerdings auch auf der 200-Franken-Note bemerkbar macht. Mit einer sprachlich der rauen und schroffen Bergwelt samt den dort lebenden Menschen ebenbürtig angepassten Erzählweise von «Die grosse Angst in den Bergen» mit seinen vielen kleinen, aber feinen Wiederholungen, mit durch blosse Wortumstellungen teils nuancierender, dann wieder verstärkender Bedeutung von Sätzen, mit zeitlupenhafter Betrachtung und rasanten Tempiwechseln gelingt es Ramuz ein zutiefst treffendes Bild einer kleinen Berggemeinde im Wallis zu zeichnen, wo die Moderne gegen das Traditionelle, Jung gegen Alt und Reichtum gegen Armut antritt bis am Ende schliesslich die Natur kathartisch siegt. Maul- und Klauenseuche, Selbst- und Lynchjustiz, borderlinende Menschen und ein berstender Gletscher mit folgender Gesteinslawine sorgen wieder für Ruhe in den Bergen. Ein zutiefst beeindruckender Roman, der exemplarisch einen Teil der Schweiz zwischen den beiden grossen Weltkriegen gelungen abbildet.

Herausgeberin Beatrice von Matt erläutert im Anhang:

La grande peur dans la montagne (1926)

Sozialkredit

Im Umbruchjahr 1989 wurde nicht nur das erstarrt scheinende Blockgefüge zwischen Ost und West zerstört, auch die insulare Unschuld der helvetischen Konförderation ging zu Bruch. Der Rücktritt von Bundesrätin Kopp, relativ knapper Entscheid für die Beibehaltung der Schweizer Armee (65 zu 35 an der Urne) und die Enttarnung der elitären Kaderorganisation P-26 im Zuge des Fichen-Skandals. Mit verblüffend Stasi-ähnlichen Methoden und ebenso übereifrigem Archivierungswahn wurden bei 6,78 Mio Einwohnern bis zu 900.000 Akten angelegt. Via Konsultation der Bestände wurden somit quasi Berufsverbote verhängt und für den Ernstfall Szenarien zur Masseninhaftierung politisch unliebsamer Eidgenossen zwar unter Verschluss, doch detailliert parat gehalten. «Moskau einfach!» war das Äquivalent zum bundesdeutschen «Geh doch rüber!» und ist nun Titel einer filmischen Komödie, welche die problematische Thematik entlang einer Lovestory inklusive Saulus-Paulus-Genese verhandelt.

Eindrücklich der Auftritt der Protagonistin im Zunftsaal vor Militärs, wo nach einem alten Soldatenlied den zunächst schenkelklopfenden Militärs dann doch der Atem stockt, als deutlich ausgesprochen wird was in den Betonköpfen der Kalten Kriegern wirklich steckte. Aus heutiger Sicht urkomisch und surreal, doch in Zeiten von staatlich sanktioniertem Sozialkredit nebst Erziehungsanstalten mit Brisanz.

Choral fantastique

F. W. Murnaus «Sonnenaufgang – Lied von zwei Menschen» ist ein melodramatischer Stummfilm und der allererste, den der begabte Regisseur in den USA drehte. Den seinerzeit vorherrschenden expressiven Ausdruck verstärkt Murnau meisterhaft durch raffinierte Schnittfolgen und Doppelbelichtungen. Die Geschichte eines Paares, dessen Ehe durch äussere Einflüsse und innere Spannungen auf tragische Art strapaziert wird, sich glücklich wiedervereinigt, nur um durch ein schicksalhaftes Unglück beinahe für immer auseinandergerissen zu werden, wurde durch das wirklich grossartige Orgelspiel des Überfliegers* Baptiste-Florian Marle-Ouvrard aus Paris anlässlich der Zürcher Orgeltage prächtig in Szene gesetzt.

Gut, Murnaus Bildsprache ist dramatisch genug, um die Erzählung und Spannung des Zuschauers geschickt zu forcieren, doch die quasi musikalische Untertitelung macht die Sache richtiggehend körperlich spür- und erfahrbar wenn das Forte von tiefen tremoloartigen Basspfeifen unterstützt wird. In verblüffender Ähnlichkeit mit Prof. Seifen aus Berlin scheinen die improvisierten Töne direkt aus dem jungen Organisten in die vielmanualige Klaviatur zu fliessen und ganz sanft und elegant wird man mitgenommen in eine Zeit, in der die Kinoorgel noch unverzichtbar war. Live war halt schon immer besser.

*Monsieur Marle-Ouvrard ist Hobbypilot

A Means to an End

When the shame was on the other side I still remember Jimi

Once a friend, he became a closed one, then an enemy, and – of course – finally a very stranger.

Mausefalle (S), Camelohnerauch im Bassreflex der Revox-Box zu Blue Monday et vica versa. Bowie-Poster. Speed Fire. Alain Vega. TG Cassette-Box. Tuxedo Moon. Five-Knuckle-Shuffle. Nice & Mean. Joy Division & New Order. Unknown Pleasures & Closer. Some Bizarre. Sue Yates. Sogar Shostakovich. Even Einbauten. IBK sowieso. Und Dub Culture en masse. Kokain. Heroin. All between. Punk. Dead. Future.

A legacy so far removed
One day will be improved
Eternal rights we left behind
We were the better kind
Two the same, set free too
I always looked to you
I always looked to you
I always looked to you
We fought for good, stood side by side
Our friendship never died
On stranger waves, the lows and highs
Our vision touched the sky
Immortalists with points to prove
I put my trust in you
I put my trust in you
I put my trust in you
 
A house somewhere on foreign soil
Where ageing lovers call
Is this your goal, your final needs?
Where dogs and vultures eat
Committed still, I turn to go
I put my trust in you
I put my trust in you
I put my trust in you
I put my trust in you
In you, in you, in you
Put my trust in you
In you.

Flickgut

Die reichlich avantgardistische Collage von Sebastian Hofmann (Zürich/Berlin), aufgeführt von einem kleinen Orchester (Keyboard, Perkussion/Gitarre, Querflöte und Posaune) sowie auf Rollstühle angewiesenen Paraplegikern nennt sich Flickgut. Es geht ums Flicken im weitesten Sinn, seelisch wie körperlich, die Gottfrage wird gestellt («Ist es nicht besser mit Hoffnung zu sterben als mit Angst?») und selbst etwas derber Humor der Querschnittsgelähmten kommt nicht zu kurz («Ich muss jetzt los mein Velo flicken»). Der unstete Rhythmus kommt verstärkt von Fingerpulsmessern, an den wendigen Rollstühlen

sind Megaphone installiert, welche drahtlos angesteuert einen prima Raumklang generieren. Schon beim Eingang muss ich schmunzeln, weil aus der Flüstertüte der sauerstoffbeatmeten Darstellerin «Oh Tannenbaum!» zwar blechern, aber fröhlich entweicht. Zur Begrüssung haben die Rollis nämlich eine Art Spalier gebildet, Kaltduschen quasi gleich im Entrée. Im Kunstraum Walcheturm wird die längste Nacht performativ begangen und, long time no see, Kunstvolk ist schon sehr schick mit ihrer betont habituellen Autoreferenzialität. Meinem ignoranten Selbst aber immer schwer vermittelbar, mit welchem Ernst arty-farty-Sachen zur Schau gestellt werden. Marktwirtschaft anybody?

Zombies

In der düsteren Jahreszeit trifft man sie – Zombies, Vampyre, Chimären. Meist als unscheinbare Gartenzwerge getarnt stehen sie parat, die gemeine Seele zu schinden. Wenn die Arglosigkeit just völlig schuldlos vor sich hin simmert, ist die Chance gekommen, um dank übler Reime mit schlechtem Versmass gar fürchterlich zu schrecken.

Cybercompost

Alexander Giesche, vormals Münchner, jetzt Zürcher Kunstschaffender inszenierte einen mit Trockeneisnebel gefüllten farbig-bunten Kubus, in dem das einfallende Sonnenlicht zig Farbnuancen erzeugt, welche im Nebel in weitere Farbtöne reflektieren, zerfallen und ersticken. Eine immersive analoge Scheinwelt, deren Ein- wie Ausdruck durch dreisprachige Audio-Collagen noch etwas befeuert wird. Als Annäherung an die neue Intendanz und Spielzeit des Schauspielhauses Zürich durchläuft die DAS INTERNET titulierte Installation vier Etappen quer durch die Stadt, um schliesslich am Schiffbau festzumachen. Vorm Jakob traf dann der schauspielernde Kompostmann zufällig (?) den obdachlosen Blumenmann, verhandelte Kompostwerdung generell und propagierte zwischenmenschlichen Kompostaustausch. Zum Finale gab es live eingeschweisste Kompost-Starterpacks to go. Mir ging Internet und Kompost nicht ganz so zusammen, auch die vom Darsteller rezitierte profane Farbgleichung alle Farben gemischt ergibt Braun erschloss sich mir zumindest kontextuell nicht wirklich. Ist das Internet jetzt bloss braune Kacke?

Kosmonauten

Fetisch Kosmos

«Der Weg zu den Sternen» von 1957 ist ein schöner russischer Science Fiction Film von Pawel W. Kluschanzew, welcher zwar etwas langatmig beginnt, sich anschliessend aber rasch durch die Schwerelosigkeit bis zum Mond arbeitet. Anschaulich wird die rasante Entwicklung der Raketentechnik in der UdSSR bis zum Sputnik beschrieben und umwerfend phantasievoll, jedoch immer wissenschaftlich bleibend der kosmische Faden sehenswert weitergesponnen. Heute ulkig wirkende Trickaufnahmen, tolle Outfits und schicke Story. Unbedingt anschauen!

Meet Shalva

ESC am Schabbes in Israel — da kräuseln bereits im Vorfeld die Empörungswellen und Frontrunner (West-) Jerusalem wurde auf der Zielgeraden durch das hedonistische Tel Aviv ersetzt. Die Kirmes in Sachen weitgehend talentfreier Zurschaustellung hat heuer noch ein weiteres Opfer gefunden. Aus religiösen Gründen trat die Hausband eines israelischen Behindertenwerks nicht im nationalen Finale an, obwohl es bereits dort beste Siegchancen besass. Die Botschaft ist orthodox, selbst Sabbat-taugliche Mikrophone wurden erörtert, aber die ganze Chose vom Rabbinat letztlich nicht gut geheissen. Die federführende Eurovision bestand auf dem Sonnabend als Tag des Grand Final, fertig. Der Sieg beim ESC wäre nach den ganzen barttragenden Queers und der wiederkäuenden Regenbogenkfolklore einer sichtlich eingeschränkten Combo mit seichtem aber massentauglichem Liedgut nur schwer zu nehmen gewesen, Mitleidsbonus eingerechnet. Jetzt bleiben die australische Diva mit windverwehten überlangen Kleiderfetzen im Dementorenlook auf beweglicher Fiberglasstange, die verwirrend verwegenen Isländer und natürlich der Gewinner aus Aserbaidschan, falls der hüftsteife Kühlschrank mit dem von Roboterlasern holografierten Kunstherz in den gerade noch erträglichen drei Minuten etwas ansehnlicher performt. Allemagne moins de douze points en totale, CH wird locker das dreifache einsacken. Malus < Bonus. France sans chance, bleibt mein ewiger Favorit Srbija. Und hoffentlich sahnt nicht eines dieser unsäglich schmachtenden Duos oder Trios ab, doch beim ESC hat noch immer die momentane Geschmacksverwirrung gewonnen. ESC ist egal.

 

https://www.jweekly.com/2019/03/13/why-this-israeli-band-of-disabled-musicians-said-no-to-eurovision/